Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 7 (19.10.1906)
- Date
- 1906-10-19
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 7 Neue Zeitung Seite 3 Die offizielle Statistik weist etwa 3/.-, Polen und 2/0 Ruthenen aus. Zu diesen Ziffern gelangt man nur dann, wenn man die Juden, die etwa eine Million ausmachen, den , Polen zurechnet. Es geschieht dies auf dem in Österreich beliebten Umwege der Umgangssprache; und die Behörden zwingen alle Juden Galiziens sich zur polnischen Umgangssprache zu bekennen, obwohl es notorisch ist, daß kaum zehn Prozent in der Tat polnisch als Umgangssprache gebrauchen, während der Rest jüdisch, also keinesfalls polnisch spricht. Haben also die Polen die Majorität im Lande, argumentiert man weiter, so gebührt ihnen auch die Herrschaft daselbst. (Vas auch falsch ist. Die Redakt.) Und die Gegenleistungen an die Konnationalen mosaischen Glaubens? Darüber möge folgendes Aufklärung geben. 1. Das Landesparlament zählt 151 Mitglieder. Die Juden machen Vder Gesamtbevölkerung aus. Es würden ihnen zumindest 20 Mandate zukommen. Nein, argumentieren die Polen, da die Juden Polen sind und es auf die Konfession des Abgeordneten gar nicht ankommt, so brauchen die Juden keine eigenen Vertreter. Demnach ist der Landtag hübsch judenrein. Denn die vier oder fünf waschechten jüdischen Polen, die vor dem allgewaltigen Zentralwahlkomitee Gnade gefunden haben, kommen nicht in Betracht. 2. Daß die politischen Behörden Galiziens judenrein sind, braucht nicht besonders erwähnt zu werden, denn in diesem Punkte ist es im übrigen Oesterreich nicht besser bestellt. Die Postdirektion (nicht der exekutive Postdienst) ist judenrein. Denn es ist allgemein bekannt, daß der derzeitige Vorstand dieser Direktion, Herr Ioserow i c z, die Juden nicht mag. Sein Wille gilt mehr als das von Sr. Majestät sanktionierte Staatsgrundgesetz. 3. Vor dem Jnslebentreten der Staatsgrundgesetze enthielt das Statut der Landeshauptstadt Lemberg die Bestimmung, daß von den 100 Gemeinderäten 25 Juden sein müssen. Diese Bestimmung wurde, weil sie Gesetz war, während der Geltung des alten Statuts auch eingehalten. Als diese „Beschränkung" nach Erstehung der Staatsgrundgesetze aufgehoben wurde und somit die 'Pflicht/ ° Juden in' den Gemeinderat wählen zu müssen, aufhörte, hörte auch die Wahl der Juden auf. Seither haben es die Juden höchstens bis zu sechs Mandaten im Lemberger Gemeinderat gebracht und auch diese werden nur den unverfälschten jüdischen Polen entnommen. Anläßlich der letzten oder vorletzten Gemeindewahlen in Lemberg hat der hervorragende Advokat, Herr Dr. Aschkenaze, ein von den Wahlmachern angebotenes Gemeinderatsmandat mit der Begründung zurückgewiesen, daß den Juden in Lemberg eine stärkere Vertretung gebühre, als sie die Machthaber zugestehen, weshalb er als Jude den als Zlbfertigung hin- Betet zu Gott, daß er euch arm machen soll, damit ihr unter die Großen nicht gehet, seid bereitwillig, jedem zu helfen und dem Menschen zugetan, beugt euch unter der Not des anderen und spendet den Mühseligen Trost; streckt euch nieder, damit ein müder Wanderer sich auf euren Körper stütze. Was liegt an eurem Wohl, wenn nur irgend einem damit geholfen werden kann. Was liegt an eurem Glücke, wenn nur die Tränen eines anderen getrocknet werden können. Ihr wollet stark sein, so zerbrechet euren Willen. Du willst dich Gott nähern und sagst: Dieser Mensch ist mein Feind? Wenn jemand dich aus deiner Ruhe bringt, dann gehe ihm eine Meile entgegen. Ist er ein Sünder, dann reiche ihm deine Hand, weil es Gott nicht haben will, daß du sein Ebenbild richtest. Du warst dein Lebenlang fromm und bist der Bestimmung nachgegangen und nun kannst du durch eine Minute Stolz und Uebermut alles verlieren. Und wieder, stehst du am Rande des Abgrundes, am Unentrinnbaren, da kommt die Gnade Gottes über dich und die Milde seiner Hand. O, Menschenkinder, erbarmet euch euer und alles, was um euch ist. Lebet und lehret und wandelt im Lichte. Verschiebet