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Neue Zeitung · 1906-11-30 · Heft 13 (30.11.1906) · p. Seite 3

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1906
Issue
Heft 13 (30.11.1906)
Date
1906-11-30
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 13 Neue Zeitung jagen lassen, sondern zu denjenigen, welche.sagen: Nicht, wir wollen, aber wir müssen warten; selbst wenn man sicher ist: Das allgemeine Wahlrecht, der Sturm wird selber wieder verjagen, was er zusammenballte, selbst dann kann man sich eines dumpfen, stummen Unbehagens nicht erwehren. Und wer ein Mann der Tat ist, in dem muß dieses Unbehagen, oder gar öiefe quälende Besorgnis den Wunsch nach Wehre, nach Abwehr, «uslösen. Und dieser Wunsch wird sich nach zwei Richtungen ausleben. Nach, außen, um neue, vernünftigere Beziehungen zu den Völkern zu setzen, «ls bis jetzt bestanden; nach innen, durch festen Zusammenschluß, durch inneren Aufbau und /Ausbau. Wollen wir für heute die eine Richtung notwendiger Tat beiseite lassen, und nur die andere betrachten: Die nach innen gehende! Dürfen wir da .den Wiener Kultuspräsidenten nicht fragen? Sie ahnen eine schlimme, nächste Zukunft für «ns, was wollen Sie, der sie ja ohne Zweifel zumindest Eines sind, ein Mensch von Willen und Tatkraft, was wollen Sie da nach innen, fiir den Zusammenschluß, für den Aufbau, "fiir den Ausbau tun? Und wenn er nicht zufällig auf die Notwendigkeit eines großen Wiener Repräsentationstempels Hinweisen wird—auch darüber ein anderesmal — wird er wohl antworten müssen: Ich will Euch vor dem allgemeinen Wahlrecht in der Kultusgemeinde behüten. ... Dürfen wir mit dieser Antwort zufrieden sein? Sollen wir uns nicht klar werden, was sie eigentlich bedeutet? Daß sie uns den Ersatz des Schadens raubt, den uns das allgemeine Wahlrecht im Staate in der ersten Zeit zufügen muß? Von allen Seiten dräuen die Feinde. In klerikaler und nationaler Rüstung ziehen sie heran, alle durchs allgemeine Wahlrecht gestärkt. Und wir verschmähen unser allgemeines Wahlrecht, bas uns zu einer starken Kultur- und Kampfeinheit zusammenschweißen kann, das uns die Kraft zum Ueberwintern geben kann, bis das allgemeine Wahlrecht der Allgemeinheit sommerlich wird? Wir sollen uns von Herrn Dr. Stern und ^seinesgleichen einreden lassen,. - daß unS das allgemeine Wahlrecht nicht taugt: Daß dann Sozialdemokraten in die Kultusstube kommen werden. Ein Märchen, zu plump ersonnen, als . daß man die Absicht nicht merken sollte! Die gläubigen Sozialdemokraten würden nicht schaden, und die ungläubigen-kommen nicht. Und übrigens machen sie alle zusammen nicht die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung aus. Oder sollen wir uns von dem Vorhalt imponieren lassen, daß das allgemeine Wahlrecht, in keiner Kultusgemeinde der Welt eingeführt ist. Umso schlimmer für uns und unser Volk. Mcht umsonst ist es so ohne Mark, nicht umsonst ist es so ans Bevormundetmüde"; die Augenlider sind hochgezogen wie „fahle Jalousien in rumpeligen Straßen"; der Kopf steht etwas schräg, wie verdorrend, zu schwer „für den dünnen Hauthöhlenhals"; der Mund steht siech offen wie „ein schwarzer Keil querüber den Kinnbacken"; die pergamentartig ausgemergelte Haut des Halses sieht aus wie „totes Gehänge alter Fledermäuse". Wahrlich, ein Zug ins Ueberhäßliche!....■ Freilich, Heijermans verfügt über nicht zu unterschätzende schriftstellerische ' Qualifikationen. Er besitzt eine seltene Beobachtungsgabe. Das Kleinste und Unscheinbarlichste entgeht nicht seinem scharfen Blicke. Wenn dichten sehen heißt, so ist Heijermans ein Dichter, denn er sieht vortrefflich. Eben dieses scharfe, allzuscharfe Sehen, dieses Beobachten der bloß äußerlichen Konturen eines Gegenstandes, statt ihn in seiner Ganzheit zu erfassen. Er analysiert, zergliedert, zerfasert, zerstückelt jedes Bild bis in die kleinsten Teilchen, weil er nicht das Ganze, sondern die einzelnen Teile des Ganzen sehen kann. Der Gesamteindruck geht deshalb bei ihm verloren. 