Mannheim
Compact Memory

Neue Zeitung · 1906-11-16 · Heft 11 (16.11.1906) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Zeitung
Volume
1906
Issue
Heft 11 (16.11.1906)
Date
1906-11-16
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2430890-2430891-2430902--094-2431066
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Neue Zeitung Nr. 11 Politik hat sich nach keiner Richtung bewährt und zeitigt solche Resultate, wie die Wahl des Freißler eines freialldeutsch-antisemitischeu Wortführers zum Laudtagsabgeorducten von Mährisch-Ostrau. Werden denn die Juden stets um jeden Preis mit ihren Stimmen und ihrem Gelde gerade solche Gruppen in nationaler und in sozialer Hinsicht fördern, die in gleichem Maße die jüdischen, wie die allgemein-österreichischen Interessen schädigen und auch vom Gesichtspunkte des modernen Kulturmenschen als rückständig bezeichnet werden müssen? Wahrlich, es wäre schon Zeit, daß die Inden Oesterreichs an die Sammlung, Organisation und Aufklärung ihrer eigenen Reihen gehen — im Sinne einer großzügigen nationalsozialen Volks- und großösterreichischen Reichspolitik. ,Dr. Kadis ch. AohdUam. Ein Vademekum für die Herren uon Galizien. Das „Slowo Polskie", das führende Organ des galizischen Polentums, hat es sich zur Aufgabe gemacht, über das Nationaljudentum, speziell aber über die Zionisten herzufallen und sie gröblichst zu beschimpfen. Abgesehen davondaß diese Kampfart eines auständigen Journals unwürdig ist, begeht es den großen taktischen Fehler, den Kampf bis .auf die Mesferschärfe zu treiben und sich den Rückzug abzusperren. . Zur Zielscheibe seines Hasses hat sich das „Slowo Polskie" die Zionisten erwählt, als oll die zionistische Partei an all. dem Vorgefallenen schuld wäre. Die Zionisten haben den Ruf. nach einer jüdischen Kurie erhoben, die Zionisten haben die Antisonderstellungsbewegung organisiert! Und das „S. P." scheint dabei nicht zu wissen, daß die zionisüsche Partei ausdrücklich beschlossen hat, sich als solche an der innerösterreichischen: Politik nicht zu beteiligen, sie hat bloß ihren Mitgliedern gestattet, der neugegründeten jüdisch-nationalen Partei beizutreten. Mit anderen Worten, die zionisüsche Partei hat erklärt, der Zionismus habe mit der österreichischen Politik nichts zu schaffen und, da die Zionisten bis zur Verwirklichung des Baseler Programmes dieselben poliüschen und volkswirtschaftlichen Interessen wie die übrigen die Möglichkeit eines Judenstaates bezweifelnden Juden haben, stehe es ihnen (den Zionisten) frei, in Sachen der lokalen Poütik mit dem. nichtzionistischen Judentume Hand in Hand zu gehen. Und in Hinsicht auf lokale Politik — der Begriff „lokal" ist hier ziemlich breit, da er vom Standpunkte der alle ö Weltteile umfassenden zionistischen Organisaüon gemeint ist — gibt es weder in Galizien noch in der Bukowina irgend eine wesentliche Meinungsverschiedenheit zwischen der Intelligenz und der Masse oder zwischen den Orthodoxen und den Fortschrittlern. Die Intelligenz und die Masse, die Orthodoxen und die Fortschrittler fühlen sich hier als Einheit, als Gesammtheit, ihre Summe heißt das gesamte jüdische Volk. Und obwohl das „Slowo Polskie'' in seine» Schimpfarükeln nur die Zionisten angreist, beleidigt es dennoch das ganze nationale Judentum, denn die Zionisten, speziell aber ihre Führer in Galizien, sind Mandatare und Vollstrecker des jüdisch-völklichen Gesamtwillens. Und ein Volk läßt sich ungestraft nicht beleidigen. Das Schimpfen des „Slowo Polskie" würde uns wenig angehen, stände nicht hinter seinen Rücken und seinen Artikeln der ganze Polenklub. Und; mit diesen „feinen, lieben und klugen Kollegen" des Herrn Dr. v. G r a b ma y r müssen wir rechnen. Lassen wir die Ereignisse des letzten Dezenniums Revue passieren und da werden wir sehen was wir diesen feinen Herren, von denen kein einziger ohne jüdische (Stimmen in den Reichsrat hineinkam, .nicht alles zu verdanken haben.. Die Herren riefen bäuerliche Konsumvereine (Kolka roluicze) ins Leben, subventionierten sie mit einem Gelde, gu welchem wir das meiste beitragen, wir sind ja die Höchstbesteuerten und ein Fünftel der galizischen Judenheit, die ja hauptsächlich aus Hausierern und Greislern besteht,^ verlor ihr Brot. Die feinen Herren haben es für gerecht befunden, daß wir das Messer bezahlen, mildem man uns abschlächten sollte. 