Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 11 (16.11.1906)
- Date
- 1906-11-16
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 11 Neue Zeitung jude wird gewählt werden." Es heißt, auch, daß der Statthalter Graf Potocki sich geäußert haben soll, daß nur über seine Leiche ein Zionist ins Parlament hineinkommen wird. Ich weiß nicht, ob das „Slowo Polskie" mit dem Statthalter insgesamt nicht irren, aber gesetzt den Fall, daß sie recht haben, wird ihnen der Kampf mit uns schwerlich viel nützen. Gut, wir werden überall, wo wir einen Kandidaten fiir den Reichsrat aufstellen werden, durchfallcn, aber wir werden auch die polnischen Kandidaten, wo uns das nur möglich sein wird, zu Falle'bringen. Wenn den Herren der Friede mit uns nicht viel nützen kann, der Krieg mit uns kann ihnen ungemein viel schaden. Ein kleines Exempel hievon ist ihnen ja schon gegeben worden. Aus dem Landgemeindebezirk Sanok, der seit jeher durch Polen vertreten war, ist ein Ruthene in den Landtag entsandt worden. Auf zirka 30 jüdische Wähler, die die Schale zum Sinken bringen konnten, hat es kaum einen einzigen gegeben, .' der zur Wahl gegangen wäre. Und dieser eine hat für den Ruthenen gestimmt. Hier ist der polnische Kandidat durchgefallen, blos weil wir passiv waren, wir werden uns aber mit der bloßen Passivität nicht begnügen, wir werden auch aktiv Vorgehen, trotz dem Terrorismus, den Herr v. Abrähamowicz in Voraussicht zu stellen so liebenswürdig war. Wer soll lins denn eigentlich vom Kampfe zurückhaltend Wenn die Polen auf unsere Rabbiner rechnen, dann irren sie sich gewaltig. Unsere.Mabbiner, selbst unsere Wunderrabbis, sind keine Volksverräter. Das Beispiel des Rabbiners Schmelkes hat faszinierend gewirkt. Die Rabbiner, die gehören uns! Das Machtwort der Bezirkshauptleute hat aufgehört Trumpf zu sein. Und was für ein Ansehen die zwei Dutzend Assimilanten haben, braucht ja nicht erst gesagt zu werden. Und was soll uns zurückhaltend Wir haben a nichts, gar nichts zu verlieren. Vielleicht die Furcht davor, daß mail unsere Vereine auflösen, uilsere Versanrinlungen stören, unsere sonstigen Rechte kürzen oder entziehen, unsere Jugend nicht in den Staatsdienst aufnehmen, unsere Religionslehrer verfolgen, die hebräische Sprache aus dem Religionsunterrichte ansschciden, unsere Töchter in die Klöster hineiufangen wird? Kann inan uns denn rnehr Leides znfügen, als man uns bereits zugefügt hat? Und wenn die Herren Polen auf die bekannte jüdische Apathie rechnen, dann erweisen sie sich als schlechte Politiker, wenn sie in ihr Leiborgan unsere Führer beschimpfen lassen. Denn das ist eben das beste Mittel gegen Apathie. Der Krieg und der Friede, beide sind in polnischen Händen gelegen und auf beides sind wir gefaßt. Die Pamphlete des „Slowo Polskie" scheinen uns zeigen zu wollen, daß wir zum Kriege rüsten müssen. Wir haben nichts dagegen. Bevor wir aber in den Krieg ziehen, wollen wir befindet, mitten zwischen zwei geschlossenen Türen bleibt ihm gewöhnlich nur etwas übrig, was wie ohnmächtige Wut anssieht. Die Schatten wurden allerdings stärker und man darf mit Fug und Recht, behaupten, daß fast noch nie der ganz innere Verrat des Volkstums, jeder wie immer genannten Zusammengehörigkeit, der stumpfe Mangel jeder naiven, geschweige denn jeder geläuterten Selbsterkenntnis so kraß, fast fratzenhaft zutage trat. Dennoch werden die Schatten dann stärker, wenn das Licht näher ist. Und wie auch der moderne Jude — nach öfterem Stile — das prophetelnde und schachernde, volksfeindliche, volkszersetzende Element in die Höhe trieb, es gab eine Grenze und diese scheint doch zum Teile schon überwunden zu sein. Denn schon sind die Gegensätze stärker, wesentlicher und gesünder als je, und es gilt nur, im Volke selbst die gefährliche Krisis zu wecken und zu überwinden, daß es jede Zweideutigkeit, jede Halbheit, jede blinde Autorität und skeptische Autoritätslosigkeit verlerne und sorgfältig seine beiden Antisemiten zu scheiden beginne. Und daß es nur dann kritisierendvon sich spreche, wenn es sich nicht verkaufen, sondern seine eigene Kraft und Würde behaupten und wiedergewinnen tvill. Sollen einmal