Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 8 (25.10.1906)
- Date
- 1906-10-25
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 8 Neue Zeitung Seite 3 aber die Nuthenen und noch weit mehr uns würden sie unfreier machen. Sich würden sie nicht finden. Aber wir würden verloren sein, unsere stärkste Position in Oesterreich würden wir eingebüßt haben. Sie können nicht mehr siegen... Gewiß! Die Entwicklung geht offenbar einen anderen Weg. Sie drängt Zur echten, zur nationalen Autonomie hin. Der Machtnationalismus verblaßt und die Sonne des Kulturnationalismus geht bald über der Erde, namentlich über unserem Oesterreich auf. Schon steigen die ersten grauen Boten des neuen Lichtes empor, bald werden wir die ersten roten Strahlen sehen. Völker und Regierungen werden sich davor beugen . . . Gewiß, gewiß! Aber dürfen gerade wir uns damit trösten? Geschwächt, ungerüstet, wie wir sind, — kann uns nicht der erste Teilerfolg zu Boden strecken? Was werden wir davon haben, wenn die neue Sonne voll über einer Erde aufgehen wird, auf der wir, wenn überhaupt noch, nur als Sterbende weilen werden? Wer wird uns auflesen? Wer wird sich unser annehmen? Wer uns aufpäppeln? Wofür auch? Weil wir als unterdrücktes Volk immer nur mit den Unterdrückern gehen wollten? Weil wir den Zeichen der Zeit unsere Ohren und Augen, unsere Hirne und Herzen verschlossen? Weil wir uns auf die Seite derjenigen stellten, die eine der größten politischen Ideen, die Idee der Autonomie, verfälschten — auf die Seite der Magyaren und Polen? Daß wir selbst dabei verkamen, wer wird uns das zum Guten anrechnen? Noch ist es Zeit! Noch können wir die Reihen derjenigen verlassen die uns zu ihrem Kriegsdienste gepreßt haben, und können uns in den Dienst jener Idee stellen, die nicht nur gerecht und schön, sondern gerade für uns die einzig ersprießliche ist. Nationale Autonomie! Unter diesem Zeichen können wir siegen, können wir uns erträgliche Verhältnisse schaffen. Seien wir doch endlich einmal klug! Erkennen wir doch endlich, daß der Chauvinismus, diese stärkste Voraussetzung des Antisemitismus, von dein Gewalt- und Herrschaftsprinzipe lebt, das sich in den Nationalismus eingeschlichen hat! Erkennen wir endlich, daß uns nur die nationale Autonomie von dieser Geißel retten kann! Und handeln wir darnach! Die Idee der nationalen Autonomie ist nicht mehr darauf angewiesen, daß wir uns ihrer annehinen. Und vielleicht ist es besser so. Sie ist schon in den weitesten Kreise gedrungen. Die geistigen Spitzen der Völker, Männer aus den „maßgebenden Kreisen" und das Proletariat bekennen sich bereits zu ihr. Die ganze politische Atmosphäre ist erfüllt von ihr. Ueberall, überall die Sehnsucht nach den freien Nationsgenossenschasten, die sich ihre Schulen und sonstigen Bildungsstätten selbst verwalten und selbst erhalten, ohne daß ein „autonomer" Landtag oder eine reichsrätliche Majorität etwas dreinzureden haben. Ueberall die Sehnsucht nach gesetzlichen Garantien für eine wahre Gleichberechtigung der Nationen als solcher im staatlichen und politischen Leben.*) Ueberall die Sehnsucht, speziell auch mit uns ins Klare zu kommen. Oh, lauschen wir dieser Sehnsucht! Hören wir die mächtig anschwellende Stimme des Völkerbewußtseins und unseres Gewissens. Reklamieren wir die nationale Autonomie, wie fiir Alle so auch für uns! Und unsere erste Tat als jüdische Auto nomisten sei ein heißer Kampf gegen die unechte Autonomie der Polen und ihre Bemühungen sie noch zu erweitern und zu befestigen. N. B. Offener Kries an Herrn Nicolaj von Wassilko Reichsrats- und Landtagsabgeordneten. Euer Hochwohlgeboren! Hochgeehrter Herr Abgeordneter! Während meiner vieljährigen anwaltlichen Tätigkeit in Czernowitz hatte ich wiederholt Gelegenheit, mit Ihnen gesellschaftlichen Verkehr zu pflegen. Ich habe Sie, ich kann es Ihnen unumwunden sagen, als Menschen hochachten und schätzen gelernt. — Aus diesem Grunde habe ich auch Ihre politische Laufbahn vom Beginn an, mit Aufmerksamkeit und Interesse verfolgt und mich Ihrer Erfolgestets gefreut.