Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 14 (7.12.1906)
- Date
- 1906-12-07
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 14 findet nämlich im Dezember l. I. die Ergänzungswahl für das Landtagsmandat dieser Stadt statt. Obwohl die Majorität der Wähler bei den Juden ist:(auch für den Reichsrat sst Kolomea allein als jüdischer Wahlbezirk in Aussicht genommen) werden die Juden gezwungen, ihre Stimmen einem christlichen Polen zu geben. 7 Wenn das alles Gerechtigkeit ist, dann sieht die Gerechtigkeit in Galizien eben ganz anders aü8 wie anderwärts 1 Angesichts der schon konzedierten Erweiterung der Landesautonomie Galiziens und angesichts der ganz besonderen speziell polnischen Berwaltungspraktiken dieses Landes ist aber gerade eine Teilnahme der Juden an der Landespolitik für die Judenheit des Landes nicht nur unerläßlich, sondern eine Existenzfrage! Mit Hilfe der Ruthenen könnten nun die Juden im Wege von Kompromissen eigene Kandidaten sowohl für die Reichsvertretung als auch für das Landesparlament erlangen. Gleiches können aber die Juden den Ruthenen leisten, zumal in Ostgalizien, wo die Polenin der Minorität find, während Juden und Ruthenen, wenn sie sich verbünden und einander fördern und unterstützen, die erdrückende Mehrheit bilden. Der Bund wird für die Landespolitik besonders ersprießlich sein. Denn wenn gleich trotz der Aufforderung des Landmarschälls an feine Mandatsgenoffen ihre Privilegien, die nicht mehr zeitgemäß sind, aufzugeben, eine Aenderung des Landtagswahlrechtes etwa auf ähnlichen Prinzipien wie sie die Wahlreform für die Reichsvertretung bringt, noch lange nicht zu gewärtigen ist, so wird dennoch ein aus allgemeinen Wahlen hervorgegangenes Volkshaus auch auf die verrotteten Zustände in Galizien reinigende Wirkung üben. -, Ein Volkshaus wird sich mit Phrasen „wie Autonomie Galiziens rc." nicht abspeisen lassen und. in manchen dunklen Winkel polnischer Wirtschaft hineinleuchten. Wird aber auf diesem Wege der galizischen Wahlmacherei wenigstens teilweise das Handwerk gelegt werden, so. werden eben auch die Juden und Ruthenen für den Landtag wählen können, nicht aber mit unerhörten Gewaltmitteln zur Wahl kommandiert und so ihres Wahlrechtes beraubt werden. Also nochmals und recht eindringlich .rufe'ich'Meinen Stammesbrüdern in GalizieN zu : Erwachet aus euerem jahrzehntelangem Schlafe, besinnet euch auf euch selbst, wahret euere Rechte! Gegen eine Allianz der Juden mit den RutheneN wurde früher vornehmlich geltend gemacht, daß die Juden durch ein Zusammengehen mit den Ruthenen den- Haß der Polen auf sich laden und dadurch in ihrer Existenz gefährdet werden würden. Diesen Einwand habe ich in meinen früheren Artikeln bereits widerlegt. Ich habe dargetan, daß das Aufgehen der Juden in den Polen ihnen nicht nur keinerlei Nutzen gebracht, sondern ihre materielle und nationale Existenz geradezu vernichtet hat. Da es den Juden also schlimmer ilicht ergehen kann, so . . . Die vierte wirkliche Heldentat Eleazars ist die.Errettung der blinden Tante Reggie aus Feuersstammen. Bei Tante Reggie ist durch das Springen einer Petroleumlampe Feuer ausge- Lrochen. Das ganze Haus ist eingeäschert worden. Fünf Personen haben in den Flammen ihren Tod gefunden. Eleazär stürzt mit bewundernswertem Heldenmut, in die Gluten und rettet die blinde Tante Reggie, die schon ganz bewußlos daliegt, aus den sie bereits umzingelnden Flammen. Er trägt schwere Brandwunden davon. Die alte blinde Tante Reggie — die einzige sympathische Figur im Roman — bleibt am Leben, ihr Lebensretter jedoch erliegt im Krankenhause seinen Brandwunden. In seinem ganzen Leben hat Eleazar weder vernünftig gedacht noch schön gehandelt. Diese letzte Tat krönt sein Dasein. Sie bringt ihn unserin menschlichen Emfinden näher. Er ist in Schönheit gestorben. In der Skizze „Sabbat", die Heijermans eine Studie nennt, begegnen wir denselben verkommenen Individuen, deren Bekanntschaft wir — nicht zu unfern Vergnügen! — in Diamantstadt machten. Der schachernde Zelik, der listige betrügende Maupie, die dickleibige Bekkie, die kranke Tante Serre — wir kennen sie alle. Sie haben hier nur einen ändern Beruf.' Sie schachern und betrügen statt Diamanten zu schleifen. An einem Freitagabend sitzt diese niedliche Gesellschaft bei Tisch und tut sich gütlich an flüssig-fettiger Suppe, an Challeklößchen und an ähnlichen Leckerbissen. Weil die flüssig-fettige Suppe von dieser niedlichen Gesellschaft gerade am Sabbat gegeffen wird, . 