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Neue Zeitung · 1906-12-07 · Heft 14 (7.12.1906) · page 1

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1906
Issue
Heft 14 (7.12.1906)
Date
1906-12-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
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NEUE MsbhsngM jWfche ß Eigentum einer Sozi Erscheint jeden Herausgeber und Chefredakteur: Dr. , Nr. Wien, Freitag den 7. Dezember M6. j. Jahrgang. ' «easMss M LüMMstls«: WleBj Xlfi/1, Stsckimvengasse 17. Sprechstunden des Chefredakimrs . ipid in Administrationssachen: . Montag und Freitag, 7212—Vjl Uhr mittags, II/°, C^ernmgaffe 14. . Telephon Nr. 21803. . . Postsparkassen-Konto Nr. 87.377. Druckerei-Telephon Nr. 4897. MüeMchM. ietät. LreiLag. ®atban Birnbaum. auosnemcatspreire: In Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. L 6.-, Halbjahr. K 3.—, oierrrljähr. K. 1.60, monatlich 60 h. Zm Ausland: Ganzjähr. K 9.—, Halbjahr. K 4.30. Das Abonnement kann mit jeder Nummer beginnen. Einzelnummer in Wien 16 h, außerhalb Wiens im Jnlande 20 h. ZEITUNG , '! Inhalt: L>irg. —.Die mährischen Landtagswahlen. 'Bon Dr. Theod or Haas. — Schlnßbetrachiungen. Von Dr. Isaak §ohn. Heijermans .der Gheitoschilderer (Feuilleton). Von Semucl Meisels. — Wochenschau: Es ist ein Sieg, ein großer glänzender Sieg, deil die^Wener Jüdischnationalen über das versumpfte Wiener Kultusjudentum, davvntrugen— Ein Sieg von großer Bedeutung. Wahltag. Aus den: Parlament. Magyarische Kultur. Dr. .Straucher . in.Budapest. Landtagswahl in Kolomea. Die Dumawahlen und die Juden. Stolypin — Juden« stiimmling. Dr. Schemarja Lewia in' Amerika. Jüdisches Waisenhaus in Jaffa. Berichtigung. —.Aus der jüdischen Oeffentlichkeit: Die Organisation der israelitischcn Neligionsgesellschaft. Von Dr. Gronich. Resultat .der Wiener Kultuswahlen. U. s. w. — Kunst und Literatur. — Herbst. Gedicht von Sch. I. Jmber. — Ch anu k abesche erung. Gedicht von Otto Abeles — Das H an d tu ch. Von M. D. Riwkin. \\v. . Sieg. Wer hätte es gedacht?. Wer wogte auf mehr Zu hoffen als' auf eine bescheidene Minorität? And siehe da, die Wiener Kultuswahlen ergaben eine Minderheit, die der Mehrheit nur mehr um weniges nachsteht, ergaben zwei Stichwahlen; fast Hütte man sogar mehrere gehabt, da einigen Kandidaten, ein paar Stimmen fehlten, um ebenfalls in die Stichwahl zu kommen. . Wer hätte es gedacht, daß der allmächtige Wiener Kultuspräsident, Dr. Alfred Stern nur Mit einer Majorität von 48 Stimmen, also sozusagen nur deshalb gewählt wurde, weil vielleicht die Oppositionen der letzten Wahlstunde an Energie nachließ? Natürlich, wer als altliberaler Seichtling die Einrichtungen des jüdischen Lebens einfach mit den Kirchenemrichtungen der anderen Völker vergleicht — wird nicht begreifen, was da in einer Gemeindestube Großes geschehen könne. Wer aber den weltweiten Unterschied zwischen der jüdischen Gemeinde und der christlichen Pfarrgeweinde erfaßt hat, wird dem falschen Klange des Wortes Kultusgemeinde nicht erliegen. Er wird wiffen, daß es sich da nicht um Kirchenspreugel handelt, in welchen ein paar Seelen mehr oder weniger vor ewiger Verdammnis zu bewähren sind, sondern um die jüdische Gemeinde als den einzigen Herrschastsboden jüdischer