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Neue Zeitung · 1906-11-02 · Heft 9 (2.11.1906) · p. Seite 3

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1906
Issue
Heft 9 (2.11.1906)
Date
1906-11-02
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 9 Neue Zeitung Seite 3 klerikale Strömung im Volke geltend und da heißt es wieder, Prof. Masaryk, nebenbei gesagt, der bestgehaßte Tscheche, und seine Anhänger sind von Juden bestochen und erkauft worden und haben sich auch ihre Stellungnahme im Hülsnerprozesse teuer bezahlen lassen. So stehen wir da, eingeklemmt zwischen zwei Feinden, die uns unaufhörlich zusetzen und die Wurzeln unserer Kraft zernagen. Was soll da werden? Wie sieht unsere und die Zukunft der kommenden Generation aus? Das sind Fragen, die wir uns angesichts der traurigen Verhältnisse täglich Vorhalten müssen. Ich habe im Vorangehenden, eigentlich über den Rahmen meiner Abhandlung weit ausgreifend zu schildern versucht, welche — und ich kam zu dem Schlüsse — unangenehmen Konsequenzen die reinliche Scheidung zwischen Radikalen und Klerikalen, die Verlegung des politischen Kampfes von außen in das Volksleben, zwischen die Parteien einer Nationalität hinein, für uns ergeben wird. Ich hatte hierbei zumeist den slawischen Teil der Bevölkerung, unter dem ja das Gros unserer Volksmassen lebt, im Auge. Für die Deutschen sind wir durch die neue Landtagswahlordnung, die ihnen ihren allerdings geschmälerten nationalen Besitzstand für immerwährende Zeiten sichert, fast gänzlich entbehrlich geworden, und wäre nicht unsere Mithilfe bei den Handelskammerwahlen und bei dem Erhalten der deutschen Vorherrschaft in einigen gemischtsprachigen Städten ausschlaggebend, dann gebe es in Mähren nur eine dentschnational-antisemitsche Partei. So besteht heute noch der Unterschied, daß die einen die Anhängerschaft der Juden dulden, die andern aber wohl vom Juden nichts wissen wollen, hingegen sein Geld weiter wie zuvor nicht verschmähen. Ich kam bei meiner Untersuchung zu dem traurigen Resultate, daß der tschechische Antisemitismus in letzter Zeit und namentlich unter dem Einflüsse der Wahlbewegung ganz gewaltig an Intensität zugenommen hat und setzte mich hiedurch scheinbar in Widerspruch mit meiner Anschauung, daß unsere Glaubensgenossen bei aller Unparteilichkeit sich bemühen sollen, den berechtigten Aspirationen des tschechischen Volkes keinen Widerstand entgegenzusetzen, und mehr Verständnis und Sympathie ihren kulturellen und sozialen Bestrebungen entgegenzuöringen. Doch nur scheinbar. Denn erstens kann man nicht eine Nation, ein Gebilde, das erhaben über die Schranken einer kleinlichen Zeit unvergänglich und stetig wachsend, und emporstrebend Jahrtausende überdauert, fitr die Taten einer irregeführten Generation verantwortlich machen und dann hat gerade das tschechische Volk, das der Welt einen Hus und Komensky geschenkt, durch seine Geschichte gezeigt, daß die Ideale der Freiheit, Aufklärung und Menschenliebe ihm nicht fremd sind, und daß es speziell uns Inden oftmals Zuflucht und Gastfreundschaft bot, als blindwütiger Fanatismus uns aus die Wanderschaft trieb. Doch abgesehen von diesen, ich möchte sagen, ethischen Erwägungen, zwingt uns zn dieser Stellungnahme die eherne Notwendigkeit. Denn ebenso wie unsere russischen Stammesgcnossen trotz der unsagbaren Leiden und Verfolgungen, die sie erduldet, dennoch, wenn sie im Lande weiter leben wollen, sich im gewissen Sinne assimilieren, also die Sprache und Kultur ihrer bisherigen Bedränger annchmen und trachten müssen,*) das Vergangene zu vergessen und ein neues Leben zu beginnen, so bleibt ja auch uns, denen dies viel leichter ankommt, nichts anderes übrig, als sich den neuen Verhältnissen anzupassen und hoffen wir, daß diese Krise denn doch einmal schwinden wird und daß dann unsere soziale und wirtschaftliche Position zumindest eine solche sein wird, wie die unserer Glaubensgenossen in Böhmen, wo vor allem der nationale Antisemitismus fast gar nicht zu spüren ist. Hoffentlich trägt auch in nicht zu ferner Zukunft der, im Grunde genommen, praktische und nüchterne Sinn unserer Bevölkerung, die derzeit aufs äußerste erregt und verhetzt ist, den Sieg davon, und es brechen auch für uns bessere Tage