9ieue 3 eitu Hg haben sie es auch nicht nötig den Polen zum Dank stir ihre unerhörte Vergewaltigung weiter blind Gefolgschaft zu leisten: Wenn in neuerer Zeit gesagt wird, es ist für die Juden von Vorteil, bei den Polen auszuharren, um so wenigstens eines Teiles der Macht habhaft zu werden) - so ist auch dieser Grund ein Scheingrund. Denn die Polen hatten auch bisher die Macht und die Juden hatten trotz ihres Ausharrens bei den Polen keinerlei Anteil an dieser Macht und' keinerlei Vorteil von derselben. Auf die Erfahrungen, die die Juden bisher mit den Polen gemacht haben, sollte das lateinische Wort „vestiZia terrent" Anwendung finden! Es wird auch hervorgehoben, daß die Juden es mit den Ruthenen schon einmal versucht haben, daß sich aber das' Bündnis^ nicht bewährt habe. Dagegen ist folgendes zu bemerken: Vor allem haben dazumal Juden und Ruthenen ihr Heil im Deutschtum gesucht und — wie sich gezeigt hat, nicht gefunden. Der Bund — wenn er überhaupt einer war — war kein Bund der Juden mit den Ruthenen, sondern ein Zusammengehen von Juden und Ruthenen mit der Verfassungs- Partei.. — Diese Politik hat sich nicht bewährt. — Ein politischer Bund zwischen Juden und Ruthenen ist aber noch gar nicht versucht worden. — Sodann sind beide Nationalitäten durch Schaden klug geworden und werden einen Bund, bei welchem beiderseitiger Vorteil Patenstelle einnimmt, treu halten und ausnützen. Zu meinen der Judenpolitik gewidmeten Erörterungen veranlaßt mich meine heiße Liebe für mein Volk. Ich bin der jüdischen Sache ergeben, „vom ganzen Herzen, von ganzer Seele und mit all' meiner Kraft". Wäre ich nicht durch meinen Beruf an die Scholle gefeffelt, so würde ich nach dem Beispiele des großen amerikanischen Friedensapostels Elihu Burrit, der die ganze Welt durchwanderte, um den Menschen die Idee des ewigen Friedens zu predigen, me-ir le-ir u me-kwar le-kwar (von Stadt zu Stadt und voll Dorf zu Dorf) wandern, um meinen Stammesbrüdern die Richtigkeit und Vorteilhaftigkeit meiner Ideen durch das lebendige Wort vor Augen zu führen. So aber muß ich mich mir der kalten Schrift begnügen. Wochenschau. Das allgemeine Wahlrecht vom östeneichischen Abgeordnetenhause in dritter Lesung angenommen. Die Wiener Kultus wählen enden mit einem großen Erfolge der Opposition: Große Minoritäten und zwei Stichwahlen. Wahltag, War das ein Tag, der! 2. Dezember! Ein Tag der Arbeit, der Erhebung und der Freude für jene Juden Wiens, die gut jüdisch sind.- Es war ein Leben, eine Betriebsamkeit, eine Agitation, nennt Heijermans seine Studie: Sabbat. — Sabbat! Unter Sabbat verstehen wir den Sabbath der Juden, den geheiligten Ruhetag, nicht das Suppeschlabbern einiger verkommenen Individuen. Sabbat im Ghetto — man muß ihn »uitangesehen, nein, mitempfunden haben! Wahrlich, der Sabbat im Ghetto bedeutet etwas mehr als Suppe und Klösse. Es liegt in ihm ein Etwas verborgen, das man nur mit seelischen Augen sehen kann; ein Etwas, das .die Frommen Sabbatweihe,. die Dichter Poesie nennen. Ich kenne ein Märchen: Es war einmal ein verwunschener Prinz, der durch einen Hexenspruch in einen Hund verwandelt wurde. Die ganze Woche hindurch köterte er durch des Lebens Kot und Kehricht, Gassenbuben zum Gefpötte. Aber in der Damnierstunde jeden Freitagabends wich der Zauber und er ward aufs neue zum Menschen, zum Menschen mit menschlichen Gefühlen, mit erhobenem Haupt und mit einem Menschenherzen . . . Kennt Heijermans dieses Märchen? Die Skizzen und die kurzen Novellen Heijermans unterscheiden sich vorteilhaft von seinen größeren Arbeiten. Erstens schon dadurch, weil in einer Skizze die Tendenz — alle Heijermansische Schriften sind tendenziös — nicht mit allzugroßer Aufdringlichkeit hervortreten kann. Und gerade diese Verminderung der Tendenz mehrt ihren künstlerischen Wert. Zweitens erfordert schon die Technik einer kurzen Skizze die Vermeidung von Weitschweifigkeiten und Kleinmalerei. Well er sich hier nicht über die Aeußerlichkeiten seiner Personen detaillierend