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Neue Zeitung · 1906-11-23 · Heft 12 (23.11.1906) · p. Seite 4

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1906
Issue
Heft 12 (23.11.1906)
Date
1906-11-23
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Neue Zeitung Nr. 12 deutlich genug den geschehenen Fehler gerügt, mehr sei nicht nötig. Der Sprecher der Deputation replizierte. Anfangs wurde die Unterhaltung beiderseits im Tone einer kühlen oder besser mühseligen Höflichkeit geführt. Erst als Herr Dr. Stern die Unterschrift der Herren Dr. Strauch er und Dr. Sein seid auf der Interpellation des Abgeordneten Bretter als eine Schmach für das Judentum bezeichnete und ein Mitglied der Deputatton daraufhin einen scharfen Zwischenruf machte, wurde die Stimmung erregter. Von den Aeußcrungeu des Herrn Kultuspräsidenten wäre besonders zu erwähnenen, daß zur Entrüstung über die Predigt des Dr. David kein Grund vorliege und daß er diese Predigt als eine Entgleisung bezeichnete. Herr Dr. Birnbaum fand die crstcre Meinung vom Standpunkte des Herrn Dr. Stern ganz gerechtfertigt, nicht aber vom Standpunkt der gattzischen Juden, die Kränkung eben fühlen. Und eine Entgleisung meinte er, könne nur dort passieren, tvo das seelische Terrain hiefiir vorhanden sei. Doktor- Stern wußte auf diese Argumente keine Antwort zu geben. Die gegcnseittge Erbitterung war schon sehr hoch gestiegen, als die Deputation das Zimmer des Kultuspräsidenten verließ. Unten, vor deni Haufe der Kultusgemcinde, wartete eine mehrhundcrtköpfige Menge, die mit der Deputation in die Versammlung ging, in welcher Bericht erstattet wurde. (Den Bericht über diese Versammlung finden die Leser unter der Rubrik „Aus der jüdischen Oeffentlichkeit"). Zur Affäre Dr. Fink. Her Dr. Daniel Fink ersucht uns um die Aufnahme folgender berichtigender Zuschrift. In der Sonntags vormittags stattgehabtcn jüdischen Volksversammlung erzählte Herr Plaschkcs eine ihm gegenüber getane Aenßerung des Kultus- Präsidenten Dr. Stern, wonach er mir die Befähigung als Religionslehrer aberkennt. Ich habe es bisher vermieden, meine Angelegenheit vor der Oesfcntlinkcit zu erörtern. Wenn eine hiesige jüdische Zeitschrift jüngst gelegentlich erwähnte, ich hätte mir Dr David gegenüber einen Takifehler zu Schulden kommen lasten, so darf man mir das eine glauben, daß mein zwei Jahre hindurch beobachtetes Schweigen von Erwägungen eingcgebeu war, die keineswegs in das Gebiet taktischer Entgleisungen fallen. In meinem dringendsten Interesse wäre cs ganz, im Gegenteil gelegen, nicht die Oeffentlichkeit zu meide», sondern auch in dieselbe zu flüchten. Soll ich heute etwa der Behauptung des Dr. Stern meinerseits die andere entgegensetzen, daß ich die Befähigung, die er mir aberkennt, wohl besitze? Ich würde mich alsdann mit Dr- Stern auf denselben Boden stellen — eine Veisuchung, die ich weit von mir weisen muß. Ich will mit ihm auf meine Weise abrechncn. Sechs Jahre lang habe ich hier im zweiten Bezirk im Durchschnitte jährlich 300 Mittelschüler iu Religion unterrichtet. Dieser Ruf, den .ich von hier aus an sie richte, muß und wird sie erreichen: Ihr, meine Schüler, denen ich das Teuerste gegeben, was ich besitze, die Ihr jahrelang meinen Religionsunterricht genossen — habet jetzt das Recht, wie die Pflicht, für mich oder wenn ihr es könnt, meinetwegen auch gegen mich zu zeugen l Eine Episode ans meiner Lehrerwirttamkeit kann ich jedoch hier nicht unterdrücken. Hofrat Dr. Mauser, seinerzeitigcr Landesschulinspektor, der zwar kein jüdischer Rabbiner wie Dr. David, dafür aber ein katholischer Geistlicher ist, inspizierte im Jahre 1001 aufs eingehendste meinen Religionsunterricht, er