Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 7 (19.10.1906)
- Date
- 1906-10-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NEUE ZEITUNG tfedafction und ädminlitratloit: Wien, Xlii/1, Steckhuvengasse 17- Sprechstunden des Chefredakteurs und in Administrationssachen: Montag und Freitag, 11—12 Uhr vormittags, II/», C; crumgasse 11. Telephon Nr. 21803. Unabhängige jiidifcbe lUocbcnichrift, Eigentum einer Sozietät. Erscheint jeden Freitag. LdsmemeiltspreNe: In Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 6.—, Halbjahr. K 3.—, Vierteljahr. K 1.60, monatlich 60 h. Im Ausland: Ganzjähr. X 9.—, Halbjahr. K 450. Das Abonnement kann mit jeder Nummer beginnen. Einzelnummer in Wien 16 h, außerhalb Wiens im Inlands 20 h. Postsparkassen-Konto Nr. 87.377. Druckerei-Telephon Nr. 4897. Herausgeber und Chefredakteur: Dr. OätbSN Birnbaum. Insertloaspreise: öiit dir dreimal gespaltene Nanparcillezeile oder der Raum 12!>. bei Wiederholungen Rabatt. Nr. 7. Wien, Freitag den {9- Oktober j(906. Jahrgang. Inhalt: Die europäische Lage und die Juden Von Dr. Paul W e i s e n g r ü n. — Jüdische Polen. Von Dr. Isaak K o h n. — Die Einigung in der Landfrage. Von Davis T r i c t s ch. — Wochenschau. *— Aus dem Parlament. — Ein aufgezwungener Jude. — Ungarn macht sich wieder. — Die LandeSautonomie-Bestrebungen. — Die Aussperrung der 600 jüdischen Schneider — Jüdische Volks- Häuser. — ckoin Kippur-Pogrom. — AuS der jüdischen Qeffentlichkcit. — Der III. Parteitag der Poale Zion. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus der territorialistischen Bewegung. — Vom „Bunde". — Die Wiener Kultnswahlen. U. s. w. — Der missnagdische Row und der chassidische Rebbe (Schluß). Von Schalom A s ch. Die europäische Lage und die Juden, Von Dr. Paul Weisengrün." Die Juden sind diplomatisch eine quantite negligeable. Im Getriebe der äußeren Politik, im europäischen Staatensysteme spielen sie trotz ihres Geldes, trotz der vielen Zeitungen, über die sie angeblich verfügen, eine gar stiefmütterliche Rolle. Die Legende von der ungeheueren internationalen Macht der Juden wird gründlich zerstört, wenn man sich auf diesein Gebiete einmal ordentlich umsteht. Von der Aliance Israelite, vom Dause Rothschild, von all den unzähligen Beeinflussungsmöglichkeiten, an die die Juden selbst glauben, spürt man hier nichts. Rußland könnte Millionen von Juden plündern und töten und Der Chassidismus*) von M. I. Be rd y cz ew skl. Der Chassidismus (der Weg der Frommen) ist eine religiöse Bewegung, die vor zwei Jahrhunderten unter den Juden in der Ukraina, Wolhynien und Polen ausbrach, sich der. Massen des Volkes bemächtigte und in einen großen Gegensatz zum alten Judentum trat. Seine Uranfänge reichen weit über diese Zeit hinaus. Schon in den alten Schriften, in der Agada und im Midrasch, die sich um das Gesetz scharten, konnte sich manches einschleichen, was ein kräftiges Nein für das herkömmliche Ja hatte. Die Kaballa war stets der Sitz antitalmudischer Richtungen und suchte ein überirdisches Reich zu bauen als Ersatz für die Enge, in die der menschliche Geist durch den äußeren Buchstaben gedrängt 'wurde. Der Messianismus hat in allen seinen Phasen mehr als die politische die religiöse Erlösung angestrebt, und die falschen Propheten und großen Ketzer waren in all ihrem Tun von der- *) Gelegentlich des