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Neue Zeitung · 1906-11-02 · Heft 9 (2.11.1906) · p. Seite 4

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1906
Issue
Heft 9 (2.11.1906)
Date
1906-11-02
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Neue Z ei tu n g Nr. 9 Vou Regierung und Parlament. Wien, 28. Oktober 11106. Es war eine Wvche bedeutungsvoller Ereignisse. Zuerst der Ministerwechsel. Das ist diesmal keine so glcichgiltigc Sache wie sonst. Zwar über den neuen Minister des Aeußern A c h r e njhal weiß man nichts.Rechtes. Das; er Rußland genehm ist, empfiehlt ihn gerade nicht, aber es muß ihn auch gerade nicht qualifizieren. Vielleicht kommt' er unverdient zu der staglichen Ehre. Jedenfalls ist es crstculich, daß man seinen Vorgänger, deit Schlachzizen G o! u ch o w s k i losgeworden ist. Er hat den Karren der Monarchie ordentlich verfahren. Spaßig ist nur, daß er durch die Magyaren siel, gegen die er immer zu schwach rvar. Diesen scheint übrigens der Zweite Mnisterwechsel — Schönai ch an Stelle Pitreichs — nicht sehr angenehm zu sein. Sie wittern eine neue Zeit, die ihnen nicht gefallen will, weil sie die magyarische Gewaltherrschaft über die nichtmagyarischeu Völker in O Österreich und Ungarn brechen wird. Der Wahlreformausschuß ist über die letzte Klippe der Wahlreform, die Sicherung der Wahlkreiseintciluug, glücklich hinübergekommen. Deutsche und Tschechen sind beruhigt. Und die Polen haben natürlich das beste- Geschäft gemacht. Sic baben sich eine Extrasichcrung in den galizischeu Landgcmeindebezirken geben lassen. Außer der für Wahlkreisänderungen überhaupt notwendigen allgemeinen Präfenzziffcr von 343 ist noch für Aenderungen in den 'galizischeu Laudgcineindcbezirken die Anwesenheit der Hälfte der galizischen Abgeordneten ausbedungcn. Es ist kein Wunder, daß die Ruthenen, welchen dieser Streich aus absehbare Zeit die Möglichkeit benimmt, eine Erweiterung des ihnen durch die Kniffe der polnischen Raubritter zugestutzten Wahlrechtes zu erwirken, erbittert sind. Und man kann cs ihnen gar nicht verübeln, daß sic durch Herrn von Wassilko den Enrschluß ausdrücktcn, von extremer Wahlresormsteundschast zur Obstruktion gegen das für sic von Stufe zu Stufe verschlechterte Gesetz üüerzugchcu. Der Unbeteiligte hat es ja leicht für die Wahlreform, koste sie (andere), was sie wolle, zu sein. Aber für denjenigen, den d e Anmaßung der Polen trifft und der noch einige Macht hat, sich zu wehren, steht die Sache doch einigermaßen andcrs."„Wahlrechtsroub" tut immer weh und die blos vernünftige Erwägung, daß es vor dem Raub noch schlechter war, lindert bekanntlich die Schmerzen nicht. ’ TaßübrigcnsdcrÄompromißmachcrGeßmauu die ruthenenfeindlichc Bestimmung in seinen Antrag aufnähm, sollten sich die Ruthenen merken. Auf diese Freundschaft des christlichsozialen Herrn waren sie vielleicht nicht gefaßt. Herr von Wassilko hat im Wahlreformausschussc den famosen Autonomie-Antrag des Herrn Starzinski bekämpft. Es ist dabei für die nationale Autonomie im Gegensätze zur Länder- Antonvmic eingetreten. Damit sind wir natürlich ganz einvcrstandeu. Gegen eine administrative Zweiteilung Galiziens, in einen polnischen und ruthenischen Teil, die er noch außerdem vorschlägt, ist wohl auch nichts einzuwenden, vorausgesetzt, daß die nationale Autonomie, der Sicherung aller nationaler Minoritäten, vorausgeht. 