Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 10 (9.11.1906)
- Date
- 1906-11-09
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Neue Zeitung Nr. 10 JLd.-nat. akad. Verbindung „Zephirah" Czeruowitz. Wir teilen allen jüdischen Verbindungen und Vereinen mit, daß wir seit Beginn dieses Semesters nicht mehr besondere Anzeigen der Chargenwahlen versenden, sondern die darauf entfallende Portospesen laut Ausweis in der „Welt" Nr. 42 dem Nationalfond zukommen ließen. Nachstehend das Ergebnis der für das XIX. (Winter) Semester stattgefundenen Chargenwahlen: cand phil. Echloima Stimmer (X) Präses, cand. jur. Salornon Stecher (XX) Vizepräses, cand. jur. Saul Kulla (XXX) Schriftführer. JLd.-akad. Lesev er ein „Emunah" in Czer- Teilt hiemit allen Gesinnungsgenossen das Resultat der am 21. d: M. stattgefundeneu Chargenwahl mit: jur. David T a u b e 8 (X) Präses, jur. Samuel Schwitz (XX) Bizepräses, pbil. Chaim Rim (XXX) Schriftführer. Erste zionistische Palästinareise. Aus Konstantinopel trifft die Nachricht ein, daß die Teilnehmer der ersten zionistischen Palästinareise an Bord des Imperator«! Trajan wohlbehalten in Konstantinopel eingetroffeu sind, von wo die Reise direkt nach Alexandria fortgesetzt wird. Der Empfang der Reisegesellschaft seitens der rumänischen zionistischen Föderation war über alle Maßen herzlich: Bon der Grenze an wurde die Gesellschaft von rumänischen - Gesinnungsgenossen begleftet, fast auf allen Stationen wurde sie von zionistischen Deputationen begrüßt. Besonders schön war der Empfang in Pitesci und Bukarest, woselbst auch eine herzliche Begrüßungsdepesche der rumänischen Mitglieder des A. C. Rosenbaum und Di. Moskowitz aus Braila eintraf. Erhebend gestaftete sich der Abschied unserer rumänischen Gesinnungsgenossen in Konstanza. Beinahe der ganze Verein Konstanza, einschließlich der Damen, hatte sich unter Führung des Obmannes M. Bujes und des Rabbiners eingefunden, um der Gesellschaft in wahrhaft rührender Weise ihre Abschiedsgrüße und Wünsche mit auf den Weg zu geben. Die Liebenswürdigkeft unserer rumänischen Gesinnungsgenossen wird allen Teilnehmern unvergeßlich bleiben. Es sei ihnen auch an dieser Stelle der herzlichste Dank ausgesprochen. Nach diesem schönen Eindruck gleich zu Beginn der Reise wurde die Stimmung der Palästinafahrer immer begeisterter. Die Fahrt durch das Schwarze Meer geschah bei günstigem Wett«?, die Einfahrt in - den Bosporus bei herrlichem Sonnenschein. Hoffen wir, daß sich der wettere Verlauf der Reise ebenso eichebend gestattet. Aus Alexandria wird vom 5. Ottober telegraphiert, daß die Reisegesellschaft glücklich daselbst eingetroffen ist; an Bord alles wohl. Montag, den 2g. v. M. hielt Herr Schoßnikel, der sozialdemokratische Gegenkandidat P r a y o n s in Leipnik, eine Wahlversammlung ab. Er bezeichnete Herrn Prayon, das Mitglied der deutschen Arbeiterpartei, als Antisemiten. 9htr am gewählt zu werden, habe dieser seine Ueberzeugung geleugnet, die er an anderen Orten offen kundgegeben habe. So in Mähr.-Neustadt, wo er in Begleitung des Alldeutschen Wolf erschien und die Erklärungen, die er in Olmütz und Leipnik gemacht hat, dirett in Abrede stellte. Der Teil der Ausführungen übte namentlich auf die jüdischen Wähler großen Eindruck. Dr. Schmid wiederholte die Erklärung, die ihm Prayon in der Vertrauensversammlung auf sein Anftagen gegeben, daß im Programme der deutschen Arbeiterpartei der Antisemitismus auch nicht mit einer Silbe erwähnt sei und daß die deutsche Arbeiterpartei eine selbständige Partei sei, die von keiner politischen Partei, auch nicht von den Alldeutschen ausginge. Gegen diese Worte, die Redner der Wählerversammlung am 15. Oktober in Gegenwart Prayons mittellte, habe dieser keinen Widerspruch erhoben, und daher könne die Behauptung Schoßnttels als kein genügender Beweis gellen und man müsse erst in Mähr.