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Neue Zeitung · 1906-12-14 · Heft 15 (14.12.1906) · page 1

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1906
Issue
Heft 15 (14.12.1906)
Date
1906-12-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
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HEUE ZEITUNG «rasMil und Rdmlniltration: Wien, Xlil/1, SticUovengasse 17. Sprechstunden des Chefredakteurs und in Administrationssachen: Montag und Freitag, 7212—7,1 Uhr mittags, II/.,, C^ernmgasse 14. Telephon Nr. 21803. llnabdänglge jüdiVchc lüochcmchrift Eigentum einer SoMtnt. Erscheint jeden- Freitag. Ldouuementsvrrile: In Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. L 6.—, Halbjahr. K 3.—, Vierteljahr. K 1.60, monatlich 60 h. Im Ausland: Ganzjähr. K 9.—, Halbjahr. K 4.50. Das Abonnement kann mit jeder Nummer beginnen. Einzelnummer in Wien 16 d, außerhalb Wiens im Jnlande 20 h. Postsparkasien-Konto Nr. 87.377. Druckerei-Telephon Nr. 4897. Herausgeber und Lhefredakteur: Dr. Ostban VirnbNUM. Xnsertionspreise: dreimal gtfpaltcne Nonpareillezeile Raum 12 b, bei Wiederholungen Rabatt. Nr. \5. Men, Freitag den ^4. Dezember ^906. j. Jahrgang. Inhalt: Makkabäergedanken. — An die Herren Rabbiner.— Von Abraham Schwadron. Unter der n a t i 0 n a l e n. F a h n e. Von Josef R u b i n. — Im Zeichen der Chanukalichter. (Feuilleton.) ■ Von Nathan Chameides. — Wochenschau: Aus dem Parlamente. Das Leichenbegängnis Rabbiner Schreibers. — Die streitbare Kirche. — An die Adresse d c " I u st i z m i n ist e r s. Das Debacle de „Deutsch-Deutschtums" in Czernowitz. Das Gemeindewahlkompromiß in Czernowitz. Zu den Czernowitzer Gemeinderatswahlen. Jüdische Mittelschulen in Rußland. Eine Stadt in der Gewalt der Hnligane. Preußentum. Ostjudentum in England. Auch eine Reziprozirät Sozialistischer Antisemitismus. Die Gleichberechtigung der persischen Juden. — Aus d er jüdischen O e f f e n t l i ch k e i t: Die Wiener Kultuswahlen. U. s w. — K u n st u n d L i t e tur. . Die Kabbalisten. Von I. L. P e r Makkavärrgedankrn. Vielleicht ist es eines der Zeichen unserer Degeneration, daß offiziell eigentlich so wenig Aufhebens von dem Chynukafeste gemacht wird. Vielleicht aber auch ein Zeichen der beginnenden Verjüngung, daß wir seit zwei Jahrzehnten den Drang in uns verspüren, den kargen halbstündigen Lichterglanz in eine strahlende Feiertagshelle umzuwandeln. Und haben wir's auch nicht so weit gebracht, unsere Makkabäerfeier mit der heiligen Weihe zu erfüllen, die den alten Festen unseres Volkes innewohnt, so wohl darum, weil sie noch zu jung, zu gewollt ist, um tief und innig zu sein. Vielleicht bessern wir's mit der . Zeit. Vielleicht kommt überhaupt allmählig etwas mehr Innerlichkeit, etwas mehr Andacht, etwas mehr Seele in unsere festlichen Veranstaltungen. Es lohnt sich über die Wege dahin nachzudenken. Doch nicht davon soll heute hier die Rede sein, auch die billigen Analogien zwischen den alten Hellenisten und unseren heutigen Assimilanten sollen hier nicht wiederholt werden. Wir wollen uns vielmehr, wenn auch nur mit wenigen Porten, so doch ernst mit dem Triebe beschäftige-^'- der uns vor Jahrtausenden auf der Heimatserde und heute in der Zerstreuung zur Entäußerung, zur Verhöhnung unserer selbst zwingt. * "r wollen diesem Grauen vor unserer Art, das uns als Erbstück seit ältesten