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Neue Zeitung · 1906-10-10 · Heft 6 (10.10.1906) · p. Seite 6

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1906
Issue
Heft 6 (10.10.1906)
Date
1906-10-10
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Neue Zeitung Nr. 6 Eigelaufeue Druckschriften. „Unsere Hoffnung". Nlouatsschrist für die reifere jüdische Zugend. Wien. Ottoberheft. Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden. Herausgegeben vom Bureau für Statistik der Juden. Berlin-Halensee. Oktoberheft. , Dr. Adolf Brüll's popularwiffcuschaftliche MonatsblLtter zur Belehrung über das Judentum für Gebildete aller Konfessionen. Organ des Mendelssohn- Vereines in Frankfurt a. M. Septemberhest. Ukrainische Rundschau. VormalS: „Ruthenische Revue." Wien. Septemberheft. Der Seufzer. (Aus dem Zyklus „Kinoth"). Von I. L. Perez. . Aus dem Hebräischen übersetzt von E. Rap aPort geb. Mieses (Przcmysl). Ein tiefer Seufzer glitt Aus meiner Lyra Saiten, Sanft trug ihn ein Zephir fort- Trug ihn in die Weiten. Er fliegt, — es lauscht der Strom, Die Wellen fein sich kräuseln; Er fliegt, — es lauscht der Tann Und seine Blätter säuseln. Er fliegt — aus Berg und Au, . Es seufzen die Blumen leise Und Schwester Lilie hüllt sich In Scham, wie's ihre Weise. Er fliegt — himmelwärts, himmelan — Es weinen meiuethalb J>ie Stern', Er reißt des Himmels Schleier fort — Schutzengel weinen vor dem Herrn. Die Uebcrsetzerin fügt der deutschen Ucbertragung des Gedichtes, das in der Sammlung „Ho-ugow" („Die Lyra") 1895. (Verlag „Tuschija") abgedruckt ist, folgende Worte bei: Perez wurde eine Doppelgabe zu Teil, die gar selten einem einzelnen Individuum bescheert war. Die treueste Beobachtung der Wirklichkeit ist ihm ebenso eigen, wie ein zartbesaitetes Gemüt, das bei jeder Berührung mft der Außenwelt sanft mitschwingt. Er lebt nicht nur nach Außen, sondern auch nach Innen. „Ho-ugow" ist ein Produtt seines Innenlebens. —. So er mft seinem subtilen Zartgefühl in sich, sein eigenes Gemüt hineinhorcht, wird ihm ein Geschluchze, Geseufze und Geächze vernehmbar. . . Es schluchzt, es seufzt und ächzt die Seele seines gemarterten Volkes ... in der Verkörperung seines eigenen Schmedes. Dies veranschaulicht das erste Gedicht aus dem Zyklus „Kinoth" („Elegien") am besten. Die ganze Natur fühlt seinen Seufzer, den Sender der jüdischen Seele. Sommeruacht. dtun naht die Nacht in weftem Faltenkleide Wie eine Priesterin. Sie streicht mft kühlen Händen hin Ueber die heiße, aLendmüde Haide. Ich fühle sie an mir-vorüber wallen Und flehe: „Küsse mich!" Sie aber geht und sicht mich nicht Und küßt die schimmernd weißen Mondesstrahlen. Durch die Silberbirke rauscht der Wind Und die Bftke flüstert's zu den Weiden, Daß wft ewig ungesehen leiden. Weil wft wegverlorne Sucher sind... OttoAbeles. Der missnagdische Kow und der chasstdifche Keddr?) Nach dem Jüdischen des S ch a l o m Asch von Hugo Zuckermann. War einst ein Jude im Städtchen, ein Schneider. Man wußte nicht woher er kam, wohin er ging. Er war einer von den ungezählten Tausenden, deren Leben wie ein Schatten vor unseren Augen dahinschleicht. Niemand bemerkt ihr Leben, niemand ihr Sterben. Das Brot, das diese Leute essen, muß auf verborgenen Feldern wachsen und das Fleisch, das sie genießen, muß von solchen Tieren kommen, die in versteckten Tälern weiden. Wärs anders, man müßte sich ftagen, woher kommt all dies Brot, wo grasen solche Tiere? Dieser Schneider hatte mit niemandem zu tun, als mit Gott seinem Schöpfer. Die Nacht declle noch den Himmel, wenn der Schneider sich anschickte ins Beth Hamidrasch zu gehen. Hinter einem Ofen, hinter einem Büchergestell verkrochen, dankte er seinem Schöpfer dafür, daß er ihn ins Leben rief. Für das Brot, mit dem er ihn nährte, und für die Huld, die er ihm nach seinem Tode erweisen wird, wenn er ihn bei sich aufnehmen Keiner sieht den Schneider ins BeÜi Hamidraseh gehen, keiner sieht chm beim Nähen *) Missnagdim (Gegner) heißen die attgläubigen aber nicht chassidischen Juden. Der wftLnaxäiseds Rabbiner heißt „Rom", der chassidische, der deutsch Wunderrabbi genannt zu werden