Volkskultur. Ihm wird die Arbeit in der jüdffchen Gemeinde als eine gegenwartsv olle und zukunftsreiche, als Arbeit des jüdischen Volkes erscheinen. Und er ^Mrd namentlich die nätional-kültürellc Wichtigkeit einer Gemeinde wie Wien begreifen. Nicht wegen der großen Anzahl seiner reichen Juden. Alle ihre Reichtümer können den Ruhm des Judentums, seinen inneren Wert und seine Bedeutung für die Menschheit nicht mehren. Sondern in erster Linie wegen der großen Anzahl der Gemeindemitglieder, die fast zwei Prozent der Gesamtjudenheit ausmachen. Dann wegen seiner entscheidenden Lage an der Grenze des west- und des ostjüdischen Kulturkreises. Hier oder nirgends wird die Formel für eine freundschaftliche Annäherung der beiden jüdischen Welten gefunden werden müssen. Heijermans. der Ghettofchllderrr. Aon Samuel M e i s e l s (Charlottenburg). II. Es ist bezeichnend für die Art und Weise, wre Heijermans, der Ghettoschilderer, arbeitet, daß er fast zu jeder Schilderung alle ftinf Sinne gebraucht: den Geruchssinn ebenso wie das Tastgefühl, den Gaumen wie das Gehör. Nur das Herz fehlt. Er schließt, nicht gleich den großen echten Künstlern, seine Schöpfungen in sein inneres Herz, er umgibt sie nicht mit seiner Liebe, bringt ihnen kein Mitleid, kein Erbarmen entgegen. Aus Haß und Abscheu erzeugt er sie. Er ist grausamer als das Unglück, hartherziger als die Wirklichkeit. Das ersieht man am besten aus seinem Romane „Diamantstadt". Ich erwähne diese jüngste Schöpfung Heijermans zuerst, weil sie unS über fem Schaffen auf dem Gebiete der Ghettoschilderung den sichersten Auffchluß gibt. Dieses Buch, unstreitig die farbensatteste, zugleich aber auch die schmutzdurchtränkteste Arbeit aus Heijermans Werkstatt, offenbart uns den ganzen Heijer- - mans mit all seinen Vorzügen und Mängeln. Hier merken wir, wo er kann und wo er versagt, wo er tiefer hineinblickt und wo er nur oberflächlich sieht, wo er naturgetreu schildert, wup too er karikiert. - , Der Roman ist auf dem Untergründe eines DiamantschleiserstreikS aufgebaut, der sich in Amsterdam, der Diamarrtstadt, abspielt. Sämtliche Diamantschleifer — mit Ausnahme der Shipsmaker, daß sind Leute, die die kleinen, schwer zu schleifenden Stückchen bearbeiten — sind Juden. Somit ist die ganze Handlung in ein spezifisch-jüdisches Mlieu hineingetragen. Eine fast bis auf nichts zusammengeschrumpste Handlung wird in diesem Romane auf dreihundertachtzig Seiten breitgetreten. Wer die Handlung bildet nicht den Kernpunkt des Romans. Er will uns bloß das große, allzugroße Elend der jüdischen Diamantschleifer in Amsterdam vor Augen führen. Das läßt offenbar keine Handlung zu, weil ihr Leben kein Leben, nur ein Dahinsiechen, ein Verdorren und Verkümmern ist. Der Roman erschöpft sich in übermäßig detaillierten Schilderungen, die teils faszinierend, teils abstoßend wiÄen und in langatmigen Dialogcr., , ie sich wie stenographische Protokolle lesen. Wie jeder soziale Roman, ist auch „Diamantstadt" eine Anklageschrift. Eine Anklageschrift mst verkehrter Tendenz, da diesmal nicht dem Unterdrücker, sondern dem Unterdrückten, nicht dem Peiniger, sondern dem Gepeinigten alle Schuld zugeschoben wird. Ihr Sklavenseelen, ihr haust wie die scheußlichsten Tiere in stickigen und stinkenden Höhlen, chr verkrüppelt und versumpft und geht zugrunde in euerem eignen Schmutze, aber es geschieht euch recht, denn als Juden verdient ihr der Menschheit Verachtung. Ihr seid verwahrlos weil ihr die jüdischen Gebräuche beobachtet, ihr seid vertiert, well ihr vom Jndengott nicht lassen wollet. Es ist ein Sieg, wie auch immer die Stichwahlen ausgehen werden. Es ist ein Sieg auch wegen der großen Kampfenergie, die ausgebracht wurde, ihn zu erkämpfen.