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Neue Zeitung · 1906-11-02 · Heft 9 (2.11.1906) · p. Seite 5

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1906
Issue
Heft 9 (2.11.1906)
Date
1906-11-02
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 9 Neue Zeitung Sieg der jüdischen Studenten in Czerno- Jvri telegraphiert uns aus Czernowitz: Der Universitätssenat beschloß, die jüdische Nationalität in der Statistik aus zu weisen. Ein Tcilsieg in Sicht. Man schreibt uns aus Czernowitz: Ich erfahre aus wohlinformierter Quelle, daß die bukowinische Landesregierung die Frage der Kreierung eines jüdischen Adlatuspostens neben den drei Landesschulinspektoren (deutsch, rumänisch und ruthenisch) in Erwägung zieht. Czernowitzer Gemernderatswahlen in Sicht. Man schreibt uns aus Czernowitz: Im Dezember finden in Czernowitz Eränzungswahlen in den Geineinderat statt. Für ie hiesigen Juden, die das überwiegende Bürgerelement' bilden, eine Art von entscheidender Bedeutung für hundertfältige Interessen; aber auch von einschneidender Bedeutrmg für die Stellung der Juden im Lande. Czernowitz ist der Vorort, das Zentrum, von wo alle politischen Strömungen in das Land hiuanslaufen. Stehen die Juden hier gefestigt da, dann vermögen sie ihren Stammesbrüdern im ganzen Lande einen gewissen Schutz zu verschaffen. Es ist daher ein selbverständliches Bemühen aller unser Feinde, uns gerade hier zu spalten, zu schwächen. Einen Mann gibt es, der in dieser Richtung schon einen gewissen Erfolg errungen. Er hat bereits bei den Handelskammerwahlen, bei denen bis dahin unangefochten die j ü d i s ch e Majorität der Wähler entschied seinen Einfluß zur Geltung gebracht um die Juden zu spalten und ihren Einfluß zu schwächen. Es gelang ihm auch teilweise. Dieser Mann ist der Präsident der Landesbank Abg. Lupa. Derselbe richtet nun, durch den Erfolg ermutigt, mit seinem gleichgesinnten Freunde, dem christlichsozialcn Laudtagsabgeordnetcn Wi dm an gegenwärtig seine Mühe darauf einen Keil in die feste Organisation zu treiben,die Dr. Straucher der Czernowitzer Judenheit geschaffen bat. Das Beschämende dabei ist, daß es ausschließlich Juden sind, die sich dazu hergeben. Es sind ein paar Leute, die mit Dr. Straucher nicht zufrieden sind, dann ein paar ewige Durchfallkandidaten für den Gemeinderat, die auch unzufrieden sind, endlich junge Ehrgeizlinge, die gern eine öffentliche Würde bekleiden möchten, ohne daß die Bevölkerung sie will, und dazu etliche Jvurnaisten, die sich seit jeher offen als Feinde jeder jüdisch-nationalen Regung bekannten. Herr L u P u klaubt diese „politischen Individualitäten" zusammen und verspricht ihnen Himmel und Hölle. Er verlangt von ihnen, daß sie vor allem selbständig auftreren, daher macht er aus ihnen ein zehnkliedriges Komitee, nennt das „unabhängige, jüdische Partei" und der Keil ist fertig. Fragt sich, ob er uns auch wird ins Fleisch getrieben werden können. Dazu ist die Sache zu plump begonnen, der Aufruf, den die „neue Partei" ausschickt, spricht es unverhüllt "aus, daß sie sich zur Lebensaufgabe setzt, die Organisation Strauchers zu sprengen. Verschärfung der Sonntagsruhe in der Bukowina. Wir erhalten solgende Zuschrift: Czernowitz, 28. Oktober 1906. An die geehrte Redaktion der „N e u e Mit bezug auf die am 26. d. M, in Ihrem geschätzten Blatte erschienene Notiz „Verschärfung der Sonntagsruhe