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Neue Zeitung · 1906-12-07 · Heft 14 (7.12.1906) · p. Seite 2

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1906
Issue
Heft 14 (7.12.1906)
Date
1906-12-07
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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R A e i t u g 'Jh. -u es stehen nur noch einige Stichwahlen in der Städtekurie und die Wahlen in den Handelskanunernund im Großgrundbesitzer bevor. Auf tschechischer wie auf deutscher Seite wird eine beträchtliche Anzahl Abgeordneter in den Landtag einzigen; nur die jüdische Vertretung entspricht keineswegs den berechtigten Anforderungen der jüdischen Bevölkerung. Ein großer Fehler war es, daß bei Beratung der neuen Wahlordnung im mährischen Landtage seitens der berufenen jüdischen Faktoren, insbesondere der Vertreter der Kultusgemeinden, keine Schritte unternommen lourden, um einige Wahlbezirke zu schapen, in welchen eine jüdische Berttetung gesichert wäre. Diese Wahlbezirke wurden bei Beratung derneuen Rcichsratswahlordnung von der Regierung den Juden in Galizien und der Bukowina zugestanden und es wäre auch nicht schwer gewesen, für die Juden Mährens solche Wahlbezirke zu schaffen. Es sind wohl drei Wahlbezirke in der deutschen Kurie kreiert worden, in welchen den Juden ein prävalierender Einfluß zusteht, nämlich die Städtewahlbezirke Göding, Auspitz und Mährisch-Weißkirchen. Dies ist jedoch dem bloßen Zufall'zu verdanken und uicht dem Umstande, daß die Schöpfer der Wahlordnung eine jüdische Interessenvertretung berücksichtigen wollten. Wer auch in diesen drei Wahlbezirken sind die Juden nicht in einer solchen Anzahl vertteten, um einen Wahlkampf auf jüdische Kandidaten beschränken zu können. Nach den ursprünglichen Intentionen des neugeschaffenen Zentralorgans des mährisch-jüdisch-polltischen Exekutivkomitees sollten nun in diesen drei Wahlbezirken jüdische Kandidaten aufgestellt werden. Ferner je ein jüdischer Kandidat in den beiden Handelskammern n Brünn und Olmütz. Wie wurden nun diese Absichten verwirklicht? Im Städtewahlbezirke Göding sollte der jüdische Zuckerfabriksbesitzer Redlich als Kandidat austreten und es unterliegt keinem Zweifel, daß er auch von der christlichen Bevölkerung des Wahlbezirkes gewählt worden wäre. Herr Redlich hat jedoch kurz vor Beginn der Wahlen seine Kandidatur zurückgezogen und diese wurde gleichzeitig (ohne Zweifel mit seinem Einverständnisse) vom Gödinger Lokalwahlkvmitee, in welchem sich auch jüdische Bertteter befinden, einem getauften Juden, dem. llniversitätsprofessor Dr. Josef Redlich, Bruder des früheren Kandidaten, angeboten. Es wurden nun Stimmen laut, welche sich gegen diese Kandidatur wendeten, da sie mit Recht anführten, daß die jüdischen Wähler dieses Wahlbezirkes denn doch auf die Kandidatur eines ungetansten Juden Anspruch erheben können. Mein, die Situation sprach diesmal gegen die Aufstellung eines selbständigen jüdisch-nationalen Gegenkandidaten, denn sowohl die größten Städte des Wahlbezirkes, Göding und Mistek, als auch die im Wahlbezirke gelegenen Judengemeinden Ungarisch-Brod, Sttaßnitz, Gaya rc. rc., welche für einen eventuellen jüdisch-nationalen Gegenkandidaten hauptsächlich in Bettacht gekommen wären, erklärten sich für Profeffor Redlich, in änderen Städten wiederum, wie in Ung.