— Ich habe Ihrer Politik sowohl aus dem Gesichtswinkel des Juden als des Bukowiners stets volle Zustimmung gezollt. Ich bin nicht unbescheiden, wenn ich sage, daß auch Sie mich kennen zu lernen Gelegenheit hatten und mir daher bestätigen werden, dnß ich Ihnen das alles keineswegs sage, um mich bei Ihnen in Gunst ■ zu -setzen. Unsere Beziehungen sind so gestaltet, daß ich mir erlauben darf, an Sie ein offenes Wort zu richten. Dies will ich nun tun: Die Politik des Judenführers S t r a u ch e r und der seiner Fahne folgenden Juden im Lande, die zu einer Bundesgenossenschast mit den Ruthenen geführt hat, habe ich mit voller Zustimmung gutgeheißen, wenn gleich sich im Lande nicht zuletzt auch von achtbarer jüdischer Leite Stimmen dagegen erhoben haben. Denn ich habe eingesehen, daß das Zusammengehen von Juden und Nuthenen beiden Volksstämmen zum Vorteile gereicht. In letzter Zeit hat sich aber gerade in Sereth etwas ereignet, was zwar meine Ueberzeugung von der Notwendigkeit und Ersprießlichkeit einesZusammengehens der Juden im Lande mit den Ruthenen *) Ein Artikel, der sich speziell Mt der ..nationalen Autonomie" befaßt, folgt. nicht zu erschüttern, aber mich doch stutzig zu machen geeignet ist. Anläßlich der vor kurzem beendeten Gemeindeausschußwahlen in Sereth tauchte gleich im Anfänge der Wahlbewegung das Gerücht auf, es habe sich eine große Anzahl von Wählern in dem Rufe geeinigt: Hinaus mit den Juden! Dieses Eliminieren der Juden, welche im zweiten Wahlkörper 90% der Wähler ausmachen, im ersten und dritten aber etwas über 40%, konnte sich natürlich nur auf den ersten und dritten Wahlkörper erstrecken. Unter meiner Mitwirkung und über mein eindringliches Anraten haben nun die Juden mit den Ruthenen, als deren Führer der Landtagsabgeordnzte Herr Mallek und Herr Dr. Kornel v. Mogilnicki auftraten, einen Pakt dahin geschlossen, daß den Ruthenen im dritten Wahlkörper drei Mandate zugestanden werden. Als Kandidaten wurden zwei Mitglieder der bäuerlichen Bevölkerung benannt. Die Juden haben aber den Ruthenen noch insoserne ein besonderes Entgegenkommen bewiesen als sie den Abgeordneten Aiallek als Neutralen konzedierten. Die auf Grund dieses Paktes ausgegebene offizielle Liste ist auch durchgedrungen. So haben die Ruthenen mit Hilfe der Juden im dritten Wahlkörper tatsächlich 'vier Mandate errungen. Dieser Pakt fand keineswegs allgemeine Zustimmung. Denn es wurde geltend gemacht, daß bäuerliche Vertreter dem Gemeindeausschusse einer Stadt nicht besonders willkommen sein können, da die Interessen der bäuerlichen und städtischen Bevölkerung sich nicht aus einer Linie bewegen. g Nun ereignete sich folgendes: Für den ersten Wahlkörper haben sich 44 Wähler, zum größten Teile Staatsbeamte und Lehrer, darunter auch die Intelligenz der Ruthenen (mit Ausnahme des Abgeordneten Mallek) unter Ehrenwort verpflichtet, für eine judenreine Liste zu stimmen. Diese jungen Antisemiten haben ihren Zweck auch erreicht. Diese Verschwörung (sit venia verbo) ist auch der Ruthenenführer Herr v. Mogilnicki, der, wie ich oben bemerkt habe, den Pakt mit uns geschloffen hat, beigetreten. Und leider hat der Abgeordnete Mallek, obwohl er sich formell dieser Vereinigung nicht angeschloffen hatte, seine Stimme fiir die judenreine Liste abgegeben. Die Frage, ob sich ein derartiges prononziertes Austreten von Staatsbeamten mit der beschworenen Pflicht vollster Objektivität verträgt, will ich hier nicht untersuchen. Ich darf Sie aber, hochgeehrter Herr Abgeordneter, als Ruthenenführer darauf aufinerksam machen, daß noch ein zweites Vorkommnis solcher Art gewiß nicht ohne Wirkung auf die Juden bleiben wird. Selbst ein so warmer und eistiger Förderer des Zusammengehens von Juden und Ruthenen, nicht nur für die Bukowina sondern auch fiir Galizien, wie ich zu sein mich einem Ultimatum, ein Federhut einer Kriegserklärung gleichkam . .. Auch heute hatte sich die Friedmannische Liga um ihr Oberhaupt geschaart, dessen roter