heran, ehe es noch zu spät wird. Doch zurück zu meinem eigentlichen Thema. Nach dem Gesagten ist es auch leicht verständlich, daß die nationale Katastrierung, nament- *) Wir sind allerdings nicht dieser Ansicht, die dem Prinzipe der nationalen Autononrie und den in Rußland und im russischen Judentum wirkenden Entwicklungstendenzen widerspricht. Die Redaktion. lich in gemischtsprachigen Städten für uns ein evidenter Nachteil ist, weil jetzt auch der abhängigste jüdische Krämer gezwungen ist, offen Farbe zu bekennen und sich hiedurch schon den Haß der! Gegenseite zuzieht. Falls Einmal die angestrebte: Konzentration der tschechischen Parteien zustande! kommt, werden wir für Dieselben ebenso über-, flüssig sein, wie heute in den reindeutschen Wahlorten. Von besonderer Bedeutung für uns scheint mir auch jene Bestimmung der neuen Landesordnung zu sein, wonach bei Neubesetzung der Landesbeamtenstellen der 'Landesausschuß verpflichtet ist, auf beide Nationalitäten nach der Zahl der Bevölkerung im Lande gebührend Rücksicht zu nehmen. Es wird daher jetzt jede Nationalität eifersüchtig ihr diesbezügliches Recht wahren, wie dies ja auch bei der Ernennung von Staatsbeamten der Fall ist, und das Resultat wird sein, daß die jüdischen Bewerber, die ja tatsächlich keiner dieser beiden Nationalitäten angehören, überhaupt nicht mehr im Landesdienste angestellt werden. Da einerseits die Bestrebungen nach Erweiterung der Länderautonomie günstige Erfolge aufzuweisen haben, und andererseits die Verländerung von Großbetrieben und Anstalten, sowie die Neuerrichtung von solchen bedeutende Fortschritte macht, sa haben wir auch in dieser Richtung keinen Grund, mit der Aenderung der Dinge zuftieden zu sein. Wenn ich noch erwähne, daß die Chancen für die Wahl jüdischer Landtagsabgeordneter ganz geringe sind und daß bestenfalls die beiden Handelskammern je einen jüdischen Vertreter und vielleicht noch ein bis zwei Wahlbezirke einen Glaubensgenossen in den Landtag entsenden, so glaube ich ein erschöpfendes Bild unserer geänderten Position entworfen zu haben. Geben wir uns keiner Täuschung hin. Die Situation ist sehr ernst. — Doch deshalb dürfen wir nicht die Hände feige in den schoß legen und die Dinge ihren Lauf gehen lassen. Was uns nottut, ist in erster Linie ein politischer und wirtschaftlicher Zusamnienschluß, eine Organisation auf nationaler Basis. Beginnen wir endlich einmal die einzig richtige und, für uns, erspmeßliche Politik zu treiben, das ist eine 'jüdische Realpolitik in Oesterreich! Nuchim Schapira und kein Ende. Wien hat wieder eine Sensation. In jenen Häusern, wo bis vor kurzem zahlungsfähige Kunstbegeisterung für Caruso zu finden war, wo man mit verdrehten Augen von der Düse heimkehrte, ist plötzlich wahres Interesse wachgeworden. Ein neues Schauspiel! Nuchim Schapira! So etwas Heimatliches liegt in diesem Wort. Was war der und jener Sensationsprozeß dagegen? In jeder Straße, in jedem Kaffeehaus, aus jedem Munde dieser „Neuigkeitsmacher" tönte einem mit widerlicher Gleichmäßigkeit entgegen: „Was sagen Sie-?" Alle Leute, mit der verdächtigen Abstammung, die mau nie bis zum Großvater verfolgen darf, waren — um mich so auszudrückeu — ein Schrei der Entrüstung. Man riß sich förmlich um die Zeitungen (sogar um das Extrablatt). Das Interesse für die Rubrik „Rußland", das zur Pflicht eines jeden steuerzahlenden Bürgers gehört, das zur Politik hinter dem Bierglas geradezu unerläßlich ist, verschwand und machte einer heißhungrigenNeuigkeitsgier nach dem „Gerichtssaal" Platz. Dafür gibt es eine einfache Erklärung. Der Mann heißt „Nuchim Schapira". Dieser Name, den selbst der harmloseste Zeitungsleser, ob er wollte oder nicht, kennen lernte, riecht stark nach dem Osten. Nuchim Schapira krankt schwer an zwei Nebeln. Er ist erstens ein Verbrecher und zweitens, was noch ärger ist, ein polnischer Jude. Das letztere Nebel kann man nach den in dieser Woche in Wien gemachten Erfahrungen in zwei Unterabteilungen teilen, in „Polnischer" und in Jude. Und von den Namen der Mitangeklagten kann kein Mensch behaupten, daß sie wesentlich anders klingen. Keiner hatte das Glück Vergani oder Schneider oder so ähnlich zu heißen. Sie waren so unzweifelhaft jüdisch, daß das Volksblatt die Ausrufezeichen