bezeichnete meine Unterrichtswcise nicht nur als eine glänzende — Schulrat Willomitzer kann es bezeugen — sondern erwir.te mir in Anerkennung dessen eine besondere Remuneration von ö0 > Kronen. Einer der Herren Redner bei der Sonntagsversammlung hat die Anwesenden mit der Nachricht überrascht, Dr David sei in Anerkennung seiner jüngsten Kanzelleistungcn zum Direktor der neu errichteten Lehrerp parandie ernannt worden. Seine Befähigung hiezu hat er durch eine große pädagische Enthüllung dargetan, von der er mir und wie auch Herr Professor Adolf Weiß bezeugen kann, auch anderen gegenüber Gebrauch machte. Er meinte angesichts meines Strebens, die Schüler auf rationelle, instruktive Weise in das Verständnis der hebräischen Sprache einzuführen — man müsse durchaus mechanisch unterrichten! Nun weiß man, woher die heftige Erbitterung in unserer Gemeinde gegen das Hebräische stamnit, die in der letzten Zeii eingerissen. Unserem jungen pädagogischen Nachwuchs aber gratuliere ich zu seinem neuen Direktor l Nun fehlt Herrn Dr David nur noch eines, die Ernennung zum Oberrabbiner der Wiener Kultusgemcmde. Will man aber wissen, was bei mir den Verlust meines Postens herbcigcführt, so nehme man die beeidete Aussage meines Schülers Samuel Glanz und anderer zur Kenntnis Es liegt ein gerichtliches Protokoll darüber vor, wie Dr. David ohne Gruß in das Lehrzimmer hereinsturzte, nachdem, er den Moment zuvor auf gleiche Weise, offenbar aus Versehen, in den katholischen Rel gionsunterricht hincingcnürmt und dort niit Murren empfangen wurde. Dieses in de. Tat „taktvolle" Auftteten war demnach wohl vorbereitet. Trotzdem bot ich ihm selbst, nachdem ich mich gleich mii den Schülern erhoben hatte, einen Stuhl. Dr. David forderte sodann in barschem Befehlshaberton unter Begleitung heftiger Gesten die Prüfung in systematischer Religionslehre, obgleich dies im Lehrplane nicht vorgeschrieben, und in derJnstniktion ausdrücklich verboten wird. Auf meine vorsichtige Antwort, dieser Gegenstand sei nicht durchgenomnien, versetzte er: „Dann werde ich prüfen!" Er forderte sodann auf die gleiche absonderliche Weise die Prüfung in Geschichte und im 5. Buche Moses, obwohl dem Religionsunterrichte in dieser Klasse insolge besonderer Umstände nur wöchentlich 20 Minute» zur Verfügnng standen. Dr. David entfernte sich, indem er sich zwar bei der Klasse, nicht aber bei mir empfahl. Kaum daß er die Tür hinter sich hatte, erhoben sich sänitliche Schüler und erklärten trotz aller aufgebotenen Beschwichtigungsversuche rundweg, dieses Auftreten des Tr. David könne nur den Grund gehabt haben, ihrem Professor etwas anzuhabcn, nur einen Akt der Feindseligkeit von Anbeginn an bilden. Dr. David aber war in diesem Momente bereits beim Direktor Januschka behufs Erstattung seiner — sagen wir — . „Anzeige". Dieser Vorfall hat mich nicht bloß um meinen Posten, sondern auch um meine „Lehrbcfäbigung" gebracht. Dieselbe ist zwar durch das Zeugnis des hiesigen Kulttisvorstandes d. d. 30. Juni 1898, Z. 865* in der schmeichelhaftesten Weise anerkannt. Die eingangs erwähnte Behauptung des Dr. Stern stellt sich demnach als ein Dementi dar und als solches bewegt es sich aus dem Niveau der zahlreichen Dementi, die Dr. Stern in den jüngsten Tagen in Angelegenheit des Dr. David vom Stapel gelassen hat. Was ein Denlenti eines Dr. Stern bedeutet, darüber kanu in ganz Wien nicht einen Augenblick der geringste Zweifel bestehen. Wie wir nachträglich in Erfahrung bringen, hat Herr Kultusvorstehcr Hermann Ellbogen in der Plenarsitzung des KnltuSvorstandes vom 7. Oktober d. I. folgende, vom offizielle ii Protokoll merkwürdiger Weise verschwiegene Interpellation eingcbracht: In