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Neue Zeitung · 1906-10-19 · Heft 7 (19.10.1906) · p. Seite 4

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1906
Issue
Heft 7 (19.10.1906)
Date
1906-10-19
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Neue Zeitung Nr. 7 Ich war zurzeit der Abordnung des Parlamentes Besucher der gaüzischen Landesausstellung in Lemberg. Den Gästen zu Ehren gab der damalige Statthalter,Graf Badeni, ein Diner. Zu diesem Diner hatte er den jüdischen Polen und Abgeordneten Byk nicht geladen. Auf die in meiner Gegenwart (ich war mit dem verstorbenen Dr. Byk persönüch schr gut bekannt) von einem Lemberger Juden gestellte Anfrage, wie denn diese UÄergehung zu erklären sei, antwortete der Verstorbene, er stehe nicht um ein Mittagessen. Das wußten wir ohnehin und glaubten es ihm gerne! Auch der kaiserliche Statthalter konnte den eifrigen Polen nicht verläugnen und wollte seinen Gästen nicht einen Juden als Tischgenossen geben. Auch Janko Czupka hat Recht, denn „jüdische Polen" ist allerdings dummes Zeug. Eine schärfere eontraäieüo in termiuis ist überhaupt nicht denkbar. Fragt man nicht -blos die Kultusvorsteher sondern auch sonst unabhängige Männer, die gute warmfühlende Juden sind, nach dem Grunde des Ausharrens in dieser Stellung der Juden als Heloten der Polen, so ist die Antwort stereotyp die: Angesichts der von der Zentralregierung den Polen übertragenen Allmacht in Galizien, könnten die Juden, wenn sie nicht blind folgen, gar nicht existieren. Ich aber finde diese Antwort weder befriedigend, noch in der Sachlage begründet. Denn so schlimm, wie es den Juden in Galizien geht, haben sie es nirgends auf der Erde. Sie haben also sicherlich nichts zu verlieren, wenn sie das Joch abzuschütteln versuchen und aufhören Polen zu sein. Sie dürfen nicht apathisch den Druck weiter auf sich lasten lassen. Mögen sie sich die Philosophie des Steinklopferhans in Anzengrubers „Kreuzelschreiber" „es kann Dir nichts gescheh'n" vor Augen halten. Mögen sich die Juden Galiziens auf sich selbst besinnen und wieder anfangen polnische Juden zu sein, da wird es ihnen sicherlich besser ergehen, als es ihnen jetzt geht; denn wenn sie als selbstbewußtes Volk unter Wahrung ihrer Rechte austreten, so werden sie selbst den Polen, die ihrer gar nicht entraten können, als Bundesgenossen willkommen sein.*) Mögen sie Abgeordnete in den Reichsrat entsenden, die nicht Mameluken des Polenklubs sind und die strenge Disziplin des Polenklubs nicht zu scheuen brauchen, so werden sie — wie gering die Anzahl der jüdischen Abgeordneten auch sein mag — der jüdischen Sache dienen. Der Rumänenklub zählt auch nur 5 Mitglieder und leistet dennoch seinem Volke nach allen Richtungen hin ersprießliche Dienste. Wenn also die geplanten jüdischen Wahlbezirke „Juden" und nicht jüdische Polen wählen und diese Juden im Vereine mit den noch aus der Bukowina Entsendeten, einen Klub bllden, so wird eine neue Aera jüdischen Lebens beginnen, die große Erfolge für die jüdische Sache zeitigen wird. Ich schließe mit dem Wunsche, inöchten mich alle Juden Galiziens hören und nach meinem Rate handeln. Ich rufe ihnen zu: „Kumu no. hissojreru no!