Todes des Rabbi von Sadagora ist. in manchen, namentlich westjüdischen Blättern soviel Unzutreffendes über den Chassidismus zu lesen gewesen, daß wir es für nötig erachten, diesen Darstellungen durch obigen, vor einigen Jahren geschriebenen Aussatz Berdyczewski's entgegenzuwirken. Der Aussatz beschäftigt sich übrigens nur mit dem Chassidismus als Revolution gegenüber den, rein talmudischen Judentum, nur mit den Trieben aus welchen heraus er entstand. Was er sozial geworden ist, inwiefern er allmähli'g von seiner eigenen Bahn abwich und abweichen mußte, bleibt unbesprochen. Die Redaktion. würde, wenn es nur Geld und eine halbwegs anständige Armee hätte, noch zehnmal bündnisfähiger sein, wie es heute trotz alledem und alledem, trotzdem die innere Fäulnis des nordischen Kolosses selbst dem kilrzsichtigsten Auge sich offenbart, noch immer ist. Nein, wir Juden haben in der äußeren Politik nichts zu sagen! Haben wir aber auch daru,n kein Interesse an den großen diplomatischen Ereignissen Europas? Obwohl wir keinen Einfluß in dieser Machtsphäre besitzen, hängt so vielerlei unserer Geschicke von der Gestaltung des europäischen Staatssystemes ab. Seit dem russisch - japanischen Krieg hat sich die Lage Europas wesentlich verändert. Das französisch-russische Bündnis ist, wenn auch nicht in formaler Beziehung, so nach der rnaterrellen Seite hin, vollkommen aufgehoben. Frankreich und England, die einstigen Erbfeinde, haben einen förmlichen Freundschaftsbund geschloffen. England und Italien sind in eineiwHllianzverhältnis und mehr als 'ein Symptom ' sprichr dafür, daß wir nächstens von einem russisch - englischen Bündniffe allen Ernstes werden.reden können. Der Dreibund existiert nur auf/ dem Pcrpier, in Wirklichkeit istdas diplomatischeSvstemBismarcks zersprengt und wie vor einem JahrKhnt England, so steht heute das Deutsche Reich/isoliert da. Welchen Einfluß kann nun diese Läge der Dinge aus die Juden haben? Würde es sich in diesem Zusammenhänge nicht um Rußland handeln, so würde das Problem sehr einfach liegen. Die Isolierung Deutschlands in Europa kann auf die Dauer nicht ohne Rückwirkung auf die inneren Verhältnisse bleiben. selben Sehnsucht erfüllt. — Die Liturgie, mit der äußeren Frömmigkeit zusammenhängend, barg Stimmungen einer ganz anderen Welt, und der asketische Moralismus, wenn er sich auch auf die Autorität des Talmuds stützte, ließ es doch be> künden, daß noch etwas ganz anderes zum Seelenheil nötig sei. Der Chassidismus war der Heißhunger nach wahrer Religion bei einem Volke, das vom Wirbel bis zur Zehe in religiösen Verrichtungen steckte. Die großen messianischen Hoffnungen beim Auftreten des Sabbatai Zevi, als Israel glaubte die Stunde der Erlösung sei gekommen, hatten sehlgeschlagen. Der abenteuerliche Zug jener fünfzehnhundert Frommen, die in wilder Ekstase mit Weib und Kind sich nach dem heiligen Lande begaben, zerstob gleich beim Hinscheiden ihres Lehrers und Meisters, Rabbi Jehuda, in den Mauern von Jerusalem. Run konnte der strenge Rabbinismus sein Werk von neuem beginnen. Schwer legte sich seine Hand auf alle Gemüter. Unbarmherzig und mit der ganzen Unerbittlichkeit der Konsequenz beugte er alles unter das Joch des Gesetzes. Statt der Liebe zu Gott wurden die Menschen zu einer namenlosen Furcht gettieben. Das erhebende Wort war zu einem zahnlosen Skelett