Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 10 (9.11.1906)
- Date
- 1906-11-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NEUE ZEITUNG Unabhängige Südliche i Eigentum einer So: Erscheint jeden Herausgeber und Chefredakteur: Dr. Nr. {0. Men, Freitag den Z. November J906. Jahrgang. taedahtlon und Ädmlnlftration: Wien, Xlil/1, Stsckhovengasse 17. Sprechstunden des Chefredakteurs und in Administrationssachen: Montag und Freitag, 7=12—V21 Uhr mittags, II/., Czernntgaye 14. Telephon Nr. 21803. Postsparkassen-Konto Nr. 87.377. Druckerei-Telephon Nr. 4897. iiochenlchrM. ietät. Lreitag. Matban Virnbklum. Lvsmementspreile: In Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 6.—, Halbjahr. K 3.—, vierteljähr. K 1.60, monatlich 60 h. Im Ausland: Ganzjähr. X S.—, Halbjahr. K 4.50. Das Abonnement kann mit jeder Nummer beginnen. Einzelnummer in Wien 16 5, außerhalb Wiens im Jnlande 20 h. X Wiednholungrn Inhalt: Die Predigt eines Wiener Rabbi. — Nitschewo von S. 8l. Elleng. — Zum Kompromiß bei denSeretherGem e i n d e r a t s w a h l e n. (Antwort auf den offenen Brief des Herrn Dr. Isaak Kohn an Herrn Neichsrats- und Landtagsabgeordneten Nikolaj von Wassilko). — Wochenschau: Hetze gegen die galizischen Inden in der Synagoge. Wiener Huligane. Delegiertentag der mährischen Judengemeinden. Der jüdische Bischof von Magyarien. Zur Anerkennung der jüdisch e n N a t i o n a l i t ä t. Zu den Czernowitzer Gemeinderatswahlen. Zu den bevorstehenden Ge» meinderatswahlen in Tzernowitz. Jüdisch-nationale Schüler. Traurige Vorfälle in einem galizischen Städtchen.Jnformationenüber Palästina, Der „Appell an die Welt". Personalnachrichten. - A u s d e r jüdischen Oeffentlichkeit: Protest/ Versammlung der Wiener galizischen Inden gegen den Mißbrauch der Kanzel. U. s. w. — Kunst'und.Literatur: Die jungjüdische Lyrik von Max S ch a ch e r l. Besprechungen. — Verirrt. Gedicht ans dem Jüdischen des I. Adler. — Heim gekehrt. Gedicht von Thekla Blech. — Illusionen einer Mutter. Aus dem Jüdischen des M- Spektor. ■s—|?ii-sui.i N-N L. S/a=t.y r -^:— . Korrespondenz der Redaktion. . Die Predigt eines Wiener Uaddi. Ein Wiener Gemeinderabbiner hat den Prozeß des Vanknotensälschers.Nuchem Schapira zum Anlaß genommen, um in einer Freitagabendpredigt die Galizischen Juden aufs Tieffte zu kränken: Kein Wunder, daß unter den Beleidigten große Erregung herrscht. Und diese wird sicherlich nicht dadurch geringer, daß sich der geistliche Herr auf den hilfsbeflissenen und mitleidigen Gönner hinausspielte. Erstens ist gerade diese Rolle jetzt nicht sehr populär unter den östlichen Juden. Und dann war sie nicht kräftig genug durchgeführt, Das Uchanische Judentum innerhalb des russischen. Saul Katzenellcnbogea. (Schluß.) Dem Chassidismus ümnittelbar folgend hielt bei den Inden noch eine müdere Bewegung ihren Einzug — die aus Berlin stammende Mendelssohn'sche Aufllärung. Wegen Mangels an Raum kann hier nicht geschildert werden, wie die großen talmudischen'Leuchten in Lithauen sich gegenüber dieser Bewegung und gegen weltliche Bildung überhaupt verhielten. Im allgemeinen aber begegneten die starren Lithauer der neuen Strömung mit derselben unerbittlichen Strenge wie vorher dem Chassidismus. Wer sie vermochten nicht, die neue Lehre zu besiegen. Die Mendelssohn'sche Philosophie pochte auf die Vernunft der Juden und in Lithauen läßt sich eine Vernunftsache