Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 8 (25.10.1906)
- Date
- 1906-10-25
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Neue Zeitung Nr. 8 Heimat in der Seele zusammenfindet, die Ungleichheit brütet. So ist es gekommen, daß sich der Jude, dem sein Judentum am Herzen liegt, der dem Mann seines gläubigen Vertrauens zur Verwaltung dieser Seelengüter berufen oder gar selbst am ewigen Bau Mitarbeiten will, — mit einem Steuerzettel oder gar mit Kafienschlüsseln ausweisen muß. Und wenn er das nicht kann, draußen bleiben muß. So ist es gekommen, daß es in den jüdischen Gemeinden Kurien gibt — zu einer Zeit noch gibt, wo sie von dem Staate zum alten Gerümpel geworfen werden. Die Gemeinden sind nicht reine Idee — sagt man. Die Gemeinden haben auch praktische Arbeit zu leisten. Die Gotteshäuser und Spitäler wollen gebaut und erhalten werden. Das kostet Geld undGeld kriegt man nicht von der Gleichheit. Nun, wenn der Staat sich anschickt, sie daher zu bekommen, so wird's auch noch die Gemeinde treffen. Wenn die Reichen, die Gebkräftigen nicht ein Vorrecht haben werden, so werden sie nichts geben, sagt man. Wie, so schlecht denkt man von den Leuten und vertraut ihnen doch die Gemeinde and Sollen das die Vorbilder für das Volk sein, bei welchen es selbstlose Hingebung an seine alten Ideale, edle Bescheidenheit,, vornehme Würde lernen soll? Doch es dürfte wohl bis auf wenige Ausnahmen gar nicht so schlimm stehen. Man stelle doch die Männer, von welchen man so Schmähliches erwartet, auf die Probe! Ob sie wirklich alle in verbrecherischer Empfindlichkeit davonlaufen werden? Oder ob nicht gerade die aus dem besten Stoffe unter ihnen in dem großen, breiten Strom der neuen Gemeinde junge Blicke, junge Kräfte, junge Fittige erhalten werden. Man versuche doch! Man warte nicht, bis die Verbitterung da unten in den Massen einen unleidlichen, einen tief unreligiösen Grad erreicht hat. Man warte nicht bis der Staat hohnlachend dem säumigen Zwergbruder seine Meinung sagt, und so sagt, daß ein Nichtverstehen unmöglich ist. Denn auch das kann kommen. Gebt die Gleichheit vor Gott in Frieden, auf daß sie euch nicht im Kampfe genommen werden muß! Echte und unechte Autonomie. Die schönsten Staatsgrundgesetze sind wertlos, wenn die Bürger auf die Staatsverwaltung allein angewiesen sind. Die Organe des Siaates können nie so allwissend und alleinpfindend sein, um den materiellen und ' seelischen Bedürfnissen der verschiedenen Bevölkerungsgruppen zu entsprechen. Vielmehr muß diesen ein gewisses Maß der Selbstverwaltung und der Gesetzgebung eingeräumt werden. Mt anderen Worten: Ohne Autonomie keine Freiheit! Und die silbernen Glöcklein der Thora klirrten und klangen, als wollten sie einen neuen Frühling einläuten. II. Die Sitzordnung. In unserem Tempel hat die Weisheit der Kultusväter die vorzügliche Einrichtung getroffen, daß die Sitze dem Steuerzensus nach vergeben werden. Dadurch ist die soziale Frage in genialer Weise gelöst. In der ersten Bank sitzen die Säulen der Judenschast, die Höchstbesteuerten, in der letzten die Kommis, Soldaten, Schnorrer, Studenten; dazwischen die bunte Menge der Steuerzahler, säuberlich geordnet nach Einkommen und Vermögen. Können nun die Fabrikanten und Großhändler in der beruhigenden Gewißheit vom Tempel sernbleiben, daß keines Reisenden oder Agenten unmodischer Ueberzieher, die für sie vorbehaltenen Sitze verunziere, so kann man auch von keinem strebsamen Detaillisten verlangen, daß er seinen kauftnännischen Ruf so sehr gefährden werde, um sich in die ihm zugeteilte vorletzte Bank zu setzen. Grundbuchamt und Einkommensteuerkommissioncn sind höchst überflüssige Staatsinstitutionen, jedermann Vernrögensstand ist der öffentlichen Kontrolle unterworfen und die Auskunftsbureaux falliieren zu Dutzenden. Wenn zum Beispiel der Mehlhändler Pollak infolge vorteilhafter Spekulation ein Bombengeschäft macht, so kann die versammelte Gemeinde ihn am Samstag im nagelneuen Zylinder um mindestens drei Bankreihen avancieren sehen. Hat aber ein Bankkrach den Springer jun. mit Da nun die ursprünglichste