Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 9 (2.11.1906)
- Date
- 1906-11-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Neue-Zeitung Nr. 9 stellt. Sie dient allen Programmen, well sie alle ausgleicht. Heil demVolke, das diese Kraft besitzt. Eshatein gemeinsames Bauen. Denn dem Blicke, der gleichsam aus der Vogelperspektive auf sein Schaffen fällt, erscheinen alle, die da unten in Jnteressen- und Geisteskämpfen einander gegenüberstehen, als Arbeiter an dem gleichen Werke. Der Verbittertste und Abgerückteste wird noch das Verdienst haben, den gemeinsamen Bau nicht zu sehr gestört zu haben. Bei uns aber braucht man leider nicht in die Lüfte zu gehen, um das Gegenteil wahr zu nehmen. Und gerade wir hätten diese Kraft in vielfachem Maße nötig. Gerade wir — mit unserem ach so gering gewordenen Lebensvorrat — hätten allen Anlaß, sie mit Bewußtsein in uns zu pflegen. Gerade wir hätten , alle Ursache, keine ewigen Riffe und Klüfte zwischen uns zu schaffen, die uns bis zur hoffnungslosesten Ohnmacht ersticken müssen. Gerade wir müßten alles aufbieten, uns in Zaum zuhallen, uns jedenAugenblick zuzurufen: Memento mori! Gedenke, daß dein Volk daran sterben kann! Niemand braucht von seinem Programm auch nur ein Jota nachzulaffen. Aber jeder muß mit dem Andern immer soweit gehen, als er zusammen mit ihm kommen kann und vor allem braucht niemand Wesen und Worte in Galle zu tauchen, wenn er sich mit dem Andern auseinandersetzen will. Seien wir doch dessen eingedenk, daß wir durch zelotischen Uebereiser, durch wütende Bekchrungssucht diejenigen nur entfernen, die wir uns nahebringen möchten. Und dies umsomehr, als sie ja ebenfalls unseres hartnäckigen Stammes Söhne sind. Ueben wir uns in Entgegenkommen, in milder Gegnerschaft — ehe es zu spät ist, ehe wir uns mit unserem eigenen Heißhunger verzehren. Arbeiten wir in Frieden, jeder an seiner Sache — und wir arbeiten damit sicherlich an dem gemeinsamen Besten unseres Volkes. Maß! Darnach müssen gerade wir am meisten ringen. Weil wir davon am wenigsten in uns haben. Und schämen wir uns dieses Ringens nicht! Es gehört mehr Mut und Reife dazu, in einer verwilderten Gesellschaft Maß als Trotz zu predigen. Und Maß ist der tiefere Trotz, der Trotz des wirküch Starken, des in sich Festen gegen den billigen Worttrotz des Schwachem ...-. Was haben wir non der neuen mährischen Landlagswahlordnung;u erwarten?*) Von Dr. Bertold Singer.' Kein Atittel ist schlecht und verwerflich genug, um es im Kampfe gegen uns zu verschmähen. Doch nicht mehr mit den Waffen roher Gewalt, wie ehedem, als uns Holleschau und Wsetin zu- *) Siehe Artikel in Nr. 6. stets eine Talmud- oder Rambamstclle*), bei deren Besprechung der gesunde Menschenverstand niemals außeracht gelaffen wurde. Man löste daran anknüpfend alle möglichen selbst aufgestellten Probleme und Dilemmata, die im modernen Sinn keinen praktischen Wert haben mögen, aber die Schlußzichung erfolgte immer nach den ewigen Gesetzen der menschlichen Vernunft. Diese unendlich mühselige Arbeit des Geistes könnte man am besten mit dem Schachspielen vergleichen. Sie trug keine echte Auftlärung unter die Juden Lfthauens, schärfte jedoch ihre Urteilskraft, schützte sie vor allerhand Aberglauben und Mystik. Und es mag auch einer der Hauptzüge des lithauischen Judentums sein, daß es jeder Art von Mystik feindselig gegenübersteht. Das lithauische Judentum kennt fast keine anderen als die durch Bibel und Talmud kanonisierten Wundererzählungen. Der lithauische Jude läßt sich in seiner Lebensweise nur von dem geschriebenen Gesetz leiten. Er vertraut seinem Rabbiner ausschließlich als Gelehrten, als einem, der das Gesetz besser kennt als er. Er schreibt ihm keine andere Eigenschaft oder Rolle zu. Der Grad der Gelehrtheit ist maßgebend für den Grad der Achtung, welche der lithauische Jude seinem Rabbiner cntgegenbringt. Sonst braucht er keinen S e el - sorg er, keinen Vertreter Gottes auf Erden. Der Volksjude, der in seinen Mußestunden dem schweren Talmudstudium nicht nachgehen *) Die vier Konsonanten dieses Bortes sind die Anfangsbustaben von Rabbi Mose ben Maimon, d. i. Maimonidet. teil wurden, wird dieser Krieg gegen uns geführt, sondern planmäßig "und