Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 7 (19.10.1906)
- Date
- 1906-10-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2430890-2430891-2430898--058-2431026- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 N eu e Z ei tun g im Spiele sein, so könnte man die Bilanz der Einwirkungs- und Beeinflussungsmöglichkeiten der diplomatischen Lage auf das Judentum in folgenden Satz zusammenfassen: Die Situation ist günstiger für die Juden, weil die Isolierung Deutschlands eine Schwächung der Reaktion und hiemit auch der politischen Präponderanz jener sozialen Schichten, die den Antisemitismus ihrem ganzen Wesen nach propagieren müssen, bedeuten. Wer die Annäherung Rußlands an England kompliziert eben das Problem. Als der revolutionäre Orkan noch nicht durch die weiten Gefilde des Reiches brauste, sagte ein bedeutender Kenner der russischen Verhältnisse: „Niemand kennt Rußland. Wer darf sich anmassen über die Zukunft dieses Reiches auch nur eine vage Bchauptung aufzustellen? Wir tappen vollkommen im Dunkel." Diese Worte gelten heute, wo alles ins Wanken gekommen ist, doppelt. In der Tat, wer kennt Rußland? Wer darf es wagen, auch nur mit der Geberde der Sicherheit etwas über die Zukunst Rußlands auszusagen? Diese Unsicherheit, diese totale Unkenntnis nmß selbstverständlich auch die äußere Politik beeinflußen. Sollte die vollkommene Isolierung Deutschlands so weit gedeihen, daß eine wirkliche Allianz zwischen Rußland und den Westmächten stattfinden würde, so kann nieinand sagen, welche Folgen das für die Gestaltung der innerpolitischen Verhältnisse haben dürste. Es ist ohneweiters klar, die Isolierung Deutschlands bedeutet die Schwächung der europäischen Reaktion. Was bedeutet aber das Bündnis Rußlands mit England? Niemand kann darüber auch nur mit einiger Zuversicht bestimmte Aussagen machen. Aber nnmerhin kann angedeutet werden, daß hier drei Möglichkeiten vorliegen. Die erste Möglichkeit betrifft das vollkommene Scheitern der Revolution. Alan denke sich Rußland wieder in den Händen der Großsürsten-Clique, man stelle sich vor, daß selbst die Spuren eines scheinkonstitutioncllen Lebens hinweggefegt wären. Wladimir oder Nikolaus würde der Sergius, Jgnatieff der Trepow der russischen Zukunft sein. Ein reaktionäres Rußland würde dann selbstverständlich nicht imstande sein, die aus der Isolierung Deutschlands hervorgegangene Situation ganz zu verändern, aber immerhin würde sich das Bleigewicht eines solchen Staatsgefüges auch im zukünftigen Europa fühlbar machen. Eine zweite Möglichkeit ist der Halbsieg der Revolution. Die Beamtenwirtschaft würde bleiben, aber die ärgsten Mißstände würde man doch beseitigen, die Preßfteiheit würde gesichert sein und ein halbwegs konstitutionelles Leben würde an der Newa blühen. Unter solchen Umständen würde die Mianz Rußlands aus die innere Politik ganz so wirken, als ob nur Frankreich, England und Es war nicht das Gehen des Asketen in die Wüste, um die Menschen zu flüchten und den Leib zu töten, sondern um das Ewige zu schauen und mit dem Licht der Welt die Seele zu tränken. Der Mensch wurde den Klauen der Schrift entrisien und ist den großen Zusammenhang der Welt gewahr worden. Wenn auch vom Volke Gottes und der Lehre die Rede ist, so stand doch an der Schwelle etwas ganz Neues, das rein Menschliche und seine Bruderschaft mit dem All. Alles, was da ist, was wird, ist noch nicht da gewesen; die Natur erneuert ihr Antlitz mit jedem Atemzug. Alles, was du siehst; das ganze ewige Walten ist ein Lob auf den Namen des Herrn, der sich in allen Sphären kundtut und sich in jedem Tun offenbart. Es gibt kein Unten und kein Oben, kein Vor und kein Nach, nichts, was groß oder klein wäre, überall ist Gott gegenwärtig und der Wille ist auch seine Tat. Den Tag über tragen alle Geschöpfe Freud und Leid und stoßen aufeinander. Des Nachts kommt die große Besinnung. Keine Schuld und keine Macht des Bösen bleibt hasten, wenn der Morgen wieder zu neuem Leben erwacht und der fromme Mann ins frische Wasser seinen Leib taucht. Wenn ein Vogel sich unter die Menschen verirrt, wenn ein Fisch im Netze zittert oder wenn ein Tier im Wege stehen bleibt, soll es gedeutet werden wie eine