in der Bukokowina", beehrt sich die gefertigte Vorstehung mitzuteilen, daß mit der am 10. d. M. publizierten Verordnung der Buk. k. k. Landesregierung, der § 15 der Landesregierungs- Verordnung vom 30. Oktober 1905, Zahl 32947, betreffend die Regelung der Sonnnnd Feiertagsruhe im Gewerbebetriebe, eine Abänderung lediglich in der Weise erfahren hat, daß infolge der Einführung der mitteleuropäischen Zeit die Sonntagsarbeit für Kontor- und Bnreauarbeiten anstatt von 9 bis 11 Uhr, nunmehr von 8 bis 10 Uhr vormittags gestattet ist. Auf die Ladenbesitzer hat somit die fragliche Verordnung keine Anwenwendung.und sind dieselben gemäß § 4 der erwähnten Landesregierungs-Verordnung zum Offenhalten ihrer Geschäfte während des ganzen Jahres , von 8 Uhr früh bis 12 Uhr mittags berechtigt. Mit Rücksicht daratlf, als der Landes- - Präsident Dr. v. Bleileben seit seinem Amtsantritte der Kaufmannschaft gegenüber sich in jeder Hinsicht entgegenkommend und wohlwollend verhält und die Ausführungen in Ihrem geschätzten Blatte nur auf unrichtiger Auslegung der erwähnten Verordnung beruht, wird um Richtigstellung der Notiz ersucht.. Kauftnännisches Gremium der Gruppe II. Czernowitz. Der Vorsteher: Jakob Buchbinder. In Siedlce. hat sich die Lage der Juden gebessert. Blanche meinen — seitdein die jüdische Deputation bei Stolypin gewesen ist. Das ist, nach allem was man von diesem edlen Herrn weiß, gerade nicht anzunehmen. Immerhin ist der bisherige Garnisonskommandant, der Massenmörder Tichanowski, zur Freude der Bevölkerung entlassen und sein Nachfolger, Major Leontieff, bemüht sich, Ruhe und Ordnung zu halten, bezw. herzustellen. „Verband wahrer Inden". Vor einigen Wochen hat sich in der Warschauer Vorstadt Praga ein „Verband wahrer Inden" gebildet, der sich die Bekämpfung der Revolution mit Polizcimitteln zur Ausgabe gestellt hat . . . Die „wahren Juden" sind das nicht. Jüdisch-nationcile Politik in Rußland. Das Zentralbureau der rußläudischen Zionisten in Wilna kündigt in einem längeren Aufritse die Einberufung eines rußläudischen zionistischen Parteitages an. Auf diesem rvird die kulturelle und politische Arbeit in Rußland selbst, namentlich aber die Frage einer jüdisch-nationalen Politik einen breiten Rauin einnehmcn. Ter Aufruf bezieht sich auf die österreichischen Verhältnisse mit folgenden Worten: „Erst in der zweiten Hälfte des Jahres 1905, als sich die russischen Zion stcn mit politischer Arbeit zu befassen'begannen, entstanden in Oesterreich und namentlich in Galizien starke politische Bewegungen, die eine selbstständige jüdische Politik und die Durchsetzung jüdischer Abgeordneter für das Parlament anstrebten. Man organisierte dort eine jüdische Volksparrei. an welcher neben den Zionisten alle jüdisch-nationalen Elemente teilnahmen." Dieser letzte. Satz enthält eine tatsächliche Unrichtigkeit. Es gibt zwar zionistische und außerzionistische Anhänger einer allgemeinen, nicht auf Zionisten beschränkten, jüdisch - nationalen Partei. Mer bis auf Weiteres hat auf dein letzten Krakauer Parteitage der Zionisten gerade die entgegengesetzte Anschauung gesiegt, indem dort eine jüdisch-nationale Partei ausschließlich auf zionistischer Grundlage gegründet wurde. Der Irrtum rührt wohl daher, daß die russischen Zionisten selbst zumeist auf dem Standpunkteiner breiteren jüdisch-nationalen Partei stehen. Dies geht deutlich