'Seinen Architekturformen fehlt die Symmetrie, seinen Landschastsbildern die Harmonie, seinen Milieuschilderungen die Einheitlichkeit, seinen Menschen — das Innenleben. Miniaturbilder auf einem großen Karton zusammengeleimt und unter einen Rahmen gebracht, bilden noch lange nicht ein einheitliches Gemälde. Ihre Einheitlichkeit macht der Rahmen aus. Zuweilen gelingt es Heijermans, ein zierliches, entzückendes Bild zu entwerfen, wie beispielsweise bas echt Nnstlerisch dargestellte Interieur, wo die alte blinde Tante Reggie im Lehnstuhl sitzt und werden gewöhnt. Es ist nirgends! nun, dann soll es bei uns zuerst sein, — bei uns, die wir ja schlimmen Zeiten entgegengehen und es am notwendigsten brauchen. Und wenn Herr Dr. Stern keinen Sinn hat für diese Ehre, die Ersten zu sein, wir haben ihn müssen und ihn so lange betätigen, bis wir am Ziele sind. OaLtziana. Das Verhältnis der . Polen zu den Juden beruht auf einer bewußten Lüge. Täglich sehen sie, wie die jüdische Masse ihr eigenes Volksleben lebt, wie sie sich von der polnischen Bevölkerung durch ihre Eigenart, durch ihr ganzes Wesen, durch Religiondurch Tracht und Sprache, durch Gewohnheiten und Sitten unterscheidet. Trotzdem gibt es noch keine polnische Partei, die die jüdische Nationalität anerkennen würde und trotzdem entblöden sich nicht die polnischen Politiker und die polnische Presse, die Juden als Polen zu bezeichnen. Die Entsetzlichkeit dieser Lüge offenbart sich aber erst recht, menn man bedenkt, wie sehr sich die Juden von den Holen gesellschaftlich nnd wirtschaftlich zu separieren bestreben, welche Menge Haß sie unseren Fähigkesten, welchen Widerwillen sie allem was jüdisch ist, entgegenbringen. Bei keinem Volke ist die Scheidung von den Juden so vollständig, wie bei den Polen, von keiner Kultur sticht die jüdische stärker ab, als von der polnischen. Wiesoll man sich da nicht hinreißen lassen und es nicht als böswillige Charlatanerie bezeichnen, wenn die Polen die Juden sich zuzählen, wo dies ihren selbstsüchtigen Zwecken dient, wo sie, es gegen das benachbarte „slawische Brudervolk", wo sie es als Hammer zum Losschlagen auf den ruthenischen Amboß verwenden können. Nur den einen Trost haben wir, daß diese erstickende, unerträgliche Atmossphäre durch die Politik der Schlachzizen verursacht wurde, die in der Zukunft anderen den Platz zu räumen verurteilt sind. Allerdings werden ihre bösen Taten fortzeugend noch manches Böse gebären, aber die Revision des Verhältniffes zu den Juden werden sie nicht mehr aufhalten. Schon durch die nächsten Wahlen auf Grund des allgemeinen Wahlrechts, wird sich das politische Blld Galiziens gründlich verändern. Der Polenklub, der im jetzigen Privilegienparlament nur durch die Zahl der Mitglieder und nicht durch das politische Talent seiner Führer eine hervorragende Rolle spielt, bietet schon heute ein wahres Jammerbild. -Die Schlachzizen empfinden schon, daß neben dem klerikalen Stanczykenklub ein fortschrittlicher sich bllden wird, der den Schlachzizen das ausschließliche Recht, das polnische Volk zu repräsentieren, streitig machen wird. Auf Schritt und Tritt möchten sie daher schläft (Diamantstadt) oder die grandiose Gewitterszene vor der Fabrik (ebenda). Bald regt sich jedoch n ihm der alte Naturalistfanatiker und er häuft Farben auf Farben, dunkle, schmierige, bis er das schöne Bild endgiltig verwischt hat. Man erzählt von einem bedeutenden Maler, daß er seinen fertigen Bildern durch einige sichergeführten markigen Pinselstriche erst die richtige Vollendung, den echten Glanz, die natürliche Lebendigkeit, den wirkungsvollen Ausdruck zu geben pflegte. Heijermans als Ghettoschilderer verfährt eben so und erzielt — das Gegenteil. Kaum hat er ein wirklich hübsches Bild gezeichnet, so fährt er mit seinem „Pinsel" darüber, verwischt es, verkleckstes, taucht es in eine schmierige Masse, wirft Schmutz und Kot darauf, so daß man nicht mehr weiß, ob.es ein Gemälde oder ein Schmierlappen, eine naturgetreueSchilderung oder eine karikierende Zeichnung ist. Es ergeht uns in solchen Fällen bei Heijermans wie in einem Melodrama Goldfadens: in der rührseligsten Szene, wo wir warm zu werden beginnen und aus unserer Tränendrüse die ersten Tropfen hervorquellen, erscheint äeus ex machina irgend ein Clown, ein Spaßmacher, ein Poffenreißer, der uns durch blöde Spässe und alberne Posten den soeben gewonnenen ernsten Eindruck zerstört, ohne uns in eine echt heitere Stimmung versetzen zu können. Wir bleiben