wohlvorbereitet rückt man gegen uns vor,..nach einem von kundiger Hand ausgearbeiteteft Feldzugsplane untergräbt man die Grundlagen unserer Position, man schneidet uns die Zufuhren ab und zwingt uns durch Aushungern zur Kapitulation. Allerdings datiert diese Bewegung nicht von heute, sondern hat schon seit Jahren ungezählte Existenzen unserer Glaubensgenossen, insbesondere auf dem flachen Lande, dem Untergange preisgegeben. Ich verweise diesbezüglich auf meine Abhandlung in Nr. 7 und 9 der „Jüdischen Volksstimme" vom 1. April und 1. Mai 1904: „Der wirtschaftliche Medcrgäng der mährischen Juden auf dem flachen Lande". Doch hat der nationale Fanatismus jetzt vor den Wählen den Siedepunkt erreicht, und ist der Wahlkampf identisch geworden mit einem rücksichtslosen Vernichtungskampfe gegen die wirtschaftliche Existenz des Gegners, id est in erster Linie des jüdischen. Und was hiebei, insbesondere in die Augen sticht, ist der Umstand, daß jetzt Parteien und einzelne Persönlichkeiten, die ftüher zumindest keine offene antisemitische Propaganda betrieben, aus ihrer Gesinnung kein Hehl mehr machen. Ich erinnere an das führende tschechische Blatt Mährens, die „Lidove Noviny", das Organ des getauften Juden Dr. Stransky, das sich an die Spitze dieser Preßmeute gestellt hat und im Chorus mit gleichgesinnten Blättern und Provinzblättchen seine deutschen Gesinnungsgenossen zu übertrumpfen trachtet. Wie Giftpilze aus schlammigem Boden sind in letzter Zeit in den slawischen Städten Sudelblätter emporgcschoffen, deren ganze Wirksamkeit buchstäblich in nichts anderem besteht, als uns mit dein Kote, dem sie selber entsprossen, zu bespritzen und dem öffentlichen Spotte und der Verachtung preiszugeben, kurz, auf jegliche Art unsere Existenz zu untergraben. Dieser Furor hat bereits den Grad erreicht, daß er selbst nicht Halt macht vor den eigenen Volksgenossen, die so ehr- und pflichtvergessen sind, mit Juden, sei es geschäftlich oder privat, zu verkehren. Wehe diesen verblendeten Volksverrätern, sie trifft gesellschaftliche Aechtung und wirtschaftlicher Boykott' Wer also nicht freiwillig mitgeht, der muß sich diesem beispiellosen Terrorismus beugen, und so sehen wir jetzt Leute in den Reihen unserer Bedränger, von denen wir dies nie erwartet hätten. Weniger aggressiv, doch nicht minder schädigend und verwüstend tritt jetzt vor den Wahlen der klerikale Antisemitismus, der den Ruhm der Priorität für sich in Anspruch nehmen darf, in die Schranken. Erstcres, weil die Klerikalen zur Festigung ihrer Majorität die jüdischen Wahlstimmen zu ergattern suchen und daher ihre natürlichen jndenseindlichen Triebe zumindest ftir die Wahlkampagne unterdrücken und sich Maß auferlegen müssen, letzteres, weil dieser religiöse Judenhaß dein in nationaler Beziehung indiffekonnte, hatte nur im Psalmbuchc zu lesen. Noch heute bestehen in Lithauen unzählige „Psalmvereinc." Außer den Psalmen standen dem „Hamoun" fast keine Erbauungs- oder Wundergeschichten zur Verfügung. Das lithauische Judentum war ein hartes, pedantisches Judentum. Die Volksmassen fühlten sich unter seinem Regime sehr unbehaglich. Sie waren vom Genüsse geistiger jüdischer Kostbarkeiten wegen ihrer Unwissenheit so gut wie ausgeschlossen. Noch mehr, die jüdischen Machthaber mißbrauchten sie nicht selten zugunsten der Gelehrten, z. B. bei Rekrutenaushebungen usw. An dieser Stelle muß bemerkt werden, daß zu der in Betracht kommenden Zeit auch die übrigen Juden, außer den lithauischen, den Talmud allein zurDirektive im Leben hatten. Aber nirgends konnte sich dieser Zug so scharf ausbilden, wie in Lithauen. Noch vor zwanzig Jahren lernte der Schreiber dieser Zeilen in Wilna, der Hauptstadt Lithauens, zwei blinde jüdische Bettler kennen, von denen einer die ganze „Mischna", der andere den Talmudtraktat „Jewomojss" auswendig gelernt hatte .... Und nun machten sich vor etwa mehr als einem Jahrhunderte innerhalb des Judentums neue Strömungen bemerkbar, in erster Reihe der Chassidismus, der durch seinen mystischen Zauber die Volksmassen überall fesselte, — überall, nur nicht, in Lithauen. Auch hier bekundete der „Hamoun" die Neigung, das Joch der Gelehrten von sich abzuschütteln und unter die Fahne des Chassidismus