“ Erwachet aus der Lethargie! Es wird bald tagen! Sereth, 7. Oktober 1908. Dr. Isaak Kohn. Die Einigung") irr der Mischen Landfrage. Allen, die sich mit der jüdischen Frage beschäftigen, ist das Eine ganz klar geworden: Wir brauchen ein geeignetes Abflußgebiet für die jüdische Auswanderung. Die bisherigen Einwanderungsländer sind nicht länger imstande und willens, den Strom aufzunehmen und wenn auch die Gegnerschaft — angesichts der russischen Gräuel — für den Augenblick nachgelasien hat, so müssen wir doch Sorge tragen für das, was weiter kommen wird. Zwei Organisationen sind es, die sich prinzipiell mit der jüdischen Landftage beschäftigen: Die Zionisten und die Territorialisten. Die Zioni- *) Auf eine Bundesgenossenschast mit dem Polenklub muß jedenfalls verzichtet werden. Und niemals ohne die Rnthenen! Die Redaktion. **) Im Interesse der hier vertretenen Sache werden alle jüdischen Zeitungen um vollinhaltlichen Abdruck gebeten. ften erstrebten die Schaffung der jüdischen Heimstätte in Palästina; die Territorialisten, die noch keinen präzisen Plan formuliert haben, wollen auf die großen Kolonisationsmöglichkeiten, die sich die Zionisten für die Zukunft von Palästina versprachen, nicht warten und suchen ein vorzugsweise englisches Territorium, das sich für eine sofortige Hilfe eignen soll. Eine dritte „Landsucher"-Gruppe gibt es nicht. Die Palästina-Vereine gehen, was die Landftage anbetrifst, parallel mit den zionistischen Bestrebungen und die J.C.A. (Jewish Colonisaüon-Association), die neuerdings ziemlich viel im Orient arbeitet, hat kein eigenes festes Landprogramm. Z Die Zionisten und die um Zangwill befehden sich inzwischen — wie mir von allem Anfang an schien — ohne Grund. Denn der VII. Zionistenkongrcß, auf dem die „Spaltung" vor sich ging, 'hatte eine Definition seines Landprogramms vorgenommen, nach der einerseits sofortige Arbeit in Palästina als zulässig erklärt wurde und andererseits die nächsten Nachbarländer Palästinas in das zionistische Landprogramm ausgenommen wurden. Damit waren speziell zwei - englische (respektive englisch administrierte) Gebiete mit einbezogen, nämlich die Insel Cypern und die Halbinsel Sinai (El-.Arisch), deren Nordrand eigentlich ein ägyptisches Stück des alten Palästina darstellt. Da durch die Einbeziehung dieser beiden englisch administrierten Gebiete ein genügendes Arbeitsfeld für diejenigen ermöglicht war, die zu Palästina gegenwärtig kein Zutrauen hatten, so war es eigentlich überflüssig, sich zu separieren. Und wenn aüs taktischen Gründen — um etwa solche Juden für die englischen Nachbarländer Palästinas zu gewinnen, die unter zionistischer Flagge nicht beitreten würden, so konnte wohl eine separate Organisation gegründet werden, es brauchte dann aber nicht die Hauptenergie beider Gruppen sich im Kampfe gegeneinander zu erschöpfen! Freilich waren von früher her böse Vorurteile gegen Cypern und El-Arisch zurückgeblieben, aber zum mindesten ich. habe nicht aufgehört, immer und immer wieder authentische Berichte und sonstige Nachrichten und Artikel über die Nachbarländer zu veröffentlichen. Es hat mir nichts geholfen — die großen Hilfschancen, die diese Länder bieten, blieben unbenutzt, während ungezählte Tausende unserer Brüder sich schier die Augen aus dem Kopfe starrten nach einem rettenden Ufer! Jetzt endlich ist der Zeitpunkt eingetroffen, da selbst die Widerstrebendsten der Sache nicht mehr ausweichen können! Und wie ist es gekommen? Die Entwicklung von Cypern ist jetzt von einer anglo-ägyptischen Gesellschaft ausgenommen worden, an deren Spitze der geniale Sir William Wilcocks steht und gleichzeitig nimmt die angloägyptische Regierung die Entwicklung von El- Arisch in die Hand. Ich selbst habe zuviel über Cypern und El- Arisch geschrieben, als daß ich nicht vorziehen sollte, hier eine andere -Informationsquelle zu Wort kommen zu lasten. Die zionistisch - wissenschaftliche Zeitschrift der Berliner Palästina-Kommission „Altneuland", die mir soeben zugestellt wird, sagt (in ihrer neuesten Nummer vom 7. August auf S. 246—248) folgendes: Die Anglo-Egyptian Land Allotment Company und die Wiedergeburt Cyperns. Die Nummer 2 l. Jahrg., S. 53, des „Altneuland" brachte die Nachricht von der Gründung der Anglo- Cgyptian Land Allotment Company, die