-Neustadt Erkundigungen über den wahren Sachverhalt einziehen. Aus diesem Grunde dürfe nicht abgestimmt werden. — Nachdem noch mehrere gesprochen, wurde die Versammlung ohne Abstimmung (ein Versuch mißglückte durch die Ungefchicklichkett des Vorsitzenden) in später Nachtstunde geschloffen. Kimst und Literatur. Die jungjüdische Lyrik. Wenn die Literatur eines Volkes der Spiegel ist, in dem sich sein Leben und sein Charakter spiegeln und wenn es nur die Lyrik unserer westlichen Jungjuden gäbe, dann stünde es wahrlich traurig um uns. Sie leiden unheilbar an tränenerstickter Stimmen, diese Armen, sie sind es, die mit Wollust in unserem Schmerze wühlen und oft mit Unrecht behaupten, es sei der ihrige. Gewiß. Wir dulden mehr als andere Völker. Wir dulden, haben geduldet und werden dulden. Wer das berechtigt sie noch nicht zu so unaufhörlichem Wimmern und Jammern. Wir wollen anderes, wir, die wir die neue Zeit kommen scheu. Mcht, daß sie sich nun etwa niedersetzen und wieder vom „Rauschen der Adlersflügel einer nahenden Zeit" sprechen. Sie sollen nur nicht ganz in diesem Ton rettungsloser Melanchoüe versinken. Es ist merkwürdig: Mcht der Osten brachte uns diese Ach-und Wehlyrik, nichtin den Pogromen würden sie geboren. . . . Und Moris Rosenfeld und I. L. Perez? Glaubt Ihr wirklich, daß es dasselbe ist? Wo ist die Jammergeste? Wo ist das marklose Gewinsel? Und wo haben jene den milden Humor, der Perez' düsterste Bilder durchsonnt? Und erst Seholem Alejchem! Er war bei den Oktoberpogroms dem Tode nahe, schon totgeglaubt und nach allen diesen Schrecken schreibt er seine köstlichen Skizzen, z. B. die „Geschichte von den zwei Antisemiten", die in der „Neuen Zeitnng" unter dem Titel „Im Eisenbahncoupe" veröffentlicht war. : Gewiß sind auch 'manche unserer westlichen Individualitäten zu Besseremgeboren. Aber sie sind mit aus dem Häuschen. Stehen des Abends auf und jammern, daß die Sonne nicht mehr aufgeht! Was soll man sagen, wenn selbst chre Jüngsten sichs fest in den Kopf gesetzt haben, nicht anders als gebeugt von der Last des tausendjährigen Judenschmerzes durch dieses Leben zu gehen!? Mcht lange mehr und es wird lächerlich wirken. Und ein Volkwill auch von seinen Dichtern Frohsinn und Heiterkeit. Was könnte den Schmeiß noch mehr lindern? Und was kann ihn noch mehr erhöhen als ein moderner jungjüdischer Lyriker? Nur zwei moderne, jungjüdische Lyriker. Also schüttelt die Last des vieltausendjährigen Judenschmerzes ab und schreibet, was euch lockt! Und wers wirklich aus Innerstem tun muß, der beweine unser Los weiter. Aber nur derjenige! - Max Schacherl. Erzehlungen. Fun Dowid Pinsski. In zwej bend. Erschter band. Preist 50 ssent Arousgegeben fun di interaazionale bibliotek.ferlag New-York. Qti wird wohl nicht mehr viel zu einem Jahrzehnte en, daß ich Pinsky kennen lernte. Heute lebt er in o-Iork. Und bei dieser Begegnung bekam wohl meine frühere Ansicht über dm „Jargon" — ich erinnere mich nicht mehr recht — dm ersten oder doch den ärgsten Stoß. Er las mir eine publizistische Arbeit vor — und mich überraschte der Reichtum und die Schönheit der Sprache in seinem Munde. Settdem ist viel