Zeiten innezuwohnen scheint, furchtlos in's Auge blicken. Und wenn wir beharrlich blicken, so schauen wir in die Tiefe dieses Rätsels. Dann erkennen wir, daß dieses Grauen, dieser Hohn, diese Selbstopferung nur die Wirkungen einer Selbständigkeit, einer Ausgeprägtheit sind, die älter, tiefer und größer ist als bei anderen Völkern. Wie es in schwächeren Augenblicken dun Genius vor seinen Abgründen, vor der Einsamkeit seines Weges graut, so graut es uns in unseren schwächeren Jahrzehnten oder Jahrhunderten vor unseren Abgründen und vor der Einsamkeit und Unwegsamkeit unseres Weges. Und wie jener wieder bald den Kopf hebt und den Feuerblick aus seinem Innern stolz in die Fernen schweifen läßt, so tun auch wir. Die Anwandlungen gehen vorüber, wir recken uns wieder, spüren wieder mit dem bescheidenen Hochmut des Großen, daß wir wir sind. Wir wandeln wieder in eigenem Lichte. Vergessen der häßlichen Träume unserer entwürdigten und nun wieder neu geadelten Seele! Auferstehung! Eine Auferstehung unseres Volkes war es, was zum Chanukafest führte. Und so ist das Chanukafest für ewige Zeiten ein ewiges Symbol der ewigen Auferstehuugskraft in uns, ein ewiger Trost, eine ewige Mahnung. Und heil uns, wenn wir wirklich gerade in eine Zeit hineingeraten sind, wo dieses Symbol uns packt, wo dieser Trost uns sieghaft stimmt, wo diese Mahnung uns weckt! Heil uns, wenn . . Wie sollen wir es erkennen? Wenn wir die Entschlossenheit und die Einheit der Taten finden. Denn auch das ist makkabälsch. Wenn wir wieder einmal lachend in den Kampf ziehen. Wenn wir uns wieder einmal als der David fühlen, der sich von Goliath nicht imponieren läßt.Wenn .... wenn . . . Ob wir nur wirklich schon das Recht zu Makkabäerfeiern haben? ... Ob uns nicht eitle Einbildungen narren? . . . Doch gleichviel! Was nicht ist, kommt sicher noch! Aus unseren Grauen vor uns selbst muß früher oder später wieder der jubelnde Stolz auf uns selbst geboren werden! An die Herren Rabbiner! Verzeihet, Ihr ehrwürdigen Herren, wenn einer vom Volke Euch anruft! Denn wahrlich, befremden muß Euch eine Stimme von dieser Seite, da ihr schon lange nicht gewohnt seid, einen Ruf des Volkes, Eures, des jüdischen Volkes zu hören — dies aber ist es eben, was mich veranlaßt, mich hiemit an Euch zu wenden. Das klingt wie eine Introduktion zu einer Anklage. Ich weiß nicht: es ist etwas so Beklemmendes, so tief Niederdrückendes und tut dem Herzen so weh, wenn man einen großen, zum Himmel schreienden Mißstand in der eigenen Ge- Im Zeichen der Charmkalichter! Als die alten Römer sahen, wie der zertretene Wurm sich krümmte, daß die im Staube sich wälzende Volksseele die letzte Kraft aufbietet, um einen welteischütternden Schrei auszustoßen, da suchten diese stolzen Patrizier dem ihnen drohenden Schimpf vorzubeugen und griffen zu einem probaten Mittel: „Lauem et Circenses.“ Unter die vor den Palästen angesammel en Volkshaufen warf man eine Menge Brot und Kuchen; und währenddem das Volk gierig danach griff, wurde ihm verkündet, Daß die Arenen zu seiner Belustigung offen und ftei stehen. Was aber vermag des Menschen Herz mehr zu erstellen, als Brot und Spiel; und erst, wenn solches lange entbehrt werden mußte? Die Massen jubelten und der Adel frohlockte, er konnte sagen: Im römischen Reiche gibt es nur glückliche Menschen! Die. Folge war, daß das römische Reich mit