zu Anfang b. I. mit der Absicht umging, an die Wiedererschließung Mesopotamiens heranzutreten. Ein kürzlich erstatteter Bericht des deutschen Generalkonsulates in Kairo bringt indeß die Mnde, daß diese Gesellschaft vorläufig Cypern als Arbeitsfeld gewählt hat. Die nachfolgend wiedergegebenen Mitteilungen haben für uns das allergrößte Interesse, sowohl im Hinblick auf die jetzt gebotene Möglichkeit,. Cyperr, in den Bereich der kolonisationswürdigen Nachbarländer Palästinas hineinzubeziehen, wie auch durch die näheren Angaben über die geplante „Agricultural Bank of Cyprus". Bekanntlich ist schon feit längerer Zeit der Gedanke der Gründung einer Agrarbank für Palästina ausgenommen. y Sie Hilst, wo sie meint, helfen zu können, und wenn ihr der verstorbene Baron Hirsch eine Richtschnur für die Verwendung seines Nachlasses gegeben hat, so kann diese nur darin gesehen werden, daß dieser ernsthafte jüdische Politiker (den viele ganz falsch „nur" für einen philantropischen Millionär halten) die Notwendigkeit der Konzentration der Judenwandernng schon im Jahre 1901 klar formuliert hat! Die Form der englischen Bank für Cypern mag vielleicht manchen Fingerzeig enthalten, der auch für uns nützlich ist. Wir lassen den Bericht hier folgen: Die int November v. I. mit einem Kapital von 10,000.000 Mark von dem Wasserbauingenieur Sir William W i l l c o ck s gegründete „Anglo-Egyptian Land Allotment Company", in deren Verwaltungsrat unter anderen der stühere Sachverständige des deutschen Generalkonsulates, Dr. P r e y e r, sitzt, hat unlängst beschlossen, einen großen Teil ihres Kapitals in Cypern arbeiten zu lassen. Nach Artikel 3 der Statuten der genannten Gesellschaft erblickt sie eine ihrer Aufgaben in der Erwerbung und rationellen Nutzbarmachung größerer Terrains zu Verkaufszwecken. Hebung des Grundstückwertes durch Einführung neuer Kulturen, besonders Baumwolle, und durch Darlehens- und Vorschußgeschäfte an bäuerliche Kreise. Zweifellos macht es dem guten Blick des Sir William Willcocks alle Ehre, Cypern sür die genannten Geschäfte entdeckt zu haben, ein Land, das in klimatischer und geographischer Beziehung für Baumwolle sich vorzüglich eignen soll und industriell und kommerziell noch eine terra, nova ist. Der Grundstock des Geschäftes in Cyvern wird eine nach dem Vorbild der ägyptischen Agricultural Bank geschaffene Landbank sein, die den Bauern auf ihren Grundbesitz gegen mäßigen Zinsfuß die zur rationellen und modernen Bewirtschaftung nötigen Mittel liefern wirb und die selbst durch Anlegung von Musterfarmen, Jrrigationsanlagen, Einführung von landwirtschaftlichen Maschinen und Geräten zur Hebung des Wohlstandes der Bewohner und damit ihrer Kaufkraft beitragen soll. Die Gründung dieser Bank ist nach Mitteilungen aus Cypern durch Vertrag vom 18. Mai d. I. mit der dortigen Regierung zur Ausführung gebracht worden.' Die genannte Gesellschaft hat das ausschließliche Recht zur Gründung eines derartigen Unternehmens erhalten. Von den einzelnen Vertragsbestimmungen interessiert besonders der Passus, in welchem sich die Regierung von Cypem verpflichtet, für die Eintreibung der Zinsen, die nicht mehr als 9 Prozent betragen dürfen, ihre Steuerbeamten zur Verfügung zu stellen. Die neue Bank wird unter dem Namen „Agricultural Bank of Cyprus" in Famagusta mit einem Kapital von 100.000 Pfund Sterl. am 1. Jänner 1907 ihre Operationen beginnen. Die Gesellschaft beabsichtigt ferner, die großen Naturschönheiten der Insel, die die des Libanon in Schatten stellen sollen, für Touristen und Sommerfrischler durch Errichtung von modernen Hotels nutzbar zu machen, und es verlautet, daß die ägyptische Negierung eine regelmäßig zwischen Alexandrien und einem der Häfen der Insel