nicht das Heute auf den Morgen und wählet nicht zwischen diesem und jenem Tun. Wer vermag zu scheiden groß und klein, hoch und niedrig. Tunlich von untunlich? Wer weiß, was in einem Tropfen enthalten ist, wer kann die Ewigkeit messen? „Das Böse ist nur der Thron des Guten"; niemandem ist geworfenen Bettel anzunehmen nicht in der Lage sei. 4. Das Reichsvölksschulgesetz schreibt vor, daß in jedem Landesschulrat Vertreter aller im Lande vorhandenen Konfessionen sitzen müssen. Demnach müssen in Ländern, welche eine jüdische Bevölkerung haben, auch Vertreter der jüdischen Konfession im Landesschulrat Sitz und Stimme haben. Selbst im Landesschulrat von Oberösterreich, welches Kronland eine kaum nennenswerte jüdische Bevölkerung hat, hat der Rabbiner von Linz- Urfahr als Vertreter der mosaischen Konfession Sitz und Stimme. Als vor einigen Jahren der klerikale Landtag die Eliminierung dieses Judenvertreters zum Beschlüsse erhoben hatte, verweigerte die Regierung die Vorlage dieses Landtagsbeschlusses zur allerhöchsten Sanktion mit der Begründung, daß der Beschluß gegen das Reichsvolksschulgesetz und das Staatsgrundgesetz verstoße, daher nicht Gesetz werden dürfe. Nur der Landesschulrat von Galizien entbehrte bis vor etwa zwei Jahren einen Vertreter der jüdischen Konfession, obwohl Galizien das judenreichste Land Oesterreichs ist. Erst vor zwei Jahren wurde der Beschluß auf Zulassung eines Vertreters der jüdischen Konfession gefaßt. In Vollziehung dieses Beschlusses ist einer der eifrigsten Anhänger der Schlachzizenpartei, also ein jüdischer Pole von reinstem Wasser, als Vertreter der jüdischen Konfession in den Landesschulrat berufen worden; daß darob unter der Judenheit des Landes arge Mißstimmung herrscht, haben alle Tagesblätter gebracht. Anläßlich dieses Beschlusses haben die wenigen jüdischen Abgeordneten dem Landtage große Ovationen und Dankadressen gebracht. Merkwürdigerweise hat sich während des Zeitraumes von fast 30 Jahren, welcher von Beginn der Wirksamkeit des Reichsvolksschulgesetzes bis zum Beschlüsse des galizischen Landtages verstrichen ist, das Gewissen der jüdischen Polen in diesem Punkte nicht geregt. Der Dank aber, den sie dem Landtag votiert haben, ist in den Augen eines jeden Juden eine Kriecherei schlimmster Sorte, denn es gebührt einer Körperschaft doch nicht der Dank dafür, daß sie 80 Jahre darauf wartet, eine gesetzliche Pflicht zu erfüllen. 5. In Galizien beginnt ein Staatsanwalt in einem Schwurgerichtsprozesse wegen Betruges gegen einen jüdischen Angeklagten seinen Schlußantrag mit der Apostrophe an die Geschworenen: Meine Herren! „Ihr müßt diesen Juden wegen Betruges verurteilen, denn er ist Betrüger kraft seiner Religion, diese gebietet ihm, uns Christen zu betrügen." Dieser sonderbare Funktionär der Justiz ist nicht etwa aus dem Staatsdienste entlassen, sondern auf einen richterlichen Posten befördert worden, damit er dort noch mehr Unheil anrichte. Ich habe seinen Namen vergessen und konnte daversagt der göttliche Same, und nichts ist gemein für seine Weihe. Ihr wisset von der Erbsünde, die alles trübte und die göttlichen Strahlen zersplitterte... Es ist euch geboten, das Werk der Läuterung zu vollenden und die von einander getrennten göttlichen Funken zu vereinigen. Der Satan verliert seine Macht, wenn die Wiedergeburt kommt, und ein reiner Gedanke die Welt streift. „Dem Menschen ist es gegeben, alle Dinge aus sich zu erheben." Der Vater des Chassidismus war Rabbi Israel Baal-Schem. Obwohl er erst vor zwei Jahrhunderten gelebt hat, gehört sein Wesen mehr der Legende und ist gänzlich dem Historischen entrückt. Was wir von ihm wissen, ist von seinen Schülern, man könnte sagen, von seinen Aposteln auf uns gekommen. Jakob Frank und Rabbi Israel sollen einst zu einem Disput zusammengekommen sein; die Geschichte hat sie auseinandergerissen. — Der Rabbinismus machte keinen Unterschied zwischen ihnen; er mußte sich seiner Beschaffenheit nach gegen beide gleich wehren. Der Bann traf in seinem