Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 10 (9.11.1906)
- Date
- 1906-11-09
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10 Neue Zeitung Seite 7 werden zum Provisor gehen, er wird uns das gewiß erklären," sagte Gitel. Der Provisor, der im selben Hause wohnte, sagte, es wäre nicht französisch, sondern polnisch. Die Braut schrieb, daß sie Gitel als ihre zweite Mutter betrachte, daß sie deren Sohn Moses über ihr Leben liebe, daß er ihre ganze Welt ausmache, sie zähle sich zu den Glücklichsten der Welt, daß Gott sie mit Moses verbunden; sie betrachte sich als ihre (Gitels) treue Tochter und hoffe, daß auch Gitel sie lieben, wie ein eigen Kind lieben werde. „Ich grüße und küsse tausendmal meine Schwestern Beile und Slate, sowie deren Gatten und Kinder, Enere Euch auf ewig ergebene und liebende Tochter Regina", schloß der Brief. In einer Stunde kamen alle Kinder Gitels zusammen, ihr ältester Sohn Awrom mit der Schwiegertochter, Slate und deren Kinder; auch ihr Schwiegersohn Jossel, Beiles Mann, kam. Me lasen den Brief mit großer Neugierde. Man trank sich lechajim*) zu, aß Honigkuchen.Einer sagte dem Anderen Llasel tow und man begann über die Reise zu sprechen. Gitel war durch die Aufregungen sehr erschöpft und zog sich in ein anderes Zimmer zurück, um sich „den Kopf auszuruhen". Die anderen blieben bei Tische nnd sprachen von Mojschele. „Ich kann es mir denken, was das für eine Partie sein muß", sagte die Schwiegertochter und wischte sich ihre blauen Lippen ab. „Bis dreißig Jahre ledig! Ich kann mir gar nicht vorstellen, was für eine Braut das sein kann, was für Eltern, die Mojschele nehmen," sagte die Tochter. „Möge Gott helfen, daß er endlich gut tue, sagte Mojsches älterer Bruder Abraham, „wir hatten schon genug Schmerzen und Schande seinetwegen auszustehen." „Schuld daran bist nur du," wandte sich Jossel an Awrom. „Wäre ich Mojsches älterer Brüder, er wäre anders geworden! Ich wäre sein zweiter Vater und hielte ihn gut im Zaume." „Das glaubst du nur. Hilft ja auch nichts, wenn einem Gott mit einem eigenen Sohn straft, der einen schlechten Weg wandelt! Es sind nicht mehr^die alten Zeiten, . wo ein Kind den Lehrer fürchtete, einen älteren Bruder respektierte — heute ist alles anders. Wird ein Kind älter, so geht es gleich seinem eigenen Verstände nach, da hilft weder Vater noch Mutter. Was tat ich denn nicht alles, damit Mojschele so werde, wie es sich für unsere Familie schickt. Und dann ist er jung verwaist; dem Vater hätte er vielleicht gehorcht, aber dem Bruder und der Mutter folgte er nicht. Wenn man ihm was zu sagen pflegte, gab er kecke Antworten. Weder Güte noch Strenge half. Möge Gott helfen, daß er sich fortab ordentlich aufführe, seine Jugendstreiche lasse. Die arme Mutter! Sie hatte sich genug auszustehen." Beile vergoß Tränen, während Awrom sprach, und sagte dann: „Freilich der Vater! Würde er leben, dann würde Mojschele nicht in eine solche Familie hineinheiraten. Werweiß, was für Leute das sind. Ich kann mir schon denken. ... Er war immer hartnäckig. Was er wollte, tat er, ftagte weder Mutter, noch Schwester, noch Bruder. Jetzt hat er mit dreißig Jahren sich verlobt und bittet sofort zur Hochzeit. Freilich werden wir alle fahren! — wir sind noch nicht alle Narren! Er glaubt, er allein sei gescheit. Er will ja gar nicht, daß wir bei der Hochzeit sind. Nur. um der Pflicht genüge zu tun, lädt er uns ein." „Dessenungeachtet muß man fahren", sagte Awrom. „Fahr', wenn du Lust hast, ich will und werde nicht fahren", antwortete die Schwester. Nach vielem Reden blieb es dabei, daß keiner fahre, man werde ihm bloß, um den Anstand zu wahren, telegraphieren. Er ftagte niemanden, als er sich verlobte, möge er auch allein die Hochzeit feiern. II. Gitel konnte sich nicht so leicht beruhigen. Hat sie denn heute wenig „überstanden"? Mojschele hat sich verlobt! . . Wie viel hatte sie sich von ihm auszustehen gehabt. Und dennoch liebte sie