Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 8 (25.10.1906)
- Date
- 1906-10-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2430890-2430891-2430899--066-2431035- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
NEUE ZEITUNG «edsbtion und Admfnfflratfon: Wien, Xlll/l, Stackhovengasse 17. Sprechstunden des Chefredakteurs und in Adminlstrationssachen: Montag und Freitag, 11—12 Uhr vormittags, II/», Czerningasse 14. Telephon Nr. 21803. Postsparkaffen-Konto Nr. 87.377. 'Druckerei-Telephon Nr. 4897. Unabhängige jAilche AochenkbiM Ligen tum einer Sozietät. Erscheint jeden Freitag. Herausgeber und Chefredakteur: Dr. OntbklN VirnbNUM. Lbsimemrntsprrile: In Qesterreich-Ungarn: Ganzjähr. L6.—. Halbjahr. K 3—, Vierteljahr. K 1.60, monatlich 60 h. Im Ausland: Ganzjähr. lv 9.—, Halbjahr. L 4.S0. Das Abonnement kann mit jeder Nummer beginnen. Einzelnummer in Wien 16 h, außerhalb Wiens im Jnlande 20 h. Illssrttonsxrslss: i?iir die örcimat ncipaltcne Nonpareillezeile ober ber Raum 12 h, bet WiebcrHolungen Radau. Nr. 8. Wien, Freitag den 26. Oktober O06. Jahrgang. Inhalt: Die Gleichheit vor Gott. - Echte und unechte Autonomie. Von N. B. — Offener Brief au Herrn Nikolaj v. Wasiilko. Von Dr. I s a a k K o h n (Seretb). — Wochenschau: V o r d e n m ä h r i s ch e n L a n d t a g s w a h l e n. Die österreichische Reichsidee und die Juden. Magyarische Freiheit. Verschärfung der Sonntagsrnhe i n d e r B u k o w i n a. Nur nicht zu dreist. A u s de m. r n s s i s ch e n M i l l i o n e nk e r k e r. Die Pogromwaisen. Eine jüdische Ausstellung Reformerisches. — Aus der jüdischen Oeffcntlichkcit. Die Kultusgemeinde in ihrer öffentlich-rechtlichen Stellung. Die Knltusivahlen. U. s. w. — Wissenswertes.— K u n st und Literatur: Jüdischer Knnstverein in Warschau. 11. s. w. — Wie der BerditschewerZaddik lizitiert wurde. Eine chassidische Legende. Von Weiß- Le w i n. — Hnmorund S a t y r e. — Korrespondenz der Redaktion. Die Gleichheit vor Gott. . Das gleiche Wahlrecht . Aller hat noch allenthalben große Gegner. Man sucht es mit mannigfachen Gründen zu bekämpfen und mancher davon läßt sich wenigstens hören. Es ist ja richtig, daß die Wahrheit nicht iminer bei der Mehrheit ist und daß das Mengenurteil nicht besser wird, wenn es in der Leidenschaft des Massenauftretens abgegeben wird. Es ist richtig, daß die Tüchtigsten und Edelsten des Volkes, wenn man sie allein befragte, weisere Ratschläge erteilen, bessere Wahlen treffen würden,, als die Tausende und Tausende von durchschnittlich klugen und durchschnittlich anständigen Männen. Aber — die Tüchtigsten und Edelsten? Das ist eben der Hacken. Wie sie finden? Daß es die Adeligen sind, glauben schon fast diese selbst nicht mehr.. Und die Gebildeten? Heute ist wohl kein Mensch mehr so naiv, sie ohne Unterschied dafür zu halten. Man weiß oder ahnt, was da alles mitläuft. Aber ebensowenig ist jemand so naiv, in den Besitzenden die geborenen oder emporgekommenen Tüchtigsten und Edelsten zu sehen. Bis also nicht ein Mittel gefunden wird, um die wahren Tüchtigsten und Edelsten aus dem Volke herauszusieben, bleibt auch Individualisten, soferne sie nur Vorwärtsblickende und keine Snobs sind, nichts übrig, als sich zum allgemeinen, gleichen Wahlrecht zu bekennen und sich nur auf die stille, unsichtbare Lenkung des Volkes und seiner scheinbaren Führer durch die großen Genies zu verlassen. Allerdings die konservativen Naturen werten ganz anders. Sie brauchen gar nicht von der Ueberlegenheit der Besitzenden iiberzeugt zu sein, um ,dennoch., gegen dos allgemeine Wahlrecht Stellung zu nehmen. Sie sind, bewußt oder unbewußt, Anbeter der Kulturherrlichkeit des Staates und daher von tiefem Unmut gegen alles erfaßt, was in diesen granitenen Bau Unordnung bringen will. Und die Unedleren, Eigennützigeren, treibt einfach das Interesse. Was, ich werde meine Fabriken, meine Geschäfte, meine Spekulationen den dreisten Wählerblicken der Masse ausliefern? Nimmermehr! All das ist so menschlich, so verständlich, daß man auch Verständnis dafür haben muß. Man muß sich sagen: Vom Standpunkte des Staates, wie sie ihn verstehen, vom Standpunkt des eigenen Lebens können diese Menschen, dürfen sie gar nicht anders handeln. Sie würden ihre Weltanschauungen oder ihre wichtigsten Lebensinteressen verraten, wenn sie das Gegenteil täten. Ja, aber wie, wenn es sich gar nicht um den Staat, um das eigene Lebensinteresse, wenn es sich im Gegenteil um ein rein Geistiges handelt, uni eine seelische Befriedigung, die mit dem Unterschiede zwischen reich und arm gar nichts zu tun hat? Um ein Land, in das jeder, auch der! reichste, bis auf, seine Seele nackt einzieht, um ganz ebenso wieder herauszukommen? Um Gott und Gottesdienst? Um Idee und Jdeendienst? Wozu dann die Fiktion, daß nur der Besitzende weise ist? Was soll in Gefahr sein, wenn wenigstens hier die - großen Massen Zuströmen? Welche Rechts- und Staatsordnung kann hier ins Wanken kommen, welches Geschäftsinteresse hier verletzt werden? Bor Gott sind alle Menschen gleich — damit tröstet man die Annen seit Jahrtausenden — auch die jüdischen. 