Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 8 (25.10.1906)
- Date
- 1906-10-25
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 N e u c Zeit u n g Nr. 8 rühme, müßte dann den bereits von achtbarer! Seite ansgestoßenen Ruf nach einer Revision der Judenpolitik nicht ohne Berechtigung erachten. Das Borgehen der Serether Ruthenen und insbesondere des Abgeordneten M a l l e k, für den ich speziell anläßlich der Landtagswahl und seiner Kandidatur in den Reichsrat in der Presse mit Eifer cingetretcn bin, ist unerklärlich. Ich frage mich, ob das Bündnis Zwischen Ruthenen und Juden nicht etwa ein leoninisches ist, wenn die Juden in: Landesparlament treu zu den Ruthenen stehen, die Ruthenen aber bei Gemeindewahlen ihre Freunde brüskieren und zu Falle bringen. Es würde mich freuen, wenn Sie. Herr Abgeordneter, dahin wirken könnten und wollten, daß eine Aufklärung dieses auffallenden Vorgehens gegeben, jedenfalls für die Zukunft derartiges verhütet werde. Indem ich noch bemerke, daß ich ■ daran gehe, in einem in der „Neuen Zeitung" zum Abdruck kommenden Artikel für eine Allianz zwischen Ruthenen und Juden in Galizien meine Stimme zu erheben, verharre ich mit ausgezeichneter Hochachtung Dr. Isaak K o h n. Sereth, 21. Oktober 1906. Wir haben den vorstehenden „Offenen Brief" noch vor der Drucklegung Herrn Reichsratsabgeordneten von Wassilko vorgelcgt. Er erklärte, sich über die Angelegenheit raschestens orientieren und dann, hoffentlich schon in der nächsten Skimmer unseres Blattes, antworten zu wollen. Die Redaktion. Wochenschau. Leise Hoffnungen der russischen Juden auf Berufung S >.r> i a l o p o l k - M i r s k i) s. Piquart Kricgsministcr in Frankreich. Eine furchtbare Niederlage der europäischen Reaktion. Bor de» niährischen Landtagswahlen.*) Brünn, 1V. Oktober 1900. Angesichts der bevorstehenden Laudtagswahlen fand am Dienstag, den ö. Oktober, im Sitzungssaale der hiesigen Kultusgemeinde eine Konferenz des mährischjüdischen politischen Exekutivkomitees statt. Dasselbe befaßte sich hauptsächlich mit den drei Städtewahlbezirken Göding, Aufpitz und Mährisch-Weißkirchen, wo die Juden einen starken Prozentsatz der Wählerschaft bilden. Besonderen Stoff zur Diskussion gab Göding. In diesem Wahlbezirke, der 31 Städte umfaßt, ist das Verhältnis der jüdischen zu den deutschen Wählern wie 48 zu 52. Da aber die Juden in manchen Städten des Wahlbezirkes gezwungen waren, sich in den tschechischen Kataster einzutragen, stellte sich das Verhältnis ungünstiger. Deshalb beschloß man, von der Aufstellung eines jüdischen Gegenkandidaten gegen den getauften deutschfortschrittlichen Inden Prof. Redlich abzuschen. Für Weißkirchen will man Dr. Alfted F i f ch l unterstützen, nicht weil er ein Jude ist — denn er ist es kaum mehr als dem Namen nach — sondern weil ihm zwei antisemitische Gegenkandidaten gegenüberstehen. Bezüglich Ausspitz wurde noch kein Beschluß gefaßt. Hinsichtlich der zwei Handelskammern, Olmütz und Brünn, die nicht der nationalen Zweiteilung unterworfen wurden und deren deutsche Majorität nur mit Hilfe der Inden auftechtcrhalten wird, beschloß man die Aufstellung je eines Juden durchzuseyen. Als Kandidaten für die Handelskammern wurden Fabrikant Sigmund Zweig in Oünütz und Advokat Dr. F i a l l a in Brünn in Vorschlag gebracht. Schließlich wurde auch über die Haltung der Juden in den anderen Wahlbezirken gesprochen. All das ist ja für den, der sich zum vollen und nach positivem Leben strebenden Judentum durchgerungen hat, nicht viel. Allein die Dinge liegen in Mähren ganz eigenartig. Auch kennt das neue Wahlkatastergesetz nur die deutsche und die tschechische