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Neue Zeitung · 1906-11-09 · Heft 10 (9.11.1906) · p. Seite 4

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1906
Issue
Heft 10 (9.11.1906)
Date
1906-11-09
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Neue Zeitung Nr. 10 Samstag im Tempel hielt, gesagt hat, „ein Nuchem Schapira kann nur in Galizien wachsen." Als Vertreter der polnischen Partei sowohl, als ich für meinen Teil fühle mich durch eine gewiß nicht am Platze gewesene Aeußerung verletzt. So sehe ich mich veranlaßt, den sehr geehrten Herrn Präsidenten zu interpellieren, wie weit die Sache auf Mchttgkeit beruht, und welche Maßregeln der Herr Präsident ergreifen wird, um der öffentlichen Meinung Satisfaktion zu gewähren." Der Präsident beantwortet diese Interpellation wie folgt: „Ich bin in der Lage, diese Interpellation sofort zu beantworten, da ich beim Gottesdienste im Leopoldstädter Tempel am letzten Freitag abends anwesend war und die Predigt gehört habe. Ich möchte vor allem konstatieren, daß der Redner offenbar von den wohlwollendsten Intentionen für unsere Glaubensbrüder in Galizien, welche in drückendster Notlage ein kümmerliches Dasein fristen, beseelt ist und daß hievon auch seine Rede Zeugniß gab. Er hob hervor, die ausgezeichneten Leistungen des Galizischen Hilfsvereines, des reich dotierten Gattzischen Schulvereinesund anderer Hilfsaktionen und bemerkte, daß alles das noch lange nicht ausreiche, um dem furchtbaren Elend, in welchem unsere Glaubensbrüder in Galizien dahinschmachten, zu steuern. Man müffe da mehr und noch viel mchr tun, und er richte diesfalls eine eindringliche Mahnung an unsere begüterten Glaubensgenossen. Andererseits wandte er sich in heftig tadelnden Worten zu der eigentümlichen Erscheinung, die in jenem Prozeffe zutage getreten sei, daß Leute Ritualformen, Speisegesetze, pünktlichst genau observieren, so, als ob in solcher Observanz allein und nicht vielmehr in rechtlichem Handeln das Wesen der jüdischen Reügion Lege. Eine Verdächtigung der jüdischen Bevölkerung Galiziens lag der Absicht des Redners vollständigst ferne. Nichtsdestoweniger erkläre ichoffen, daß mich diese P r e d ig t p ei n l i ch b erührteund daß ich dem auch, noch ehe die Interpellation gestellt war, Ausdruck gegeben habe. Gewiß kann im allgemeinen nicht behauptet werden, daß die Erwähnung oder Besprechung von Vorgängen, die sich in der Oeffentlichkeit abspielen, von der Kanzel fernezuhalten seien. Wir erleben leider allzuhäufig Dinge, welche eine Besprechung im Gotteshause dringend erheischen; bestimmte Regeln hiefür lassen sich nicht aufstellen. Es ist eben bei der Auswahl der zu besprechenden Vorgänge und bei der Mechode der Besprechung mit Takt vorzugehen. Meinem Taktgefühl entsprach es durchaus nicht, daß der ganz gemeine Nuchem Schapjr a-Prozeß mit allen den dabei zutage getretenenNichtswürdigkeiten, etwa weil die Angeklagten in Galizienoder sonst wo immer wohnhafteJudensind, als zum Thema einer Predigt, zu Demonstrationen auf der Kanzel im jüdischen Gotteshause als geeignet erachtet werden. In diesem Sinne werde ich nicht ermangeln, dem Herrn Rabbiner Dr. David die ge st eilte Interpellation zur Kenntnis zu bringen und ihm meines oeben kundgegebenen Anschauungen mündlich auseinander zusetzen." Wenn schon Herr Dr. Stern eine solche Sprache führen muß! Denn soviel ist ja jedem Verständigen klar: Der Herr Kultuspräsident weiß trotz seiner einleitenden Worte sehr gut, was er von der Absicht der Predigt zu halten hat. Darauf deutet der Satz „etwa weil die Angeklagten in Galizien oder sonst wo immer wohnhafte Juden sind" und der Ausdruck „zu Demonstrationen" sehr deutlich hin. Allerdings, daß ihn der ganze Vorgang nur peinlich berührte, daß er ihn nur als Taktlosigkeit auffaßte, und wir wollen chm gerne glauben, daß er nur so und nicht anders empfand, — läßt tief in das Unbewußte des Herrn Kultuspräsidenten blicken. Wiener Huligane. Ein Wiener Freund unseres Blattes schreibt Wo leben wir? In Odessa oder in Wien? Und wann? Im Vormärz oder jetzt? Und was. sind wir? Noch immer die alten Ghettojuden oder freie Bürger? ... Alle diese Fragen lege ich mir