pflegt, „Rebbe". hocken. Und sieht man ihn, ists so ein gewohnter Anblickwie derMillen am Marktplatz steht. Da stagt schon kein Mensch mehr, wozu steht der Klotz da, wem dient er, was ist er nutz. Sein Weib Hanne hat eine stamme Pflicht als Erbstück übernommen, sie hats von ihrer Atutter — sie ruhe in Frieden — und diese von der Großmutter und ein Geschlecht überlieferte es dem andern. Jeden Freitag abend nämlich in der alten Weiberschul zwei Lichter anzustecken. Noch hat niemand gestagt, wer die zwei Seelenlichtlein anzünde, die jeden Freitag nachts von der alten Weiberschul herniederfunkeln, als wären die Ahnstauen aus ihren Gräbern erstanden. Im Gegenteil, man würde sich wundern, wenn eines schönen Tages die beiden Lichter nicht brennen würden. Da hätte man gefühlt, es fehle etwas im Hause, freilich was mangelt, hätte keiner erraten. Und für die zwei Lichter, die die Mütter eine nach der anderen entzündeten, hat Gott sie belohnt und hat ihnen eine Leuchte verliehen. Rebb Dovid, den Row des Städtchens. Nach langer Zeit, da Hanne, die Schneiderin, kinderlos war, hat Gott ihr Flehen erhört und ihrem Söhnlein geschenkt. Sie nannte chn Dowidl und wahrlich, das ist Rebb Dowid, der heutige Row. Schon von Kindsbeinen an war Dowidl anders geartet als die übrigen. Ein Sidurl (Gebetbüchlein), das der Vater ihm schenkte, damit er das Buchstabieren erlerne, trägt er noch bis heute in der Brusttasche. Unbedeckten Hauptes wollte er schon im Wieglein nicht schlafen. Nach einem Jahre plapperte er schon die Broehe (Segenspruch) über den Mutterbusen. Im Cheder lernte er mit Feuereifer. Er erfaßte nicht schnell, aber was er einmal im Kopfe hatte, ging nimmer heraus und stomm war er, seelenstomm. Er trottete seinen Ochsenschritt und wich keinen Fingerbreit vom Lchulchan-Arauch. Hunderteinmal hat er die „Haurooh" durchgekaut und sie und die „Heroauss" auswendig gelernt, mit dem Fiyger auf den Deckel gedeutet, wo jeder Buchstabe steht. Als Reb Berl seligen Angedenkens, der alte Row. der, Städtchens, heimgegangen war und nichts hinterließ als, eine erwachsene Tochter, die man ausheiraten mußte, aber keinen Platzhalter, beschlossen die Gemeindemitglieder, Dowidl solle des Rebben Waise" zur Frau nehmen und sein Nachfolger werden. Die Chassidim wären dagegen, Leisers, des Schneiders Sohn em Row. Die Balbattim1), &ie die Ehre für sich in Anspruch nehmen wollten einen aus ihrem Stande so erhöht zu sehen, setzten alle Hebel in Bewegung. Es gab Zank und Streit. ' Eines Tages versammelten sich die Balbattim am Friedhofe, stellten eine Lhupe (Trauhimmel) auf, darunter Dovidl mit des Rebben Waise und klopften auf das @ra&: „Masel Tow (Glück auf), euer Eidam ist euer Nachfolger." Die Chassidim fürchteten den Toten zu beleidigen, so schwiegen sie denn und warteten auf den ersten Wanderfeiertag,-) wohin er wohl ziehen werde. Reb Dowidl aber nahm seine 6ernorohund „Jaure-Deah", saß still zuhause und lernte Tag und Nacht. Er trieb es wie jedermann, trat als Mitglied in eine TiUimehewra.3) Frühmorgens stand er auf und las mit den Balbattim Psalmen, bis zum Sonnenaufgang, betete mit dem ersten Miojan nach aschkenazischer') Weise und fehlte auf Jeden Erew Roseh chaudesch (Jaumkippur kotaun) betete er in der „kalten Schul". Das wurmte die Chassidim und wie es ihre Art ist, behandelten sie ihn sehr geringschätzig und nannten ihn nie anders als „Dowidl Schneider." Einmal beleidigte ihn ein Chassid bei einer Briss milo und nannte ihn „Schneiderjunge." Die Balbattim wollten den Mann wie einen Fisch zerreißen, aber der Row schlichtete den Streit und ') Eigentlich Familienväter, Hausherren. In dieser Erzählung sind die kleinbürgerlichen demokratischen Juden gemeint, im Gegensätze zu den reichen und aristottatisch gesinnten Chassidim. -) Pessach, Snkkoß und Schewuvß, die 3 Feste, die von denJudenPalästinas znr Reise nach Jerusalem benützt wurden, getten noch heute als günstige Ausgangspunkte für Reisen. *). Psalmengemeinde, Verein zum gemeinsamen Psalmenbeten. «) Nicht nach Weise der Chajsidim, welche die Liturgie der Sskuräftu (Spagnolen) akzeptiert haben. keiner Hochzeit. begütigte sie; seit diesem Tage