Samthut mit den Brüsseler Spitzen und den nickenden Tea-Rosen wie ein Turm aus der Menge hervorragte. Und dabei ging ein geschriebenes Attest der Hutmacherin von Hand zu Hand, worin jedem unanfechtbar bewiesen ward, daß der Hut ein Pariser Modell, auf der Ausstellung mit dem 1. Preise gekrönt wurde und nur in einem einzigen Exemplare aus der ganzen Erdoberfläche existiere. Die linke Gruppe lispelte zwar etwas von Geschmacklosigkeit und Schwindel und eine wollte sich erinnern, einen ähnlichen Hut vor drei Jahren bei ihrer Köchin gesehen zu haben, aber ihren Argumenten fehlte die Verfechterin, das zungengewandte Fräulein Kurz, die noch immer nicht erschienen war, trotzdem der Dirigent bereits den Orgelpumper um sie geschickt und dabei etwas von „Hinausfliegeu" gebrummt hatte. Jetzt kam das elektrische Zeichen vom Kantor. Die Orgeltöne rollten durch die Kuppel. Der Dirigent erhob den Stab. Fräulein Friedmann atmete wie ein Blasebalg und spitzte die Lippen. .... „Adonoi zewoooo—aus" flötete sie, da plötzlich unterbrach das herrliche Solo ein schriller Diskant- Zur Türe herein, stolz wie eine Herzogin, schwebte Fräulein Kurz; aus ihrem blonden Haar tronte ein roter Sammthut mit Brüsseler Spitzen und nickenden Tea-Rosen: nebelfeuchten Trottoirs. Es waren die galanten Ritter, die die Damen des Chores unter ihrem männlichen Schutz nach Hause geleiten wollten. Denn das Chor hielt noch eine wichtige Probe ab, das neue „Mi hu se melech“ mit dem schönen Solo, sollte morgen zum erstemnale gesungen werden. Das Licht in der Tempelkuppel erlosch, die Herren drängten sich zum Tor und mit hochgeröteten Gesichtern kamen die Damen lebhaft plaudernd über die Stiegen. Bei der Laterne sammelten sie sich noch einmal und umringten den dicken Dirigenten. „Also morgen Punkt 9 Uhr, daß niemand zuspät kommt, und merken sie sich beim „adcmoi zewoooo—aus" kommt kein Triller; üben sie sich's heute noch am Klavier, Fräulein Fried- So erteilte der Chorgewaltige im tiefen Baß noch die letzten Dispositionen und schlug mit seinem Rohrstock den Takt. „Nun ja! die Friedmann hat das Solo" flüstert Fräulein Kurz dem Herrn Brod ins Ohr, „mit ihrer Fistelstimme, beim „adonoi zewoauskräht sie wie ein Hahn. Wenn sie nicht beim Herrn Sturm. Privatunterricht hätte, wär' sie schon längst aus dem Chor hinausgeworfen worden, sie schwätzt so die ganze Zeit." Wie jeder Favorit eines allmächtigen Tyrannen, hatte auck, Fräulein Friedmann einen Hofftaat von Bewunderern und Neiderinnen. Mit leiser Stimme, um ihr Organ für morgen zu schonen, verriet sie den Mädchen, die sie lauschend umdrängten, daß sie für morgen eine Extraüberraschung vorhabe, nicht nur beim Lied, nein, und die Freundinnen rieten hin und her, aber keine konnte es erraten und als sie unter atemlosen Schweigen die Offenbarung tat, einen Parisermodellhut aus rotem Samt mit Brüsseler Spitzen und künstlichen Tea-Rosen, da war es um die Seelenruhe aller geschehen, und bitteres Weh krampfte alle Herzen. Denn die göttliche Vorsehung hatte fiir die hohen Feiertage eine so günstige Saison gewählt, daß der Rosch-haschono zur Einweihung der Herbsttoiletten, der Pessach zur Schaustellung der Frühlingsroben gefeiert wird. Wie die chinesische Mauer den Zweck hatte, die blutigen Kämpfe der streitlustigen Nachbarvölker unmöglich zu machen, so dient die Orgel in unserem Tempel als neutraler Boden zwischen den beiden mächtigen fehdelustigen Parteien der Friedmann zur Rechten und der Kurz zur Linken. Ob diese Feindschaft in der natürlichen unüberwindlichen Abneigung von Alt und Sopran ihren Grund hatte, oder von den Mädchen als heiliges Familiencrbe gehütet wurde, oder aus dem Zwiespalt einer gemeinsam benützten Wasserleitung entsprungen war, ist der Nachwelt leider nicht erhalten geblieben. Tatsache ist nur, daß diese Feindschaft an den besagten Garderobefeiertagen einen solch heftigen Charakter annahm, daß entgegen allen völkerrechtlichen Gepflogenheiten ein grelles Seidenband einem casus belli, ein heller Sonnenschirm