Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 15 (14.12.1906)
- Date
- 1906-12-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 15 Neue Zeitung meinschast, welche man von innerster Seele liebt, sieht, und wenn dieser Mßstand mit Personen zusammenhängt, die vielleicht nicht ganz an ihm schuldig sind und welche man so gern verehren möchte, die aber doch diese widrige Kalamität repräsentieren. Da mischt sich Haß und Liebe durcheinander, aufbrausender Zorn und feste Zurückhaltung wechseln ab und wie weit man sich mit einem Worte nach der einen Seite vergangen, mehr noch möchte man mit dem zweiten gut machen. Und diese Vorsicht ist umso mehr geboten, wenn Beschuldigungen gegen einen ganzen Stand erhoben werden, wo ja immer trotz des geschlossenen Ganzen, den ein solcher daifftellt, die Verschiedenheit der Einzelnen so groß ist und man also Unschuldige mit Schuldigen treffen muß; schon gar nicht von den berühmten Ausnahmen zu sprechen, die erst die Regel bestätigen sollen. Doppelte Vorsicht erheischt es aber hier, wo man sich leicht den Vorwurf der Ehrfurchtsverletzung und Herabwürdigung eines Standes zuziehen kann, dessen Geltung und Wirkung ausschließlich auf seinem Prestige beruht. Wer es muß doch gesagt werden, was gesagt werden soll, oder besser, es soll gesagt sein, was gesagt werden muß! Gesagt muß also werden, daß Ihr, meine Herren Rabbiner, jeden Kontakt mit dem realen Leben des Volkes als Ganzen verloren habt. Ich sage verloren; denn, daß Eure Vorgänger in früheren Zeiten diesen Kontakt gehabt haben, wiffet ihr wohl. Gerade jetzt aber zeigt es sich immer krasser, wie weit Ihr Euch vom Volke entfernt habet; jetzt da durch die ganze Judenheit, nicht nur unter den Nationalen verschiedenen Kalibers, ein neuer Geist sich regt, ein Zug der Austauung und des Lebens — ihr aber bleibet kalt und starr. Und wenn mir einer sagt, daß Ihr Priester seid, Diener Gottes, deren Pflicht es eben ist, über dem Trubel des Lebens zu bleiben, auf daß die Strömungen der Zeit an Euch nicht heranreichen, so sage ich, daß dies eine der größten, unheilvollsten Lügen der Assimilation war. Jene, die im Taumel papierner Gleichheit der falschen Verbrüderung alles, sich selbst, ihr Volkstum, zum Opfer bringen zu müssen glaubten, haben, wieso vieles andere, auch diesen Begriff der Priesterschast wahllos, kopflos von den angebeteten „Anderen" herübergenommen, ohne zu sehen, daß er dem Wesen und der Tradition unseres Volkes widerspricht. Nein, Ihr seid keine Priester! Die jüdische Religion, in deren Namen Ihr von Euch die Fluten des Volkslebens hoheitsvoll abweiset, erkennt Euch als Priester nicht an! Jener Begriff der Priesterschast, wie er sich bei anderen Völkern in der Urzeit chrer religiösen Vorstellungen entwickelt hat und im Wesen wenigstens auch weiter geblieben fft, beruht erstens auf der Annahme, daß die Priester, sei es durch Verwandschaft oder durch Wahl seitens der Gottheit, dieser näher stehen, als die Profanen, allein also der Gottheit verausgabt wurden; konstatiert, daß außer dem unantastbaren Vereinsfond in ihrer Kaffa sich dermalen blos 30 Kronen befinden und fragt: „Was sollen wir mit diesem kleinen Betrage bis auf weiteres beginnen?" Die Präsidentin sagt allerdings: Gott wird helfen! Sie will auch den Optimismus dieser edlen Dame nicht zerstören. „Möge diese Zuversicht nicht eine Fata morgana Und zum Schlüsse noch ein Bild: Von des Tages Mühen und Sorgen erschöpft, kehrt abends ein Vater zu seiner Familie heim. Er hat tagsüber trotz aller Bemühung nichts verdient. In der ärmlichen Behausung ist es kalt und düster. Gattin und Kinder eilen dem Vater entgegen und merken bald seine üble Laune. Die vergrämte, vou Mühe, Kummer und Sorge frühzeitig gealterte Frau sucht chren Lebensgefährten aufzumuntern: Weißt du, daß heute Chanuka ist, ich habe Lichtlein vorbereitet. Gut, werden wir halt Chanukalichter bentschen. Er tritt an das Fenster, Frau und Kinder bilden einen Kreis um ihn, er entzündet die kleinen Lichtlein. Die Kinder blicken fragend zum Vater auf, er vermag aber nicht ein Wort hervorzübringen, es schnürt chm die Kehle zusammen. Eine Weile herrscht unheimliche Sülle, man hört das Knistern der Chanukakerzlein. Die Mutter sagt: Kommt Kinder, ich werde euch Nachtmahl geben. — Nathan