Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 8 (25.10.1906)
- Date
- 1906-10-25
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 8 Neue Zeitung „Einen Racheakt" haben die jüdischen Studenten inszeniert und an die anderen Volksstämme ergeht die ernste Warnung, sich vor den Juden in acht zu nehmen. Denn der Jude kennt keine „ethischen Grundsätze" sondern nur „Zweckmäßigkeitspolitik." Die L-ser dieses Blattes kennen bereits die Gründe, die die jüdischen Studenten dazu veranlaßten, im Nationale als Muttersprache „rumänisch" oder „ruthenisch" anzugcben. Nach einem Kampfe von 4 Jahren, der mit „deutsch, jüdischer Nationalität" erfolglos geführt wurde, da der Senat die Worte „jüdische Nationalität" in unverantwortlicher Weise verschwinden ließ, sind die jüdischen Studenten zur Einsicht gekommen, daß nur ein schärferes Mittel der: Senat aufzurütteln vermag. Und wenn nun die Hintermänner der „Nachrichten", unter denen auch einige deutsche Universitätsprofessoren zu finden sind, jetzt ein Wehgeschrei erheben, so können die jüdischen Studenten darauf stolz sein, es endlich erreicht zu haben, daß man von deutscher Seite ctuf_ den guten Einfall zu reagieren beginnt. Die Deutschen, die hierzulande Grund genug zu vorsichtiger Bescheidenheit hätten, werden wohl oder übel trachten müssen, ans der mißlichen Situation herausznkommen. Dies kann aber nur durcli Befriedigung der gerechten Wünsche der jüdischen Studenten geschehen. 8t. Aus dem russischen MiUroncnlrersicr. Man schreibt uns aus Rußland: Die russische Judenheit blutet aus tausend 'Wunden und ist bereits Hoffnungen schwer zugänglich geworden. Wer sollte etwas von einem Zaren erwarten, dem nicht genug Juden totgeschosseu werden und der Judenmörder fürstlich belohnt? Wer von einem Ministerpräsidenten, der sich den „Schwarzen Hundert" verschrieben hat und mit Siedlce und Feldkriegsgerichten regiert? Und doch wagen sich wieder manche Hoffnungen hervor. Sie knüpfen zunächst au die Aufhebung mancher Rechtsbeschränknngen der Bauern an, denn, so lange diese bestanden, konnte man den jüdischen Cmanzipationsforderungen entgegenhalteu, daß auch noch ein großer Teil der .Russen nicht emanzipiert sei. Diese Ansicht hat auch der den Juden gut gesinnte und prinzipiell für ihre Gleichberechtigung eingenommene S w i a t o p o l k - M i r s k y, während der kurzen Zeit seiner Premierschaft Ausdruck gegeben. Im klebrigen ist Mirsky der .zweite Lichtpunkt, den die russischen Juden auf dem Horizont zu erblicken vermeinen. Die russische Telegraphen-Agentur meldet, daß Swiatopolk- Mirskh vom Zaren empfangen worden sei. Da er zu Trepows Zeiten, gänzlich in Ungnade gefallen, fern von Petersburg weilte, will man in der Tatsache der Audienz ein Ereignis von großer Zukunftsbedeutung sehen. Noach P r i l u c k y, der Redakteur des großen Warschauer Tagblattes in jüdischer Sprache, „Der Weg", erzählt in seinem Organ von einer Unterredung, die er seinerzeit mit Mirsky hatte. Nach dieser Schilderung erscheint der ehemalige und vielleicht auch zukünftige Ministerpräsident als ein Liberaler in vollkommen westeuropäischem Sinne, mit allen Licht- und Schattenseiten eines solchen. Auch in der Judenfrage. Er ist für die vollkommene Freiheit der Presse, meint, daß die Gründung einer Zeitung nicht von der Erlaubnis der Regierung abhängig sein dürfe, verbietet aber mit demselben Atemzuge Prilucky die angesuchte Herausgabe eines Tageblattes, weil es — im „Jargon" geschrieben werden soll. Echter