Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 13 (30.11.1906)
- Date
- 1906-11-30
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Neue Zeitung Nr. 13 Anden aus dem Osten! Ihr Lebet alle Juden als Euere Brüder! Euch aber hat man bis heute wie Stiefbrüder behandelt. Lange habt Ihr eS ruhig getragen. Nun sollt Ihr es Euch nicht länger gefallen lassen. Einen Schritt habt chr schon gemacht und er hat sofort Früchte getragen. Man beginnt Euere Bruderschaft anzuerkennen! Wer Ihr dürft nicht auf der Mitte des Weges stehen bleiben. Sie ist es, die zweiKand i d a ten aus k u re n Reihen, die wir ihr vorschlugen akzeptierten: Die Herren - Moses Hammer, Stampiglienerzeuger, II., Leopoldsgaffe 6—8 Dr: Josef Zipfer, Hof- und Gerichtsadvokat, I., Woktzeile 11. J»halt: Wahlaufrufe. — Allgemeines Wahlrecht. — Galiziana. Von Ernst Licht. — Heijermans als . Ghettoschilderer. (Feuilleton.) Aon Samuel Meise ls. — Woche nsch a u: Aus dem Parlament. Eine Sühuprcdigt des Dr. David. Zur Affaire Dr. Fink. Eine beispiellose Rohheit. Einer ans der Kultuskurie der Höherbesteuerten. Ungarischer Chauvinismus und Antisemitismus. Zum Kapitel : Sonderstellung Galiziens. Tin sozialistischer Antisemit. Scholem Alejchem in Amerika. — Aus der jüdische nQeffentlichk eit: Stellung der Jsrqelitischen Kultusgemeinde zu de» Staatsbehörden. Von Dr. Groll ich. Bor den Wiener Kultuswahleu. U. s. w. — W iss cns wert es. — Meine alte Freundin. . Don Thekla Blech. — Korrespondenz der Redaktion. An mrsrrr Freunder Das erste Vierteljahr nnserer„NcucnZeitu»g" ist vorüber. Wir dürfen uns rühmen, daß sie sich viele Freunde erworben hat, nnd wollen hoffe«, daß sic weitere gewinne» wird. ' ■ Wir bitten unsere Freunde, dabei mitz«- wirken. Dienen sic damit doch der Sache deS jüdischen Volkes «nd Volkstums, die wir ebenso entschieden als maßvoll vertreten. Am 2. Dezember sind Krtltuswichle«! Eine starke Opposition' hat sich gegen den Kultusvorstand erhoben, gegen diese jüdische Körperschaft ohne jüdisches Herz und ohne jüdischen «eist! Kommet und höret, was diese Eure Kandidaten Euch zu sagen haben. Wir ersuchen die Qnartalsabonnente», ihr Abonnement gütigst umgehend zu erneuern, damit keine Unterbrechung in der Zusendung der Blätter eintrete« Erlagscheine liege» bei. Kommet zu der Sämstag, de» 1. Dezember im Hotel Zentral; II.,. Taborstraße 8 Redaktion und Administration der „Reuen Zeitung" Man sagt, daß der Ausgang der Wahlen von Euch abhängt, daß die Stimmen Eurer Wähler den Wsschlag geben werden. Wollt Ihr Euch nun wirklich so lächerlich machen, daß Ihr denjenigen, die E u ch g e r i n g s ch ä tz e u und vernachlässigen, zum' Siege verhelfet? -. Das darf nicht stein! Ohne Unterschied Eurer religiösen und politischen Gesinnung müßt Ihr für die Opposition stimmen! Sie ist es, die die Berechtigung Eurer Beschwerden anerkennt, und die Einfiihrung des allgemeinen Wahlrechtes für die. Kultusgemeinde durch das Ihr erst zn Worte kommen werdet, fordert. steif getrocknete Wäsche, auf die Latten an den Fenstern — schwarze Betrübnis, schwarz wie die Nacht' unter 'dichtblättrigen Bäumen, schwarz wie Fledermausstug, schwarz wie Sargdecken im Dunkel eines Totenwagens — schwarz wie Schlamm und Schmutz an verwitterten Wänden, an bewachsenen Dachpfannen usw." Ist das etwa ein Bill» der modernen holländischen Malerschule? Würde nicht vielmehr ein solches Bild, statt mit angehäuften pleonastischen Redensarten mit dem Pinsel eines Malers ausgeführt, einen dickschwarzen Farbenklecks ergeben? Heijermans besitzt eine große Vorliebe für das Faule und Stinkende, für das Eklige und bis zum Brechen Erregende. Er kommt aus dem Schmutz und Kehrricht .licht heraus. Das Judenviertel in Amsterdam ist ihm ein „verfaulter Winkel", voll von Schmutz und Gestank; die Häuser sind in dunstige Schatten gehüllt, „verwittert und schmutzig;" die plumpen Dächer sind „bemoost und schmutzig;" die Judenquartiere sind „braun und schmutzfärbig";. das Grün an den Bäumen ist „staubig und. schmutzig"; ja selbst 'öer Himmel erscheint wie ein „milchig trüber Deckel, der über den Giebeln und Dächern liegt". — Ist das etwa holländische Malerei? Und erst seine Judentypen! Me sehen seine Juden und Jüdinnen im Ghetto aus? Da sieht man nur verwittert runzlige, schmierigknochige und willenlosweiche Gesichter mit schmutzigen Stoppelbärten nnd breitbackenknochigen. Köpfen und wässerig kleinen Augen und bräunlich nassem Tabaksmund und dickoffenen Lippen. Sie sind alle stattfindenden DoHrrymammiung Die Tagesordnung ist: 1. Rede des Herrn Dr. Nathan Birnbaum. 