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Neue Zeitung · 1906-11-09 · Heft 10 (9.11.1906) · p. Seite 2

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1906
Issue
Heft 10 (9.11.1906)
Date
1906-11-09
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Neue Zeitung Nr. 10 Rabbiners gegen die galizischen Juden das Symptom eines neuen, aber auch letzten „brüderlichen" Vorstoßes gegen das Ostjudentum. Und es kommt dann zur endgiltigen Versöhnung oder zum endgilügen Bruch. Wer aber im Zweifel ist, welchen AuSgang er wünschen soll, der führe sich nur zwei Typen vor Augen, die allerdings nicht Durchschnittstyppen sind, weder hüben noch drüben, gerade deshalb aber für unsere Gegenüberstellung passen; Auf der einen Seite einen der neuen ostjüdischen Dichter, dieser bis in das letzte Seelenfäserchen mit einem eigenartigen LÄen erfiillten und durch und durch modernen Menschen und Kämpfer, auf der anderen Seite die wenn man so sagen darf, geistige Physiognomie des Mannes, der durch eine triebhafte Bewegung den unliebsamen Anlaß zu dieser Ausführung gegeben hat. Die Entscheidung kann dann nicht schwer sein. Mtschewo!*) Gewöhnlich pflegt man Zaren Nikolaus als einen willenlosen Automaten darzustellen. Alle Welt weiß, daß es am russischen Hofe Einflüsse gibt, die allein die Geschichte des Riesenreiches lenken. Meistens sind die Einflüsse verderblicher Natur und sie versetzen dem Lande einen Schlag nach dem anderen. Mit nicht geringerem Erfolge als Nikolaus könnte ein Fetisch in Menschengestalt Rußland regieren. Welleicht wäre es sogar bester, denn manchmal spricht der russische Alleinherrscher. Und was wir dann von ihm zu hören bekommen, ist immer so unsäglich brutal... Und ein Fetisch spricht wenigstens überhaupt Einen Vortrag Kokowzews über die Judenftage in Rußland nahm dieser Tage der Herrscher aller Reußen mit den Worten entgegen: „Die Behandlung der Judenftage ist nicht zeitgemäß, man muß damit warten." Wer diese Aeußerung als eine harmlose auszufassen geneigt wäre, etwa in dem Sinnet „Gut Ding braucht Weile", würde sich sehr, sehr irren. Mt der Judenftage hat es in Rußland eine ganz eigenartige Bewandtnis, hier heißt Verschißen einfach ablchnen. Anfangs der Achziger-Jahre hat Graf Jgnatjew auf Befehl Alexanders HI. „temporäre Regeln" zur Einschränkung der Judenrechte ausgearbeitet. Seit damals stt ein Merteljahrhundert verstrichen, und die Leute in diesem unseligen Lande sagen sich: „Es gibt nichts Ewiges auf Erden — außer den „temporären" Regeln. . Also noch immer warten! Das Blut der Juden fließt in Strömen in Rußland. Sie sind einfach vogelftei geworden und existieren ausschließlich als Zielscheibe für die niedrigen Jnstmkte des mord- und raublusügen Mobs, als Futter für Poüzeirevolver und die Flinten der Feldgerichte. Und wenn sich ein Kokowzew findet, der übrigens über jeden Verdacht freundschaftlicher *) Nichts. (Nichts von Bedeutung). mit der Hauptsache rasch heraus, was ihm auch seitens vieler den Tadel der Unerzogenheit eingebracht hat. Wer er ist zu ernst, um sich mit Komplimenten abzügeben, zu schwermütig, um unnütze Gespräche zu führen. Er hat seit Jahrhunderten sein eigenes, abgeschlossenes Leben geführt. Er kann unmöglich auf knechtische, wenn auch konventionelle Sitten eingehen... Melleicht könnte man noch dem Lichauer als spekulierenden Bernunstmenschen den Mangel an poetischem Gefühl nachsagen. Und beinahe hat es den Anschein, als ob nur chassidische Länder in der letzten Zeit jüdische Dichter erzogen hätten. Manche gehen soweit, daß sie allen lithauischen Dichtern in hßräischer Sprache die echte Poesie abstreiten. Diese Theorie üeße sich aber sehr schwer halten. Dem Lichauer ist die Kunst unzweifelbar zugänglich. So war der weltberühmte Blldhauer Mark Antokolsky aus Wilna. Meßwürdig ist die Tatsache, daß eine seiner ersten Schöpfungen zwei disputierende Talmudstten darstellt... Noch viele andere Künstler sind vollblütige Lichauer. Das eine ist