-Hradisch, Kremsier, Holleschau waren die jüdischen Wähler, im tschechischen Kataster eingetragen, kamen sohin für diese Wahl nicht weiter n Bettacht. Bei diesem Stande, der Verhältnisse blieb nichts anderes übrig, als sich mit der Sachlage abzufinden und gegen" die Wahl des Professor Redlich nichts zu unternehmen. Der Wahlbezirk.Auspitz ging verloren, da ein daselbst kandidierender jüdischer Industrieller gleichfalls vor Beginn der Wahlen von der Kandidatur zurücktrat. ... Von den drei in Bettacht kommenden Städtewahlbezirken erhielt bloß Mährisch-Weißkirch^en einen jüdischen Wgeordneten in der Person des Dr. Alfted Fischl. Herr Dr. Fischb hat bisher seine Arbeitskräfte fast ausschließlich der deutschen Sachet gewidmet und sich nur wenig im jüdischen Sinne,,-betätigt. Er hat auch die Wähl des freialldeutschen Kandidaten ' in-der allgemeinen Kurie Olmütz-Weißkirchen, Prayon, gegen den sozialdemokratischen Kandidaten Sch oßnikl tatkräftig unterstützte. Nichtsdestoweniger wurde gerade ihm,-angeblich deswegen, weil die jüdischen Wähler - in der allgemeinen Kurie zum größter! Teile Herrn, Schoßnikl ihre Stimmen gaben, ein freialldeutscher Gegenkandidat entgegen gestellt. .Dr.Fischlist jedoch mit Hilfe der jüdischen Stimmen mit großer Majorität gewählt worden. Neben Herrn 'Dr. Fischl gelangte noch ein jüdischer Abgeordneter in den Landtag, nämlich der Brünner Advokat Dr. Johann Jarolim, welcher im vierten Gemeindebezirke in Brünn gewählt wurde, trotzdem die freialldeutsche Partei gleichfalls einen Gegenkandidaten aufftellte. Auch Herr Dr. Jarolim. gehört zu jenen Männern, welche sich immer nur. als Deutsche gefühlt haben und ist es erfreulich, daß. gerade diese beiden Herren am eigenen Leibe empfinden mußten, daß alle ihre Verdienste-üm die deutsche Sache nicht in der Lage sind, ihre jüdische Abstammung vergessen zu machen. .. In der Olmützex Gewerbekammer wird aller Wahrscheinlichkeit, nach der Kandidat der „Gewerbepartei" anStelle des jüdischen Kandidaten, des Malzfabrikanten. ,Z w.ei ggewählt werden. Die Probeabsümmung ergab für den Kandidaten der „Gewerbepartei" eine große Majorität, da die deutschvölkischen Sttmmen sich fast durchwegs auf ihn vereinigten und dem Resultate der Probeabstimmung wird vermutlich auch das Resultat der Wahl entsprechen. Hingegen war die Brünner Handels- und Gewerbekammer loyal genug, das durch den Rücktritt des Herrn von Gomperz fteigewordene Mandat den jüdischen Kammerräten zur Besetzung durch eine Person ihres Verttauens zur Verfügung zu stellen. Es ist aber als traurige Tatsache zu registrieren, daß kein' einziges von den acht jüdischen Mitglieder« der Handelskammer sich bereit erklärte, das Mandat anzunehmen,. so daß das Mandat, welches von den. christlichen Kammerräten für einen Juden reserviert war, einem getauften Juden, dem Lederfabrikanten Grünfeld zufiel. Sy stehen wir vor der Tatsache,' daß in den Landtag zwei Juden einziehen werden, welche bisher sich sehr wenig für die jüdischen Interessen eingesetzt haben und zwei getaufte Juden, die- Herren Dr. Redlich und Grünfeld, diese beiden dadurch, daß die ursprünglich in Bettacht kommenden jüdischen Kandidaten die Annahme, des Mandates abgelehnt und.die