geworden, und über der Schrift lag das Grauen eines entseelten Mysteriums. Da begann es in den Herzen sich wieder zu regen; die unterirdischen Regungen aller Zeiten zogen sich zusammen;-die Verinnerlichung der Lehre wurde gegen das äußerste Gesetz angerufen, und der Geist erhob sich wieder gegen den toten Buchstaben. Freilich, die größte Autorität aus diplomatischem Gebiete war anderer Ansicht. Niemand geringerer als Bismarck verkündete die Maxime: Wirtschaftliche und innerpolitische Fragen haben mit den Ereignissen der äußeren Politik nichts zu tun. Aber der gewaltige Verkenner der sozialen Frage irrte sich auch in dieser Beziehung. Seine wirtschaftliche Bekämpfung Rußlands, die er als preußischer Handelsmmister wenigstens eine Zeitlang mit aller Macht durchsetzte, hat nicht wenig zur Erkältung der Beziehungen zwischen Rußland und Deutschland beigettagen. Nein, diplomatische und wirtschaftlich innerpolitische Motive hängen in unserem Zeitalter doch eng zusammen. So bedeutet die Isolierung Deutschlands, wenn dieses Ereignis zu einem dauerhaften europäischen Phänomen wird, die Schwächung der Reaktion in Europa. Denn täuschen wir uns darüber nicht: Nicht an der Newa, sondern an der Spree ist das Zentrum der europäischen Reaktion. Je innerlich schwächer Deutschland wird, destostärker wird der Liberalismus irr Europa. Preußendeutschland hat, wenn man von den persönlichen Beziehungen zwischen Kaiser Wilh elm II. und Roosevelt abstrahiert, ja nur zwei Freunde in der Welt: Den Sultan und den Papst. Die Freundschaft des Papstes für Wilhelm beweist wiederum, mit welcher tiefen Jnstinktsicherheit die katholische Kirche vorgeht. Die Isolierung Deutschlands wird im Vatikan sicherlich nicht freudig begrüßt werden. Denn hier spürt man schon deutlich, daß sie eine Stärkung der gesamten europäischen Antireaktion, vielleicht gar eme5>Renaissance des Liberalismus gedeutet. Würde Rußland nicht auch mit Und merkwürdig, die politische Entwurzelung, das Wandern vonLand zu Land durch alle Gefahren der Geschichte, die blutigen Gemetzel, die erst vor einem halben Jahrhundert durch die Banden des Chmielnitzki unter den Juden der Ukraina gewütet hatten, hinderten nicht, daß der geistige Kamps, der das Geschick Israels eingeleitet hat, wieder wach wurde. . . „Und ich war in den Himmel gestiegen am großen Tage des Gerichts", erzählte der Begründer des Chassidismus, „da sah ich, wie die Rabbiner und die Männer des Gesetzes aller Zeiten angeklagt wurden, das Volk irre geleitet zu haben."- Mit dem Chassidismus sollte dem Menschen der wahre Weg gezeigt werden; die Seele feierte ihre Auferstehung. Gottes Reich ist nicht das strenge gesetzliche Tun, sondern die Gnade und die Liebe und das Ewige. lieber dem Jerusalem von unten gibt es ein Jerusalem von oben, und wo die Läuterung und das stamme Sinnen hinkommen, dort ruht die Schechinah. . . Im Judentum war immer die Lehre und das geschriebene Wort die einzige Quelle aller Weisheit. Wer von Gott erfahren will und seine Wege erforschen, muffe den Schleier der Schrift lüften und. die heiligen Bücher studieren. Ein großer Mystiker griff sogar zum Latein, wenn er auch vierzig Tage nachher fastete, um die Sprache des Satans zu vergessen. Dem Chassidismus war es gegeben zu verkünden: geht in die Wälder, seid allein mit euch, dann werdet ihr Gottes Stimme vernehmen.