Chameides. Willen kennen lernen und so die Vermittler zwischen Gott und den anderen Menschen sind; zweitens aber sind sie es, welche den Dienst, den die Gottheit für sich fordert, bestehe er im Opfern oder in anderen zeremonialen Handlungen, im Namen des ganzen Volkes und" für dasselbe zu versehen ^haben. Nun, die erste Funktion hätten bei uns mit einigen Unterschieden die Propheten, die zweite die Priester. Die Jnsütution des Rabbinates aber, die sich später entwickelte, hat nicht nur die erste Funktion nicht übernommen, sondern auch — darum allein handelt es sich uns hier — die zweite nicht. Da es jetzt bei uns, trotz der goldenen Aufschriften in den Tempeln, nur Gebete und keinen Gottesdienst nach Art der Messe gibt, sondern der Rabbiner kein Wort mehr zu beten hat als jeder Laie;, jeder Laie weiters das Zeremoniell bei, sagen wir, „unserer Taufe", bei Eheschließung, bei Begräbnis und ausnahmslos bei allen Gelegenheiten des öffentlichen und familären Lebens verrichten darf, weil wir grundsätzlich nach den Worten der Bibel „ein Volk von Priestern" sind, so ist der Unterschied zwischen dem Geistlichen,. dem Priester anderer Religionen und unserem Rabbiner ja klar genug. . Ihr seid also, .meine Herren Rabbiner, keine Priester! Wer dadurch soll der Bedeutung und Wichttgkeit Eures Standes nicht der mindeste Abbruch getan werden. Im Gegenteil. Euch ist ein Amt, ein Beruf zugefallen, den ich gerade ganz im Geiste unserer Lehre und Tradition als einen weit höheren als den des formalen Priesters anspreche — der Beruf als Bahnweiser, als Lehrer. Geistige Führer müsset Ihr sein, die unserem unglücklichen Volke voranleuchten auf seinem Dornenwege, Janusköpfe, hie nach vorne und rückwärts schauen, und die Brücke schlagen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, immer wach und unermüdlich. Nichts anderes-dürfet Ihr sein; aber wie schön und wieviel ist schon dies! Und daß früher die Rabbiner dies ganz und gar waren — ich sagte schon früher, das; Ihr es sicher wisset. Spricht ja jedes Blatt unserer Geschichte davon, seitdem es überhaupt Rabbiner gegeben, daß sie mitten int Strom des Volkslebens gestanden.und Führer.waren in Rat. und Tat. Von dem „Ehexenr"*) des Rabbenu Gersvn (der allerdings nicht' so ganz Rabbiner war) gegen die Polygamie bis zu den unzähligen >,Tkunot"**) der Rabbiner aller Zeiten dis zu den neueren — es möge nur das Luxusverbot der „Konferenz der vier polnischen Länder" erwähnt werden — die sogar tief in das wirtschaftliche Leben des Volkes eingriffen, sind diese alle Kultussachen? Ich will schon gar nicht von politischen Taten wie die des Menasse ben Israel und Meisels sprechen. So waren Eure Vorgänger. Ihr aber habt alle Pflichtenlast lebendiger Führerschaft von Euch geworfen und in der behaglichen Ruhe gesicherter materieller und gesellschaftlicher Stellung das Erhabenste Eures Berufes, ja sein einzig Wesentliches total zerstört. Heute aber, wo die Gefahr und Not des Judentums — täuschen wir uns nicht! — eine Höhe erreicht haben, die nicht vielmal in unserer Leidensgeschichte verzeichnet ist; heute, da diese höchste Gefahr des Volkstums in solchen Kreisen Interesse hervorgerufen hat, wo wir es nicht erwartet hatten, versündigt Ihr Euch schwer an Eurem Stamme, wenn Ihr Euch nicht rühret! Der Ruf nach Zusammenschluß, nach einer allgemein jüdischen Organisation wird von verschiedenen Seiten laut; es werden z. B. Konferenzen in Frankfurt, Brüssel und London abgehalten, um die gegenwärtig brennendste Wunde am Volkskörper, die russische, zu heilen: ob jene richüg zusammengerufen, ob sie von Erfolg waren — diese Fragen und deren Beantwortung ändern nichts an der Tatsache, das da guter Wille vorhanden war, daß jüdischer Volksgeist, wenn auch nur en miniature sich regte; da aber sehet: alle Stände aus allen Ländern waren vertreten, nur ein Stand fehlte, einer blieb kalt und stumtn in der großen‘ Erregung — das seid Ihr, die Rabbiner, die „Priester" unseres Volkes, die Ihr sein Impuls, sein Herz zu sein die Pflicht habet! Ihr habt wohl in den Tempeln die russischen Märtyrer betrauert, habt auch Spenden gesammelt; aber die große, gewalüge Aufwallung, die Flut, welche Dämme durchbricht und wieder weiter Großes, Dauerndes auftürmt, diese ist in *) Bannfluch. - **) Satzungen, Verfügungen. Euch