mit Beruhigung weggelaffen hat. Für derartige Charakterisierungen sorgte schon die „Judenpreffe". Es begnügte sich hie und da von „jüdischer Bande aus dem Osten" .zu sprechen, die Verteidiger mit einigen gewohnheitsmäßigen Flegeleien anzurempeln. Man muß! gestehn, daß die „Arbeiterzeitung" diesmal mit j viel mehr Witz antisemitelte. Man kann ihr das! Kompliment nicht ersparen, daß sie klüger ist, als! das „Deutsche Volksblatt." Aus jeder boshaften, . antisemitischen Anspielung erkennt man die Routine einer jüdischen Feder. Roda-Roda bemerkte ja schon seinerzeit, daß der Antisemitismus erst dann blühend wird, bis ihn ein tüchtiger Jud in die Hand nimmt. Man denke sich ein ironisches Lächeln, eine bezeichnende Geste und die Aufschrift: „Zwischen Galizien und England." Zur Aufllärung des Publikums und Charakteristik des Verbrechers: „Ein Jude in Kaftan." Dieser abscheuliche Kaftan spielt überhaupt hier eine große Rolle. Man sieht, der Berichterstatter hat ein ererbtes Interesse an ihn, diese Wiederholung, diese Hervorhebung des Kaftans klingt wie eine Reminiszenz.... Welch' weites Feld bietet dieser Prozeß unschönem Spott und billiger Ironie. Die Angeklagten „jüdeln." Verhülle dein Haupt, „Neue Freie Presse!" Die, an deren Ariertum bisher nun Karl Kraus zu rütteln wagte! Sie schämte sich so, die „Neue Freie Presse." Wo alles witzelt, kann sie allein nicht ernst bleiben. Man könnte glauben, man würde sich denken, es könnte der Verdacht entstehen. Da schreibt sie eben die Antworten des Angeklagten mit besonderem Behagen in schlechtem Deutsch (diesmal absichtlich) und hat dabei den Vorteil, daß man die schlechte Stilisierung des Ganzen hinnimmt ohne zu ftagen: Wars Absicht oder nur Unfähigkeit? Man hat überhaupt den Eindruck, als ob der ganze Prozeß Nebensache sei. Das Mittel zum Zweck in diesem Falle zum Amüsement. Sie liefern ja so viel Humor „diese Juden im Kaftan." Ob sie nun Verbrecher sind oder nicht . . . Die Galerie wartete atemlos auf die Antworten der Angeklagten, wie bei den Volkssängern auf die Enthüllungen des Herrn Maxi Funkelstein mit dem „Menocle". Alte erfahrene Börseaner sammelten Witzvorrat für „der Börse". Unten in der Arena, pardon im Gerichtssaal, rangen Menschen um Leben, Ehre und Freiheit, in „schlechtem Deutsch", wie die Zeitungen mißbilligend - berichteten. Sie hatten eben keine andere Waffe, als dieses „schlechte Deutsch". Eine Hundspeitsche wäre diesem Publikum gegenüber allerdings mehr am Platze gewesen. Die bei der Verhandlung intervenierenden Dolmetsche für „Jargon" gerieten derart in Verwirrung, daß sie zu den Angeklagten deutsch (soweit es ihnen möglich war) und zum Gerichtshof jüdisch sprachen. Sie fiirchteten vielleicht für Juden gehalten zu werden. Herr Nuchim Schapira, den ich im Verdacht habe, daß er auf all diese Leute, ohne Unterschied des Geschlechtes und der angeblichen Religion, wie ein beliebter Ausdruck lautet, spuckte, war ja so amüsant. Man. mußte über den Kerl lachen. Viele Jüdlein und Christlein, die ihrem Nachbar zuflüsterten: „Was ftir eine Sprache", dachten bei sich: „Der verstehts noch besser als wir". Gewisse Berichterstatter mußten zur Erkenntnis kommen: Den Kaftan, die Pajes, alles kann man ablegen, nur nicht die Nas' und die Sprach'. Das „Deutsche Volksblatt" lächelte leise und dachte sich: Wozu macht der Mensch falsches Geld, wenn man falsche Beschuldigungen machen kann? Abgesehen vom Vorteil, daß man statt schweren Kerkers Ehrentitel erhält. Thekla Blech. Wochenschau. Der Gesetzentwurf zur Verbesserung der Lage der russischen Juden wird bekannt. Er ist eine neue Infamie der russischen Regierung. Der Ausiedlungsrayon und das Verbot des Landerwerbes bleiben bestehen. Und die kleinen Erleichterungen sind meistens auch nur Spiegelfechtereien. Echter S t o l tz p i n! Ter W a h l r e f o r m - E n t w u r f im Wahlreform-Ausschuß ist erledigt und kommt bald zur zweiten Lesung im Plenum. Beginn der K u l t u s w a h l b e w e g u n g in Ein Wiener Gemeinderabbiner spricht in der großen Synagoge anläßlich des Prozeffes Nncheni Schapira gegendie galizi scheu Juden. Der Senat der C z e r n o w i tz e r Universität anerkennt die jüdische Nationat i t ä t.

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