ihn sehr, ihren Jüngsten! Er war so schön, daß man in sein Gesicht nicht schauen konnte, und gescheit war er, wie der „Tag". Jedermann öffnete Mund und Ohren, wenn er sprach. . . . Jedermann beneidete Gitel um ihr Kind. *) „Zum Leben!" „Ich dachte ihn in. demselben Alter wie Awrom zu verloben. Töchter aus den angesehensten Familien wurden ihm vorgeschlagen, Rabbinerstöchter. Nein und wieder nein, sagte er immer, er wolle noch lernen. Wozu? Wer? Ein junger Mensch von sechzehn Jahren lernen? Zum Lernen wirst du genügend Muße finden, wenn du bei deinem Schwiegervater auf „Kost" sein wirst, Bücher hat dein Vater gottlob genug hinterlassen. . . Nein und abermals nein! Er reiste ab, ohne jemanden geftagt zu haben. Zwei Monate hörte ich nichts von ihm. Ich war der Verzweiflung nahe. . . Plötzlich kommt ein Brief von ihm, in dem er mich' um Verzeihung bittet, daß er nicht Wschied genommen habe. Ich möge ihm Geld schicken, da er sonst Hungers sterben müßte. Mein Herz barst schier. Mein Mojschele, der mich da glücklich machte, wenn er mit Appetit aß, hungern! . . . Ich schickte ihm Geld, drei Jahre hindurch. Dann verlangte er keines mehr. Ich bat ihn, nach Hause zu kommen. Er antwortete jedoch: „Ich will mit Awrom nicht zanken, nicht mit der Schwester und ihrem Manne; wir können zusammen nicht wohnen." Warum? weiß ich nicht. Dann hörte er eine Zeitlang überhaupt zu schreiben auf. Ich hörte bloß zuweilen, daß er unstet ist: bald in Odessa, bald in Kiew und bald in Charkow. Man erzählte sich, daß Mojschele wie ein Goj lebe, daß er gar nicht mehr wie ein Jude aussehe. Einige behaupteten, daß er mit einer Christin lebe, mit einer — Gräfin und daß er überhaupt niemals mehr heiraten werde." Vor etwa fünf Jahren kam er heim, „um .die Mutter zu sehen", wie er sagte. Gitel erkannte ihr Kind nicht wieder, so sehr hatte er sich verändert. Der Bruder, die Schwester, der Schwager und die Schwägerin, sie alle bettachteten ihn als Fremden. Mojschele ließ sich den Bart rasieren, drehte sich den Schnurbart nach oben, kleidete sich wie ein „Porez"*) und hatte eine dicke Brieftasche mit Schecks. Seine Familie schämte sich, mit ihm über die Straße zu gehen. Gitel weinte und bat ihn inständigst von der „Gräfin" zu lassen, wieder Jude zu „werden", sie nicht mehr zu verlassen, „bei der Mutter zu bleiben." Und, wenn es Gott gefallen werde, werde er sich noch „schön" verloben können.Nur anders solle er werden! Mojschele schwor heiße Schwüre, daß er Jude sei, daß er keine „Gräfin" habe. Doch daheim könne er unmöglich bleiben. Erstens könne er seine Geschäfte nicht lassen, zweitens könne er sich in dieses Nest nicht hkneinfinden. Hier habe er übrigens nichts zu tun, und mit Bruder und Schwester wegen Frömmigkeit stteiten, sei für ihn keine Beschäftigung. Mojschele reiste ab; Gitel weinte: Warum ist er anders geartet, als seine Geschwister? Warum will er nicht bei mir bleiben? Was würde ihm abgehen? Gottlob, mein Mann, seligen Andenkens hat uns „versorgt", ein Haus im Werte von einigen Tausend Rubeln, Einrichtung und auch eine hübsche Summe Bargeld hinterlassen. Vom Hause selbst könnte man gottlob leben. Andere beneiden uns, ihm gefällt es nicht! Und er lebt unstät, in der Fremde, ohne Weib und Kind. Ein Mann von zwanzig und einigen Jahren ohne Heim!" Die Schwester und der Schwager, der Bruder und die Schwägerin waren mit seiner Abreise zuftieden. „Je weiter entfernt — desto geringer die Schande!" Selten kam dann ein Brief von Mojschelen. In den letzten paar Jahren war er überhaupt verschollen. Niemand wunderte sich darob; jeder wußte, daß aus ihm nichts Rechtes werden würde. Manche sagten, daß er im Kerker schmachte, andere wieder, daß er nach dem Ausland geflüchtet sei und verfolgt werde. Einige behaupteten sogar, daß er sich aus Lebensüberdruß erhenkt und vor seinem Tode in sich gegangen sei, alle Sünden bereut habe. Es wäre aber zu spät ge- All das kam der Familie zu Ohren. Man hütete sich