nicht aufgesüegen und. darum habt Ihr sie auch in Euren Gerneinden nicht hervorbringen können. Und wenn mir einer sagt, wir Rabbiner können da nichts helfen, so läßt sich dies allerdings eher hören als das widrige Argument von der lebensfernen Priesterschast, ist aber dennoch um nichts weniger falsch als jenes. Denn ich fordere im Namen unseres unglücklichen Volkes von Euch, Ihr Herren Rabbiner, nicht eine besümmte Betätigung in einer besümmten Richtung, an der etwas ausgesetzt werden könnte, aber! an der Arbeit für die Renaissance unseres Volkes, die jetzt in dessen großem Leide, wunderbarer Weise, wie der Phönix aus seiner Asche, emporwächst, müsset Ihr irgendwie Anteil nehmen und suchet Euch selbst die beste Art, wenn Ihr die von anderen gezeigten Wege nicht gehen wollet. | Seelenhirten nennet Ihr Euch ja. Wollet Ihr denn wirklich einzelne, zusammenhanglose, sich scheu, duckende Israeliten—Seelen—Schafe weiden, ohne den umfassenden Volkskörper zu hüten und zu stärken, diesen großen Organismus, der nur allein Leben und Kraft und Dauer auch Eurem Konfessions-Judentume zu verleihen vermag, das ja augenscheinlich täglich morsch und morscher wird? Ach, Ironie des Schicksals! Bei allen anderen kleinen Völkern, die im verflossenen Jahrhundert zu neuem Leben erwachten, wo ja die Geistlichen nach ihren Satzungen wirklich Priester sein sollen und nichts mehr, da waren sie (und sind es bei den nnterdrückten Nationen noch heute) die Bannerträger, die ersten Kämpfer und Märtyrer der nationalen Idee, während bei dir, du armes Judenvolk, da deine Religion, gerade im Gegensätze zu den anderen, eine rein nationale ist, die Rabbiner ein Priestertum für sich in Anspruch nehmen wollen, welches sie dem dolce far niente weihen soll; von denjenigen gar nicht zu sprechen, die im Namen der nationalen Religion allem Nationalen feindlich entgegentreten: Vor kurzer Zeit brachten Zeitungen die Notiz von einem ungarischen Rabbiner, der im Tempel einer großen jüdischen Gemeinde magyarisch-chauvinisttsche Predigten hielt, , aus welchen die Auf? forderung zur Unterstützung einer Regierung herausklang, ..welche, .die..armen, .Mrtrich.enen-ru? mänischen Juden nicht - über die Grenze läßt: Gleichzeitig las man auch die Notiz, daß gegen einen slovakischen Pfarrer eines kleinen Städtchens vom Staatsanwalte die Anklage wegen Aufteizung gegen die Staatsgewalt, begangen durch . einen Zeitungsartikel, erhoben wurde. Später haben wir gelesen, daß dieser arme Priester, der gegen die Unterdrückung seiner Natton protestierte, zu 2 Jahren Gefängnis und 1200 Kronen Geldsttafe verurteilt wurde — werden wir nicht bald nach früheren Analogien hören, daß. der Herr Rabbiner durch die Verleihung eines Ordens ausgezeichnet wurde, worüber natürlich in der „ganzen Judenheit" großer Jubel herrschen wird? So haben zwei Diener Gottes zweier unterdrückter Völker gehandelt und so werden sie natürlich belohnt. Und seid Ihr denn, meine ehrwürdigen Herren Rabbiner, blind gegen die Tatsache, daß eben, weil Ihr Euch Eures eigentlichen hohen Berufes, der geistigen Führerschaft des Volkes, entschlaget und jeden Zusammenhang mit dem lebendigen Fluß der Gegenwart verloren habt, Ihr Euch allen Schichten des Volkes entftemdet und höchstens kalte, konventtonelle Ehrfurcht statt warmer, inniger Verehrung genießet? Befiirchtet aber nicht, man werde bei uns eine Hierarchie ablehnen! Denn eben weil keine Hierarchie, kein Klerikalismus, kein Jesuitismus nach dem Geiste unseres Volkes möglich ist, könnet Ihr nur Diener des Volkes sein, wenn Ihr es führet — aber welch erhabene Mission ist es, durch diesen Dienst dem Leben die höchste Weihe, zu geben! Ich wiederhole: In Zeiten der Gefahr ist Nichtstun, Zerstören, ist Verrat. In den 1800 Jahren der Diaspora-Geschichte ist zweifelsohne in unserer Zeit die größte Krisis für die Zukunft des Judentums, und zwar Krisis im ursprünglichen Sinne:' einerseits der langsame, aber stetige Zerfall im Westen und die große, gigantische Katastrophe im Osten, von der wir wahrscheinlich — ntinarn kalsus propheta sim — nur erst das schreckliche Vorspiel gesehen haben, und anderseits die ersten Sonnenstrahlen eines neuen Lebens, das sich durch Regungen in allen Teilen und Gruppen des Volkes in der ganzen Welt so deutlich kundgibt.