Verheißung, wie ein Gebot. Steigen die Wolken zum Himmel und bilden Zeichen, sind sie heilig zu nennen wie die Schrift; kommt Wind und Wetter, so erhebe man sich und spreche den Segen. — Menschensohn, du Italien allein verbündet wären. Auf die Dauer müßte eine solche Allianz doch eine Renaissance des Liberalismus herbeiführen. Ein vollkoinmener Erfolg der Revolution wäre selbswerständlich die Niederlage der europäischen Reaktion zu einer vollständigen gestalten. Preußen - Deutschland würde dann ein inneres Jena erleben. Die Frage ist eben nur: Wird die Revolution in Rußland siegen oder nicht? Oder wird sich dieser Zustand des ewigen Schwankens, ewigen Hin- und Herwankens zwischen Revolution und Reaktion, diese Periode der Repressalen noch lange hinziehest? Darauf kann niemand eine Antwort geben. Es gibt eben keine Kenner Rußlands. Auf d e m Gebiete ist jeder ein politischer Laie. Und so kann man auch hier nichts Voraussagen, nichts vorausbestimmen. Auf jeden Fall aber sind folgende Tatsachen sicher: Die Lage der Juden hängt von der Schwächung des reaktionären Druckes in Europa ab. Die Isolierung Deutschlands trägt sicherlich dazu bei. Inwieweit der Sieg der Revolution in Rußland diesen ' Prozeß noch weiter entwickeln wird, ist noch ungewiß. Man muß sich auf jeden Fall hüten, hier zu optimistisch zu denken. Indische Polen. Wenn es wahr ist, daß der gegenwärtige Minister und stühere Obmann des allmächtigen Polenklubs, Graf Dzieduszycki, den Ausspruch getan hat, die Assimilation sei die Lüge des 19. Jahrhunderts, so ist diesem Großauguren der Polenpolitik in einem unbewachten Momente eine Wahrheit entschlüpft, die er gerne für sich behalten hätte. Diese Wahrheit gilt ihm und den übrigen großen Politikern des Polenklubs pro koro interno, verkündet darf sie nicht werden. In der Tat aber ist die Assimilation, von welcher die Rede ist, das ist das Aufgehen der Juden in das Volk, unter welchem sie gerade weilen, eine Lüge, die erst im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts austauchte. Man wußte früher von deutschen, englischen, französischen Juden, nicht aber von jüdischen Deutschen rc. In den offiziellen Lehrbüchern der österreichischen Statistik (die bis zum Ende der 1860er Jahre an Mittelschulen in Gebrauch waren) wurden die Juden stets als Nation aufgeführt. Es sei daran erinnert, daß selbst Mendelssohn, dem die deutsche. Sprache und Philosophie manches zu danken hat, sich nicht nur als Jude fühlte und galt, sondern als solcher betrachtet und behandelt wurde. Selbst das herrliche Denkmal, welches ihm sein großer Freund Lessing im Nathan gesetzt hat, hat er dem Juden gesetzt. Die Spezies aber, von welcher ich sprechen will, ist erst im Anfänge der 1870er Jahre entdeckt worden. Das Verdienst, diese Entdeckung gemacht zu haben, gebührt dem seinerzeitigen Präsidenten der Krakauer Handelskammer Akenbrauchst nur deine Ohren aufzutun um zu horchen, deine Augen zu öffnen um zu sehen. In jedem Winkel der Erde findest du das Wunder und auf jedem Stein kannst du deinen Altar baueu. Eine Pfeife rauchen und dabei an Gott denken überwiegt mitunter das ganze Tun und Lassen eines stammen Lebens, und wenn ein Grashalm sich im Schatten still bewegt, kann es mehr Sinn haben, als wenn ein ganzes Geschlecht auf- und niedersteigt. — Das waren nicht bloße .Lehren, Lebenselemente waren das, die in Mark und Bein übergingen und allem, was atmet, den Schwung des Ewigen verliehen. Die Lehre war bisher immer im Vordergrund gestanden und hatte die Oberhand auch über das Gebet. Im Chassidismus aber ist das Beten der höchste Moment, auf den es ankommt. Man betet nicht um etwas zu erreichen, geschweige denn aus bloßer Pflicht, sondern aus dem Glück der Erhebung und der Selbstgeburt. Das Beten ist ein Jauchzen, eine Glut, ein Tanz. Die Liebe zu Gott ist wie die zum Weibe einzig und allein und wie der Jubel aller. Die Engel sammeln sich scharenweise, die himmlischen Regionen bewegen sich mit, es geht durch die Welt ein Freudentaumel, es ist der höchste Sieg. Und wieder kann man eines Morgens aufstehen und sich heilig fühlen wie nie zuvor. Die Frömmigkeit besteht nicht im Ausüben der Gebote, im bloßen Vollziehen einer