2. Vorstellung der oppositionellen Kandidaten. 3. Eventuelles, l Beginn 8 Uhr abends. Kommet, jüdische Brüder! Wien, Ende November 1906. Das galiziscfHüdiscbe IDiltuswaftllwmitee. ohne Ausnahme degenerierte verkommene Individuen, die in Schmutz und Finsternis auferzogen, im ekligen stinkenden Schmutz versumpfen, weil ihnen der innere Freiheitsdrang mangelt. Sie sind weder erbarmungswürdig noch bemitleidenswert. Sie erwecken in uns Ekel und Abscheu. Heijermans Judentypen haben wahrhaftig mit den Gemälden der modernen holländischen. Malerschule wenig gemein. Es genügt, auf den Landsmann Heijermans,^ den berühmten Josef Israels hinzuweisen. Israels malt den Ghettojuden, den hungrigen und verkommenen, mit Liebe und künstlerischem Ernst. In seinen meisterhaften Bildern tritt neben der' äußern Erscheinung auch das innere Seelenleben zum Vorschein. In Heijermanns Schilderungen dagegen sehen wir den Juden nur als Produkt seiner Verhältnisse; aber vom Spezifischen in ihm, was sich in allen Lebenslagen nicht verleugnet, entdecken wir keine Spur. Streiche das Wort Ghetto aus ihrem. MUieu, ändre ihre jüdisch-holländ. Namen, und du kannst den Juden in ihnen kaum erkennen. Denn das Hauptmerkmal des. Juden ist sein geistiges und religiöses Leben; diesem Hauptmerkmale bringt Heijermanns absichtlich oder unabsichtlich kein Verständnis entgegen . . . Er erwähnt es zwar, aber charakterisiert es nicht . . . Heijermans ist der Schriftsteller der Entarteten, der. Dekadenten, der körperlich und geistig Verkommenen; aber er übersieht, daß das Faule in ihren Gestalten nicht in ihrem Blute, das Krankhafte in ihrem Wesen nicht in ihrer Rasse zu suchen ist. Mag sein, Heijermans fand solche scheußliche, Exemplare im Amsterdamer Ghetto, Gorki fand sie unter den AUgememes Wahlrecht. Bei einem' Festmahl, das in der vorigen Woche zu Ehren eines Berliner Gastes hier stattfand, sprach der Wiener Kultuspräsident von schweren Zeiten, die unserem jüdischen Volke in Oesterreich bevorstehen. - Worauf er-damit; anspielte, ist klar. -Mnd in der Tat, es ist schwer, nicht besorgt zu sein, wenn man sieht, wie sich das finstere Gewölk von allen Seiten zusammenzieht, wie es von dem gewaltigen Sturm des allgemeinen Wahlrechts unter seine Fittige genommen, gerade auf uns losti'eibt. Es ist schwer, nicht besorgt zu sein, wenn man den Siegeslauf der von'mächtiger Seite geschützten christlichsozialen Bewegung sieht. Diesen Siegeslauf, den z. B. die Ernennung des alten Antisemiten Minzen Alois Liechtenstein zum Landmarschall von Niederösterreich so deutlich markiert. Und selbst, wenn man nicht zu denjenigen gehört, die sich von der Geschichte ins Bockshorn Barfüßlern Rußlands, wieder ein anderer könnte sie unter den Bauern Galiziens finden. Heijermans hat demnach keine reine 'Judentypen gezeichnet, sondern Menschentypen, Menschentypen, oie nicht durch die Abstammung Farbe und Gestalt erhalten, Menschentypen, die degeneriert, verkommen, entnervt sind durch mißliche soziale Zustände. . ' ■ . .Ja, Menschentypen, vorausgesetzt, daß der Schriftsteller Heijermans nicht absichtlich übertreibt, um unsere Galle zu erregen. ■ Denn gar zu oft gewinnt man den Eindruck, als ob es der Ghettoschilderer Heijermans darauf absehe, durch seine SchUderungen gewisse widerliche Gemütsaffekte beim Leser wachzurusen. Man nehme zum Bei-, spiel das folgendereizende Bildnis" einer Mutter: Es ist Freitag Wend. Die Lichter im Zimmer brennen zürn festlichen Empfang der Sabbatbraut; Lichter auf Leuchtern, ans dem Kamin," .Licht in' der Hängelampe über dem. Tisch. „Das Aroma des Kuchens, der Suppenqualm und der Fettgeruch" durchziehen schwül und schwer die Kachelwärme und den fein drahtigen Qualm von einer der Lampen. - Die männlichen Tischgenossen sitzen in Hemdsärmeln bei Tisch, mit den Hüten auf dem Kopf. Nebenan, ganz nahe an der kupfernen Kachel, hat Mutter Platz genommene Scharf fällt das Licht der Sabbatkerzen auf ihr sorgenvolles schmerzliches Gesicht. . . . Bis jetzt ein ganz nettes Interieur. Nun läßt sich es Heijermans nicht nehmen,, eine detaillierte Beschreibung des „Charakterkopfes" der Mutter, des Judenweibes mit dem sorgenvollen schmerzlichen Gesicht zu geben. Wie sieht sie aus? Die Augen „zwinkern lustlos