Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 13 (30.11.1906)
- Date
- 1906-11-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Unabhängige Milche Aochenlchrm. Ligen tum einer Sozietät. Erscheint jeden Freitag. Herausgeber und Chefredakteur : Dr. Datban VirnbllUM. Nr. ^3. . Wien, Freitag den 30. November ^906. . Jahrgang. Lüsme«eitsprelle: I« Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. X 6.—. Halbjahr. X 3—, Vierteljahr. X 1.60, monatlich 60 h. Im Ausland: Ganzjähr. K S.—.Halbjahr. L 450. Das Abonnement kann mst jeder Nummer beginnen. Einzelnummer in Wien 16 h, außerhalb Wiens im Inlands 20 h. ttcdabtioi nnfl flSttiniltratioa: Wjen, Xlll/1, Stsckhovesgasss 17. Sprechstunden des Cheftedakteurs «nd in Administrationssache»: Montag und Freitag, 7212—‘/jl Uhr mittags, II/j, Czernmgaffe 14. *- Telephon Nr. 21803. Postsparkassen-Konto Nr. 87.377. Druckerei-Telephon Nr. 4897. Aüdircbe /DLtbürger! In ernster Stunde ergeht unser Ruf an Euch! Der 2. Dezember ist der Tag der Kultuswahr; Wir stellen folgende Hauptforderungen auf: „Jeder Jude, der zahlungsfähig ist, soll zur Steuer an die Gemeinde und so zu ihrer Kräftigung herangezogen werden. Doch jeder vollbürtige, seßhafte Jude, welcher — ohne irgend eine Unterstützung von der Kultusgemeinde zu beziehen — sich selbst erhält, soll ohne Rücksicht auf seine Zahlkraft das gleiche Wahlrecht genießen. Nicht länger darf der Gesamtwählerschaft - Wiens von der Seitenstettengasse her eine lange Liste unbekannterdoch^dort genehmer Kandidaten ausgezwungem werden, bezirksweise sollen künftig die 'Kultuswähler 'wohlerprobte Männer ihres . Vertrauens entsenden. ' .. Den' Bezirkskommissionen muß' es '■ ermöglicht «erden, ihren - Arbeitswillen zu-betätigen, ihre Talente zu entfalten-: damit He iw gewissen ' Angelegenheitenihres'Bezirkes/ zumal im arg vernachlässigten Arinenwesen Ordnung - schaffen. Die Wiener Kultusgeineinde soll schließlich allen österreichischen'Schwestergemeinden mit der Forderung nach einepr gesetzlich anerkannten, .nach innen und außen mächtigen ,-jüdischen Reichsverband" vorangehen." Alle diese Forderungen müffen verwirklicht werden, wenn den Zuständen in der Verwaltung der Kultusgemeinde, welche in der letzten Zeit geradezu unerträglich geworden sind, ein- Ende gemacht werden soll. , .. Daß die Kultusgemeinde schlecht verwaltet wird, hat man immer gewußt, über die Nichtberücksichtigung der religiösen Bedürfniffe großer Schichten, der jüdischen Bürgerschaft stets geklagt, daß — während einzelne Funktionäre der Kultusgemeinde glänzende Einkünfte'beziehen — die Masse der Kultusbeamten ungenügend besoldet ist, so daß eine geradezu tmwürdige, an ruffische Verhältnisse gemahnende Bakschisch-Wirtschaft sich eingewurzelt hat — an all das hat man sich — leider — schon gewöhnt. Aber in der letzten, Zeit haben sich Dinge ereignet, welche auch den Gkeichgiltigsten erregen und den unserem Kultüsleben ganz Fernstehenden zur Wahlurne drängen müffen. Wir erheben gegen den Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde in Wien die Anklage, daß er die Ehre des jüdischen Namens preisgegeben und die Wiener Juhenschaft zum Gespött der ganzen Welt gemacht hat: . ' Als r der.Kultusvvrsteher Herr -von Tauffig der.' am Boden, liegendem, russischen. .Regierung das Änlehen. - vermittelte/welchem.- sie. neue Kraft gewinnen und das Blutbad von Bialystok bezahlen konnte, hat unser Kultusvorstand —- sich über die Empörung der gesamten Wiener Judenschast verächtlich hinwegsetzend —. sich mit t“erm von . Tauffig solidarisch erklärt, ihn um ücknahme seiner Demiffionserklärung gebeten, ihn in einer Versammlung der „Union" in Schutz genommen. .. Können Sie als Jude und als Mensch solche Leute in den Kultusvorstand wieder wählen? Nein und tausendmal nein! Selbst wenn sie unser Gemeindeprogramm nicht in allen Punkten billigen, ist es Ihre Pflicht, hinzugehen und für nnsere Kandidaten z« stimmen. Wien, Ende November 1906. Das vereinigte zionistische nnd oppositionelle Wahlkomitee. Kandidaten der Opposition. Die Stimmzettel sind in folgender Weise ansznfüllen: Der weiße (6jährige Mandatsdauer) mit den Namen: Bankier Brecher, XVIII., Pötzlemsdorferstraße 33. ' Dr. Isidor Schalit, IX., Währingerstraße'3. Adolf Böhm, Fabrikant, IX., Hebragasse 4. . Ingenieur Emil Fried, IX., Elisabethpromenade 33. Med. Dr. Karl Poüak, l., Rathausstraße 17. Anton Ster«, Cafetier, XIV., Maria- Hilferfttaße189. . .. . .. Moses