aus dem Leitartikel der letzten Nummer des offiziellen Organs der russischen Zionisten, „Dos jiddische Folk", hervor, der über die bevorstehenden Dumawahlen handelt. In diesem finden wir folgende Stelle: „Es ist uns anch nicht von Wichtigkeit. ob die Abgeordneten Zionisten ober 'Rationalisten schlechthin sein werden. In der russischen Tnma haben die jüdischen 'Abgeordneten keine zionistischen Interessen. Die Zionisten gehen in die Duma zusammen mit andern, um für das jüdische Volk bürgerliche und natianale Rechte zu bekommen. 'Rur das und nichts weiter. Die Zionisten können sich bei den Wahlen mit allen anderen Teilen der Bevölkerung, soferne sie nur das nationale Prinzip anerkennen, vereinigen. Und wenn wir auch als Zionisten mehr zionistische Kandidaten ausstellen, so nicht, iveil wir in der russischen Duma eine Antwort aus unsere zionistische Frage zu suchen haben, sondern nur deshalb, weil die Zionisten zu den besten nnd hingebungsvollsten Nationalisten, die ihrem Volke dienen, gehören. Außer den Zionisten gibt es zu wenig gute jüdische Nationalisten, die für die Interessen des Volkes besorgt wären. Wenn auch die Zionisten an einigen Orten ihre eigenen Kandidaten aufstellen werden, so werden sie doch mit derselben Hingebung nichtzionistische, bloß nationale Kandidaten ausstellen und für sie mit der . gleichen Energie, wie für ihre Parteigenossen eintreten." Preußentum. Man schreibt uns aus Berlin: Die sogenannte Ausländerstage läßt die! deutschen Behörden nicht ruhen. Noch immer l werden hier weilende „Russen", d. h. stets russische Juden ausgewiesen. In'allernächster Zeit ' wird in dieser Angelegenheit auch ein seit dem i Frühjahr erwarteter Erlaß des Kultusministeriums erscheinen, der sich mit der Aufnahme russischer : Studenten an deutschen Universitäten beschäftigt. - Wenn auch der offiziöse „Berliner Lokalanzeiger" : und das sich oppositionell gebärdende „Berliner i Tagblatt" darin keinen politischen Schritt erblicken, wird man doch diese Auffassung ruhig äblehnen können, da ja feststeht, daß die Üniversitätsbehörde bei den Massenausweisungen vor einigen Monaten der Polizei Einsicht in die Papiere immatrikulierter russischer Studenten gewährt hat.' Bezeichnenderweise stimmen die Korrespondenzen der genannten Blätter im Wortlaut überein: Was nützt es übrigens, bei diesem Vorgehen nach politisch-antisemitischen oder wirtschaftlichen Gründen zu forschen! Ter Erfolg ist derselbe. Es wird nämlich angekündigt, daß von den um Aufnahme ersuchenden Studenten ein Nachweis ihrer Subsistenzmittel verlangt werden wird. Wegen dieser demütigenden Forderung herrscht in der russischen Kolonie Unmut und Medergeschlagenheit. In Erwartung des demnächst erscheinenden Erlasses werden einstweilen die Dokumente von den russischen Studenten ohne Verbindlichkeit zur Prüfung entgegengenommen, wobei sie natürlich über die Entscheidung ihres Aufnahmsgesuches im unklaren bleiben. ja’ari. In Konstantinopel ist ein Jnsoriiiationsbnrcan für Leitte die sich in Palästina oder anderen rürkischen Provinzen ansiedeln wollen, cröpner worden. Oskar Strauß. Nach aus Nerv-Uork eingelangten Nachrichten steht die Ernennung des bekannten jüdischen Diplomaten Oskar" S t r a u ß, seinerzeit Gesandter der Vereinigten Staaten in Konstantinopel, den sowohl die Zionisten als die Territorialisten für sich reklamieren, zum Staatssekretär in