Wahl der getauften Juden befürwortet haben. Das Resultat der ersten nach nattonalen Katastern vorgenommenen Wahl ist demnach für dieJuden ein ttistes und es bezeugt deutlich, vaß eine wahre Jntereffenverttetung der Juden nur in einer entsprechenden Abgrenzung der ' Wahlbezirke liegen kann. Es wird Sache der . jüdischen Bertteter sein, sich für eine entsprechende Abänderung der Wahlkreise in Mähren einzusetzen, welche den Juden eine ihnen entsprechende Interessenvertretung ermöglicht. Die politischen Judengemeinden Mährens bilden ja ohnehin einen geeigneten Schlüssel für die Zusammenstellung solcher Wahlbezirke. Schlutzvetrachlmrgrn. Der Umstand, daß der Abgeordnete Straucher in seiner letzten Wahlreformrede polenfreundliche Wendungen gebraucht' hat, veranlaßt mich, ineinen der jüdischen Politik gewidmeten Artikeln „Jüdische Polen" und „Juden und Ruthenen" Schlußbetrachtnngen anzufügen. Dr. Straucher sagte, „daß das polnische Volk uns JudenGerechtigkeit widerfahren ließ." Wo soll diese Gerechtigkeit gefunden werden? Etwa darin, daß den Juden, die eine Million Einwohner, somit den siebenten.Teil der Gesamtbevölkerung des Landes repräsentieren, denen daher schon nach der Volkszahl etwa fünfzehn Mandate gebären, fünf versprochen, aber lange noch nicht gegeben wurden, wobei die Bedeutung der Juden für Handel, Gewerbe, Industrie des Landes gar nicht in Bettacht genommen sind? Oder gar. darin, daß die Juden von der Landespolitik gänzlichausgeschaltet sind?-Denn daß die 4 sage, schreibe, lies vier jüdischen Landtagsabgeordneten, von denen drei den Handelskammern angehören und nur der einzige Dr. Fruchtmann dem Stadtbezirke Sttyi, für die Berttetung der Juden im Landesparlamente, keinerlei Bedeutung haben und angesichts der 151 Mitglieder des galizischen Landtages auch keinerlei Bedeutung in Änspruch nehmen können, bedarf wohl keiner Begründung. Gerade ein Vorkommnis der letzten Tage, eine Landtagswahl in' einem Städtebezirke Galiziens, ist geeignet, . zur Zurückhaltung int Lobspenden an die Polen zu erziehen. In Kolomeä Eleazer I — Der Held des Romans, der Jdealmensch, der Prophet, der einen neuen Himmel und eine neue Erde kündet, der moderne Priester, der neuen Göttern opfert! ... Es ist eigentümlich: Heijermans kann keine gesunden Menschen zeichnen. Menschen, deren Geist verkommen und deren Herz in Gefühllosigkeit erstarrt ist, Menschen ohne Gedanken und ohne Willen, . die von innen und außen verfault sind, versteht er kinematographisch festzuhalten. Er zeichnet sie mit einer Meisterschaft, die wir bewundern, obgleich wtt sie von künstlerischem Standpunkt aus nicht anerkennen. Menschen dagegen mit einem Innenleben, .Menschen, die Gedanken haben, die etwas wollen, die höhern Zielen nachstreben, behandelt er wie ein Stümper. Er fördett Figuren zutage ohne Leben, ohne Fleisch und Blut, ohne Realität — Schemen, an deren Existenz wir nicht glauben können. So Eleazar in Diamantstadt, Rafael in Ghetto, Petruschka in Ahasver. Eleazar, der Apostel einer neuen Weltordnung, ist nichts mehr als ein Müßiggänger, der nichts befferes zu tun. findet, als Bettachtungen über die Nase der blinden Tante Reggie anzustellen, in den schmutzigen Sttaßen, die Hände in den Hosentaschen, herumschlendern, die Schornsteine zu