liberaler Doktrinarismus, der neuen Lebenstatsachen gegenüber harthörig und tyrannisch wird. Jndeß — hätten wir nur schon Swiatopolk-Mirsky! Die russischen Juden werden die Emanzipation nicht mit der Assimilation bezahlen, wie es ihre westlichen Brüder getan haben. Und die Ausgestaltung der jüdischen Sprache zu einem vollentwickelten und vollberechtigten europäischen Kulturidiom wird deshalb nicht aufhören. . . . Aber wir haben ihn noch nicht. Wir stehen vorläusig noch unter der Herrschaft des Schreckens. In Warschau z. B. nehmen die Revisionen, die man so richtig einen schleichenden Pogrom genannt hat, ihren Fortgang. Ein des Humors nicht entbehrendes Detail von diesen Warschauer Revisionen wird ihre Leier wahrscheinlich interessieren. Es ist dies der Auftrag des Generalgouverneurs, die angehaltenen Juden darauf zu untersuchen, ob sie Ziziß tragen. Ist dies nicht der Fall, so werden sie natürlich sofort mitgenommen. Und nun tragen die revolutionärsten Freidenker Ziziß. In Odessa wiederum sammelt die Gendarmerie Nachrichten zwecks Eruierung derjenigen, die der jüdischen Selbstwehr Zuwendungen gemacht haben. Einige Aerzte, die beschuldigt wurden, sitzen schon im Gefängnisse. Die Patrioten setzen ihre Pogrom-Propaganda fort. Für die Pogromwaisen. Das Aktionskomitee der zionistischen Weltorganisation hat beschlossen, in Palästina eine große Waisenanstalt zu errichten, die für russische Judenkinder bestimmt sein soll, die nr den letzten Pogromen ihrer Eltern beraubt worden sind. Die angestellten Erhebungen haben ergeben, daß sich noch eine beträchtliche Anzahl solcher Waisen in Rußland sindet, deren Angehörige nicht mehr in der Lage sind, die Erziehung der Kinder zu übernehmen. Das Aktionskomitee hat die Vorarbeiten zur Ausführung seines Planes bereits begonnen und hat auch die anderen großen jüdischen Korporationen eingeladen, sich an dem Werke zu beteiligen. Eine jüdische Ausstellung in New-Pork wurde am 4. Oktober I. I. eröffnet. Die Ausstellung soll ein Bild aus dein Leben der jüdischen Kolonisten in den Bereinigten Staaten geben. Ihr Hauptzweck ist aber, den zahlreichen jüdischen Einwanderern des letzten Jahres, die, in furchtbarer Not lebend, ihre Immigration tief bedauern, die Vorteile einer Kolonisierung des Binnenlandes zu zeigen. Das Interesse an der Ausstellung ist, wie der Besuch zeigt, ein sehr großes. Reform erisches. Rabbi Hirsch in Chicago tritt in seinem Blatt dafür ein, daß die Juden aufhören sollen, am Jom Kippur zu fasten. Sein Beispiel ermunterte einen gleichgesinnten Kollegen in einer kleinen Stadt Louisianas in der Jom Kipur-Predigt mit erhobener Stimme an seine Gemeinde die Aufforderung zri richten, nachhause zu gehen, und zu essen. Der Aufforderung wurde übrigens nicht Folge geleistet. Dem „Frankfurter Israelitischen Familienblatt" wird aus Paris mitgeteilt, daß der dortige Kultusrat geneigt ist, einem Vorschläge der Frau Brandon und des Herrn Reinach folgend, den Frauen das Recht zum „Minjan" zugezählt zu werden, einzuräumen. Ans der jüdischen Oeffentlichjrert. (In dieser Rubrik finden u. A. Verlautbarungen jüdischer Körperschaften - ohne Unterschied der Richtung — Aufnahme.) Die israelitische Knltnsgemeinde in ihrer öffentlich rechtlichen Stellung. Wenn eine privat- oder strafrechtliche Frage zu lösen ist, so ist dies sehr leicht, weil hiefür die notwendigen Gesetzbücher zur Verfügung stehen. Ist aber eine Verwaltungsfrage zu beantworten, so wird der Mangel einer einheitlichen