von ihm erschienen, bekanntlich auch manches Dramatische von unbestreitbarer Bedeutung. Der besonderen Schönheit der Diktion begegnete ich wieder in einer kurzen Erzählung „Serubabel", die er vor einem Jahre etwa erscheinen ließ. Aber das Büchlein Befriedigte auch nicht ganz. Ich bekam bald heraus, warum. Ich fand, daß Pinsky daS Historische nicht liebe. Das ist ein moderner Mensch, der die Gegenwart braucht, der in der Gegenwart schwelgt, ihre Freuden und Leiden, ihre Fragen und Antworten mit Innigkeit saugend. So sehe» wir ihn inFamilie Zwi", so sehe» wir ihn in seinen Erzählungen, die uns alle möglichen Ostjudentypen der Gegenwart vorführen. Und wieder die Sprache so mild-schön, so beruhigend, so zart gemütvoll.- Wozu einzelnes herausgreifen. Manche von diesen kleinen Schönheiten werden wohl' die Leser dieses Blattes in deutscher Uebersetzung kennen lernen. m. a. Kürzlich ist eine wertvolle kleine Schrift von Dr. Adolf Frankl-Grün, Rabbiner in Krernsier erschienen: „Bachja und Juda Halevi", die Wettanschauung dieser beiden Geisteshcroen des : Judentums in knapper und konziser Form wiedergegeben. Das elfte Jahrhundert hat beide hervorgebracht. Kaum hat der eine, Bachja iben Pakuda, die Sturm- und Drangjahre hinter sich und erreicht das gereiste Mannesalter, so erblickt der andere, Juda Halevi, das Licht der Welt. Es mußte ein Juda Halevi tommen, um die sittlichreligiösen Lehren, die ersterer in seinem „Cbowoth Halewowoth“ niederlegte, in die lebendige Tat umzuwerten. „Die gute Gesinnung ist alles", sagt Bachja, „der Gedanke ohne die Tat ist wertlos",!sagt Halevi, und der dritte, Jmanuel Kant, konstruiert aus diesen konträren Ansichten dm „kategorischen Imperativ". Wir aber können sagen: Ist die Philosophie Bachjas'der silberklare, uns friedlich und sanft entgegenleuchtende Mond, so gleicht diejenige Halevis der alles verzehrenden Majestät der Sonne, die der finsteren Mondscheibe Licht und Kraft verleiht. — Inwiefern beide Anschauungen auseinandergehen, zeigt der Verfasser durch die Wiedergabe der Leitmotive, die sie ihren Werken zugrunde legten. Bachja deduziert: „Gott will das Herz", daraus gehe hervor, daß die erste Bedingung einer guten Tat die Reinheit der Seele ist. Die innere Lauterkeit bildet den Maßstab für die Wertschätzung eines Menschen. Judan Halevi hingegen Mtzt sich auf euren Vorwurf, den ein Engel dem König Kusar machte: „Deine Gesinnung ist gottgefällig, nicht aber deine Handlung." Also, nicht die Absicht, sondern die Tat mtscheidet über die Vollkommenheit eines Menschen; unsere edle Gesinnung muß erst durch die Handlung in die Erscheinung treten. Der Autor komnrt in s seiner interessanten Schrift, nachdem er die verschiedenen religionsphilosophischen Systeme Bachjas und Juda Halevis angeführt hat, zu dem Schluffe, daß entschiedene Kontraste oder diametrale Gegensätze zwischen ihnen durchaus nicht obwalten, vielmehr mehrfache Berührungspunkte in ihren Werken nachweisbar sind. Beide ergänzen sich gegenseitig und bedeuten für das intullektuelle Judentum ein qbschließmdes Ganze, gleichsam die Vereinigung von Körper und Seele. Dem Verfasser gebührt für diese Darbietung aber auch Dank und Anerkennung, zumal seine Publikationen zur Popularisierung der jüdischen Literatur wesentlich bei- Uerirrt. Aus dem Jüdischen des I. Adle r. In glühendem Herzm, In heißer Seele Ein Liedchen mir wurde. Ein brennendes Liedchen In höllischen Flammen Geboren — Dann ist mir das Liedchm Im Sturm entflogen Und hat sich ins Herz Eines