Unterlage für alle Verwaltung ein gemeinsam bewohntes Gebiet ist, so ist nur natürlich, daß auch Autonomieforderungen zuerst von örtlichen Gruppen erhoben wurden: Von der Stadt und vom Lande, (Provinz). Die Autonomie der Städte, namentlich der Großgemeinden, hat in der ganzen zivilisieiten Welt die größten Fortschritte gemacht. Die Autonomie der Länder tritt als Forderung und Tatsache weniger stark hervor, spielt jedoch speziell in Oesterreich die größte Rolle, wobei sie allerdings auch offenbart, wie bedenklich sie werden Es ist nemlich ein großer Unterschied zwischen Stadt- und Landesautonomie. Die Stadt ist eine geschlossene natürliche Einheit, — wenigstens, insoferne üe ein gemeinsames Wirtschaftsinteresse zu befriedigen hat. Und über diese Grenze hinaus geht ja auch die Selbständigkeit nicht, die sie zu beanspruchen pflegt. Das Land aber ist an sich keine Einheit. Es kann vor allem schon wirtschaftlich aus zwei oder drei Interessensphären bestehen. Und ist dies zufällig nicht der Fall, so berechtigt es seine Wirtschaftseinheit noch lange nicht zu jener Art von Autonomie, die gewöhnlich, und ganz besondersbei uns in Oesterreich, für Länder in Anspruch genommen wird. So ein Land will meist viel mehr, als seine wirtschaftliche Organisation selbständig durchführen. Es konkurriert mit dem Reiche, will ihm an staatlicher Hoheit, an politischer Selbstäudigkeit möglichst gleichkommen, will sich vor allem auch die Kulturanstalten seines Gebietes nach eigenem Ermessen und einheitlich einrichten - Und eben diese Strebungen sind es, die unter Umständen geeignet sind, die Autonomie praktisch in ihr Gegenteil umzukehren. Denn im Lande wiederholt sich gewöhnlich, was wir im Großen im Reiche sehen: Daß das Land nicht von Menschen bewohnt ist, die alle sozusagen aus demselben Holze geschnitzt sind. Und für das kleinere Gebiet entsteht dann dasselbe Unrecht, das man für das größere durch die Landesautonomie beseiügen will: Ein Teil des Landes, durch die Zahl seiner Bewohner oder geschichtlichen Vorsprung begünstigt, reißt die Macht an sich, gibt nicht nur für sich, sondern auch für die anderen'' Gesetze, und hindert diese dadurch, so zu leben, wie sie es ihrer inneren Natur nach möchten und können. Oesterreich hat eine Menge Beispiele für diese Entwicklung, das kräftigste ist wohl Galizien. Seine Selbständigkeit ist eine viel weitergehende, als die irgend eines anderen Landes in Oesterreich und doch ist das Prinzip der Autonomie nirgends so mit Füßen getreten, als gerade hier. Wir sehen den ganzen ruthcnischen Osten von dem polnischen Westen bevormundet, in seiner sprachlichen und geistigen Entwicklung gehemmt, mit einer kärgin den Wgrund gezogen, so betritt er die Schwelle des Tempels nie und nimmer. Und muß er Kaddisch sagen, so fährt er in die Nachbargemeinde und geht dort lieber drei Stunden zu Fuß vom Bahnhof in die Stadt, ehe er sich, Gott behüte, neben den „Schnapskohn" setzen würde. Manche besteuern sich um das Doppelte, um in eine Bank von Mehlkönigen und Kohlenfürsten ausgenommen werden zu können, und zwei verbissene Konkurrenten halten ein förinliches Wettrennen durch die lange Stufenleiter der Bänke ab und springen von Jahr zu Jahr, wie Rössel am Schachbrett, von Sitz zu Sitz. Ein Platz in der ersten Bank ist ein kühner Traum, ein Fittich zu großen Taten, ein Ziel rastlosen Strebens, ein unversiegbarer Born von Hoffinmgen, Sorgen und Enttäuschungen. Ein neu zugereistes Gemeindemitglied, das sich einst ahnungslos am Freitag abends in die vierte Bank setzte, wurde als Hochstapler gebrandmarkt. Der alte Starkenstein, der einmal erst zum „Lebemona Essre" kam und, um keine Störung zu machen, sich in die letzte Bank flüchtete, verlor Kundschaft und Vermögen. Ehre und Charakter, Vertrauen und Achtbarkeit werden nach der Sitzordnung eingeschätzt. Ein Mann, der in der letzten Bank sitzt, ist gesellschaftlich unmöglich, bei Kultusausschußwahlen kommen überhaupt nur die ersten Bänke in Betracht. Wird ein neuer Prediger gehört, so ist das Kopfnicken in der ersten Bank ein inappellables Urteil. Wird ein