stammen Tat, sie ist vielmehr wie ein Wunder, das zu einem kommt. Es gibt Seelen, die von solchem seltsamen Nr. 7 delsburg. Dieser erste jüdische Pole (seine Nach-. kommen sind bereits christliche Polen) verkündete als Abgeordneter der erwähnten - Kammer im Abgeordnetenhause des österreichischen Reichsra'es die These: „In Galizien gebe es Polen katholischen, evangelischen und mosaischen Bekenntnisses." Ob. dieser neuen Wahrheit herrschte Staunen nicht nur im Parlamente, sonder,: auch in Galizien selbst. Denn um jene Zeit, es war in den ersten Jahren des Ministeriums Adolf Auersperg-Laner landen die Juden in Galizien mit den Ruthenen m Lager der Verfassungstreuen. Dieser Entdeckung widmete der große Erzähler Karl Emil Franzos in der „N. Fr. Pr." ein Feuilleton „Jüdische Polen". Auf die Ethnographie Franzos' bin ich nicht gerade eingeschworen, am allerwenigsten halte ich seine Schilderungen der Ostjuden für richtig. Aber im Punkte des Verhältnisses der Polen zu den Juden und Ruthenen hat er in allen seinen Werken stets den Nagel auf den Kops getroffen. Aus diesem Feuilleton Franzos' möchte ich den Schluß in Erinnerung bringen. Der Schluß enthält nämlich die Äußerungen wichtiger Faktoren galizischer Wahlmacherei über das zur Diskussion gestellte Thema: So sagt der Bezirkshauptmann: „Die Spezies jüdische Polen müssen wir pflegen; denn, wenn wir mit deren Hilfe im Lande das erreicht haben, was wir anstreben, so werden wir schon sorgen, daß aus den jüdischen Polen hübsch wieder polnische Juden werden." Die Gräfin, deren erlauchter Gemahl dazumal gegen den jüdischen Kandidaten bei der Wahl durchfiel, sagt ihren, Gatten: „Daß Ihr Euch mit dem Juden in Konferenzen zusammentatet und ihm die Hand reichtet, kann ich mir noch erklären; wie Ihr Euch aber mit dem Juden an einen Tisch setzen konntet, ist mir einfach unerklärlich." Janko Czupka aber, der allgewaltige Amtsdiener und Wahlexekutor (in Galizien ist noch heute ein Anttsdiener mächtiger als ein jüdischer Kultusvorsteher) sagt drastisch genug: „Jüdische Polen, dummes Zeug, polnisch Blut edles Blut, jüdisch Blut Hundsblut." Ich bemerke, daß ich nicht, wörtlich.zitiere, weil ich den bezeichneten Band der Werke Franzos' nicht bei der Hand habe, aber dem Sinne nach stimmen diese Zitate mit den, Texte überein. Der Dichter Franzos hat sich auch hier als Prophet erwiesen. Denn vor allem ist die Vorhersage des Bezirkshauptmanns längst in Erfüllung gegangen. Die Polen haben mit Hilfe der Juden die unbedingte Herrschaft in, Lande erreicht und üben sie als stramme Zentralisier, (wie sie im Lande sind) mit Despotie gegen die Ruthenen aus. Daß dies nur mit Hilfe der Juden geschehen konnte, ergibt sich aus nachstehender Erwägung: Zauber sind, daß die Welt nicht imstande ist, ihre Reinheit zu ertragen. Gott ist wie ein Feuer, das allen Dingen seine Farbe gibt. Die ganze Schöpfuug ist eine Entfaltung: alles lebt von, Lichtglanz des Ewigen. Aufschreien soll der Mensch wenn er einen Zipfel des Alls erfaßt. Was sind irdische Hindernisse, der ganze scheinbare Jammer gegen einen göttlichen Funken? Was ist der Tod, wenn nicht die Pforte der Ewigkeit? Jeder Teil der Welt konnnt vom Ganzen und führt zum Ganzen. Alles, was atmet und lebt, ist vom Ewigen durchdrungen. Gott ist in allem, und alles ist in Gott, und alle Wege führen zu Gott. Ob das fromme Schauen ober die Tat das Ziel ist, ob man Gerechtigkeit übt, Buße tut, oder in Freude sich erhebt, ob man sein Leben in Psalmen und Lobgesängen zubringt, oder mit einem Krug Wasser auf den Schultern durch die Jahrmärkte wandert, um das durstende. Vieh zu tränken — alles sind die Wege des Die Lehre vermochte nur große Männer hervorzubringen; der Chassidismus schuf den Heiligen in seiner ganzen Glorie. Der Schriftgelehrte verachtete die Männer der Scholle und untersagte für den Unwissenden Schutz und Erbarmen. Der Chassidismus war voll Milde und Versöhnung. Wie die ersten Christen zogen die Frommen unter das Volk. Es galt zu verteilen und zu geben und alle in Liebe zu umarmen. Wer nicht die gräßlichsten Wunden eines Juden küssen kann, wer nicht alles restlos verschenken kann, auch sein Seelenheil, der wird nie in den Himmel kommen.