zu treten, der feierlich erklärt hatte, renten, hingegen in punkto Glaubenssachen fanatisierten mährischen Bauer mehr entspricht als die Abneigung aus wirtschaftlichen oder nationalen Motiven. Bei dieser Gelegenheit will ich bemerken, daß das in einigen Städten beobachtete Wahlbündnis zwischen Klerikalen und Juden, die absonderlichste Erscheinung auf der neuesten politischen Schaubühne, nur dein pfäffischen Grundsätze entspricht, daß der Zweck die Mittel heilige, mic sich ja auch Päpste selbst mit den Türken zum Kampfe gegen katholische Fürsten verbanden, während die Juden in ihrer Hilflosigkeit keinen anderen Ausweg wissen, als zwischen zwei Uebeln, dem klerikalen und dem nationalen, das derzeit weniger bedrohliche zu wählen. Und trotz dieser Bundesgenossenschast hört die klerikale Presse nicht auf, gegen uns zu schüren und zu hetzen. Tie Mittet, die sie anwendet, sind entsprechend dem beschränkten Horizonte ihrerLeserviel plumpcrund unglaublicherals die ihrer fortschrittlichen Konkurrenten. Was wurdeda nicht in letzter Zeit den einfältigen Lesern als gcistigeNahrung aufgetischt, welche Verdrehungen und Lügen beispielsweise über die traurigen Ereignisse in Rußland, die Rehabilitierung Dreiftlß'und die Wiederaufnahme des Hilsnerprozesses zusammengeschrieben? In der Phantasie so eines slowakischen Bauern erscheinen unsere zu Tode gehetzten Brüder als Mordsgesellen, die durch. Bombenwürfe und Revolverschüsse die Prozessionen der Gläubigen auseinanderjagen und das Christentum in Rußland vernichten wollen. Mit wahrhafter Befriedigung und blutrünstiger Wollust hört und liest er von den Abschlachtungen der jüdischen Uebeltäter und den unter inilitärischein Schutze verübten Massenmorden und zu seinem Hasse gesellt sich noch die Verachtung über diese niedrig stehenden Lebewesen, die man morden, plündern und. foltern kann nach Herzenslust und die nur die gerechte strafe für ihre Missetaten erhalten. Es ist nur natürlich, daß ein Teil dieser fteundschaftlichen Gesinnungen auch auf die Stammesbrüder jener Unglücklichen entfällt und sind daher die russischen Greueltaten gewiß nicht geeignet, unser Prestige bei der Bevölkerung zu erhöhen. Doch auch im Lande selbst wird so manches von klerikaler Seite aus unser Kerbholz geschrieben und müssen unsere Landjuden für Geschehnisse) büßen, für die sie nicht einmal das Verständnis besitzen. So macht man uns immer und immer wieder zum Vorwurfe, daß die in den Händen von Juden befindliche deutsche fortschrittliche Presse an der Spitze der Feinde der katholischen Kirche marschiert und namentlich bietet jetzt die Agitation gegen die Unauflösbarkeit der katholischen Ehe stets neues Material zu Ausfällen gegen den zersetzenden Einfluß des Judentums. Auch inacht sich in jüngster Zeit, insbesondere durch den Einfluß Professor Masaryk's und einiger radikaler Elemente, eine starke antidaß ein Jude ganzer Jude sein kann, ohne jemals den Talmud gelernt zu haben, und der empfindlichen Volksseele phantastische Perspektiven vorspiegelte. Aber das Gros der lithauischen . baalei batim" (Bürger) war zu sehr voin Talmudgeiste durchdrungen, zu sehr waren sie Vernunstmenschcn geworden, als daß sie sich von einer nrystischcn Angel hätten fangen lassen. Sie wendeten sich an den Koloß der talmudischen Gelehrtheit (den Wilnaer Gaon), der um jene Zeit in ihrer Mitte lebte, und dieser erklärte klipp und klar, daß der Chassidismus dem Rabbinismus entschieden widerspreche, daß er den Auswuchs einer überhitzten Phantasie bedeute, welcher den Götzendienst nahe streife . . . Dies, genügte. Auf der ganzen Linie eröffnete man einen ernsten Kampf gegen die neue Lehre, man scheute keine Mittel, — und bis heute blieb der Chassidismus aus dem lithauischen Leben fast gänzlich verdrängt. Die Jünger des Wilnaer Gaon sahen sich später veranlaßt, eine lebenskräftige Institution zur Abwehr des Chassidismus zu schaffen und errichteten eine großangelegte Jeschiba (Talmudschule) im Flecken Woloschin (Gouv. Wilna) nach dem Muster der einstigen Talmudakademien in Babylonien. Dieses eigenartige Seminar verdient besonders behandelt zu werden. Seine letzten Jahre reichten in die Jugendjahre des Schreibers dieser Zeilen hinein. (Schluß folgt.)