gewiß, daß der lithauische Jude mehr für das Positive ist, fiir das der Vernunft Zugängliche. Auch der orthodoxe Lichauer gibt sehr wenig auf Bigotterie oder Scheinftömmigkeit. „Frömmigkeit ist kein Verdienst, sagt der Stockuchauer, da eigentlich ein jeder Jude ftomm sein sollte..." Noch heute ist der rechtgläubige lithauische Mittelstand (in der Regel gelehrte Talmudisten) Gefühle für die Juden erhaben ist, und zu melden wagt: „Majestät, in dieser Angelegenheit muß Wandel geschaffen werden. Es ist eine wunde Stelle und blutet zu stärk", — so entschlüpft Väterchen kein anderes Wort, als das alte russische Nitschewo! Eine Anekdote will wissen, daß Bismarck, damals noch Gesandter in Petersburg, einmal an seinem eigenem Leibe die Folgen dieser asiatischen Gleichgiltigkeit, dieses schrecklichen „Nitschewo" zu spüren bekam. Er fuhr im tiefen Winter in einem Metwagen nach Zarskoje Selo wo das russische Hoflager war. Der Kutscher hieb mit seiner Peitsche so tüchtig auf die Gäule ein, daß er nach rückwärts dem deutschen Diplomaten einige Schläge ins Gesicht versetzte. Die wiederholten Mahnungen des aufgebrachten Junkers beantwortete der Russe mit einem gleichgiltigen Nitschewo. Und der Russe hörte nicht auf, bis sich im Gesichte des nachmals so mächügen Reichskanzlers Blut zeigte: Bismarck soll eine lebhafte Erinnerung an das russische „Nitschewo" sein Leben lang bewahrt haben. Aber diese charakteristische Anekdote weiß weiter zu erzählen, daß der eiserne Bismarck sich an seinem russischen' Kutscher furchtbar gerächt habe — er ließ es an gründlichen Prügeln nicht fehlen, das „Nitschewo" erhielt wenigstens diesmal seine wohlverdiente Belohnung. Aber die armen Juden! Die'russische Knute wütet fortwährend gegen sie und der Wagenlenker des russischen Reiches denkt gar nicht daran, aufseine schutzlosesten Insassen Rücksicht zu nehmen. Warten! Warum beftagte der russische Zar die Juden nicht, ob sie noch warten können. Siedlce und Bialystok, wo das jüdische Blut für Wasser gilt, wo jüdische Wohnungen Stätten haarsträubendster Szenen sind, — ist das Alles nichts? Warum läßt Väterchen bei den zahllosen russischen Emigranten nicht Nachfragen, weshalb sie so eilig ihre Heimat verlassen, — warum warten sie nicht in Rußland? Oder unternimmt Zar Nikolaus seine Staatsaktionen so bedächtig, so überlegt, daß es ihm an Zeit fehlt, die jüdische Frage, die mit einem einzigen Worte zu . lösen ist, in Erwägung zu ziehen. Warum beeilte er sich sogar, den abgelaufenen Handelsvertrag mit Deutschland unter für sein Reich sehr ungünstigen Bedingungen 'zu erneuern? Mitten im ostafiatischen Kriege faßte Väterchen keinen Mut, die drängende deutsche Diplomatie mit einem „Nitschewo" abzuspeisen, obwohl sich die Zeit ftr Verträge sehr wenig eignete. Es war die Furcht vor den deutschen Prügeln. Diesmal hieß der deutsche Prügelmeister nicht Msmarck, sondern — Bülow — gleichviel. Die russischen Juden können ebenfalls nicht länger warten. Lange, furchtbar lange ließen sie sich als Parias behandeln. Sie schwiegen und hofften. Jetzt reißt ihre Geduld, sie haben eingesehen, daß sie auf nichts zu hoffen haben — Zar Nikolaus gibt es ihnen deutlich zu verstehen. bei weitem weniger demokratisch als die Chassidim, bei denen sich der Bildungsunterschied fast gar nicht bemerkbar' macht. Der Lichauer kann mit dem Volke sympathisieren, mit ihm zu verkehren ist er außerstande. Es steckt ein gewisser Konservatismus, genauer ein. geistiger Aristokratismus tief jn seinen Knochen. Am Schluffe sei noch hinzuzufügen, daß von den neuen Bewegungen der Sozialismus in Lithauen unvergleichlich mehr Adepten gefunden hat, als der Zionismus. Für die Kolonisierung Palästinas waren noch die Lichauer zu gewinnen. Aber an die Möglichkeit der Verwirklichung des Endzieles des Zionismus wollten die starren Lichauer nicht so leicht glauben. Hingegen war es Lithauen, welches auf eigene Faust den „Bund" auf den Walplatz des Freiheitskampfes stellte. Jetzt