Nation im Lande. Und darum ist die Tätigkeit des Exekutivkomitees nur zu begrüßen. Sie ist jedenfalls eine Legitimation besonderer jüdischer Bestrebungen. Im fünften deutschen Wahlkreise, zu welchem auch Mährisch-Ostrau gehört, kandidieren der alldeutsche Antisemit Dr. Freißler und der jüdisch - konfessionslose Sozialdemokrat Dr. C z e ch. Bei einer großen Wählerversammlung in Mährisch-Osirau, bei der sich Dr. Frei ßl e r seinen Wählern vorstellte, verlangten die jüdischen Bürger eine Erklärung bezüglich seiner Stellung zur Jndenfrage. Diese fiel so verschönit oder besser unverschämt aus, daß der Kultnsvorsteher im Namen der anwesenden jüdischen Wähler erklärte, nicht beftiedigt zu sein. Vor der Abstimmung über die Resolution verließen die Juden den Saal. Hoffentlich stimmen nun die Juden für den Gegenkandidaten, trotzdem er anch nicht sehr sympathisch ist und trotz» dem die Sozialdemokraten den Juden fortwährend Wahlenthaltung empfehlen. Der Rat ist übrigens sehr merkwürdig. Er paßt nicht ganz in die assimilatorische Logik. *) Aus voriger Nummer Raummangels wegen weggeblieben. Die österreichische Neichsidee und die Unter diesem Titel schreibt Dr. Kubisch in der Wochenschrift „Groß-Oesterreich" folgende beachtenswerte Sätze: „Wir Jungjuden erstreben die Erlangung der nationalen Autonomie für sämtliche Juden in Oesterreich und unterstützen daher auch jede Bemühung, welche auf die Verwirklichung der Idee einer nationalen Autonomie für alle Völker Oesterreichs hinzielt. Dies ist der springende Punkt der jung-jüdischen Bewegung, wobei sie sich scharf von der assimilatorischen Richtung der alten jüdischen Generation trennt. Der seine nationale Individualität wahrende Jungjude, welcher fiir das jüdische Volk das gleiche Recht mit allen übrigen Nationalitäten begehrt, verwirft prinzipiell alle nationalen Hegeinoniebestrednngcn und Entnationalisierungsgelüste. Daher können die Jungjuden ebensowenig Tendenzen, die aus die Germanisierung, Tschechisierung, Polonisserung, Vcrwelschung, oder solche Bestrebungen, die ans Magyarisicrung der nichtmagyarischen Majorität in Ungarn gerichtet sind, fördern. Durch zeitweise Unterstützung solcher fremdnationaler Bestrebungen hat die assimilatorischjüdische Politik in den gemischtsprachigen Gebieten des Ruches bei allen national unterdrückten Volksstämmen den Raffenantisemitismus großgczogen und dabei die jüdische Minorität vielfach dem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Boykott preisgcgebcn. Die eigenen jüdisch-volklichen Jntereffcn verleugnend, hat die affimilatorische Politik aber nicht nur die Juden, sondern durch ihre unzweckmäßige Nationalitätenpolitik auch andere Völker und das Reich geschädigt. Die jungjüdische Politik aber, welche für die nationale Gleichberechtigung in der ganzen Monarchie eintritt, kämpft unter dem Banner Adolf Fischhofs, im Zeichen der von Rudolf Springer und Aurel Popovici so trefflich verfochtenen nationalen Autonomie. Diesbezüglich kann ich nur wiederholen, was ich im Vorjahre in meiner Broschüre „Jung-Juden und Jung-Oesterreich" ausführte: Oesterreich, eine Vereinigung von so vielen Nationen und Konseffionen, kann niemals als Besitzstand irgend einer Station oder Religion aufgefaßt werden. Oesterreich ist ein Mikrokosmos, seine Staatsidee ist die Syntbese zwischen Nation und Menschheit. Oesterreich bildet eine Genossenschast und Heimstätte aller der Völkertriimmer, die heimatlos wären, wenn Oesterreich nicht bestünde. Das ist die weltgeschichtliche Bedeutung des von allen alten Parteien unverstandenen österreichischen Problems. An der Lösung dieses Problems müssen im Gegensätze