Codifikation stark empfunden. Es tritt daher in gewissen Dingen eine Rechtsunsicherheit ein, spdaß sogar diejenigen Organe, die mit der Handhabung der bezüglichen tilgenden betraut sind, nur deswegen so und nicht anders handeln, weil sie es von ihren Aintskvllegen gelernt haben. Eine solche so ziemlich im Dunkeln gebliebene Frage ist die betreffs der öffentlich rechtlichen Stellung der israelitischen Kultusgemeinde im österreichischen Verwaltungsorganismus. klm nun diese Frage zu lösen, muß zunächst hervorgehoben werden, daß vom Standpunkte des geltenden Verwaltungsrechtes mehrere Gebilde in Frage kommen u. zw. die Begriffe Staatsbehörde, Staatsanstalt und Selbstverwalungskörper. Für die Beurteilung der rechtlichen Natur der Kultusgemeinde kommt offenbor nur die letzterwähnte Formation in Betracht, weil nach der geltenden Theorie zum Wesen der Behörde die Exekutive gehört und am allerwenigsten gesagt werden kann, daß die Kultusgemeinde eine Staatsanstalt wäre. Daß aber die Kultusgemeinde ein öffentlich rechtlicher Körper, beziehuugswcise ein Selbstverwaltungskörper wie etwa die politische Gemeinde ist' ergibt sich aus folgenden Erwägungen: Nach geltender Anschauung gehören zum Wesen eines öffentlich rechtlichen Körpers, bezw. eines Seldsterhaltungskörpers im verwaltungsrechtlichen Sinne die Schaffung desselben durch ein Gesetz, das Vorhandensein eines von der Ministerialverwalung eximierten Gebietes und endlich die dem betreffenden Körper gegenüber gesetzlich statuierte Pflicht, seinen Wirkungskreis zu erfüllen. Hierbei muß' noch besonders hervorgehoben werden, daß der Staat solchen Körpern gegenüber nicht bloß an der statutenmäßigen Erfüllung ihres Wirkungskreises — wie es bei Privatvereinen der Fall ist — sondern überhaupt an der Einhaltung ihrer gesetzlich statuierten Aufgaben interessiert ist. Alle diese geschilderten Merkmale treffen für die Kultusgemeinde vollkommen zu. Die israelitische Kultusgemeinde verdankt ihre Entstehung dem Gesetze vom 21. März 1S90, R. G. Bl. Nr. ht, der Wirkungskreis der Kultusgemeinde ist im Allgemeinen von der Ministerialverwaltung eximiert und endlich ist der Kultusgemeinde zufolge des erwähnten Reichsgesetzes durch Fixierung von gewissen Noininativbestimmungen die Pflicht auferlegt, ihren Wirkungskreis zu erfüllen. Auf Grund dieser Erwägungen gelangt man zum Schluffe, daß die Kultusgemeinde nach österreichischem Verwaltungsrechte als öffentlich rechtlicher Körper anzusehen ist. Die Knltuswahlen. Im ganze» find 16 Mandate zn besetzen, und zwar 12 in der allgemeinen und 4 in der Kurie der Höherbesteuerten. Das zionistische Wahlkomitee veranstaltet am Dienstag, den 30. Oktober, präzise 8 Uhr abends im großen Saale des Hotel Post I., Fleischmarkt 16, die erste große A gi ta t i o n sv ers amm l u n g. Davon ausgehend, daß es sich in diesem Kampfe in erster Linie nicht uin Mandate, sondern um die A g it a t i o n für ein richtiges Programm handelt, wird das Wahlkomitee das Postulat des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes in den Vordergrund stelle». Nur auf diese Webe wird die Herrschaft der jüdischen Pluiokratie, die sich bis jetzt in einer geradezu bedrohlichen Weise geltend gemacht hat, beseitigt werden. Eine T a u s s i g- Affäre wird dann unmöglich sein. Modernificrung der Armenpflege, gründliche Herabsetzung der Steuer, die jetzt nach unten 20 Kronen beträgt, eine richtige Verwaltung. dieAusgestaltung der Bezirkskommissionen zu a u t o n o m e n