der Bi tte der hiesigen jüdischen Bevölkerung, speziell im 2. Bezirk, woselbst Herr Rabb. Dr. Daniel Fink sich der größten Shmpathien erfreut, wird die Nachricht lebhaft erörtert und bildet den Gegenstand einer großen Erregung, daß der k. k. Landesschulrat sich bereit erklärt hat, den gedachte»- Herrn wieder in seine Rechte als Religionsproscssor enizuselien, wahrend von Seiten des Kultusvorstandcs hiergegen Einspruch erhoben worden sein soll. Mir als Mitglied des Kxltiisvorstandes ist nicht bekannt, daß die den Dr. F i n k bctrcsscndc Angelegenheit das Plenutn überhaupt. je beschäftigt hätte, noch viel weniger iveiß ich etivas von der Erhebung einer derartigen Einsprache seitens des Kultiisvorstandes. Ich. frage daher den geehrten Herrn Präsidenten, ob diese Nachrichten ans Wahrheit beruhen und wünsche, daß uns mitgeteilt iverde, was über diese Sache bekannt ist, denn ich halte cs im Interesse des Gemeindefriedens und zur Beruhigung der aufgeregten Gemüter für dringend geboten, daß in dieser Sache dem Publikuni. die erwünschte Aufklärung gegeben Aus der Wiener Sozialdemokratie. In einer der sozialdemokratischen Organisationen des XIX. Bezirkes leistete sich Herr S ch u h m e i e r, in Anwesenheit lnehrerer jüdischer Ausschußmitglieder den Ausspruch: „Bor Euch Juden, muß man sich sehr inacht nehmen — Ihr nehmet ja sonst nrit, alles was beweglich ist." Die Herren zogen die Konsequenzen aus dieser Behauptung und traten in eine Organisation des IX. Bezirkes ein? Eines der ältesten Mitglieder der sozialdemokratischen Organisatton, Genosse Hauser agittert lebhaft für die. Gründung eines „Hauser- Bundes", dessen einzige Aufgabe cs sein soll, dem Einfluß der jüdischen , Führer entgegenzuarbeiten und das Aufstellen jüdischer Kandidaten in der Sozialdemokratte zu verhindern. Wenn auch von verläßlicher Seite informiert, so geben wir die vorstehenden Berichte doch unter aller Reserve wieder. ' Naincntlich scheint es uns nicht glaubhaft, daß Schuhmeier seine ja notorisch nicht sehr judenfreunvliche Stimmung in so alberner Form äußert. Für Hausers angebliches Unternehmen haben wir Verständnis. Die mährischen Landtagswahlen sind so ausgefallen, wie cs vorauszusehen war: Deutsch- und Tsäiechischklcrikale in riesigem Wachstum. Die Deutschliberalen mit ihrem schäbigen Ueberreste ins Alldeutschtum untergetaucht. Die Juden, ohne nationale Kurie in diesem Lande der nationalen Kurien auf die Gnade der Sozialdemokraten und — Alldeutschen angewiesen, mit ihren schwachen politischen Selbstständigkeitsbestrebungen unterlegen. Zur Wahl in Olrnütz. O l m ii tz, 12. Novenlber 1906. Die hiesigen Wahlvorgänge waren so interessant, wie noch nie. Kandidaten waren der Alldeutsche P r a y o n und der Sozialdemokrat Schloßnikel. Der erstere berief am Montag eine Versammlung der jüdischen Wähler, und wußte dieselben unter infamen Lügen und Heuchelein für sich zu gewinnen. Am Donnerstag fand eine allgemeine Versammlung statt, in welcher Herrn Wilhelm Biieß Pr ay on fragte, wie er sich zur Judenftage stelle. Und nun folgte die moralische Ohrfeige für die Herrn jüdischen Wähler. Der Kerl andvorteie, er verhalte sich zur Judenftage, wie es itzm das alldeutsche Programm vorschreibe. Das war denn doch zuviel. Die Juden hielten daraufhin eine Versammlung ab, in der einstimmig beschlossen wurde, Schloßnikel zu wählen. Gleichzeitig wurde an sämtliche umliegende Gemeinden telegraphiert, dasselbe zu tun: Herr Oppenheimer sprach glänzend gegen Dr. Eben/ der ein Mißtrauensvotum bekam. Heute wurde das Resultat der Wahl bekannt. Stichwahl zwischen Prayon und Schloßnikel, Sistierung der Wahl ans der Neugasse wegen Wahlschwindel. P. Deutscher Antisemitismus