31. Oktober. Die Polen haben in der Autonoiniesrage viel mehr durchgesetzt, als inan erwartete. Bleiben nur noch die Hoffnungen auf das Plenunr. Wenn nur nicht auch diese zerrinnen! Man braucht eine starke Bewegung für die nationale Autonomie in Oesterreich und vor allem sofort eine Bewegung gegen die Sonderstellung Galiziens, — speziell auch seitens der Die Wahlreform ist also im Ausschüsse durch und kommt nun zur zweiten Lesung im Abgeordnetenhause. Ersteulich ist, daß nach einer Rücksprache der ruthenischen Abgeordneten von Wassilko und Romanczuk mit dem Aünisterpräsidenten die Obstruktionsabsichten der Ruthenen nicht zur Ausführung kommen werden. Hetze gegen die galizischen Juden in der Synagoge. Wir erhalten von mehreren Seiten übereinstimmende Berichte über eine ganz unglaubliche Predigt, die einer der Wiener Gemeinderabbiner, Herr Dr. D a v i d am 27. d. M. im großen Tempel gehalten hat. Das Leitmotiv seiner Predigt war Ikuchem Schapira, und gerichtet war sie gegen die galizischen Juden. Der sittlich entrüstete Herr — der das Judentum diskreditiert steht, weil Nuchem Schapira seine Geschäftsbriefe in hebräischer Sprache schrieb — forderte die Wiener jüdischen Kaufleute feierlichst auf, mit den galizischeu Juden alle Handelsbeziehungen abzubrechen — denn schon Jeremias sagte: „Vom Norden kommt alles Unheil". Die Zuhörer dieser Predigt trauten ihren Ohren nicht, namentlich die Galizianer, die in großer Menge anwesend waren. Bald bemächtigte sich ihrer die größte Empörung, die sich nur mit Rücksicht auf die Heiligkeit des Ortes und die gesetzlichen Bestimmungen, nicht laut zu äußern wagten. Aber man wird Herrn Dr. David die Antwort nicht schuldig bleiben. Man wird sich diesen Bruch der Solidarität nicht gefallen lassen. Und die Wiener galizischen Juden speziell werden nicht dulden, daß eine derartige Verfolgerpraxis gegen sie und ihren Landsleuten einreißt. Nuchem Schapira. Von de» Aittiseniite» hat ja niemand Besseres erwartet. Leute, die eine eigene Tefraudanten- und Tenunzianlcnznchi berreiben, und s ä m r l i ch bewußt mit Händeabsäger». Angenansstechcrn, üinderenlzweircißcrn und sz-rancnschändern symxaihincrcil, — haben natürlich nichts Eiligeres zu tun, als Nuchem Schapira und Konsorten der ganzen Judcnhcit anszubalscn- Darüber ist ja weiter kein Wort zu verlieren; höchstens haut man drei», wenn man die Hand dazu har und Einem gerade ein besonders freches owennuar der antifemilischen Spicßumdrcher begegnet. Umsomehr sordcrn aber gewisse kleine. Bcgleiterscheinnngen des. Prozesses im Gerichle und außerhalb, die mit zünftigem Antisemitismus gar nichts zu tun haben, zur Kritik heraus. Wenn man so die Berichte, auch der freiheitlichen Zeitungen, durchlas. konnte man säst den Eindruck gewinncn. daß gar nicht Nuchem Schapira und seine Heller ans der Anklagebank saßen, sondern da- — „Ghetto" und der — „Jargon". ES int uns aufrichtig leih, konstatieren zu müssen, dag u:l! gerade die ..Arbener-Zeilung" in der sicherlich unbeabslchtigicn Erzeugung eines solchen LtimnningsbildcI besonders hervortat. Daß sie die Vereinbarkeit von formeller Neligioptar um Verworfenheit immer wieder herverhob. mag noch dabinaeben. wiewohl dieie Wahrheit nichts weniger als neu in und ihre fortwährende Betonung die falsche Vorstellung erzeugt, als wäre die Möglichkeit Ausschließlichkeit. Schlimmer ist schon, daß die religiösen Gegenstände so ansdehnend interpretiert lueröcn, daß selbst Noch der Zionistenkongrest zu ihnen gezählt werden kan». Man brencht ivalirlich kein Zionisr zu sein, um dies sehr würdig zu