Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 13 (30.11.1906)
- Date
- 1906-11-30
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Neue Zeitnng Werkzeug gegen das ruthenische Volk mißbrauchen zu lassen. Jüdischnaüonale Kandidaturen in Ostgalizien sind eine unaufhaltsame Notwendigkeit, die gleichzeilig die beste Garantie ihres Erfolges Die Hoffnung aus einen jüdischen Klub im Parlament ist gerechtfertigt. Wem sollten sich die '.Juden sonst anschließen? Die3iuthenen verlangen sie nicht. In der polnischen Volkspartei, die nur die Jntereffen der Landbevölkerung vertritt, haben sie nichts zu suchen. Im neuen, klerikalen Polenklub würde es sogar Leuten mit so dicker Haut wie die heutigen Polenklubjuden ungemütlich werden. Das Los der Juden ruht in ihrer eigenen Hand. Möchten sie nur das Eisen schmieden, so lange es heiß ist! Ernst Licht. Wochenschau. Der Antisemitenführer Prinz Alois Liechtenstein und Landmarschall von Niederösterreich. Süh«Predigt des Dr. David in Men. Starke Wahlbewegung anläßlich der Wiener Kultus- Wahlen. Die russische Regierung stellt sich wieder judenfreundlicher. Erleichterungen werden iu uahe Aussicht gestellt. Ans dem Parlamente. Die Wahlreform macht Fortschritte. Da aber leider der Polenklub in unserem Parlamente noch - immer sehr viel zu sagen hat, hat er es endlich durch die ewigen Ausnahmsbestimmungen, die er für.Galizien durchsetzte, dahin gebracht, daß die Ruthenen erklärten, die „schmachvollen Beschlüsse" nicht anzuerkennen und fortab allenVerhandlungen über die Wahlreform wegzubleiben. Wgeordneter Profeffor R o m a n c z u k gab eine scharfe Erklärung ab. Die „Arbeiter-Zeitung" ist natürlich nicht zufrieden, —wenngleich sie, da es sich nicht um nationale Juden, sondern um nationale Ruthenen handelt; ihren Tadel in die sanftesten Worten kleidet. Allein, die Ruthenen werden wohl wffsen, was sie tun. Eine Sühnpredigt des Dr. David. Vorigen Freitag abends predigte Herr Dr. David wieder in der Leopoldstädter großen Synagoge. Es sei gleich von vornherein gesagt, daß es diesmal eine sorgfältig ausgearbeitete und wirkungsvolle Predigt war. Wirkungsvoll durch den feierlichen Ton der, man möchte fast sagen, Abbitte'. Dr. David schwor, auf die Bundeslade weisend, daß er alles nur im bestem Sinne gemeint hohe. Me könnemanglauben, daß erals konservativer Rabbiner die gaüzischen Juden, aus welchen die größten jüdischen Gottesgelehrten hervorgegangen seien, schmähen werde? Er gedachte jener galizisch-jüdischen Familien, die dem Judentum eine Reihe von großen Männern auf allen Gebieten geschenkt haben. Das alles klingt ja natürlich ganz anders als das erstemal. Doch wir wollen den Widerspruch jetzt nicht weiter untersuchen, vielmehr der Freude Ausdruck geben, daß Herr Dr. David seinen Fehler einsieht und ihn nach besten Kräften gutzumachen sucht. Und auch dessen wollen wir uns steuen, daß wir redllchen Anteil an dieser Wandlung, haben. Wir mußten etwas unsanft sein, aber es hat genützt. Nun, aber noch Eines! Und zwar nicht mehr cm die Adrefle des Herrn Dr. David, sondern an die des Herrn Dr. Stern. War es notwendig, daß die Sühnepredigt gerade am Freitag vor der Wahlwoche gehallen wurde? Hätte sie nicht taktvoller eine Woche früher oder eine Woche nach den Wahlen gehalten werdW können? Herr Dr. Stern hat die ganze galizW-jüdische