jedoch, Gitel davon in Kenntnis zu setzen, da alle diese Gerüchte unverbürgt waren. Gitel verbarg den großen Kummer in ihrem Herzen. Manchmal weinte sie sogar über ihren mißratenen Sohn. . . Und da plötzlich ein solcher Brief mit einer solchen Botschaft: Ihr Mojschele heiratet und bittet zur Hochzeit! Gitel ließ, auf ihrem Bette liegend, ihres Sohnes Vergangenheit vor sich vorüberziehen. *) Adeliger Herr. sie erinnerte sich daran, was sie durch ihn zu leiden hatte . . . Doch jetzt, jetzt . . . jetzt veraß sie dies alles, verzieh ihm alles. Ihr Muttererz schlug wieder in Liebe zu ihrem Jüngsten, gerade so wie in jener Zeit, als er noch kaum „Mutter" sagen konnte. Ihre ganze Beschäftigung bestand fortab in Vorbereitungen für die Hochzeit. Und dazu eine so kurze Frist! — kaum drei Wochen. Bei ihren älteren Kindern begann sie die Vorbereitungen schon mit drei Monaten zuvor zu tteffen und da waren ihr bloß drei Wochen vergönnt. Den darauffolgenden Tag hängte sie ihr Moiree-Seidekleid mit grünen Atlasblumen aus, um es zu „lüften", bettachtete es von allen Seiten, untersuchte genau, ob keine Häckchen fehlen. Hierauf putzte sie ihre Ohrringe mit Kreide blank, reinigte die „Perlen", die Ringe und den ganzen Schmuck überhaupt. Dann kaufte sie sich noch ein neues Seidentuch mit großen lichtgelben Blumen. Acht Tage vor der Abreise backte man Honigkuchen, Torten und Mandelbeugel. Das sollte von „der Familie des Bräuttgams" mitgebracht werden. Gitel ließ für die Braut eine Perücke anferttgen. Der älteren Schwiegertochter hatte sie zur Trauung ebenfalls silberne Benschleuchter*) und eine Perücke gegeben. Knapp vor der Wfahrt besuchte Gitel das Grab ihres Mannes und bat ihn, ein guter Fürsprecher des jungen Paares zu sein. . . . Gitel war fröhlich und glücklich, als sie zur Hochzeit ihres liebsten, jüngsten Sohnes nach Warschau, fuhr. Alle diejenigen, .welche sie zur Bahn begleiteten, meinten, sie sähe um zwanzig Jahre jünger aus und wäre auch dementsprechend schöner. . . . Außer Brautgeschenke, nahm Gitel auch Geld mit, viel Geld. „Sie sollen dort nicht glauben, daß ihr Mojschele nicht aus guter Familie stamme. Sie sollen sehen, daß er kein Dahergelaufener ist, daß er eine Mutter hat, sie sollen erfahren, daß er daheim Brüder und Schwestern hat", dachte Gitel. Sie werde zeigen, daß sie auch in Warschau auftteten könne. Mojschele ist ihr jüngster Sohn. Daher will sie mit dem Gelde nicht „kargen", in keiner Hinsicht. Sie nahm sich vor, für jeden „Tänze" zu zahlen, für das „Vivat"-Spielen'i der Musik fünf Rubel zu geben, für den „Kalle"- Tanz zwei „Dreier" und dann noch mildtätige Gaben. . . . Wozu denn eigentlich sparen? Kinder hatte sie keine mehr. Sie dankte Gott, daß sie ihres Jüngsten Hochzeit erlebte. Mit diesen glücklichen Gedanken fuhr Gitel nach Warschau. (Schluß folgt.) Humor und Satyre. „Hawdolo". Als Frau Jente nach achttägiger Abwesenheit heim» kehrte, sah sie ihren Mann gegen Abend „Hawdolo machen". Verwundert ftagte sie ihn: „Bist du verrückt? Es ist doch mittwoch heute." „Gewiß, aber ich hatte jetzt acht Tage Feiertag und du weißt ja, am Ausgange von Feiertagen macht man „Hawdolo". Der Chosfid erzählt. Der Rebbe saß einmal am Tische, ganz bleich und neben ihm eine rote Flasche. Da geschah eines von den Wundern des Rebben: Eine Weile später war der Rebbe rot und die Flasche bleich,. Korrespondenz der Redaktion. Herrn M. H. in Rz. Wir sandten es Ihnen, eS kam aber als unbestellbar zurück. Wir sandten es daun noch einmal ab. *) Leuchter zum Hineinstecken der Sabbatlichter, über welchen Licht „gebenscht", der Lichtsegen gesprochen wird. ATENTE “ä Ingenieur- und Patentanwalt J. Knöpfelmacher Telephon 22132. Wien. II.. Praterstrasse 37. Oberkantor JOSEF BASSER XX., Wintergasse 29 empfiehlt sieh dem P. T. Publikum auf Grund seiner erworbenen Autorisationen Von anerkannten Aerzten als sehr praktischer Mohel, brra-Operateur. ■m Bei Unbemittelten ohne Honorierung,