'Herrn Dr. Lueger gefiel es aus legislativem Wege die Sonntagsruhe zu sichern. Und dieHrommen — dieses Epitheton hat Herr von Graümayr ihnen zu geben vergessen — Herren waren gleich bei Hand. Auf einer Klubsitzung, . auf welches die Stellungnahine zur Sonntagsruhe beraten wurde, haben sich zwei Stimmen dagegen erhoben, die des Dr. Byk s. A. und eine christliche Sümme. Ich will den Namen dieses Herrn nicht nennen, denn ich erwiese ihm einen schlechten Dienst und das hat er nicht verdient. Und der Beweggrund für ihr Verhalten waren die früher erwähnten Konsumvereine. Die Bevölkerung wollte von den jüdischen Geschäften, mit denen sie ja zufrieden war, nicht weg und da zwäng man sie ihre Bedürfnisse für den Sonntag Samstag zu beschaffen. Und da ja Samstag alle jüdischen Läden geschloffen sind, mußte sie in die Kosumvereine und auf oiese Weise wurde die Bevölkerung. von den jüdischen Geschäften ab- und den Kosumvereinen mit der stets brennenden Marienampel zugeführt. In aller Sülle haben die Herren aus dem Polenklub einen Verband der galizischen - lies katholischen — Kreditgenossenschaften ins Leben gerufen. Genannter Verband vermittelt denWechseleskompte zwischen der Landesbank und den ihm angehörigen Genossenschaften, er gibt ihnen also ein relativ billiges Geld, aber eine jüdische Genossenschaft nimmt er nicht auf. Die paar jüdischen Genossenschaften, die früher mit der Landesbank in unmittelbarem Verkehre gestanden, wurden an den Verband gewiesen und ans diese Weise wurde ihnen der Kredit entzogen. Die Landesbank, deren Aufgabe es ist, Handel und Jndusü'ic durch Gewährung billiger Geldmittel zu fördern — die Oesterreich-ungarische Bank operiert ja in Galizien ausschließlich mit Bankiers — wird ihrer Aufgabe gerecht, aber auf jesuitische Weise. Das Schönste an der Sache ist, daß der Verband, der seinen Genossenschaften mit ]/4 oder V«% über die Bankrate Geld verleiht, später über die jüdischen Genossenschaften, die aus die Wiener Jnsütute angewiesen ihnen 2% oder auch mehr über die Bankrate zahlen müssen, einherfällt und sie Wnchererbanden schimpft. — Eine andere in den Händen dieser Herren sich befindende: Institution geht direkt darauf los, einen jüdischen Panperisnms herbeizuführen. Ich meine die Krakauer Allgenieine Versicherungsgesellschaft oder.wie vulgär benannt wird die Floryanka. Ein nnt rischen Gelde erzogenes und großgewachscnes Institut — für Großgrundbesitzer das heißt für die Herren aus dein Polenklub gibt es spezielle Prämientarife — kündigt heute allen Inden, die Eigentümer von gebauten Häusern sind, und das sind 4/s der jüdischen Hausbesitzer, einseitig die Polizze oder was noch ärger ist, reduziert eigeninächüg die Versicherungsquote ad Minimum. Ich behaupte daß die Reduktion der Versicherungssumme ärger ist als die gänzliche Kündigung. Etwas leicht Verständliches für, den Kenner des galizischen Juden. Wird ihm die Polizze ganz gekündigt, sucht er sich anderweitig zu versichern, wird ihm bloß die Versicherungssumme reduziert, so nimmt er es ruhig hin. Und im Falle eines Brandes ist er ein fertiger Bettler.. Vieles, recht vieles ließe sich iivch schreiben über die Liga zur Förderung des heimischen Gewerbes, über die Art, wie die Naphthawirtschast, die meistenteils in jüdischen Händen lag, im Drohobyczer Revier durch die „Schodnica" geschädigt wurde, wie das Gros der jüdischen Rvhölproduzenten auf künstliche Weise in Zahlungsstocknng gebracht wurde, über die berüchtigte Propinationswirtschaft, über die landesausschußliche Salzwirtschaft, von den geradezu klassischen Verwaltungsmaßregeln der galizischen Behörden will ich heute gar nicht sprechen. Und wir, die wir bis nun'zu diese Herren, selbst auf die Gefahr hin, von den polnischen, sowie von den ruthenischen Bauern körperlich und wirtschaftlich geschlagen zu werden, in den Reichsrat entsendet haben, sind die schlechten, undankbaren Juden. Und als nun die Wahlreform auf die Tagesordnung kam und wir den Ruf nach jüdischer Autonomie erhoben, da waren die Herren außer Rand und Band. Welch eine Dreistigkeit, für sich selbst leben zu wollen. Rechte für sich zu verlangen! Und Nichts wurde uns gegeben! Zumindest sagt es so das „Slotvo Polskie." „Wenn ihr welche Hoffnungen an die Wahlreform knüpft, dann täuscht ihr euch, denn kein einziger Nationalbildete, indem jedes natürliche, reine Zusammengehörigkestsgefühl verlästert und die Verachtung des Elends propagiert wurde! Ja, es muß gesagt werden, vielleicht die schmachvollste soziale