vor, wenn ich sehe, wie viel sich unsere Brüder hier noch von antisemitischen Strolchen ■ auf der Gasse gefallen lassen müssen, oder besser gefallen lassen. Da sollten sich doch unsere jungen und starken Juden zusammentun, um durch ein paar kräftige Taten den judenfeindlichen kleinen und großen Gassenbuben die Lust zu ihrem erbärmlichen Treiben zu benehmen. Ich möchte heute von einer Bande, einer „Platte" von fast, huliganischem Charakter erzählen, die im 20. Bezirk, in der Nähe des Klucky-Tempels ihr Unwesen treibt. Jeder Jude, der jüdisch aussieht öder jeder Ostjude, der durch seine Tracht sein Judentum ausdrückt, wird hier angefallen, verhöhnt, mit Steinen beworfen, geschlagen! Bei hellichtem Tage! Auch Kinder werden nicht geschont. Die Juden dieses Viertels leben geradezu in . beständiger Angst vor den Unholden. Ich frage noch einmal: Muß man sich das gefallen lassen? Gibt es keine jungen, starken Juden in Wien, die als eine Art Selbstwehr einen schwachen Hausierer und dessen Kinder schützen könnten. Von der Polizei will ich gar nicht sprechen. b. Delegiertentag der mährischen Judengemeinden. Am 28. Oktober fand der vom mährisch-jüdischen politischen Exekutivkomitee einberufene Delegiertentag der mährischen politischen Judengemeinden und Kultusgemeinden statt. Herr Dr. F i a l l a (Brünn) führte den Vorsitz. Es wurde beschlossen, eine Adresse an die Olmützer Handelskammer zu richten, worin ihr das Befremden ausgedrückt wird, daß sie statt des „deutsch"--fortschrittlichen Kammerrates Sigmund Zweig den alldeutschen Kammerrat Bradacek als Abgeordneten der Olmützer Handels- und Gewerbekammer in den Landtag entsenden wolle. Die Adresse droht mit entsprechenden Konsequenzen derZüdischen Wähler. In der Stadt Göding stellt man dem getauften Juden Doktor Redlich wegen Aussichtslosigkeit keinen Kanditaten entgegen. Hinsichtlich der allgemeinen Wählerklassen wird nur beschlossen, keine Kandidaten zu wählen, welche einer antisemitischen Partei angehören. In rein tschechsschen Bezirken werden die konservativen Kandidaten unterstützt werden. Der „jüdische Bischof" für Magyarien. Unter den Petitionen, die während der Ferien beim Abgeordnetenhause eingereicht wurden, befindet sich auch eine des Munizipiums Tolna, welches über Antrag des Munizipalmitgliedes Bartal die Petition an das Abgeordnetenhaus richtete, es möge einem offiziellen Vertreter der jüdischen Konfession im Magnatenhause Sitz und Sümme eingeräumt werden. Die bisherige Gepflogenheit, einen jüdischen Großkapitalisten ins Oberhaus zu berufen, gebe nur zur falschen Beurtellung des Judentums im Publikum Anlaß. Bei der Reorganisierung des Magnatenhauses war die jüdische Konfession noch nicht rezipiert, was jetzt der Fall sei. Das Munizipium würde in der Berufung eines Vertreters der jüdischen Konfession nur einen Akt der Gleichberechtigung aller Staatsbürger sehen. Das sind die Schmerzen der verblendeten ungarischen Juden. Wahrscheinlich kriegen sie den „jüdischen Bischof", der ihnen so sehr am Herzen liegt. Wahrscheinlich wird aber dann, auch ein neuer Streit ausbrechen. Denn es gibt in Ungarn zwei „autonome" Judentümer: das neologe und das orthodoxe. Jedes wird einen „Bischof" aus seiner Mtte haben wollen. Zur Anerkennung der jüdischen Nationalität. Czernowitz, im November 1906. Endlich! Nach vierjährigem, man kann ohne Uebertreibung sagen — heroischem Kampfe hat die radikale jüdische Studentenschaft in Czernowitz den Sieg davongetragen. Der Senat mußte nachgeben. Was man durch Petitionen und unzählige mündliche Vorstellungen, durch Polliattvmittel, die erst jüngst — nachdem sie früher ohne Erfolg angewendet wurden—neuerlich vorgeschlagen wurden, nicht erreichen konnte, das wurde durch Drohung erlangt. Der Senat ging über alle diese Bitten, und die gerechte Forderung der Studenten zur Tagesordnung über, — so lange es eben Bitten waren. Erst als bei der letzten Inskription 200 jüdische Studenten in ihr Nationale: „Rumänisch" oder „Ruthenisch" schrieben, gingen den deutschen Herren die Augen auf. Denn die Zahl der „deutschen" Studenten war auf ein Minimum reduziert; der „deutsche" Charakter der Universität gefährdet. Und der Senat