Riesenschritten dem Ruin entgegeneilte. Not und Entbehrung degenerierte den Volksstamm, die ausgepreßte Zitrone verweste und der Adel ging mit zugrunde. Das assimilatorische Judentum nähert sich in seiner Weit- und Lebensauffassung den alten Römern. Erst werden d e breit n Schichten des jüdischen Volkes von den jüdischen Patriziern gehörig ausgebeutet, ausgebeütet in hundertfacher ' Richtung und dann spielt man den Wohltäter, Man gibt dem Kronzeugen der Armut einlletonetti?n83im, zu deutsch, ein Gewändchen und steckt ihm zum Ueberdruß ein Beglaubigungsschreiben, in der Form eines großen Papiersackes, der ein Laib Brot, zwei bis drei Paar Würstel und sonst einige Nahrungsmittel enthält, unter den Arm. Das jüdische Kind kommt derart ausgestattet nach Hause. Gute Menschen, Wohltäter, haben es bekleidet, den Eltern und den übrigen Kindern ein Nachtmahl geschickt. Während die arme Familie in der unsteundlichen, kalten und düsteren Stube dieses „lachmo anjo“ mit Tränen verzehrt, tanzen die Wohltäter in einem Prachtsaale bei den Klängen einer Regimentskapelle bis zur Erschöpfung. Und die Nacht geht zu Ende, die Geigen verstummen, die elektrischen Flammen erlöschen, katzenjämmerlich scheidet man voneinander mit dem Zuruf: Uebers Jahr in — Jerusalem! Pardon, ein Irrtum, in — Wien! Unser Fest ist glänzend ausgefallen, wir hoffen im nächsten Jahre statt 55 mindestens 75 Kinder zu bekleiden und einem jeden, statt ein Laib Brot, zwei mit nach Hause geben zu können. . . . Ein zweites Bild: In den schlichten, sehr bescheidenen Räumen eines jüdischen Kindergartens ohne Garten, es ist eine Kinderspielschule, tagt eine illustre, wahrhaft vornehme Versammlung: ein Frauenparlament. Damen aus den besten Ständen sind hier in großer Zahl versammelt. Alle verfügbaren Stühle sind bereits besetzt und noch immer kommt Zuzug; die später Erscheinenden müssen schon stehen, sich an die Mauer drücken lassen. Tie Seidentoiletten knistern, das Geschmeide funkelt und glitzert, man tauscht Höflichkeiten aus, man lispelt und kichert, man bewundert sich gegenseitig. Soziale Stellung, persönlicher Jugendreiz, Luxus und Reichtum sind die Anreger, machen die Stimmung. Plötzlich ergreift die an der Töte sitzende Präsidentin mit fester Hand die Glocke, um mit vibrierender Stimme die zahlreichen vornehmen Damen, die sich im Interesse der Humanität zusammengefunden, auf daS allerherzlichste zu begrüßen. Zum Referate erteilt dieselbe, merkwürdigerweise, einem Herrn das Wort. Es ist dies der treue Berater dieses Frauenvereines. Ein Herr, den die Mutter Natur wirklich mütterlich bedacht hat. In dem männlich schönen Körper wohnt auch eine schöne Seele, die keine Kontraste zwischen Herz und Geist aufkommen läßt. Seine große rhetorische Begabung erhöht den Glanz seiner Persönlichkeit. Er spricht von den Taten des Vereines, ergeht sich in weiten Ausblicken, gedenkt der großen Gönner und Förderer, der lebenden wie der toten, legt den Frauen seine Huldigung zu Füßen und erntet schließlich rauschenden Beifall durch schöne Frauenhände. Das Wort hat die Kassierin Frau G. Es ist eine feingebildete Frau mit wahrhaft jüdischem Herzen. Sie verliest die einzelnen Posten aus dem Rechenschaftsberichte, aus welchen sich ergibt, daß im abgelaufenen Vereinsjahre 14.000 Kronen für wohltätigeZwecke

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