Verachtung der „niedriger Stehenden" wird in unserem Volke gefunden, und die ruchloseste Verhöhnung jüdischen Volksleides bei einem gewiffen ^ypus jüdischer Philanthropie. Mit den verfälschten Idealen wuchs der falsche Jeremias, der ohne Prophetenleid die Abkehr vom Volke predigte und das gütlichere Leben in der Wüste. Dann kamen die falschen Jeremiasse aus Ueberzeugung. Die Verwechslung wird immer komischer, je tragischer sie ist. Das sind die Helden der Selbstüberwindung, die der Trotz ihrer Väter von ihren Vätern treibt, die Fanatiker aller zerstörenden und zersetzenden Ueberzeugungen und die ehrlichen Verächter jedes Idealismus aus Selbstverachtung. Hinter ihnen standen jene Leute, welche die Anpaffung an alles Schlechte der Zeit, welche den Kampf der Ellenbogen aus „innerer Bescheidenheit" verkündeten und jede selbständige Ehrlichkeit als Anmaßung stempelten. Beharrlich aber wird — wie bei keinem anderem Volke — über sich selbst gelogen, gechwiegen und erst zuletzt — gesprochen. Die naive, unbeabsichtigte Lüge, ist 'immer das Nächstliegende, das selbstverständliche, das Oeffentliche. Unendlich seiner ist das Schweigen! Gerade der feinste und edelste Jude kann ja sein Bestes nicht auf die Straße tragen, wie die Liebenden nicht ihre Zärtlichkeit. Ein Mensch draußen und ein Jude drinnen! Das war die Devise auch feinfühliger Juden. Aber die meisten begannen auf eine gleichsam schreiende Weise zu schweigen — nämlich so, als ob sie sich verbergen m ü ß t e n. Nicht als ob sie ihr Heimlichstes und Bestes preiszugeoen sich schämten, sie schämten sich bald selbst ihres heimlichsten und Besten. Sie fürchteten den fremden Lauscher selbst hinter geschlossenen Türen und wagten es nicht mit einander, sogar vor sich selbst über sich zu sprechen. Es ist bezeichnend, daß sicherlich in den dunkelsten Zeiten der Verfolgungen die Juden als solche nach außen hin würdiger, weniger sklavisch äuftraten als unsere fteien und modernen Menschen jüdischer Konfession. Dasselbe kann man jetzt bei den Juden des Ostens beobachten. Und dann schwiegen sie, als sie sprechen mußten, immer wenn die Feinde es wagten, sie als Nation zurückzustoßen und als Ganzheit zu beleidigen. Ja, sie flüchteten ins Lager der Umgebung, wenn man nur ihre Gesamtheit angriff, „da dies ja nicht den Einzelnen traf." Und jeder verstand es in allen das Judentum betreffenden Fragen, vorsichtig zu sein. Die Einen weil sie nur an einem losen Faden mit demselben Zusammenhängen wollten, die anderen, weil sie unwillkürlich unter dein Banne einer antinationalen, wenn nicht antisemitischen Suggestion standen, die dritten, weil sie unbewußt oder bewußt die Gemeinschaft mit der jüdischen Mißgeburt scheuten. Das tragischeste der Zeit aber wurde es, daß die. beiden Antisemiten nicht mehr zu unterscheiden lvaren, daß sie zusammenflossen und zusammenschwammen, daß fast jeder Jude eine Mißgestalt in sich trug, in besserem Falle eine zweite Mißgestalt aus Jeremias und Manschet. Wer vermag sie zu scheiden? Die reine Brille, durch die das Volk sich selbst betrachtet, war immer beschmutzt, getrübt oder bestenfalls auf unrichtige Sehweite berechnet. Jeden Satz, den Juden über Juden sprechen, wird mehrdeutig .— ja derselbe Gedanke kann wahr und falsch sein, errungen oder berechnet, erhaben oder gemein— je nachdem wer ihn ausspricht, wo, wann und warum. Otto Meininger hat in einem Lichtblitz das Elend der zeitgenössischen Judenheit gesehen, aber kaum einen Funken 'wirklicher Entwicklungsinöglichkeit und es trieb ihn hinaus. Ein anderer behäbiger Würdenträger ist ganz drinnen, fühlt jede echte jüdische „Wärme", und wütet über jeden jüdischen Willen, der seine Geschäfte stören könnte. Ein offizieller Philantrop fühlt sich durch eine jede Wohltätigkeit weit überflutendes Volkselend förmlich gereizt und ein anderer „Offizieller" sucht sein bequemes Repräsentationsjudentum zu beweisen, indem er jede reine nationale Erinnerung beschimpft. Ein greiser Beamter der Frömmigkeit witzelt über die großen Erscheinungen der Gegenwart und ein kluger Gymnasiast „überwindet" seine. Rasse in sich. Doch die Rettung kommt ohne Zweifel. Gerade, indem das innere Chaos sich steigerte, mußte endlich einmal die ekle Verwachsung zerschnitten werden. Auch kann der Volksschacherer heute sein Geschäft nicht mehr machen, und in der jämmerlichen Situation, in der er sich heute

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.