apathisch; wir können weder lachen noch weinen. der Wahlreform ein Bein.stellen und mit einer Feigheit, die jeder Unfähigkeit eigen ist, ziehen sie es wieder zurück. Die Schwächung des heutige« Polenklubs wird auch eine Schwächung der Äoschkopolitik, eine Schwächung der die jüdische» Schichten demoralisierenden „Toiwes"-Polit k bedeuten. Sämtliche antijüdischen Gesetze, die mit Hilfe der heutigen, polnischen Machthaber geschaffen wurden, hatten die Juden erst daun z» verspüren, wenn man sie nicht brauchte oder wenn sie die Gefolgschaft versagten. Brauchte man sie, so ließ man die Schlinge nach, schaute durch die Finger und so schuf man sich willige, machtlose, demoralisierte Werkzeuge, die man zu jeder politischen Untat hinpeitschen konnte. Nun soll die unabhängige Maste zum Worte kommen und der angehäuste Groll wird sich mit mächtiger Kraft entladen. In den Landgemeinden, wo die Juden eine« geringen oder keinen Einfluß auf die Wahle« ausüben können, wird den Klerikalen mit großem Erfolge die Volkspartei entgegentreten, die jetzt im Parlamente nur drei Vertreter hat, welche dem Polenklub nicht angehvren. Die BvlkSpartei, die berechtigte Hofftmng hat, im neuen Abgeordnetenhause einen starken, dann aus mindestens 20 Abgeordneten bestehenden Klub zu bilden, zeichnet sich in der galizischen Politik durch eine anerkennenswerte Ehrlichkeit aus. Das zeigte sich besonders, als ihr Organ, der „Kurjer Lwowski" mit Wärme für die gerechten Forderungen der Ruthenen und für die Vermehrung der Anzahl jüdischer Mandate eingetreten ist. Dank dem proportionellen Wahlrecht in den' Landgemeinden wird es aber auch den Stanczyken und den Klerikalen gelingen, eine starke Vertretung im Parlamente zu erlangen. Mit diesem Faktum müssen die Juden schon heute rechnen, sich beizeiten organisieren und sich rüsten gegen die giftigen Pfeile, die von diesem Lager ausgehen werden. Die allpolnischen Nationaldemokraten werden in größerer Anzahl auftreten. Nachdem sie aber wahrscheinlich nur in den Städten kandidieren werden, so liegt es in der Hand der Juden, diese versteckten gefährlichsten Judenfeinde, die alles Jüdische mit Gewalt ersticken möchten, zum Falle zu bringen. Auch Sozialdemokraten werden sich melden, denen die Stanczyken in dem an Industrie und an Fabriksarbeitern armen Galizien durch ihre brutale/ leichtsinnige Politik eine ansehnliche Partei zu schaffen verhalfen. Es ist zu erwarten, daß die polnischen Sozialdemokraten auf der Suche nach den Stimmen der jüdischen, national gesinnten Volksschichten — wie der mährische Sozialist Schoßnickel — plötzlich finden werden, daß die Anerkennung der Juden als Nation und das Eintreten für die Voll- und Gleichberechtigung dieser nationalen Individualität direkt im Programm der Sozialdemokraten liegen. In diesem Falle wären sie auch als ernste Kandidaten in Betracht zu ziehen. Das bedeutendste Ereignis werden im neuen Parlamente die 30 Ruthenen sein. Nun wird man es laut vernehmen und endlich zur Kenntnis nehmen müssen, daß die Hälfte der galizischen Bevölkerung die Ruthenen bilden, daß die p o lnische Minorität im Lande kein Recht hat, eigenmächtig gegen den Willen der Ruthenen und Juden über die Zukunft des Landes und über sein Verhältnis zur Gesamtmonarchie zu entscheiden. Die Bestrebungen nach nationaler Autonomie werden eine kräftige Förderung erhalten. Mindestens für einen Schein der Gerechtigkeit öffnet sich die Zukunft. Und die Juden? Den westgalizischen wurde jede Vertretung geraubt. Außer in Krakau wird es den 45 Prozent jüdischer Bevölkerung in den westgalizischen Städten nichtmöglich sein, eigene Wgeordnete zu entsenden, wahrscheinlich, weil sie schlechtere Juden sind als die ostgalizischen Juden! Mlenfalls wird es ihnen aber unbenommen sein, unter den Kandidaten zu entscheiden und hiebei ihre Unzufriedenhest und ihren Unmut zum Ausdrucke zu bringen. ' In Ostgalizien müssen die Juden damit rechnen, daß dort die Rutheüen dank der Wahlresorm zur Macht gelangen und froh sein, daß sie keine so agressive Politik führen wie die Polen, daß sie ein Ruthenentum mosaischer Konfession ablehnen und von den Juden nur verlangen, daß sie endlich aufhören, sich von den Polen als

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