auf die Dauer nicht verdrängen. Trotz des strengen Verbotes und systematischer Verfolgung lernte die Jugend eifrig in den neu entstandenen „treif-possul", studierte die hebräische Sprache und die Propheten, ging der Aufklärung auf' allen Gebieten nach. Dazu kam, daß Zar Nikolaus I. und sein Minister Uwarow die Bildung der Juden in das politische Programm Rußlands aufnahmen. Ein bedeutender Teil der lithauisch-jüdischen Jugend stürzte sich ' auf moderne Bildung, mit demselben lithauischen um die Stimme zu übertäuben, die aus den seelischen Ursprüngen der merkwürdigen Predigt herausschallt — jenen angstvollen Ruf: Abrücken, abrücken! Damit man uns nicht mit ihnen verwechsle! Diesen Ruf haben die galizischen Juden, namentlich auch Wiens,, deutlich, allzudeutlich gehört, und sie werden nicht ermangeln, mit dem sonderbaren Heiligen, der ihn ausstieß, ihre besondere Abrechnung zu: pflegen. In ihrer Sonderheit angegriffen und diese jederzeit bekennend, haben sie das volle Recht und die erste Pflicht zu dieser Abrechnung. Wein es gibt ja auch eine jüdische Einheit, sagt man, die über allen Gruppen des jüdischen Volkes schwebt. Wenn sie vorhanden ist, muß sie sich jetzt zeigen. Auch das nichtgalizische Judentum muß inne werden und äußern, wie sehr der seltsame Rabbi das jüdische Volk im Ganzen beleidigt, wie.sehr er dessen Interesse verletzt hat. Vorläufig ist es nach die Tat eines MaNnes, eines Einzigen,' okin ein' ungnädiges Geschick die Weisheit vorenthielt, welche sein Amt erfordert. Aber nur eine Weile noch teilnamslosen Schweigens aller anderen, der Gemeinde und ihrer Führer, und aus der Torheit des Einzelnen ist eine Massensünde geworden! Wohin soll es mit dem Judentum kommen, wenn sich ein Teil gegen den anderen erhebt und Lästerzeugenschaft wider ihn ablegt? Haben wir wirklich nichts anderes zu tun, als den Antisemiten Beispiele zu liefern, wie ganze Volksgruppe für die Verbrechen Einzelner verantwortlich gemacht Werdens Und sind wir wirklich so entartet, daß es uns treibt, unsere unschuldigen Brüder dem Feinde vorzuwerfen? Gleichsam sagend: Begnügt euch mit ihnen. An ihnen könnt ihr euch auch ergötzen, - an ihren Ge- Uebereifer, mit welchem sie früher den Talmud studierten. Eine ganze Generation von „Maßkilim" entstand in Lithauen, Schriftsteller, Gelehrte, Grammatiker. Die Pflege der hebräischen Sprache errichte ihre höchste Blüte, indem sie erst in Lithauen zu einer Literatursprache im modernen Sinne erhoben wurde. Das lithauische Judentum beschickte die Hochschulen in den Hauptstädten mit einer bedeutenden Zahl von Hörern. In Wilna und Schitomir wurden Rabbinerseminare errichtet. Und somit war Wilna, die alte talmudische Veste, „das Jerusalem von Lithauen", zu einer Kulturträgerin für das ganze russische Judentum geworden. Es ist selbstverständlich, daß der Chassidismus, der inzwischen eine ungeheure Ausdehnung erfahren hatte, nun eine neue Waffe gegen das lithauische Judentum bekam. Früher fürchtete man die Lithauer als gelehrte Talmudisten, jetzt konnte man sie auch hassen — als Ketzer. Und aus diese Weise entstand in den chassidischen Ländern das Vorurteil gegen den „Litwak", welches die Machthaber des Chassidismus in ihrem eigenen Interesse zu schüren suchten. Aus dem Angeführten ist ersichtlich, welch ein bedeutendes Kapitel das lithauische Judentum, in der Geschichte der russischen Juden in anderen