finden. Am schlimmsten und merkwürdigste» ist die gleichsam lächelnde, spöirelnde Wiedergabe des „unverstäudlichen Jargons der polnischen Inden." Wer hat so viel Ellen, nur den Dünkel mt Ungewissenhaftigkeit dieser Berichterstattung zu ' ermessen V Da soll der Angcklagi, . gesagt haben. Und k c Jüdische diese Worte aar erstaner hat sie vielmehr s e j n nominell, — in dem lei Jüdische der Ostjuden identisch ij neu Vätern ererbten Gemauiclicl. Jüdisch eine Liicraiursprachc ist, Lieder fingen, ihre Gcschichtcil c Personen sprechen lassen, in der aller Art schreibt — auch mcw darauf, daß „Jüdisch" die ofr mächtige» sozinldemokratism . als Schul- und mmisipracpe ivunfcht. Und diese Vergeßlichkeit ist sehr bedauerlich. Sehr, sehr bedauerlich! Wir sind mit weniger zufrieden. nicht gesagt haben, weil .ich: kennt. Der Berichtc a nt, daß daeigenen vor l g gar nicht, das in der große Dichter ihre zählen, ihre handelnden ran Bücher und Zeitungen irische z. B. Er vergißt Ließe Parteisprache derpartei ist, Jüngst war eine ruthenische Bauerndcputation in Wien, um sich beim Ministerpräsidenten und beiin Minister des Innern über unglaubliche Drangsalierungen zu beklagen, welchen sie als Mitglieder der „Siez"-Organisationen durch die polnischen Machthaber ausgesetzt sind. Auflösungen oder Sistierungen der Tätigkeit dieser als frciwjlligc Feuerwehr, dem Turnen und als Lesezirkel dienenden und auch gegen das Trinken gerichteten Vereine stehen ans der Tagesordnung. Vorwände sind in Galizien leicht gesiinden. Besonders richtet sich die Wut der polnischen Chauvinisten gegen die Bänder in den Landesfarbcn und die Topinci, — eine Art Spazierstöcke in Form eines Beiles — die von den Organisationsmitgliedern als Abzeichen getragen werden. Nicht weniger als 400 Bauern wurden im laufenden Jahre aus diesem Grunde bestraft. — Sehr ersteulich ist, daß die. Wiener „Arbeiter-Zeitung" die Deputation, ihr Auftreten in Wien, ihre Beschwerdepunkte in wirklich liebenswürdiger Weise besprach und damit das alberne Vorurteil gegen die Sozialdemokraten, als hätten sie für den Wert des Nationalen keinen Sinn, entkräftete. Wie steundlich klingen zum Beispiel die Worte : „Und wenn sie so stolz einherschreiten können, so kommt das davon, daß sich in den letzten Jahren eben eine große Wandlung in der Seele des Ruthenenvolkes vollzogen hat. Es hat sich erinnert, daß es einst eine selbständige und sich selbst regierende Nation war, stark und wehrhaft, ein Dorn im Auge der polnischen Nachbarn. Diese Erinnerung aber, gepaart mit der Erkenntnis, in welch unwürdigen Zustand sie unter der Herrschaft der polnischen Schlachta geraten sind, hat diese Bauern wieder aufgerichtet, zu steicn und stolzen Männern gemacht". Wir wären dem führenden Blatte der österreichischen Sozialdemokratie.aufrichtig dankbar, wenn es diesen Ton feinen geschichtlichen Mitempfindens gelegentlich auch gegenüber Inden führen würde. Ja, es inüßte nicht einmal ganz derselbe Ton sein. Denn wir sind überzeugt, daß er selbst vielen nationalen Inden zu — wie sollen wir nur sagen? — zu „ideologisch" vorkommt. Tic Magyaro-Jndäcr. Zur Bekräuzuug des Sarges Raksczis hat die Budapeficr israelisch: Neliaicmsgemei'.ide einen .riesigen Eichenkranz mit trikolorer.Schieise nach Kascha» gesendet. — In den Tempeln und Schulen der Aeligionsgemeinde wurden Nakocziseierlichkeiteu abgehalic». Natürlich!.. . lind der arme Nakocy) der sich das gefallen lassen muß! .... ZV. Pogromdvohungen irr Kroatien. Aus Agram wird uns geschrieben: Nach Ungarn kommt in allem Kroatien an die Reihe. So auch in Bezug auf Pogromdrohungen. Vor einigen Woche» hat ein Jude — nebenbei: kein nationaler.