nur die Schurken Judasse und nur die- Propheten Jeremiasse sein, wenn nur das Volk seinen mittleren, redlichen und ruhig selbstbewußten Weg zu gehen beginnt. Ernst Müller. die Polen darauf aufmerksam machen*), daß wir keinen Krieg herbeiwünschen und daß wir für den Fall des Kampfes die Stärkeren sein werden, da wir nichts, rein nichts zu verlieren haben. Jedicl Nejfeseh. Satisfaktion für—De. David. Wir waren in der vorigen Nummer unseres Blattes in der Lage, die Jnterpellationsbeantwortung des Herrn Kultusprasidcnten Dr. Stern zu veröffentlichen. Wir wiesen darauf hin, wie sehr diese Antwort die Entrüstung des Volkes und unseren Protest rechtfertige, hoben aber zugleich hervor, daß sie die llnzulänglichkeit des Systems und feiner Träger speziell gegenüber der Frage „Ost und West" abspicgle. 'Allein die weitere Entwicklung der Sache beweist uns, daß wir in unserem Urteile doch zu milde waren. Man hätte ineinen sollen, daß Herr Dr. Stern wenigstens auf dem eimnal eingenommenen Standpunkt verharren würde. Konnte er doch von diesem ans Handhaben genug finden, um der beleidigten Wiener galizischen Judenschast Genugtuung zu verschaffen. Und „blutdürstig" sind ja die galizischen Juden nicht. Sie hätten sicherlich nicht die völlige Opferung des unglückseligen Opfers seiner und noch mehr fremder Vorurteile verlangt. Aber Herr Dr. Stern blieb nicht auf seinem Standpunkte nicht, sondern schlug einen Zickzackweg ein, der die Entrüstung steigerte, die Leidenschaften erhitzte, die Gegensätze schärfte. Zunächst erschienen am'Freitag der vorigen Woche in den Wiener Tagesblättern Berichtigungen des Herrn Doktor David, in welchen er, genail so wie in der in unserem Blatte zugesandten Berichtigung seine Predigt als harmlos und ganz wohlmeinend hinzustellen versuchte. Daran ist weiter nichts gelegen, und wir sind die letzten, die ihm dies verargen. Allein die Blätter wußten der Berichtigung folgende kurze Bemerkung hinzuzufügen: „D er Pr äsident derJsraelitischen Kultusgemeinde, Dr. Stern, der der erwähnten Predigt beiwohnte, bestätigtein einem besonderen Schreiben die Richtigkeit der obigen Darlegung." Kein Wort also auch nur bedingten Tadels mehr. Wir hören nichts mehr davon, daß ihn „diese Predigt peinlich berührte". Sein „Taktgefühl" erbost sich nicht mehr darüber, „daß der ganz gemeine Nuchem Schapira-Prozeß mit allen den dabei zutage getretenen Nichtswürdigkeiten, etwa weil die Angeklagten in Galizien oder sonst wo immer wohnhafte Juden sind, als zum Thema einer Predigt, zu Demonstrationen auf der Kanzel im jüdischen Gotteshause als geeignet erachtet werden." Wo es peinliche Berührtheit und verletztes Taktgefühl gab, herrschte plötzlich absoluter Mangel an Unlustempfindungen. Und Dr. Stern sah, daß alles gut war .... Kein Wunder, wenn diese Doppeltaktik — strenge Amtsmiene in dein in verhältnismäßiger Verborgenheit blühenden Kultusprotokoll und unbedingter Freispruch in der breiteren Oefsentlichkeit — viel böses Blut machte, viel Neigung, sich beruhigen zu lassen, verdarb. Und wenn die Protestversammlung von Samstag, bei aller Wahrung der Würde, so radikal in ihren Wünschen, so unerschrocken in ihrem Kampfesmute und so entschlossen zum Kampfe war, so ist das wohl hauptsächlich auf die höchst unkluge und selbst für seinen Schützling ziemlich belanglose Verlautbarung des Kultus-Präsidenten in den Tagesblättern zurückfi'chren. Nun hat sich aber Herr Tr. Stern mit diesem einen aufreizenden Schritte nicht begnügt. Er hat soeben einen zweiten, noch aufreizenderen getan. Wir lesen nämlich im Knltusprotokollc vom 11. November: Der Präsident erklärt auf die in der vorangegangenen Plenarsitzung vom 1. d. M. behandelte Angelegenheit, betreffend die von dem Rabbiner Dr. David am 28. Oktober l. I. im Leopoldstädter Tempel gehaltene Predigt, nochmals zurückkommen zu müssen. Er habe in dieser Sitzung über eine von den Herren Salo Landau und Baurat Marmorek gestellte Interpellation eine erschöpfende, seinen Standpunkt unzweideutig zum Ausdruck bringende Antwort erteilt und sei der wohlbegründeten Meinung gewesen, daß mit dieser Jnterpellationsbeantwortung und mit der Veröffentlichung