verkehrende Dampferlinie subventionieren wolle. Der Plan der „Anglo - Egyptian Land Allotrnent Company", in Cypem Fuß fassen zu wollen, hat in Kairo nicht verfehlt, beträchtliches Aussehen hervorzurufen. Verschiedene andere große Gesellschaften und Finanziers haben Landwirte und Wasserbauingenieure nach Cypern entsandt, deren Berichte in der ägyptischen Presse veröffentlicht sind und großes Interesse hervorgerufen haben. Wenn auch diese Berichte vor phantastischen Hoffnungen gewarnt haben, so wird doch nicht verkannt, daß Cypem fiir landwirtschaftliche Unternehmungen ein großes und gut rentierendes Feld ist und es wird darauf hingewiesen/daß es einst-von 2,000.000 Menschen (jetzt zirka 280.000) bewohnt und im 16. Jahrhundert 3,000.000 Kilogramm Baumwolle exportierte, während jetzt kann, 180.000 bis 200.000 Kilogramm zur Ausftihr gelangen. Auch in anderer Beziehung scheint die Insel einer neuen Epoche wirtschaftlicher Zukunft entgegenzugehen. Das Haupthindernis für eine gedeihliche Entwicklung, die Zahlung des 93.000 Pfund Sterling betragenden Tributs an die Türkei, soll durch Uebernahme auf das englische Budget beseitigt werden, und die englische Verwaltung, die eine Flottenstation auf der Insel errichten will, scheint entschlossen zu sein, in der wirtschaftlichen Entwicklung der Insel in rascherem Tempo vorzugehen, wozu der Bau der Bahn von Famagusta nach Morphou der erste Schritt sein dürfte. Dr. P r e y e r ist unlängst von einer größeren Studienreise nach den Gebieten der deutschen Baumwollkulturen in der kilikischen Ebene zurückgekehrt, deren Erfahrungen man fiir Cypem verwerten zu wollen scheint. Nach allem, was in den Berichten der entsandten Sachverständigen niedergelegt ist, scheint sich Cypem fiir einen großen Baumwollexport vorzüglich zu eignen. Der Import von landwirtschaftlichen Maschinen nach Cypem dürste dadurch sicherlich eine Zukunft gewinnen. Beitragen könnte hierzu eine erhöhte Tätigkeit der deutschen Mittelmeerlinien, von denen eine die Häfen Cypems schon regelmäßig anläust. Nachdem, wie bekannt, der Norddeutsche Lloyd in Gemeinsamkeit mit der deutschen Levante-Linie den Verkehr im Mittelmeer erheblich erweitert hat, dürfte sich Gelegenheit ergeben, den im vorstehenden ausgesprochenen Wunsch baldigst zu erfüllen. Die S i n a i h a l b i n s e l. Wie der letzte Vierteljahrsbericht des englischen Palestine Exploration Fund mitteilt, haben die Engländer neuestens begonnen, Anstalten zur Besetzung und Kolonisierung der Sinaihalbinsel zu treffen. Nach dem Jahresbericht des Earl of Cromer über die Zustände Aegyptens und des Sudan im Jahre 1908 ist Mr. I e nnings Bramley, ein ausgezeichneter Kenner der arabischen Verhältnisse und des Bedninentums, der im letzten Jahre mehrere Fehden unter den Eingeborenen der Sinaihalbinsel beigelegt hat, jetzt zum selbständigen Kommandanten der Sinaihalbinsel emannt worden. Folgende Einrichtungen werden von ihm geplant: Ein tüchtiges und - leisttingsfähiges Kamelreiterkorps soll organisiert werden; in Nachl, einem Orte an der Pitgerstraße zwischen Suez und Akaba, soll eine Polizeiftation, eine Moschee und Baracken zur Unterbringung 'von Reisenden errichtet werden. Zur Anlage von Äanmpflanzungen, Gärtnereien und Wasseranlagen sollen Geldmittel bereitgestellt werden; speziell hofft man bei El-Arisch eine große Fläche Landes' kulturfähig machen zu können. Auch eine Telegraphenlinie nach Nacht und eine Straße für Biotorwagen nach diesem Orte ist geplant. Wenn diese Maßnahnien, wie zu erwarten steht, mit Energie durchgeführt Iverden, so wird ohne Zweifel daS Aussehen der Sinaihalbinsel, die bisher gänzlich wüste lag, in kurzer Zeit völlig umgestaltei werden.

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