Neichen verirrt. Dort ist mein Liedchen Erftoren . . . Heimkehr. Lang sah ich nicht die Sabbatkerzen Durch meines Lebens Dunkel scheinen. Hört nicht, ttef aus den wunden Herzen, DaS »Lcbema lisrosl« leise weinen, Lang fühlt ich keine weiche Hand, Die segnend meine Stirn berührte, — Bis ich nicht mehr die Heimat fand. Die mich durch enge Gassen führte. Den breiten Weg bettat mein Fuß, Der abseits liegt, voll Lust und Leben. Doch keiner bot mir hier den Gruß, Wie ihn die Heimat mir gegeben. Es war ein seltsam, weh Geschick Und mich ergriff ein Sehnsuchtsbangen, — Da ging ich füll den Weg zurück. Den ich vor Jahren hergegangen. Nun bin ich da. Und wie ein Traum Verschwand der Druck von Schuld und Fehle. Sag ich dirs auch. Du weißt doch kaum Wie tief die Sehnsucht meiner Seele, Das Leid um meines Volks Geschick. — Nun kommen wieder ernste Stunden Voll Lust und Weh, voll Leid und Glück, Weil ich den Weg zurückgefunden. Thekla Blech. IUrrsronerr einer Mutter. Erzählung von M. S p e e t o r. Aus dem Jüdischen von F. Hellmann. I. Der Briefträger überreichte Gitel einen Brief. Sie setzte die Brillen auf, ging ans Fenster und begann zu lesen. — Ihr Gesicht veränderte sich Plötzlich. Das Blut stieg in ihr altes, gerunzeltes Antlitz. Man sah ihr die Freude an, sie schluckte förmlich die Worte, atmete kaum und schließlich vergoß sie Freudentränen. „Endlich, endlich .... gelobt sei Gott. . . ich weiß nicht, o Gott, wie ich dir für die große Gnade danken soll t Beile! Wo, ists Beile? Wo ist Jossel? Kinder! Schnell kommt her/ sagt mir Masel tow*) ein Masel tow . . . . gebührt uns. Sagt Awrom, daß er mit Slalke und mit allen Kindern herkomme." Gitel hörte während des Lesens nicht auf, jeden zu rufen, las und rief, rief und las weiter, verschlang die Worte. Wer nur im Hause war, eilte herbei. „Masel tow! Masel tow! Mojschele hat sich aus Warschau verlobt und lädt uns alle zur Hochzeit ein," sagte Gitel freudestrahlend, „da seht her und leset den Brief .... Oh Gott! möge es in einer guten Stunde geschehen sein, möge jeder des anderen Glück erleben . . . leset, da leset Kinder, er schreibt, daß er eine schöne Braut, eine Venus bekommen hat und viel Mitgift dazu .... Gott, ich bin deiner Gnade nicht wert —" so wiederholte Gitel, während ihr Beile, ihre Tochter, den Brief aus der Hand nahm. Die kleinen Kinder und das ganze Hausgesinde kamen herbei, sogar die Köchin mit nassen Händen kam aus der Küche, und alle sammelten sich um Beile, welche den Brief las. „Lies laut, Beile, ich will auch hören, alle sollen hören, jedermann soll sehen," sagte Gitel, und Freudentränen zeigten sich in ihren Augen. Die kleinen Kinder jauchzten und tollten, da sie ihre Großmutter fröhlich sahen. Und mit dem Worte Hochzeit, das sie hörten, verbanden sie alles Mögliche: Musik,' Honigkuchen, Torte, neue Kleider u. s. w. Sie konnten sich nicht zurückhalten zu tanzen. Die Köchin war ganz außer sich, sagte nur fortwährend: „Wer eine schöne Braut ist es, schön wie Gold," und wußte nicht, was sie eigentlich zuerst beginnen solle —. in die Küche gehen und das Mittagmahl zubereiten, oder sich die Hände trocknen. Ein Topf, in dem es gerade stark zu sieden begann, unterbrach die Lektüre des Briefes. Die Köchin mußte wieder in die Küche. „Da ist auch eine längere Zuschrift der Braut," sagte Beile, „aber ich verstehe nichts davon — es ist sicherlich ftanzösisch." „Auch die Braut schreibt, — lange möge sie leben, meine Gebeine möge sie überleben! Wir *) Jüdische Gratulationsformel.