Handelsangelegenheiten bevor. Der Apell an die Welt. Daß sich die Budapester Kultusgemeinde um den von ihr oder ihrem Rabbiner Tr. Fischer geplanten Weltkongreß der israelitischen Gemeinden in Sachen der Pogrome nicht weiter küminert, ist nicht zu sehr verwunderlich. Es war ohnehin von vornherein wenig glaublich, daß irgend ein jüdisches Heil gerade von Budapest ausgehen könnte. Aber warum hört man nichts von der Wiener jüdischen Gemeinde, die ja dem Gedanken ebenfalls näher trat und ein Komitee mit der Untersuchung ' der Frage betraute? Wird sind, wie bekannt, ftir weitergehende Schritte, als es ein Gemeindekongreß ist, wir sind für eine große gesamtjüdische Versammlung mit demokratischem Charakter. Aber wir möchten doch wenigstens die Fortschritte im minus sehen, darum unsere Frage. Und mir hoffen, eine befriedigende Antwort zu hören. Ans der jüdischen Geffentlichüeit. Zu den Kultuswahlen. Die „O e st e r r e i ch i s ch e Israelitische U n i o n" teilt ixt ihrer Monatsschrift mit: Der Vorstand der „Oesterreichisch - Jsraclitischeix Union" har in seiner am 11. d. M. stattgefundenen Sitzung beschlossen, die Initiative zur Bildung eines W a h l k o in i l e e s für die bevorstehenden Kultuswahlen zu ergreifen. Diesem Wahl'omitce gehören alle Obmänner und Obmänner-Stellvertreter der Bezirkskommissionen, ferner Vertreter der maßgebendsten südlschenKörperschasteu nnd einer Reihe norabler Einzelpersonen an Die zionistische Organisation hat die Einladung zur Beschickung dieses W a h l k o m i l e e s abgelehnt. Am 19. Oktober fand die Konstituierung des Wahlkomilees statt, zu dessen Obmann Tr. Leopold K o h n gewählt wurde. Als Odmaml-Stellverlreter fungieren Tr. Hermann Fialla n»d Dr. Jakob Engel. Tie vom zionistischen Wahlkomitee für den 30. Okt. einberusene 'A g 1 r a t i o n s v e r s a m m l u n g in Sache der K u l t u s w a h 1 e n mar gut besucht. Der Vorsitzende. Herr Dr. M a r g u li e s begrüßte die Erschienenen, speziell anch die Kultusräte kaiserl. Rat Wilhelm Pollak und Eltbogen, Belhausvorstand Straßberg, dann Dr. Birnbaum (Mathias Achers, der die Wahlkampagne in seiner vornehmen Weise eingeleilet. habe, Dr. Bloch, endlich Dr. Schalst als Führer der zionistischen Partei. Nach einer maßvollen und in ihrer Klarheit wohltuenden Eröffnungsrede, in der er die Versammlung auch um Wahrung der Redefreiheit bat, erteilte der Vorsitzende dem Referenten das Wort. Zuerst sprach Herr Dr. W e i s e n g r ü n, der die Sünden des alteix Regimes meisterlich hervorzuheben und die Versammlung mitzureißen wußte. Die Mitieilung, daß der Vorstand gar an eine Verschlechterung des Wahlrechtes denke, ries liefe Empörung hervor. Die Bemerkung des Redners, daß er sich nicht bloß an die Zionisten, sondern an alle Nationalen, ja an alle „guten; Juden" wende, fand lebhafte Zustimmung. Ter zweite Referent. Herr Tr. Zweig, vertrat in gediegener, sachlicher Rede die Forderungen der Zionisten. Er zerpflückte die Argumenre und Vorivände der Gegner mit Paragraphen und Daten. Reicher, wohlverdienter Beifall lohnte seine Ausführungen. An der Diskussion beteiligten sich zunächst die Herren Max Markus, Sudan Brunner und , Natban Groß. Der Erstgenannte wußte recht erbauliche Dinge aus der kultusgemeindlichen Praxis zu erzählen, womit er sehr viel zur Aufklärung des Publikums

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