Ländern bildet. Unzählig sind die hervorragenden Geister, welche das Judentum Lithauen verdankt, sei es auf dem Gebiete der talmudischen Lehre, der hebräischen Literatur- und Sprachpflege oder auch allgemeiner Wissenschaft. berden und ihrer Sprache. Nur laßt uns in Ruhe, die wir ja so brav sind. So brav, daß wir weder Werkheilige noch Banknotenfälscher haben, und daß diejenigen, die wir — haben, doch wenigstens deutsch und nicht diesen fürchterlichen „Jargon" sprechen.... Noch ist es nicht zu glauben. Noch ist Hoffnung vorhanden, daß die nichtgalizischen Juden mit ihren Führern an der Spitze ihren strengen Herrn Rabbiner ordentlich ins Gebet nehmen werden. Noch kann es sich zeigen, daß die Spannung, die ja nun einmal zwischen West und Ost im Judentum besteht, die Grenze der Volkseinheit niemals überschreiten kann. Doch es sei wiederholt: Die Zeit ist knapp. Nur noch eine Weile, und wir müßen uns trauernd eingestehen: Die Spannung ist keine Spannung mehr, sondern bereits eine Kluft, eine Kluft, vor der als Wächter das Vorurteil sitzt, das die Blicke trübt und keine Brücken schlagen läßt. Fremd sind uns unsere Brüder geworden und fremd wir ihnen! Und wehe uns, wenn esffv wäre! - Was— soll aus uns werden, wenn wir uns in feiger Gefälligkeit gegen die anderen Völker von unfern Brüdern ablösen? Verkennen wir doch nicht die mächtige jüdische Kraft, die in ihnen liegt! Sie mag für solche Juden gleichgiltig^ sein, die sich mit dem Tode ihres Volkes abgefunden haben. Aber wie wollen sich diejenigen, die die jüdische Gemeinschaft in irgend einer Form erhalten sehen wollen, von dem Östjudentum, diesem gewaltigen Reservoir jüdischer Ursprünglichkeit, jüdischen Willens, jüdischen Jdeenmutes, lossagen? Müßte unser Judentum nicht zusammenschrumpfen und dahinwelken, wie eine Pflanze, der zu wenig Wurzelerde zugemessen ist? Vielleicht ist es ein Scheideweg, an dem wir stehen. Vielleicht ist die Predigt des Wiener Was den eigentlichen Volkscharakter der lithauischen Juden betrifft, so ist er vermöge der armseligen Verhältnisse, in denen die Juden in Lithauen leben, schwermütig, nicht ohne melancholischen Anstrich. Das Vereinswesen, und zwar ausschließlich in humanitärer Hinsicht, ist von altersher in Lithauen außerordentlich entwickelt. Wiederum eine Folge der schweren Not, mit welcher das arme Volk fortwährend kämpft. Der lithauische Jude gibt sich äußerst selten der Fröhlichkeit hin, ist sparsam, beständig mit dem Rechnen und Grübeln beschäftigt. Es war ihm nie vergönnt, sich auf eine Stunde vergessen zu können. Er weiß, daß er in Rußland lebt, seinen Kindern eine geistige Erziehung geben muß — woher, woher das alles nehmen? ... Sein Witz ist sarkastisch, scharf zugespitzt, aber ohne lebensfreudigen Humor. Lebenssteüde ist überhaupt eine seltene Erscheinung in Lithauen. Der rechtgläubige Lithauer ist pedantisch fromm, auf das genaue Erfiillen des Gesetzes stets bedacht, welches er gut kennt. Er ist gezwungen, immer im Gesetze zu grübeln, ob er nicht etwas vernachlässigt oder versäumt habe. Die Intelligenten hingegen, die den alten lithauischen Geist noch nicht eingebüßt, grübeln ihrerseits über allerhand Fragen, über innerhalb und außerhalb des Judentums stehende Tagesprobleme. Ein Grübler-Volk! Im Umgang mit Menschen ist der Lithauer in der Regel offenherzig, etwas roh, kennt keine Schmeicheleien und falsche Honneurs und rückt