begaffen, die stinkenden Dachrinnen zu untersuchen und an jedem Misthaufen „nachdenklich" zu verweilen. Das Schönste ist, daß dieser Gedankenmensch nicht denken kann. Fängt er an zu reflektteren, so kommt immer recht unsinniges Zeug heraus. In der Unterredung mit Podöy spricht er dumm, in der Auseinandersetzung mit dem Unterrabbiner Druif zieht er den Kürzern. Eleazar kommt aus der neuen Welt. Er war in Chikago gewesen; in Brooklyn hatte er in einem Krankenhags gelegen und dort hatte er auch Dostojewsky gelesen und Spinoza studiert. Spinoza „trug ihn in .jene Höhe, wo für Menschendreck (ein Heijermans'scher Ausoruck!) kein Raum ist". Viel Weisheit scheint er aus diesen. Büchern nicht geschlürft zu haben. Die Vermutung liegt nahe, er habe sie nicht verstanden, sonst könnte er nicht über den Judengött in solch abfälliger Weise urteilen, wie: „Dieser.Gott war nichts als ein Sinterklaskuchen "(Weihnachtskuchen?!), war einer, der herumsauerte und fluchte — war ein elendes Menschenmachwerk .— war ein Tyrann, der einen wie einen Hund verwünschte, .wenn man ihn nicht leiden mochte — war ein possierlicher Polterer usw." So urteilt unser Philosoph, der Spinozist und Dostojewskyloser Eleazar! — — Vier Heldentaten verübt unser '„Held".. Am Tage nach der Rückkehr in seine Heimatstadt, als er die Schwelle des Hauses der blinden Tante bettitt, vollbringt er die erste „Heldentat": er kratzt mit den Nägeln die Mesuso von dem Türpfosten und schleudert sie dann in „die stinkende, dunstig grünliche Gracht, wo sie zwischen den aufquellenden Fäulnisblasen,'neben dem gedunsenen Kadaver eines Hundes und den Dreckklumpen versinkt". . ... Durch solche Kinkerlitzchen reißt man keine Götter vom Himmel. Ilebrigens steckt hierin ein hoher Grad von Gemütsrohheit, armen Leuten ihre Heiligtümer zu rauben, bevor man ihnen etwas besseres geboten hat! — Die zweite '„Heldentat" ist die Beteiligung an dem Leichenbegängnis von dem Kinde Suikerpeers. Der Regen strömt heftig hernieder. Ein pfeifender Wind fährt die Häusermauern entlang. Langsam bewegt sich der Leichenwagen. Die Träger, Suikerpeer und Eleazar wandern durch Pfützen, , mürrisch, verbittert und starren vor Kälte. Ein totes Stück Judenelends wird zu Grabe getragen, leblose Stücke Judenelends geben ihm. das Geleite — welche Fülle von traurigen Gedanken vermag ein solches Jammerbild in einem denkenden Menschen wachzurufen! Doch unser Held steckt die Hände in die Hosentaschen, betastet , darin , eine naßgewordenc Schwefelholzschachtel und murmelt wiederholt: Säkerhet-Tändstickor-Tändsttckor-Tändstickor-Tändstickor. . . . Die dritte „Heldentat" ist. seine Ansprache an die stteikenden Diamantschleifer. Das erstemal in seinem Leben spricht er vor einer Versammlung. Er blickt totenbleich nach der gewaltigen Menschenmenge; er bebt, stockt und kann nicht sprechen, Ein Angstkrampf durchzieht sein Gehitn, der Schweiß rinnt ihm an den Schläfen herab. In diesem Angstzustande hat er Zeit und Muße und Geistesgegenwart genug, die— „großgezogenen Beine eines rothaarigen Hundes, seinen rauhen Leib, die wippende Pfote, den Schwanz, den. weißen Atemhauch" zu beobachten. Endlich spricht er einige Phrasen und „tritt 'fassungslos zurück". ...

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