^ Die zionistische Parteileitung, die übrigen oppositionellen Gruppen, die zionistische und sonstige nationalistische Jugend haben sich mit Ruhm bedeckt. Es ist ein Sieg, wenn auch noch nicht ver volle. Und der volle nicht etwa deshalb nicht, weil nicht gleich alle Mandate erobert wurden. Etwas anderes fehlte zum vollen Siege. Und das sei hier offen ausgesprochen: Erstens hätte die Geschloffenhell derjenigen, die gegen die Kultusgcmeinde zu kämpfen hatten, noch gesteigert werden können. Und dann, was nicht unsere Schuld ist: Zu groß ist die Zahl der Wahlenthaltungen, zu klein die Ziffer der Wahlbeteiligungen. Freuen wir uns des Sieges, aber streben wir mit unserer ganzen Tätigkeit in wahlenloser Zeit noch größeren Siegen zu. Streben wir nach nationalen Kampfeinheiten ohne Lücke und arbeiten wir füreineErltuchtung und' Erweckung der Waffen, für die Erhöhung ihres Interesses an jüdischen Dingen. Denn wahres und wirkliches Interesse an jüdischen Dingen läuft im Wesen immer und überall auf jüdisches Leben, auf nationale LebensundGesinmmgstüchtigkellhinaus! Freuen wir uns, aber gehen wir sofort an die Arbeit! Die mährischen Knndtngswnhlen. Bon Dr. Theodor Haas (Brünn). Die Konstituierung des mährischen Landtages ist zum größten Teile bereits erfolgt. Denn Deshalb traf euch auch all das Unheil ... So ungefähr räsonniert Heijermans. Er stellt die Pyramide auf die Spitze. Er verkennt den wahren Charakter des Judentums. Die jüdische Religion, die jüdischen Gebräuche haben den Inden durch Jahrtausende gesund und frisch erhalten und stets, wenn Feinde sein Blut ausgesogen hatten, ihm neue Lebenssäfte zugeführt; vor allen: .hat die jüdische Religion dem Juden eine immer frische Beweglichkeit des Geistes verliehen. . . . Die „Jüdischkell" sei schuld an dem Unglück der Diamantschleifer in Amsterdam! — Wo in aller Welt ist denn die-lebenzerstörende Jüdischkell in den Häusern, im die uns Heijermans einführt? Ich suchte sie und — fand ~ sie nicht. Wer von Heijermans Judentypen ist Jude? Ist es der ewig fluchende David? der beulenbehastete Poddy? der schachernde Druff? Ist es vielleicht Suikerpeer, der bei der Leiche seines Kindes brüllt und kreischt, well — ihm „eine Partie roten Kohls durch die muffige Zimmerlust verdorben wurde", und der auf dem Begräbnis seines Kindes sich mit den Leichenträgern über das Wetter unterhält und ihnen im weinerlichem Tone die Geschichte von dem Kohl erzählt?-Es scheint, die von den sozialen Mißständen und Unterdrückungen hervorgerufene Not habe wie ihren Körper und chren Geist auch ihre Jüdischkell vernichtet. . . . Mll der Mesuso, die der „Freigeist" Eleazer von dem Türpfosten herunterreißt, verschwindet der letzte Rest der Jüdischkeit aus dem Hause dieser Sippschaft.

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