— in dem in Zagreb (Agram) erscheinenden „Agramer Tagblatt" in . einem längeren Artikel geschildert, wie er — in Gesellschaft von noch zwei anderen Inden — in die Umgebung Zagrebs einen Ausflug unternommen und hiebei von Bauern, die mit Holzhacken und Heugabeln bewaffnet, nach einem angeblichen Nitualmörder auf der Stiche waren, fast tätlich angegriffen worden wäre. Nur seiner schlauen Erklärung, daß er ihnen bei dieser ihrer Tätigkeit behilflich sein wolle, verdankte er seine Rettung. Und nun kommen lvieder Nachrichten aus Kroatien, die zu größeren Befürchtungeri Anlaß geben, weil man die Jnszenesetzung einer systematischen Judenhetze vermutet. In Zagorien — nördlich von Zagreb — werden P r ok l a m a t i o n e n a n d a s V v l k in tausenden von Exemplaren verteilt, in welchen zu Jude n massacre » aufgefordert wird. Wir wollen bloß einige Stellen ans diesen Ausrufen in geireuer Uebcrsetzung bringen, damit sich unsere Leser ein Bild von den in Kroatien herrschenden Zuständen machen können. „Liebe Brüder in Christo! Es hätte schon längst sein sollen, aber es ' ist dennoch erst jetzt der Moment eingctreten, daß sich der Geist der Aufklärung ällmählig zu verbreiten beginne, daß wir uns gegen unsere Funde erheben, die bereits einen großen Teil Kroatiens in Händen haben und Herren unseres Landes und Vermögens sind — nämlich gegen die Juden, die der Hauptgrund aller unserer und überhaupt de/staatlichen Uneinigkeit, der Unzufriedenheit und des Unglücks sind. Wir fordern hiemit alle christlichen Brüder aus, resolut und einig zuzugreifen, aus daß wir uns gegen diese Verbrecher erheben, auf dem Dorfe und noch mehr in den Ltädten, alle Kräfte müssen ivir anspanncn, uin uns. aus dem jüdischen Joche zu befreien. Nur einig und mutig, sei es daß es auch einzelne von uns daS Leben einbüßen und nufer Blut in Ströinen fließt, seid nur keine Feiglinge, fürchtet Euch vor nichts auf der Welt, laßt euch von Niemandem cinschüchtern . . . und sollte sich jemand stnden, sei es wer immer, der die Juden verteidigen wollte, so soll man ihn zuerst auf schöne Art, und, wenn das nicht hilft, auf gewalttätige Weise beseitigen". Um das Volk leichter für Judenmassacres zu gewinnen, beruft sich die auf den Proklamationen anonym unterfertigte „Gesellschaft" auf die Beamten, Advokaten, Gutsbesitzer, Geistlichen und Lehrer, die mit Freuden eine solche Bewegung gegen die Juden erwarten .und welche sie auch unterstützen werden, anfangs zwar „geheim" — so daß diese Unterstützung für die Massen nicht bemerkbar sein werde/Und um alle Bedenken des Volkes zu zerstreuen, wird in den Austufen noch gesagt: „Auch die militärischen (!) Behörden sind für Judenmetzeleien, denn auch im Militär gibt es bereits gewissenhafte Männer, d. h. Männer, die bereit sind, mit uns gemeinsam gegen die Juden zu kämpfen." Wie eine Ironie ohne gkeichen klingt der Satz, daß man keinen Juden erschlagen solle, nur. wenn es not tue. Mit den Worten: „Kroaten, heldenmütig und klug nn Namen Christi!" schließen die Auf- Den Behörden wurden bereits einige Personen namhaft gemacht, die diese Proklamationen bei Hellem Tage unter das Volk verteilt haben, so daß man hofft, den Verfassern und Verbreitern derselben auf die Spur zu kommen. E. .K

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