in Prag. Man schreibt uns aus Prag: „Wir dürfen dem hiesigen „Montagsbatt'- dankbar sein, daß es als das einzige liberale Blatt in seiner letzten Nuininer von Herrn Professor v. Franquö erzählt, der an der deutschen Universitäts-Frauenklinik - zwei Herren, die an der tschechischen Universität studiert und promoviert haben, als Operateure angestellt hat — wiewohl kein Mangel an deutschen Äerzten herrscht. Natürlich ist statt deutsche — jüdische Aerzte zn lesen. Denn nur, uni keine jüdischen Assistenten aiistellen zu müssen, hat Herr v. Fraitque tschechische genommen. Ueberyaupt hat der Antisemitismus an der. medizinischen Fakultät der deutschen Universität einen so hohen Grad erreicht, das; nian, komisch genug, aus dem Munde.der verbohrtesten Assimilanten die Forderung einer jüdischen Universität hört. „Bursche heraus!" schließt das „Montags- . blatt" seine Notiz. Besser lautete cs: „Juden heraus!" Laßt euch die Behandlung nicht mehr gefallen! Blocht euch vom Schlepptau der Deutschen los! Organisiert euch als Volk in Böhmen und fordert! Der Einzug des Antisemitismus iu Kro- Dcr Antisemitismus macht in Kroatien unter dem resolntionistischen Regime der kroatischen Koalition Fortschritte ebenso wie in Ungarn unter der Herrschaft ihrer Schwesterpartei, magyarischen Koalition. Eines der vielen Symptome ist die Grundlage der kroatischen christlich-sozialen Partei, welche nicht nur mit den Fiumaner Resolutionisten gemeinsam gegen die groszkroatische, großösterreichische eine Rechtpartei unter Führung des Dr. F r a n ck kooperiert, sondern auch mit den in ganz Ungarn unter den Magyaren sich organisierenden . Christlichsozialen in engster Fühlung stcht. ... .... - .. Mögen sich auch die kroatischen Christlichsozialen in einzelnen Punkten von manchen Schattierungen der „kroatischen Koalition" unterscheiden, beide verbindet der Haß gegen die großkroatische, Starcevicpartei, die Furcht vor dem allgemeinen, gleichen Wahlrecht, sowie die A bn ei gung gegen die Juden. Die in der „Neuen Zeitung" bereits besprochene Verbreitung antisemitischer Flugblätter charakterisiert den „fortschrittlichen" neuen Kurs in Kroatien: Die kroatische Koalition ist, ebenso wie die magyarische nur eine Etappe zum Klerikalisinus. Das herrschende Regime steht auf schwachen Füßen, weil es im kroatischen Landtage sich auf keine Majorität stützen kann. Die kroatischen Juden tun daher gut, sich nicht für dasselbe zu exponieren, umsomehr als man mit der Möglichkeit einer baldigen Auflösung des kroatischen Landtages rechnen muß. Die Weiterentwicklung der hiesigen Verhältnisse hängt enge mit der Gestalttmg der Verhältnisse der beiden Reichshälftcn zusammen. Sollten die Kossutisten die Personalunion zwischen Ungarn und Oesterreich erzwingen, dann würde g a n zK r o a t ie n, wie ein Mann die Unabhängigkeit von Ungarn und die Vereinigung in i t Dalmatien, Bosnien-Herzegowina, aber wohlgemerkt, sofort fordern. Zur Anerkennung der jüdische» Nationalität. (Schlußwort.) Czernowitz, im November 1906. Meine, ganz objektiv gehaltenen Ausführungen über die Anerkennung der - jüdischen Nationalität („Neue Zeitung" vom 9. d. M.) haben die Herren von der „Hasmonaea" in Harnisch gebracht und zu einer Erwiderung veranlaßt, in der sie die Sache so darzustellen versuchen, als obsie allein den Kamps begonnen und siegreich zu Ende geführt hätten. Ihre Ausführungen laufen also meinem Berichte diametral entgegen. Ich glaube nun, es mir unb den geehrten Lesern der „Neuen Zeitung" schuldig zu sein, die ganze Aktion von ihrem Beginne bis zum heutigen Tage objektiv und sachlich zu schildern, damit die geehrten Leser

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