derselben die Angelegenheit vollkommen erledigt sei. Seither sei bekanntlich eine Interpellation im Abgeordnetenhause eingebracht worden, in welcher dem Herrn Rabbiner Doktor David Ausführungen in den Mund gelegt worden seien, die er tatsächlich nicht gebraucht hatte. Herr Dr. David habe in den Zeitungen eine diesbezügliche Erklärung veröffentlicht, deren Inhalt auch von dem Präsidenten bestätigt worden ist. Trotz der ersterwähnten Jnterpellationsbeantwortung in der Sitzung des Kultusvorstandes vom 1. November und der Veröffentlichung derselben und trotz der letzterwähnten veröffentlichten Erklärung des Rabbiners Dr. David haben die Angriffe gegen diesen nicht aufgehört, es hat vielmehr eine sehr bedauerliche, allem Anschein nachplanmäßigorganisierteAgitation platzgegriffen und werden Herrn Dr. David Ansichten und Absichten insinuiert, die ihm offenbar ganz ferne liegen. Nach dieser Richtung nun gebühre dem Herrn Dr. David eine Satisfaktion seitens des Kultnsvorstandes, welcher hierüber sein Bedauern aussprechen möge. Nach längerer Debatte, an welcher sich die Herren Dr. Rappaport, Baurat Stiaßny, Dr. Steiner, Dr. Berger, Herman Eltbogen, kais. Rat Weil, Salo Landau, Baurat Marmorek, Dr. Spitzer, Baurat von G o l d s ch m i d t, Dr. K a tz a u und Vizepräsident Dr. Gustav K o h n beteiligen, »vird allseitig die folgende Resolution vereinbart, welche dem Rabbiner Dr. David zur Kenntnis zu bringen der Präsident ersucht »vird. „In Angelegenheit der g e g e n den Gemeinderabbiner Dr. David in den letzten Tagen' eingeleiteten Bewegung, sieht sich der Kultusvorstand veranlaßt, fein Bedauern über d i eselbe auszusprechen, weil er nach Kenntnisnahme des Wortlautes der Predigt die Ueberzeuguug gewonnen hat, daß die Intentionen des Predigers unzweifelhaft die besten und edelsten waren, wenn auch — wie schon der Präsident in der vorigen Sitzung enunziert hat, — einzelne Redewendungen bedauerlicher Weise zu Mißverständnis s e n Anlaß geben konnten." Pardon, Ihr Herren! Das hat der Präsident nicht enunziert! Der Präsident hat kein Wort d a v o n g e s p r o ch e n, daß „einzelne Redewendungen bedauerlicher Weise zu Mißverständnissen Anlaß geben konnten." Er hat etwas ganz anderes gesagt. Und wir sind nicht gewillt, uns die Worte, die er wirklich sprach, gegen andere von anderer Bedeutung Umtauschen zu lassen. Er mag es umsomehr versuchen wollen, als er sie ja in der Zwischenzeit in diversen Tagblättern ganz verlor. Wir aber haben sie uns aufgehoben und lassen sie uns nicht entwinden. Im Uebrigen ist dies nicht die Hauptsache an der neuesten Enunziation des Kultusvorstandes und seines Präsidenten. Die Bedeutung derselben liegt vielmehr darin, daß sie eine schroffe Herausforderung der protestierenden galizischen und der anderen mit ihnen initfiihlenden gerechten Juden ist. - Herr Dr. Stern gefällt sich in der Kaiser Wilhelms-Pose: Was, Ihr protestiert! Ich will Euch zeigen, was ich mir aus Euch mache. Justament kriegt er, trotzdem ich ihm erst die Mißbilligung aussprach, eine Satisfaktion. Er kriegt die Genugtuung, nicht ihr! Herr Dr. Stern hat sich, wohl seiner angeborenen Natur folgend, für diesen Weg entschieden. Doch war jedenfalls, wie wir wissen und wie er übrigens in seiner zweiten „Enunziation" andeutete, die Vorstellung mitbestlmmend, daß sichs bei der ganzen Sache nur um Verbesserung der Chancen der Opposition bei den Kultuswahlen handle. Darin aber täuscht er sich ebenso wie in anderen Dingen. Selbstverständlich lassen die Wahlkämpfer eine so gute Waffe, wie die Affaire David in ihren Händen wird, nicht unbenützt. Narren wären sie, wenn sie's täten. Doch damit ist noch nicht gesagt, daß sie sich selbst diese Waffe geschmiedet und gar absichtsvoll geschmiedet haben. Nichts von alledem. Vielleicht lernt Herr Dr. Stern doch mit der Zeit, über das Nächstliegende hinaussehen und dann die tiefliegenden Ursachen und die weitführenden Entwicklungstendenzen der Protestaktion begreifen. Es soll ihm Gelegenheit dazu werden. Zuvor und in allernächster Zeit aber wird er die Antwort auf seine Satisfaktion fiir Dr. David erhalteu. *) Wird nicht viel Helsen. Tie Redakrion.