Arbeiksrörpern sind nur wenige von den Hauprfordernngen. die die Zieserenten der 'Versammlung, Tr. P a u 1 W e i s e n g r ü n und Dr. Egon M. 3 w c i g. vertreten werden. .Der Geist Taussigs muß aus der Knlmsstube verschwinden. Das zionistische Wahlkomitee rechnet ganz bestimmt darauf, daß in diesem Kampfe, der kein zionistischer, ja nicht einmal ein nationaler ist, alle gute Inden mitgehen werden. Es ist daher die Pflicht eines jeden Juden für zahlreichen Besuch dieser Äersammlnng zu agitieren. Ter Jüdische K o l o n i s a t i o n s v e r e i n in Wien, bestell Aufruf ivir neulich veröffentlichten, macht alle Erwartungen übersteig'»:" Fortschritte. Unausgesetzt laufen Anmeldungen und Mitgliedsbeiträge ein. Es ist wirklich erfreulich, daß sich so weite jüdische Kreise, ohne Unterschied der Parteisrellung, der nationalen, politischen und religiösen Ueberzcngung, für die Kolonisation Palästinas interessteren. Beitrittserklärungen und Geldsendungen find an das Sekretariat, II., Gredlerstraße 9, zu richten. Ein ordentliches Mitglied zahlt jährlich mindestens K. 5.—, ein iinmcrwährendes Mitglied einnial für imnier mindestens K. 250.— und ein Stifter einmal für immer mindestens K 2000.—. Aufruf! Die Wiedererweckung eines Volkes ist bedingt durch die Wiedererweckung des nationalen Geistes. Der Geist eines Volkes spiegelt sich aber vor allein in dessen Sprache wider. Sie trügt seine Physiognomie mir allen ihren Besonderheiten. Bon diesen Erwägungen ausgehend, ist es unsere Pflicht, unsere Volkssprache, die hebräische Sprache, ZN pflegen. Denn in ihr liegt der Geist des Volkes. Die vielverbreitete Meinung, daß die hebräische Sprache tot sei. ist entschieden falsch, denn von der Zeit an, da unser Volk die allen, erhabenen Werke in ihr schuf, bis über das Mittelalter hinaus, da ein Jehuda Halewy sich ihrer bediente, lebt unsere Sprache in einer großen Literatur fort; mit Stolz blicken wir ans die Schriftsteller der letzten Zeit wie Gordon. Smolensky. Bialik, Achad-Haam und andere. Nur als Umgangssprache ist sie seit langem verdrängt und dom wollen wir wieder abh elfen. Zur Belebung des Volksgeistes, zur Befreiung unserer Sprache müssen wir uns vereinigen zur Schatzung eines Mittelpunktes, der alle Juden in feinen Bannkreis zieht, eines Mittelpunktes, der alle Glieder unseres Volkes trotz ihrer verschiedenen Richtungen in sich einigt und ihnen ein gemeinsames Lebensideal gibt. Der geeignetste Mittelpunkt für dieses Streben ist ein hebräischer Klub. Dieser soll das Zentrum werden, um das sich alle unsere Brüder sammeln können in dieser Zeit. Er kann Erhabenes wirken in unserem inneren und äußeren Leben. Er wird jene ansrecht halten, die schon unserer Sprache mächtig sind und diejenigen aneifern, die sie noch nicht kennen. Diese Idee in Tat umznsetzen, ist eine der Hauptaufgaben, die sich der zionistische Zentralverein in Wien gesetzt hat. Der zionistische Zentralverein ruft diesen Klub als eine Sektion ins Leben und wird ihn in jeder Weise und mit allen Kräften unterstützen. An Euch ist es jetzt, Ihr Brüder, die Wichtigkeit dieser Unternehmung zu würdigen. Die Kenner der Sprache müssen dieses Streben durch ihren Beitritt fördern, doch auch die Anfänger dürfen nicht fehlen. Die Mitgliedschaft des Zentralvereins enthält auch die Zugehörigkeit zum Klub. Brüder! Durch unsere Leiden haben wir den Wert des Volksbewußtseins schätzen gelernt, wir haben erkannt, .daß Sprache und Volk Eines sind. Unterstützet unser Streben,