und erschöpfend auslaffen kann, sucht wie bei großen politischen Wahlen, der Abschluß einer in rastloser Werbe-' und Aufkläruugstätigkeit verbrachten Woche. Die Agitationslokale, die die Opposition in den verschiedenen Bezirken etabliert hatte, glichen Bienenkörben. Nur daß die Arbeit in Sichten und Schreiben bestand und daß die Fort- und Zufliegenden sich fescher Wiener Fiaker, statt Flügel bedienten. In den Wahllskalitäten selbst ging es mit einer Ausnähme — Sektion Schiffamtsgaffe — ziemlich ruhig zu. Doch sind lebhafte Klagen über seitens der herrschenden Partei verübte Wahlmißbräuche laut geworden. In der Schiffamtsgaffe machte sich u. a. ein Wahlkommissionsmitglied, namens Back, durch eine Bemerkung, unangenehm auffällig. Er rief, nicht einmal im Wahllokale selbst, sondern in einem Nebenraum desselben, der dem fteien Verkehr des Publikums überlasten war, Herrn Norbert Rappaport zu: „Gehen Sie nach Lemberg!" Und zwar ohne jede Veranlassung, einzig und allein, weil dieser einem Wähler, den man nicht agnoszieren wollte, belehrte, was er zu tun habe. Der Vorfall wurde viel besprochen, war er doch wieder ein Beweis dafür, wie begründet die Bewegung war, die in den letzten Wochen mit dem Falle David eingesetzt hatte und noch lange nicht ihr Ende erreicht hat. Besonders interessant gestaltete sich der Abend im Hause der Kultusgemeinde, in der Seitenstettengaffe. Hier tagten auch zwei Wahlkommissionen,, deren einer übrigens der nationalistische Oppositionelle, Dr. Carl L i f c z i s präsidierte. Hier langten aber auch die Resultate aus den anderen Bezirken ein und hier wurde das Gesamlwahlergebnis bekannt. Der Vorstand war klug genug, alle Räume dem interessierten Publikum zu öffnen. Hunderte Personen, meistens Oppositionelle, wandelten durch die Säle oder -saßen an den Tischen, herum. Die Stimmung wurde immer zuversichtlicher, und zuletzt, als das Resultat bekannt wurde, enthusiastisch. Spät abends fand eine improvisierte Siegesfeier im großen Saal des „Hotel Polonia" statt. Es herrschte fast lebensgefährliches Gedränge. Natürlich wurden Reden gehalten. Es sprachen der Reihe nach: Dr. Rybaczewski, Dr. Zipfer, Dr. Schalit, Dr. Margulies, Dr. Zwerg, Dr. Lifczrs, Dr. Weisengrün, Fabrikant Böhm, Kaplansky-Kaplan, Strauß und schließlich Dr. Birnbaum. Dr. Margulies, der den Wend leitete, übernahm es speziell, den um den Erfolg Verdienten zu danken. Es war dies keine leichte Aufgabe, weil wirklich niemand da war, der nicht seine Wicht voll erfüllt hätte. An erster Stelle gedachte er mit Recht der zionistischen StudentenundArbeiterjugend, die Unglaubliches an unermüdlichem Eifer geleistet hatte; mit demselben Rechte des Wahlleiters Dr. Weisen grün, der die wochenlange Campagnr. mit Aufbietung aller seiner physischen und geistigen Kräfte zum Erfolge geführt hatte. er sie psychologisch zu vertiefen. Da gewahrt man das Talent Heijermans und man bedauert, daß ein Mann, der gute kleine Skizzen schreiben kann, schlechte große Werke schreibt. Von den vielen jüdischen Skizzen, die Heijermans geschrieben hat, ist meiner Meinung nach der „Judenstreich" die beste. Sie ist hübsch, weil sie wahr und ftei von Uebertteibungen ist. Ich halte den Judcnstreich für eine Fortsetzung zu dem Drama Ghetto, eine Art Verteidigungsschrift für den übel beleumundeten Rafael, der seine Geliebte, das christliche Dienstmädchen Rose verstieß, als er sich überzeugte, daß sie sich nicht von den eingefleischten Vorurteilen fteimachen kann. Heijermans beweist, daß Rafael recht hatte. Eine in unfern Tagen nicht mehr seltene Geschichte: Der Jude Max-Rafael heiratet die Christin Dora- Rose, also eine ideale Ehe. Sie vereinbaren, daß ihre Kinder konfessionslos erzogen würden. Und was ist das Ende vom Liede? Der erste Nachkomme dieses christlich-jüdischen Ehepaars erscheint, und — das Kind wird gegen den Willen des Vaters getauft. Als der Vater dagegen protestiert, schleudert ihm die Gattin das Wort „Jude" an den Kopf. Dora-Rose spricht dieses Wort nicht etwa leise, zurückhaltend, tonlos, sondern bitter, schneidend und Max-Rafael verstehts. ... Er weiß, was das zu bedeuten hat .. . Mt andern Worten: Ich verachte dich, weil du ein Jude bist! . . . Rafael hat das vorausgesehen. . . . (Schluß folgt.)