Aktion als ein Wahlmanöver der Opposition hinstellen wollen. Bangt ihm nun gar nicht davor, daß' sich irgend ein steimütiger Bttind auftun und ' chm zurufen könnte: Wie, Sie mißbrauchen Synagoge und Kanzel zu Wahlmanöverzwecken? Und haben den Mut, eine reine, in ihren Mottven und letzten Zielen selbständige Bewegung zu verdächtigen? Zur Affaire Dr. Fink. Wien, den 27. November 1906. Offener Brief an den Herrn Dr. Alfred Stern, Präsident der israel. Kultusgemeiude Wien. Sehr geehrter Herr Präsident! Zn der gestern im „Hotel zur Post" tagenden Wählerversammlung war auch meine Angelegenheit Gegenstand der Erörterung. Wenn Sie auch, wle mir berichtet wurde, gegen die Richtigkeit der in zwei hiesigen jüdischenBlättern abgedruckten Interpellation des Hern: Kultusvorstehers Hermann Ellbogen nichts zu erwidern hatten,' so konnten Sie nicht umhin, Jhr^Bedauern darÄer auszusprechen, daß Ran eö nnierlasftn hatte, derselben die darauf Ihrerseits erteilte Beantwortung beizusügen, welche den Erfolg hatte, daß nicht nur sämtliche anwesende Borstandsmi:- glieder,.sondern auch der Interpellant selbst es für durchaus gerechtfertigt fanden, daß mir die Befähigung zum Ncugionslehrer aberkannt worden ist. Da die mir.von zuständiger Seile gewordenen Jnforniationen gerade im entgegengesetzten Sinne läuten, bitte ich Euer Hochwohloeboren im Interesse der Wahrheit, des Rufes der Wiener tultusgemeinde, wie endlich in dem meiner eigenen Person, hinter deren Rücken die Maßregeln getroffen wurden, ebenso höflich als dringend, um die gefällige Beröffentlichung des Protokolls jener Vorstandssitzruig, in welcher der obgedachte Beschluß zustande kam, als auch jener Sitzung vom 7. Oktober d. I., in welcher derselbe Beschluß Gegenstand einer Interpellation war. . Mit 'Sem' Ausdrucke vorzüglicher Hochachtung- Rabbiner Dr. Daniel F i u k. Eine beispiellose Roheit. Einer von denen, die das Judentum als eine Schmach empfinden, nachdem sie ihre Eltern durch die Ausübung guter jüdischen Tugenden, ■ als da sind: Fleiß, Sparsamkeit und Ausdauer,, als reiche Menschen ins Leben gesl ' haben, hat sich kürzlich in brutalster Weise benommen: < ist dies Herr Oscar Hofmann, Direktorder „vereinigten österr. Gelatine- und Celluloidwaren-Fabriken", IX., Spittelauergasie 6—8, der ein armes jüdisches Mädchen, welches buchstäblich tagelang auf Entscheidung ihrer Bllte, Arbeiterin ausgenommen zu werden, wartete, barsch schrie und ausrief, man möge ihn in stttche lasten, ob er denn die ganze „Mischpoche" beschäftigen soll.' Der Name des Mädchens, das fassungslos in Tränen ausbrechend stehen blieb, sowie Namen von Zeugen dieser Szene, sind uns bekannt. Den, Reserve-Lieutuant, Herrn Oscar Hoftnann, der sich einem Weibe gegenüber deshalb, weil sie eine arme Jüdin ist, so sehr der Ritterlichleit begab, sei erinnert, daß seine Ahnenvor Zeiten im Ghetto ebenso von solchen jungen „goischeu Lasten" wie er einer sich zu sein bestrebt, getreten worden fmk Wirwollen diese Art und Weise von Benehmxn gegen ein arbeitsuchendes jüdisches Mädchen hiennt oer Öeffentlichkeit zur Kenntnis bringen. - '1. Ged. Ben Zion. Einer aus der Knltuskurie der Höherbesteuerten. Der Wiener Rothschild hat zum großen Teil die Wahl des Antisemiten Dr. F r e i ß l e r zum mährischen Landtagsabgeordneten auf dem Gewissen. Seine Beamtenschaft