'Aber gerade diese waren so dumm, sich damit über alle Gebühr trösten zu lassen. Als sänge selbst diese Gleichheit erst nach dem Tode an. Blieben im Leben auch vor Gott ungleich. Und schwiegen! Schwiegen wie jener heilige Bonze Schweig in der berühmten Erzählung des jüdischen Dichters. Und so ist es gekommen, daß draußen, im Reiche der Welt, die Gleichheit mit Siegerschritten vorwärtsstürmt, während in der Gemeinde, die sich zur seelischen Erbauung, zur Pflege der Ans einer kleinen dentschvohnrischen Khille. Von Hugo Zuckermann. I. Acharaun. .„Jaamaud — acharaun!" Mit näselnder Stimme sang der Kantor in langgezogenen Trillern, als wollte er jemanden aus weiter Ferne herbeirufen und die Töne irrten gleichsam suchend durchs hohe halbleere Gotteshaus. Ich zuckte zusammen. Acharaun, das Gar ja ich, das weiße Pappendeckeltäfelchen mit den abgegriffenen Ecken und den großen hebräischen Lettern lag auf meinem Pult. Als der Schammes mir's überbrachte, hatte er nicht versäumt, wohlwollend zu bemerken: „Das heißt, der Letzte" und ein mitleidiges Lächeln hatte seine Lippen gekräuselt. Mir wenigstens schien es mitleidig, vielleicht \ hat es ein dienstfertiges Lächeln sein sollen. Ueber der weiten Halle lag eine unheimliche Stille. Die Frühlingssonne flutete in breiten goldenen Bändern durch die hohen Fenster. Hie und da brummte ein alter Beter einige murmelnde Worte. Von der Galerie drang ein unterdrücktes Geflüster wie Vogelzwitschern, ein ersticktes Kichern — dann wieder die brütende, schwüle Ruhe, kein heiliges Schweigen, keine stumme Verzückung, nein, eine gelangweilte, gähnende Stille. Die meisten Bänke standen leer, nur ein aufgeschlagenes Gebetbuch, ein lose über die Sitzlehne gehängter Tallis verriet, daß die Kinder Israels, die heute die wundersame Errettung aus dem Sklavenjoche Aegyptens feierten, an der uralten Erzählung wenig Interessantes fanden und draußen warteten, bis das Orgelpräludium sie zum Gebet rief. Zum Gebet und zur Anhörung des neu einstudierten Chorliedes. „da—amaud — acharaun!" Ich erhob mich und trat über die teppichbelegten Stufen zum Almemor. Das hohe Pult, auf dem die aufgerollte Thora lag, war purpurn überzogen, der Vorhang an der Bundeslade prangte im königlichen Purpur, eine purpurne Decke wallte von der Kanzel. Unser Tempel hat eine reiche Garderobe. Empfangs-, Soiree- und Gesellschaftstoiletten, das gehört doch zum guten Ton (sogar zur Bildung). Himmelblau für Rasch-haschono, schneeweiß für Jöm-Kippur, Purpur für Pessach, violett für Sehewuaus, und so weiter, ist die vorgeschriebene Staatstracht für Vorhang und Kanzel. Mein Vorgänger, ein reicher Pferdehändler, der eben 5 Kronen für den „Verein zur Ausspeisung armer israelitischer Knaben, mit besonderer Berücksichtigung von Talmud-Thoraschülern in Prag" gespendet hatte, blickte triumphierend im Kreise umher, ob auch jeder diese edelmütige Wohltätigkeit gebührend würdige. Die Vorsteher auf ihren erhöhten Plätzen, nickten beifällig mit ihren hohen Zylindern und der Rabbiner schlug die Augen zum Himmel empor, als erwarte er. Gottes Segen müsse sich sofort von der hohen Kuppel herab auf den Hochherzigen ergießen. „. . . . vejimru — omen!" Mit Inbrunst küßte ich das gelbe Pergament, wie wenn ich die alte welke Hand des Großvaters küßte, nachdem sie segnend aus meinem Haupte geruht. Der Kantor las in singendem Ton, trocken und nüchtern das herrliche Lied, das die Kinder Israels sangen, als das Meer ihre Peiniger begrub. Paukenschlag und Harfentöne, eherne Becken und lodernde Fackeln, klirrende Waffen und tanzende, jauchzende Mädchen, .... und euch har die Welle verschlungen, wir sehen euer taumelndes Frohlocken nicht, wir hören euere schmetternden Fanfaren nicht, in dem eintönigen Singsang, den der Alte geschäftsmäßig herableiert. Ich möchte die Fenster austeißen und es hinausschreien in die frühlingsstohe Welt. „Groß ist Gott und hocherhaben. Roß und Reiter stürzt er ins Meer." „Mein Sieg und Sang ist Gott der Herr, der in den Wogen sie begraben." Das ewige Licht, das an langer Schnur von der hohen Decke herabhängt, schaukelt leise und wirft einen brennroten Reflex auf die Thorarolle. Wie Blutflecken tanzten die grellen Lichter auf dem vergilbten Pergament und aus Blut und lohendem Sonnengold leuchteten die Worte der Schrift. „Nun führst Du das Volk, das Du bestell, zu Deiner heiligen Wohnung."