zur jüdischassimilatorischen Politik der Vergangenheit die Inden als Volk im Sinne des modernen Nationalismus dahin Mitwirken, daß ans dem alten Oesterreich hadernder Völker (deren Nationnlitätenkämpfe vielfach auf dem Rücken der Juden ausgekämpft werden und immer in den Antisemitismus münden), ei» neues Oesterreich entstehe, als Heimstätte gleichberechtigter politisch und wirtschaftlich fteier Nationalitäten. Das Festhalten an dem modernen österreichischen NeichSgedankeii, an der nationalen, religiösen und sozialen Gleichberechtigung aller Staatsbürger ist also das einzig mögliche. Programm der österreichischen Juden. Mit andern Worten heißt dies Programm: Ein nationalautonoinistischcs Oesterreich als moderner Kultnrnnd Wirtschaftsstaat, als Hort der Freiheit und sozialen Gerechtigkeit für seine sämtlichen Bewohner. Magyarische Freiheit. „Die Information" schreibt: Bud apest, den 14. Oktober. Dieredseligen ungarischen Minister sprechen bei allen Gelegenheiten über alle möglichen Dinge; nur ein Programmpnnkt der Regierung wird immer niit peinlicher Sorgfalt umgangen: „die Wahlreform". Herr Kristofft) war der eigentliche Initiator der Wahlresorm, sowohl in Ungarn wie in Oesterreich; doch hatte er in Oesterreich besseren Erfolg. Während das Wiener Parlament die Sache energisch angepackt und beinahe schon zum gedeihlichen Ende geführt hat, ist in Budapest die ganze Wahlreformangelegenheit gleichsam versandet. Kein Mensch spricht mehr darüber. Der berühmte Prograinmpunkt ist unter die Punkte dritter Ordnung znrückgeschoben worden. Die Gründe liegen klar zutage. Obwohl in Ungarn eine Wahlresorm viel leichter, mit viel weniger parlamentarisckien Schwierigkeiten durchzuführen wäre als in Oesterreich, stellt sich doch hier der Reform ein einziges Hindernis entgegen, welches in seinem Wesen beinahe der Summe der österreichischen Wahlreformschwierigkeiten gleichkommt. Die.Frage lautet: Wie soll ein national gemischter Staat eine national einheitliche Vertretung erhalten? Mit einigen Geoinettiekünsten könnte die Frage gelöst werden, wenn die Nationen Ungarns nicht in geschlossenen Massen gelagert, sondern untereinander geinischt wären, wie z. B. in einigen Bezirken Mährens, oder auch wie in einigen Teilen der ungarischen Bacska. Leider aber wohnen die Rumänen, Slowaken, Deutschen, Serben zum größten Teile in geschlossenen Massen. Der Gedanke der Beibehaltung eines gewissen Zensus wurde bald fallen gelassen; denn die Rumänen und Deutschen hätten daraus eher Vorteil gezogen, als daß sie geschädigt würden. Mit dem „Sprachenzensus" traut man sich nicht recht heraus, man geniert sich vor Europa. Die Analphabeten wieder sind unter den Magyaren nicht seltener zu finden, als unter den Slowaken. Das Endergebnis aller Künste müßte sein, daß der alte ungarische Reichstag zu mindestens einem Drittel aus Nichtungarn bestehen würde. Diese „Schmach" läßt die neue freiheitliche Regierung vor einer Reform zurückschrecken, deren Durchführung sie in ihrem Honigmonat so. feierlich zugesagt hat. Aber nicht der rumänische und der slowakische Bauer, sondern in erster Linie die arbeitende und bäuerliche Klasse der magyarischen Bevölkerung selbst wird die Negicrnng zwingen ihr Wort einzulösen. Verschärfung der Sonntagsruhe in Bukowina. Man schreibt uns aus Czernowitz: In Czernowitz wohnt ein Mensch, der Bleyleben heißt und Landespräsident ist. Das wissen nicht alle Oesterreichec. Insbesondere in Wien hat man beinahe darauf vergessen — sehr schmerzlich für einen jungen Herrn, der aufwärts kommen will und keine Fähigkeiten hat, sich selbst zur Geltung zu bringen, wie das seinerzeit Hohenlohe in