unterschrieb er sich stets: „meine Wenigkeit, David der Schneider." Chassidim, die mit ihm zusammen im Beth Hamidrasch gelernt hatten, konnten es nichtübers Herz bringen, ihm „Rabbi" zu sageu und wichen ihm von weitem aus. Der Row hielt sich auch ferne von ihnen, verkehrte mit Holzhackern und Wasserträgern. Allein wollte er nicht lernen und was er wußte,, wollte er den anderen Mitteilen. Jeden Freitag abends kamen die Balbattim im Belli Hamidrasch zusammen, mit Bibeln in der Hand und Reb Dowidl nahm den Wochenabschnitt mit ihnen durch. Er übersetzte und erklärte Stücke aus Midrasch-rabbo. Die Balbattim leckten sich die Finger bei seinen süßen Reden. Sabbath, nach dem Mittagsschläfchen, setzte er sich zwischen die Handwerker, las Psalmen mit ihnen — er ein Kapitel, sie ein Kapitel. Er sang Wort für Wort und seine Stimme schwebte aus dem Gotteshause, schallte durchs Gässchen und lockte die Leute, ins Beth Hamidrasch zu kommen. Knaben, Sabbatmüßige, die auf der Gaffe spielten, warfen das Spielzeug weg. Fuhrleute und Fischer, die mit Weibern in der Gaffe spazieren gingen, ließen die Weiber im Stich und liefen ins Beth Hamidrasch. Das kleine Beth Hamidrasch wurde voller und voller, der Row versank schier zwischen den vielen Köpfen, die sich um ihn drängten, las ein Kapitel Psalmen und die Gemeinde antwortete ihm — er einen Abschnitt, sie einen Abschnitt. Jeder wußte, daß man sich auf ihn verlassen konnte. Ging's einem schlecht, so kam er zum Rebben, dieser hatte ein Universacheilmittel — Psalmen. Wer es auch immer war, der Row stellte sich in einen Winkel mit ihm und las Psalmen. Und wer des Rows Stimme hörte, die aus zerbrochenem Herzen klagte, der konnte sich ausweinen und ging mit erleichtertem Gemüt Als Dowidl Row wurde, hatte er eine fromme Pflicht auf sich genommen, die er mit großer Pünktlichkeit erfüllte und die er von Ge-' neration zu Generation vererben wollte, wenn Gott ihm dazu verhelfen würde: Die Pflicht der Gevatterschaft nach unseres Vaters Abraham Brauch. Und er hatte mit allen Balbattim, verabredet, er werde ihnen Gevatter stehen. Für das Seelenheil seiner Eltern—"sckdachtes er. bei sich. Lag Beomer war gekommen. Die gute Muttererde, die in ihrer Güte die Häuslein der Stadt trug und alles, was in und außer dem Städtchen war, erquickte sich an Gottes Sonne, bekleidete sich von Kopf bis Fuß mit Gräsern und Blumen. Grünende Knospen hoben sich aus dem Gehölz, krochen aus den Steinen, sproßten, und mit lieblich stommer Miene schaukelte sich das Gräslein hin und her und sog seine Nahrung vom Mutterboden. Und die Muttererde entblößte ihre volle Brust und säugte jeden durstigen Mund. Alles ringsum, Vater im Himmel, erfüllte deine Vorschriften, gehorchte deinen Geboten und tat, wie du es am Anfang der Schöpfung befohlen hast. Das Gräslein streckte sich und wuchs, weil es dir wohlgefällig ist, die Vögel bauten ihre Nester über den Fensterluken der alten Weiberschul, und hüpften den ganzen Tag in der stommen Beth Harnidrasch-Gasfe, die die heilige Stimme der Thora durchwehte, sprangen von Dach zu Dach, von Gesimse zu Gesimse und schnappten wohl auch ein Wörtlein Thora auf. Flatterten auf die Erde mit stöhlichem Gekreisch, als ob sie „Broche sagen" wollten, und pickten ein Krümmchen Semmel, ein Bröslein Butterbrot, über das ein Chederjunge seinen Segen gesprochen hatte, flogen fort und mit ihnen sein Seelchen, das sich in einen Vogel verwandelt hatte. Hoch haben sich deine Himmel ausgeweitet, einer sich über den andern gewölbt und weit über die Lande haben sie sich ausgedehnt und deine kleine Welt beschützt, wie du es ihnen von Uranfang befohlen hast. Das Bächlein hinter dem Städtchen rann wie ein stilles Gebet, als wollte es dir, alleiniger Vater danken. Seine Wellen glitten, kamen und verschwanden, von fremden Ländern in stemde Länder. Im Vorüberhuschen erzählte es eine fülle Geschichte in der Sprache deS Wassers. Aus den Wassern süegen verborgene Nebelwolken — und behauchten die breit hingelagerten Felder. Ganze Nächte lang lag der Tau über den Feldern, um sie zu erquicken. Von den Feldern

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