ganzen Umfang den Chassidismus zur Zeit des Rabbi S n e j e r S a l m a n aus Lodz, des Paulus des Chassidismus, der die Lehre durch seinen Geist vertiefte und um sie zu verbreiten, die große Wanderung antrat. Er hatte seinen Lehrer und Meister nie gesehen; umso größer war seine Glut und umso her seine Karriere nicht verfolgen. Vermutlich ist er bereits heute Richter am obersten Gerichtshof. In Galizien verkündet ein Bildner der Jugend der seiner Erziehung anvertrauten Kinderschar, daß die Juden zu rituellen Zwecken Christenblut brauchen. Und auch dieser famose Funktionär der Unterrichtsverwaltung wird nicht etwa als Schädling aus dem Dienste entfernt, sondern an eine andere Schule versetzt. Tie hier geschilderten Fälle sind keineswegs vereinzelt, es gelangen eben nur nicht alle Fälle zur öffentlichen Kenntnis. 6. Der arme, irregeleitete Dr. Byk, mit dem der Friede sei, hat sich den Ausspruch geleistet, in Galizien gäbe es keinen Antisemitismus. Der Wahrheit ist wohl nie ein schlimmerer Schlag ins Gesicht versetzt worden, als mit diesen Worten. Denn Galizien ist das Land des Antisemitismus Kat e.xochen. Dort wurden Judenhaß und was viel schlimmer ist, Verachtung des Juden mit der Muttermilch eingesogen. Der Jude ist dem Polen des Haffes gar nicht würdig, der Jude ist für ihn der Wurm, der am Boden kriecht. Dagegen ist der deutsche Antisemitismus erträglicher; denn wer mich haßt, der gibt mir eine Qualität! Der einzige Mensch, der sich in unserem Reichsrate der Juden annahm, war der Abgeordnete der Städte Kolomea—Buczacz—Sniutyn, Tr. Bloch. Er tat dies mit einem Arsenal von großem theologischen, talmudischen und rabbinischen Wissen, mit Vehemenz und Schlagfertigkeit. Daß dieser jüdische Abgeordnete den Antisemiten unangenehm und unbequem war, ist ja selbstverständlich. Nun kam ein Pakt zwischen Herrn von Zaleski dem damaligen Obmann des Polenklubsund dem FürstenLiechtenstein dahin zustande,Bloch einfach zu entfernen. Infolge Befehls der Allgewaltigen des Polenklubs mußten die Wähler Blochs ihn zum Rücktritte auffordern, was auch prompt befolgt wurde. Dieser jüdischeste Wahlbezirk durfte seit her nur Mameluken des Polenklubs in den Reichsrat entsenden. Wenn die Polen die Juden in derTat als gleichwertige Volksgenossen betrachten würden, so wäre das Umgekehrte das Richtige gewesen. Herr v. Zaleski hätte paktieren sollen und müssen, daß Schneider entfernt werde! Die Zahl der Jllustrationsfakten, die dartun, daß auch der zweite Teil der Vorhersage des Bezirkshauptmannes längst in Erfüllung gegangen sei, daß nämlich die Polen dafür gesorgt haben, daß aus den jüdischen Polen hübsch wieder polnische Juden werden, könnty ich ins Unendliche vermehren. Aber auch die Aeußerung der Gräfin, die darüber entsetzt ist, daß „sie" sich mit dem Juden an einen Tisch setzen, entspricht dem Volksbewußtsein der Polen. In Galizien sind die Juden auch gesellschaftlich so streng von den Christen geschieden, wie die Kasten im alten Indien. Äls Illustration möge ein kleines Erlebnis dienen. inniger sein Glaube. Er war es, der in seinem Eifer nach Wilna ging, um den Gaon Rabbi Elias, die Säule des Rabbinismus, zu bekehren und damit der Erlösung den Weg zu bahnen. Schier wollte der strenge Rabbi ihn empfangen, als seine alte fromme Mutter kam und ihren Sohn beim fünften Gebot beschwor, vor dem Ungläubigen die Tür zu schließen. Schwere Verfolgungen standen ihm noch bevor: Er wurde als König der Juden angeklagt und mußte jahrelang in der Festung zu Petersburg schmachten. „Jedes Geschlecht", heißt es in einer der Lehren des Chassidismus, „hat seinen Moses, in dem das große Geheimnis lebt, und es kommt nur darauf an, daß die Menschen von ihm wissen sollten und wahrnehmen, was er inne hat. Dies zu erfüllen, heißt die Auferstehung erleben, das Kommen des Messias. Wenn aber dies nicht geschieht, die Menschen nicht von dem empfangen, was ihnen geboten wird, und sich vielmehr davon absondern, so bleiben sie im Nacken der Dinge sitzen, im ewigen Exil.-"