Czernowitz vermochte. Aber er kan: doch auf einen Einfall. Daß er darauf kam, ist nur: ein um so glücklicherer Fall, als der Statthalterposten in Brünn bald zur Besetzung gelangt und es gut ist, in solcher Zeit die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. — Der sonst so verschüchterte Mann am Franz Josefs- Platz, der auf alle dringenden Verwaltungsstagen der Bukowina nur mit einem verbindlichen Lächeln zu antworten wußte, gibt plötzlich einen Erlaß hinaus. Bleyleben in Fechterstellung. An den Juden will er seine Kraft zeigen, den bukowinischen Juden den Brotkorb höher hängen. Also: Ain Sonntag wird die Arbeitszeit für das Handelsgewerbe auf zwei Stunden, für die Zeit von 8—10 Uhr früh eingeschränkt. Für die Juden heißt das Sonntag sperren, Samstag öffnen. Die Juden, die den ganzen Handclsstand ausmachen, halten Samstag als Ruhetag, Stoch einen Verordnungsruhetag und die Steuern, die für die Juden, täuschen wir uns nicht, nach besonderen Grundsätzen bemessen werden, hält man nicht aus. Die Erregung beginnt. Sv weit hält man gerade in Czernowitz. Man weis; aber auch, was weiter kommen wird. Mit Zustimmung des Präsidiums der hohen Landesregierung erklärt morgen die offiziöse Presse die neue Verschärfung der Sonntagsruhe für unerträglich und rührt die Trommel. Der Gemeinderat tut feine Bedenken gegen diesen Erlaß kund. Einer der „hohenorts" aus und eingeht, sagt, wenn man nur energisch fordern wird, wird Bleyleben nachgeben, dlcuec Lärm. Versammlungen, Leitartikel, Zusammenstoß mit den Sozialisten, Berichte in den Blättern. — Endlich, endlich merkt inan in Wien, daß Bleyleben auch christlich-sozial ist. — Es ist eine alte Tatsache, daß die „Regierung" bei einiger Geschicklichkeit die Juden immer für „ihre Zwecke" verwenden kann. — Das ist die Geschichte und die Moral von der Sonntagsruhe. Nur nicht zu dreist! Czernowitz, im Oktober 1906. Die „Nachrichten", das Organ unserer heimischen Bukowinaer „Christlich-Deutschen" sind unter schweren Wehen am 10. d. M. mit einer Mißgeburt von einer Glosse, die sich mit der Aktion der jüdischen Studenten um Anerkennung ihrer Nationalität an der Universität beschäftigt, niedergekominen. Dieses Kuriosum „deutscher" Raserei, sei nur deshalb hier wiedergegeben, damit der westliche Leserkreis der „Neuen Zeitung" staune, welche dreiste Sprache das Häuflein Deutscher in der Bukowina zu führen „Der Weg. den die jüdischen Studenten einschlugen," schreibt das antisemitische Blatt „um die Anerkennung ihrer Nationalität zu erzwingen, erscheint uns kindisch, Weil die Negierung die jüdische Nationalität nicht anerkennen will, verleugnen sie die deutsche Muttersprache und erklären sich zur rumänischen und zur ruthenischen Muttersprache. Dieser Racheakt ist lächerlich und kindisch, es müßte denn sein — was auch nicht ausgeschlossen ist — daß damit der Uebergang zu einer anderen Muttersprache allen Ernstes vorbereitet werden will. Dieses Vergehen ist ein neuerlicher Beweis dafür, daß die Judenschaft in ihren Betätigungen keinerlei ethische Grundsätze sondern nur Zweckmäßigkeitsgründe kennt und daß kein Volksstamnt dagegen gesichert ist, von den Juden um ihrer gemeinen Vorteile willen jederzeit verlassen zu werden. Die absolute Zweckmäßigkcitspolitik ist aber nach unserer Meinung eine historische Schmach des Judentums und bei uns hat sie Dr. Straucher aus sich und das Bukowinaer Jtldentum geladen." Diese unflätigen Zeilen sind, auf den ersten Blick erkennbar, ganz nach Verganis Rezept fabriziert Zuerst wird die Art des Vorgehens der jüdischen Studenten „kindisch" genannt. Dann wird mit grimmigen Zähneknirschen von Verrat gesprochen.