neues „Lecho daudi" gesungen, so ist ein Gähnen in der ersten Bank liehen Vertretung im Landtag und Reichsrat abgespeist : i. Wo bleibt da der Sinn der Autonomie? Wo bleibt er überhaupt, wenn man sie immer nur als Landesrecht kennen will? Gibt es nicht gewisse geistige Gemeinschaften, die nicht weniger dringlich als das Land die Autonomie brauchen. Dürfen sie darunter leiden, daß sie keine unbedingte Verknüpfung mit dem Boden haben? Sind die Religionsgenossenschasten nicht schon längst einer gewissen Autonomie -teilhaftig? Warum sollten es nicht auch die Nationen, die noch weniger fteiwillig, noch weniger willkürlich sind als jene? Und zwar die Nationen als solche und nicht etwa bloß, insoferne sie gerade die ausschließliche oder überwiegende Bevölkerung eines gewissen Landes bilden? Haben zum Beispiel deutsche Gemeinden in slawischen Ländern weniger Anspruch auf Schonung und Pflege ihrer deutschen Eigenart, als in deutschen Ländern? Und ist es mit Slawen in deutschen Ländern anders; sollen sie national, das heißt mit dem schönsten Teile ihrer Individualität verkümmern, weil sie zufällig außerhalb der großen slawischen Ansiedlungsgebiete wohnen? Welcher Unterschied zwischen der Auffassung, die diese Fragen bejaht, und der landläufigen Auffassung, die bei der landläufigen Landesautonomie stehen bleibt! Zwei Welten, die sich bekämpfen! Auf der einen Seite Vergangenheit, Vorurteil, Gewalt, auf der anderen Zukunft, Erkenntnis und' Billigkeit! Kann es speziell für uns Juden einen Zweifel geben, auf welche Seite wir uns zu stellen haben? Unsere Vergangenheit — ein Meer von Leiden, wollen wir wieder untertauchen? Das Vorurteil der Menschen — unser größter Feind, sollen wir ihn stärken? Die Gewalt — seine stärkste' Waffe, sollen wir sie segnen? .:.. Die Länderautonomie als Unterdrückerin der Nationen ist ein versinkendes Prinzip; verschämt verlaufen sich seine Anhänger. Nur Wenige stehen noch in trotzigem Vertrauen da, sinnen noch darauf es zu festigen, unter seinem Dache sich häuslich einzurichten, noch häuslicher als bisher. Bei uns in Oesterreich sind es die polmschen Adelsleute. Eben jetzt sind sie daran, die Autonomie zu erweitern: Nicht die Autonomie ihres Volkes zugleich mit der Autonomie der anderen Völker Oesterreichs. Auch nicht der Autonomie des' wirklich polnischen Landstriches unter Wahrung der nationalen Rechte der jüdischen Minorität. Nein, die Autonomie ihrer Vergewalügungsinstinkte, die Autonomie ihres rückständigen Chauvinismus! Es ist kein Freiheitskampf, wie sie der Welt Vortäuschen möchten, sondern ein neuer übermütiger Angriffskrieg gegen Schwächere. Und könnten sie noch siegen, sie würden selber nicht freier werden als bisher. schon ein zureichender Grund, um den Chormeister aufs Plaster zu setzen. Auf der Frauengalerie sind überhaupt alle Familienbande gelöst. Da gilt weder Freundschaft noch Verwandschaft, weder Schwägerschast noch Nachbarschaft, da ist die ganze Judenheit durch eiserne, unüberschreitbare Schranken geteilt, jede Bank ist eine Welt für sich, eine feindliche Festung. Jede Frau hat ebensoviele unerbittliche und unversöhnliche Feindinnen, als Bänke hinter sich und jede Frau haßt und befehdet ebensoviele Mtbeterinnen, als sie Rücken zählen kann. Wenn eine Frau mit dem wachsenden Vermögen ihres Mannes um eine Bank vorrückt, so kann sie nie an ihren früheren Sitznachbarinnen Vorbeigehen, ohne teilnehmend zu ftagen, ob man denn da hinten auch nur ein Wort von der Predigt hören kann. Mancher blühende Familienwohlstand wird zu Grunde gerichtet, weil die Frau den Mann von einer Steuerklasse in die andere hetzt. Und zuweilen hetzt sie ihn in die Kirche hinein. Damit es dann' heißen kann: Frau Peters (früher Pereles) saß heute in der Kirche in der ersten Bank neben der Steuereinnehmerswitwe. III. Das Chor. Erew Rosch-haschono. Aus dem geöffneten Gittertore flutete die Menge aus dem Tempel, in die matterleüchtete Gasse. In Gruppen blieben sie stehen, zogen die Hüte, schüttelten sich die Hände. Die Gasse war wieder leer geworden, nur einige junge Herren promenierten noch auf den