trieb namentlich die Hüttenarbeller — die sie übrigens ttotz ihres Tschechen- und Polentums in den deutschen Kataster sich einzutragen zwangen — und die Nordbahnarbeiter für den antisemitischen Kandidaten' zur WahlurntzHWarumnimmt sich aber Rotschlld lauter deutschnationale Beamte und schafft so einen anüsemiüschen.Machtkomplex — von dem Unrechte gegenüber den jüdischen Ämtswerbern abgesehen! Und er weiß von alledem! Im übrigen ist „es auch bei Baron Guttmaün nicht besser. Es. ist traurig aber wahr: Verirrt sich einmal ein Jude in das Beamtercheer dieser jüdischen Barone, dann muß er schließlich den antisemitischen Anmaßung seiner Kollegen weichen. Ja, die Höherbesteuerten! Ungarischer Chauvinismus und Antisemitismus. Die sich immer tviederholende Tatsache, daß der nationale Chauvinismus den Antisemitismus zeitigt, kann man jetzt wieder in Ungarn konstatieren. Zu gleicher Zell, wo der Minister des Innern, Graf A n d r a s s y,nüt der Aufhebung des ohnedies nur auf dem Papiere stehenden Nationalitätengesetzes droht, d. h. die deutsch-slawischrumänische Bevölkerungsmehrheit für vogelstei erklärt, fordert ein Abgeordneter der magyarischchauvinistisch-klerikalen Koalition Maßnahmen gegen die Ein wand erunggalizischerJuden in Ungarn. Anstatt aber dem in Ungarn um sich greifenden Antisemitismus das Augenmerk znzüwenden, setzen die ungarischen Juden die Politik der Unterstützung des wahnwitzigsten nur der klerikalen Reaktion die Wege ebnenden magyarischen Chauvinismus fort. Heute ist die n i ch t magyarische Nationalitätengruppe die einzige moderne demokratische Fiktion des - ungarischen Reichstages,, während die magyarische Majorität und die jetzige Regierung reaktionär bis in die Krwchen sind- . , Das zeigt wieder einmal die ebenso jesuitische, wie die Furcht der magyarischen Chauvinisten vor einem föderalistischen Systemwechsel verratende Rede des Grafen Andrassy. Es ist äußerst symptomatisch, daß in Ungarn, angesichts der dort tagenden Delegationen, dieses Zerrbildes eines sogenannten Reichsparlamentes, der ungarische Minister des Innern gegen „Gro ß ö sterr e i ch" und das -diesbezügliche in Ungarn verbotene Buch Aurel Popovicis polemisiert und den Abgeordneten der nichtmagyarischen Nationalitäten vorwirft, daß auch ihr letztes Ziel das national-förderative Großii st e r r e i ch ist. Derjenige aber, der dem Minister sekundiert, selbst in der Bekämpfung der gerechtesten Forderungen der Deutschen, Slawen uni Rumänen, ist der jüdische, der demokratische Abgeordnete Dr. Vaszoni!! . Wahrlich, die ungarischen Juden, die dem albernen Geschrei der magyarischen Chauvinisten, über angeblichen „Hochverrat" der Nichtmagyären an der ungarischen Staatsidee zujubeln, begehen elbst einen Verrat an ihrem eigenen jüdischen Volke.. Gerade dieses, welches für sich die freie Entfaltung der eigenen nationalen Individualität fordert, muß für die nationale Autonomie aller Volksstämme in Zis- und Transleithanien eintteten. Wann aber werden, die ungarischen Jude« wieder Juden werden? Zum Kapitel: Sonderstellung Galiziens. Rzeszow, 26. November 1906. Die selbständigen, nationalpolitischenRegungen der galizischen Judenschaft provozieren seitens der galizischen politischen Behörden die schärfsten Kepressivmaßregeln. Die au blinde politische Gefolgschaft der Juden gewöhnten polnischen