Hammer, Stampiglienerzenger, II., Leopoldsgaffe 6—8. Dr. Josef Zipfer, Hofnnd Gerichtsadvokat, I., Wollzeile 11. Der grüne (4jährige Mandatsdauer) mit dem Namen Hermann König, Fabrikant, VII., Seidengaffe 28. Bezüglich der Kandidaten mit Ljähriger Mandatsdauer ist der oppositionellen Wählerschaft die Auswahl zwischen nachfolgenden, vom.Union- Wahlkomitee ausgestellten Kandidaten, denen keine oppositionellen Kandidaten gegenübergestellt werden, überlaffen: Kaufmann Max Frank, Dozent Dr. Josef Pallak, Bankier Leopold Langer, Med. Dr. Hermann Löwi. Herjermrwsder GheLtoschttdsrer. . Bo» Samuel M e i f e l s (Charlottenburg.) Der Zug unserer dekadenten Literaturepoche, deren künstlerische Erzeugnisse mehr an die Sinne, an die groben Jnsünkte, an die gereizten Nerven, als an den Geist und das Gefühl appellieren, ist neuerdings auch in die „Judengaffe" eingedrungen. Der .mit viel Lärm und Gepolter auf den Schild gehobene überschwängliche und krasse Naturalismus hat nunmehr ein Gebiet , betreten, das bis zur Zeit in der: Literatur mit einem gewissen Nimbus umgeben war: ,Das' Ghetto.' Denken wir, zurück an die Ahnen der .. Ghettogeschichte, an jene Dichter und Künstler, die mit Liebe, Pietät und nicht selten auch mit wahrer Meisterschaft das Leben der Juden schilderten-nnd vergleichen wir diese mit dem jüngsten- Ghettöschriftsteller der modernsten Richtung, .so erweckt in uns namenloses Staunen jene Kluft der Empfindungen, die zwischen ihnen gähnt. : Jene sahen den Schmutz und den Kot der „Gasse", allein sie suchten nach den Perlen, die unter ihnen verborgen lagen; sie sahen den faustdicken Dunst- Leis, in den die „Gaffe" gehüllt war, aber sie spähten aus nach dem Lichtstrahl, der sich durch die finstern Ghettomauern mächtig Bahn brach. Der moderne, bloß an dem Aeußeren hastende Ghetto-Milieu-Schilderer dagegen hat nur ein Auge für das Kahle und Abgestorbene, fiir den Schlamm und den Morast, wogegen das Licht in dieser Finsternis, das Schöne in diesem Aeußer- -lich-Häßlichen ihm ftemd bleiben. Jene wagten sich an ein Problem heran, an das Problem der Unverwüstlichkeit und Lebenszähigkeit des Ghettojuden, der allen Widerwärtigkeiten und sozialen Mißständen trotzte; sie kehrten daher das Gesunde und Lebensfähige hervor. Dieser sucht mit geradezu pedantischer Gründlichkeit das äußere Bild festzuhalten; er hastet nur an der Schale, die sein Auge sieht, ohne in den innern Kern zu dringen. Ein oder d er Ghettoschilderer der letzten Kategorie' ist Herman Heijermans. Selbst ein Sohn des Ghetto, unternimmt er es, dieses Milieu, wie er es mit leiblichen Augen geschaut, mit überspannt konsequentem Naturalismus zu zeichnen. Zeichnen! Das ist das richtige Wort für- Heijermans Manier, das. Ghetto zu schildern. Er zeichnet bloß,-er kopiert, treu und gewissenhaft, Seite für Seite, Strich für Strich. Seine Bilder sind gar off ein treuer Abklatsch der Natur, ohne zugleich das Spiegelbild ihrer Seele zu sein. Heijermans Naturalismus ist dogmatisch, eine Art materialistischer Ghettoauffassung. Er schwelgt förmlich im rein Stofflichen. Der Mensch ist ihm nur eine Summe von Fleisch und Blut; er vergißt, daß der Mensch auch ein Hirn besitzt, das eine Summe von Gedanken, und ein Herzdas eine Summe von Gefühlen darstellt. Daher lesen sich denn auch seine Ghettoschilderungen wie kühle, mit kaltem Herzen und noch kälterm Verstände ausgearbeitete Studien eines leichensezierenden Arztes, wie in der Nacht verfertigte Elukubrationen eines grübelnden und düstelnden Stubengelehrten. Heijermans ist ein geschickter Photograph, aber ein schlechter Maler-Dichter, da er weder schöpferisch bildet noch künstlerisch gestaltet. Es wurde behauptet, daß die Ghettoschilderungen Heijermans, des Holländers, an die holländischen Maler der modernen Richtung erinnern. Mit Nichten. Bon einzelnen verirrten Streiflichtern abgesehen, finden wir in Heijermans Schilderungen fast durchwegs keine grauen Nebellichter, keine Rembrartdtschen Dämmerstimmungen, sondern alles, ist grau in Grau, ja schwaiJ in Schwarz — nächtlich . . . Man nehme einmal die folgende Schilderung einer Sackgasse in Amsterdam. „Es war die giftige, »heimliche Finsternis, die nach dem fauligen Wasser zu stolperte und auf das Sackgäßchen und die Häuser und das Wasser und die Wohnungsruinen gegenüber an der Gracht tief schwarze Betrübnis senkte — schwarze Betrübnis auf den Bretterschuppen, auf die verfallende Scheune, auf die