gab nach. Ein bleibendes Verdienst der „Zephirah" ist. es, den Kampf aufgenonnnen, und ihn — radikal wie sie einmal ist — unterstützt von der „Hebronia" und „Emunah", auch bis zu Ende geft'chrt zu haben. Und der Kampf war nicht leicht. Es galt nicht nur eingebürgerte Vorurteile zu brechen, Indolenz zu heben und Forderungen zu stellen; diese radikalen Studenten mußten auch, — und das war vielleicht das Unangenehmste an der ganzen Aktion — den Kampf gegen andere nattonale Studenten aufnehmen. Doch, wozu unangenehme Reminiszenzen wecken? Hoffentlich werden die Herren von der „Hasmonaea" den Erfolg der Radikalen würdigen. Es soll auch an dieser Stelle dem derzeitigen Rektor, Prof. Ehrlich, der Dank für die günstige Entscheidung ausgesprochen werden. Der Senat hat wohl bis zur ministeriellen Genehmigung seine Verfügung, in Hinkunft die jüdische Nationalität auszuweisen, als eine provisorische bezeichnet. Doch dürfte Prof. Ehrlich, — er hat dies übrigens der Deputation der Studenten versprochen — in Bälde auch die ministerielle Entscheidung in günstigem Sinne provozieren. Erst dann wird der Sieg ein voller sein. Jwri. Zu dem Thema „Anerkennung der jüdischen Nationalität" erhalten wir von einem im Osten lebenden Fachmann des österreichischen Staats¬ und Verwaltungsrechtes folgende kurze Abhandlung : Mit der Frage des allgemeinen Wahlrechtes ist auch die über die Anerkennung der Juden als Natton akut geworden. In dieser Hinsicht ist die Frage, ob die Juden eine Nation sind, wohl zu unterscheiden von der, ob die Juden als Natton von der geltenden österreichischen Gesetzgebung anerkannt sind. Ob die Juden als Nation anzusehen sind, läßt sich nach unseren Gesetzen ebenso wenig beantworten, als die Frage, ob beispielsweise die Rumänen oder eine andere Gruppe unserer Staatsbürger eine Natton sind. Es ist nämlich keine gesetzliche Besttmmung vorhanden, die die Voraussetzungen bezw. die Merkmale einer Nation fixiert hätte. Das Gesetz setzt eben den Begriff. „Natton" als bekannt voraus und spricht bloß von den Begriffen „Person" und „Staatsbürger" unter Fixierung der Voraussetzungen für die Erlangung des Staatsbürgerrechtes. Der Begriff „Natton" läßt sich somit bloß de lege ferenda feststellen und kämen daher nachstehende Erwägungen in Bettacht: Unter „Nation", ist offenbar eine bestimmte Menschengruppe zu verstehen, die sich von jeder anderen durch gewisse Merkmale, wie Umgangssprache, Sitten und Gebräuche u. dgl. unterscheidet. Daß dies bei den Juden im Vergleich mit den übrigen Nattonen durchaus der Fall ist, bedarf selbstredend keines besonderen Beweises. Eine andere Frage ist die, ob die jüdische Natton von unseren Staatsgesetzen anerkannt wird. In dieser Hinsicht wäre auf die Besttmmungen der Staatsgrundgesetze vom 21. Dezember 1867 und insbesondere auf das St. G. G. über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger zu verweisen, welch letzterem zufolge alle österreichischen Staatsbürger vor dem Gesetze gleich sind. Sind aber die Juden als Staatsbürger vor dem Gesetze den übrigen österreichischen Staatsbürgern gleichberechtigt, so sind sie beim Vorhandensein aller Merkmale einer selbständigen Natton von unserem Gesetze auch als solche anerkannt. Wir sind also eine Natton und dies eine von unseren Staatsgrundgesetzen anerkannten Natton und haben somit ein unverbrüchliches Recht auf Zuerkennung aller einer jeden in unserem Staate lebenden Nation staatsgrundgesetzlich gewährleisteten Befugnisse und Freiheiten. Zu den Czernowitzer Gemeinderatswahlen. Czernowitz, im November 1906. In unserer Stadt geht es jetzt lebhaft zu. Man steht im Zeichen der kommenden Wahlen. Versammlung auf Versammlung, Konventtkel auf Konventtkel. Die Minierarbeit der Judenfeinde ist in vollem Gange: In erster Reihe die „Christlichen Deutschen" mit ihren „Gesinnungsgenossen" aus dem jüdischen Lager. Die Herren „Deutschen" sind so liebenswürdig, beim Status quo zu verbleiben d. h. die 19 Mandate, die sie, 12.000 an Zahl, vor einigen Jahren durch Zufall erlangten,; auch weiter zu behalten, und den 24.000 Juden mit einer 40fachen Steuerleistung 18 Mandate

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