Machthaber scheuen vor keinem Mittel zurück, um jede' Aktion der Nationaljuden, mag sie auch nicht mit der mnerpolitischen Betätigung im Zusammenhang stehen, zu paralysieren, im Keime zu ersticken. Die auf die jahrzehntelange Schlachzizenwirtschast zurückzuftihrende Atmosphäre der administtativen Willkür läßt die Vorsichtsmaßregeln zu Gesetzesverletzungen, ja Verfassungsbruch ausarten. Es erging, wie wir aus autoritativer Stelle erfahren, seitens der galizischen Statthalterei an alle galizifchen Bezirkshauptmannschaften die Ordre, die Tätigkeit der zionistischen Vereine streng zu über-, wachgn. Es wird seit einigen Monaten prinzipiell kein einziges zionistisches Vereinsstatut genehmigt. Auch die' Rzeszower Zionisten bekommen den Kurswechsel empfindlich zu fühlen. Den Vereins-. Präsidenten wird vom Kommissär angedroht, daß bei dem belanglosesten Uebergriff mit sofortiger Auflösung der Vereine vorgegangen und das Präsidium gerichtlich zur Verantwortung gezogen werden wird und hoffentlich werden in Bälde die Vereine auch bei den Ausschußsitzungenden Kommissär zu Gaste haben. Und zwar ohne Rücksicht darauf, daß das Gesetz die Anwesenheit des Regiernngsvertreters bei diesen Sitzungen dirett ausschließt. Denn für unseren Kommissär, einen gewissen H. Stanislaus Bilinski, existiert das Gesetz überhaupt nicht. (Es möge ■ dahingestellt bleiben, inwieweit dieses Gebühren auf die mala üäes und inwreferne auf die magna iuris ignorantia zurückzuführen ist). Dies möge folgender Vorfall illustrieren: Die hiesige zionistische Jugend beabsichtigte Samstag, den 10. d. M. eine Theodor Ferzl-Feier zu veranstalten. Das rechtzeitig, an »ie Behörde eingebrachte Gesuch wurde im letzten Momente znrückgewiesen und'zwar mit der kurio- . fett Begründung, daß man den Zweck, für den der eventuelle Reingewinn verwendet werden . sollte, nicht angegeben habe. Bekanntlich spricht das Gesetz vom Zwecke, Thema der Versammlung. Es blieb den Veranstaltern ^nichts übrig, als sich unter den Schutz des § 2 des Vereinsgesetzes, der einem jeden Bürger gestattet, eineauf geladene Gäste sich beschränkende Versammlung einzuberufen, zu flüchten und die Feier in diese Form zu kleiden. Leider war eS nicht beschieden, sich bei dieser Gelegenheit der staatsgrundgesetzlich gewährleisteten Rechte zu ebenen. ES erschienen nämlich zwei Polizisten, die im Aufträge des Polizeiinspektors erklärten, die Abhaltung der Versammlung unter keinen Umständen zulassen zu dürfen und bei eventuellen musikalischen Produktionen mit Konfiskatton der Instrumente' Vorgehen zu müssen. Man hat unter diesen Umständen von der Veranstaltung Abstand nehmen müssen, und selben auf den nächsten Sonntag verlegt. Doch, der Leidensweg war nicht zu Ende! Es erging wiederum an die Veranstalter die Aufforderung, den Wortlaut der Eröffnungs- und 'Festrede vorzulegen. Die persönliche Intervention beim Kommissär in der Richtung, er möge sich, mit dem Texte begnügen/blieb fruchtlos,' er beharrte aüf dem Wottlaut. Angesichts dessen wurde beschlossen, auf die Veranstaltung überhaupt zu verzichten. Wir erachten es aber zugleich als eine Bürger- und Ehrenpflicht gegen das Vorgehen öffentlich Protest zu erheben. Man > wird in dieser Angelegenheit, da. sie für die jetzigen galizischen Verhältnisse geradezu'typisch ist, eine Interpellation zu vercm-