kann man in den Straßen von Wilna unaufhörliche Diskussionen über politisch-ökonomische Fragen hören, über! den Mehrwert der Ware, über Expropriation ü. dgl. Und diese Diskussion wird mit dem alten Elfer von diskutierenden Talmudisten geführt... Vor allem aber ist der „Litwak" Skeptiker und Kritiker. Und wie bekannt, genießt diese Art von Menschen am wenigsten Sympathien... Er treibt sie in die Arme der Revolution, indem er nichts für sie tun will, indem er sichtlich auf neue Pogroms wartet. Nicht umsonst feierten unlängst die „echten russischen Mörder" ihre Orgien in Kiew. Unter den Augen der Regierung. Die russische Regierung wird-jetzt niemandem mehr weiß machen können, daß die Pogroms ohne ihr Wissen und Zustimmung veranstaltet werden. Der Bericht Lopuchins, des gewesenen Direktors des russischen Polizeidepartements, an den Ministerpräsidenten Stolypin gerichtet, hat gar wunderliche Dinge zutage gefördert. Die staunende Welt erfuhr, daß die Versicherungen und Dementis der russischen Regierung keinen Schuß Pulver wert sind. Die höchste Polizeiinstanz Rußlands in der Person Lopuchins bestätigte, daß an den Pogromen Beamte, hohe und niedrige, einen lebhaften Anteil nehmen, — Minister, Generalgouverneure, Polizeimeister. Zar Nikolaus weiß ganz genau, was in der jetzigen Zeit für die russischen Juden das Warten bedeutet. Er kennt die Krallen, die sich nach ihren Opfern strecken. Er kennt die Wunden, welche diese Krallen zu versetzen drohen. Er weiß alles und sagt nur sein altes russisches „Nitschewo!" Das eine aber vergißt der russische Alleinherrscher, daß auch die ’ Revolution Prügel erteilen kann. Vielleicht bereut er es später, daß er die Lösung der Judenftage jetzt nicht für zeitgemäß gefunden hat. Wer weiß? Noch vor ungefähr zwei Jahren schrieben die russisch-jüdischen Intelligenten ahnungsvoll an den ersten Semstwokongreß; „Wir waren seit jeher friedliche Bürger gewesen. Die Ereignisse lehrten uns Waffen in die Hand zu nehmen. Wir werden auch lernen müssen, den Sieg davon zu tragen".. S. A. Elleng Zum Kompromiß der den Keeethee Gemeinderalsmrchlen. (Antwort auf den offenen Brief*) des Herrn Dr. Isaak Kohn an Herrn Reichsrats- und LaUdtacjs-Mgeordneten Nikolaj von ^Wassilko.) Wien, 6. November 1906. Sehr verehrliche Redaktion! Die vorletzte Nummer Ihres sehr geschätzten Blattes bringt ein offenes Schreiben des Herm Landes- und Gerichtsadvokaten in Sereth, Dr. Isaak Kohn, an mich. Sofort, als ich von dem Inhalte desselben Kenntnis genommen, wandte ich mich an meinen Partei- und Landtags- Kollegen Abg. Landesgerichtsrat Mallek in Sereth zwecks Auftlärung des Sachverhaltes. Ich hielt diesen Weg für umso geeigneter, als Kollege Mallek in seinem amtlichen und politischen Wirken sowie auch in seinem Privatleben als eine wirklich vorurteilsfteie objektiv denkende, jedem nationalen oder konfessionellen Chauvinismus abholde Persönlichkeit in der Stadt und im Bezirke Sereth notorisch bekannt ist. Beiliegend das Antwortschreibenwelches mir Kollege Mallek Mit Rücksicht darauf, als Herr Dr. Kohn sich an mich in einem offenem Schreiben gewendet hat, halte ich es für das Beste, die Antwort an ihn ebenfalls der Oeffentlichkeit zu übergeben, und erlaube mir daher, eine sehr verehrliche Redaktion zu bitten, die Ausführungen des Kollegen Mallek, welche in erschöpfender Weise die gegenständliche Angelegenheit behandeln, samt dieser Zuschrift gefälligst zum Abdruck bringen zu wollen. Mit vollster Hochachtung einer sehr Verehvlichen Redaküon ganz ergebener Nikolaj von Wassilko. Der Brief des Herrn Landtagsabgeordneten Landesgerichtsrates A. Mallek an Herrn Nikolaj von Wassilko lautet: Sereth, den 1. November 1906. Hochverehrter Herr Kollege! Jn der Voraussetzung, daß Sie den in Nr. 8 der „Neuen Zeitnng" an Sie gerichteten offenen Brief werden beantworteu wollen, erlaube ich mir Ihnen den Sachverhalt mitzu- *) In Nr. 8 der „Neuen Zeitung".

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