Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 6 (10.10.1906)
- Date
- 1906-10-10
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 Neue Zeitung Seite 7 stiegen Düste ans und woben durch die Lust und erfüllten alle Geschöpfe, die sie am Wege trafen mit Leben, mit Erfrischung. . Lag Beomer! In der Gasse saßen die Weiber vor Tür und Tor, Hausfrauen mit Stricknadeln in der Hand,. strickten Strümpfe und tratschten ein wenig. Und die Chederjungen, die heute daheim geblieben waren, zupften die Mütter verstohlen an den Schürzen: „Mame — einen Zweier!" Die fromme Rebbezin in ihrem weißen Halbfeiertagsshawl saß vor ihrem Hause; bei ihr waren die Weiber der hohen Würdenträger, die Schächterin und die Vorbetersgattin. Die Chederjungen belagerten die paar vereinzelten Bäumchen in der Gasse (niemand weiß wer sie gepflanzt hat) und brachen die Zweige herunter. Vom Felde kamen in hellen Zügen barfiißige Knaben mit Büscheln gelber Feldblumen und riefen durch die Gasse: „Nimm' dir Blumen, gib mir Knöpfe, Nimm dir Blumen, gib mir Knöpfe!" Die Kinder liefen ihnen entgegen, umringten sie, rissen sich die Knöpfe von den Hosen und Wtzen und kauften die Blumen auf, und rannten zu den Müttern zurück, die Blumen in den Händen, mit herabgerutschten Hosen. Plötzlich wurde mitten im Markte eine lange, breite Leinwand ausgebreitet und man hörte eine Drehorgel spielen. Von allen Ecken strömten Kinder herbei, hinterdrein die Erwachsenen. Man drängte sich, man stellte sich im Kreis herum, und einer mit einem komischen Hut ohne Krempe, bekleidet mit einem gestricktem Hemde und mit einem breiten Riemen gegürtet, in Schuhen und Strümpfen, drehte sich rund herum, hielt eine Peitsche in der Hand, schlug über die Köpfe hin, und warf die Hüte herunter. Die Drehorgel spielte weiter. Mit einem Sprunge erschien ein großer Junge mit kreideweißem Gesicht, von oben bis unten steckte er in Hosen und hinten war ein Zifferblatt auf die Hosen gemalt. Rückwärts trug er einen hohen Stab und auf dessen Spitze krabbelte eine ganze Familie und machte Kunststücke. Die Musik spielte fort und der Mensch mit der, Peitsche knallte über die Gesichter und über entblößte Köpfe hin. Dann zeigte sich ein halbnacktes Mädchen, in kurzgeschürztem Kleidchen bis zum Knie, die blonden wehenden Haare mit Kettchen und Schaumünzen durchflochten. > Sie hatte ein Stumpfnäschen Md rote Bäcklein und turnte durch einen Reifen. Schließlich trat einer auf, der Schwerter schluckte, dann kam ein anderer und zog ihm statt der Schwerter lange Bänder heraus. Wozu das alles? Und die Musik spielte flott weiter und der Narr mit der Peitsche klatschte über Köpfe, über Gesichter hin. Reb Dowidl ging in seiner Stube aus und ab. zog die hohe Stirn in Falten und seufzte schwer. Hindele, die Rebbezin, barg ihr Gesicht in ihrer schmalen weißen Hand, saß im Winkel beim Ofen und weinte bitter. „David, ich werde mir etwas antun, ich werde es nicht überleben, du mußt dich weigern." „Und ich sage dir, wenn es vom Himmel ist, vom Himmel, dann kann ich nichts dagegen tun. Was sollte ich dagegen unternehmen? Vielleicht muß es so sein." „Eine ganze Judengemeinde sollte meinetwegen Hunger leiden? Die Stadt wird, Gott behüte, zu Grunde gehen, sie haben gejammert vor mir, zum Herzzerbrechen." „O Schimpf und Schande! Herr der Welt, du kannst doch kein Blutvergießen ansehen!" „O Weib! Weib, man darf nicht unversöhnlich sein, denke daran, versündige dich nicht, Gott behüte!" „Einziger Gott," schluchzte die Frau und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und die langen goldenen Ohrgehänge klirrten. Der Row ging zum Bücherschrank, nahm einen Band heraus und stand sinnend da. In die Tür trat Jiddel, der Melamed, der Mauhel b) des Städtchens und sprach die Rebbczin an. „Rebbezin, verzeiht mir." Die Rebbezin erhob sich, als sie den Melamed sah und wollte weglaufen. Der Row merkte es und winkle dem Melamed mit dem Finger. „Nun? was? Kommen sie schon?" Jidel nickte. „Bei mir haben sie es erreicht. Vielleicht kommt es vom Himmel. Ich bin die Mizwo 'h nicht wert." „Rabbi!" „Durch meine Schuld sollen Leute ums Brot kommen? Was ist denn der Unterschied? Ich habe die auch Pflicht der Armenpflege auf mich genommen, ich glaube, das wird mir niemand nehmen können. Und du Jidel, sprechen sie dir auch die Mauhelschaft ab?" „Ich weiß nicht, vielleicht, aber was tue ich ohne Euch Rabbi?" „Bei dir ist cs ein Familienprivileg, nach dem Gesetze darfst du es nicht aufgeben, während . . ." Vom rückwärtigen Fenster her tönte plötzlich ein Tumult. Leute kamen. Ein Auflauf, ein Geschrei: „Das QuittelH." Des blinden Schneiders Stimme übertönte alle. „Rabbi, unser Rebbe, ihr werdet Euch ein schwarzes Jahr einbrocken!" Man pochte an die Tür, viele Hände rissen sie auf, viele Hände schlugen sie ~ zu. Stöcke drohten hin und her, da klirrte irgendwo eine Scheibe. Etwas polterte durchs Fenster. Die Rebbezin schrie auf und zog ihren Mann am Rocke. Von draußen schallte es: „Die Fleischhacker kommen!" Der Row riß die Türe auf und ging hinaus. Da standen Kops an Kopf Männer, Weiber, Kinder. Bunte Schneiderhüte und samtene Sabbatmützen wogten durcheinander.^ Ein Gedränge war, wie bei einem Begräbnis. Alles lief, schrie, die Männer rissen sich an den Bärten. Einer fuchtelte mit dem Stock über des andern Kopf. Der roße Mann ragte über alle und mit seinen ürren Händen schob er die. Köpfe beiseite. „Uebeltäter," schrie der Row. „Der Row, der Row!"'■ lärmten alle , und still wurde es. ' Alle neigten die Köpfe' und warteten auf irgend etwas. Einer verbarg sich hinter dem anderen, damit der Row ihn nicht sehe. „Juden, warum raust ihr wie Gojim?" schrie er bitter auf und Tränen traten ihm ins Auge. Ein trauriges Schweigen schien alle zu ersticken, doch aus der Masse der schwarzen Köpfe tönte eine Stimme: j,Das Quittel von der .Gevatterschaft, das Quittel!" Alles blickte nach dem Sprecher, aber keiner sah ihn. „Das Quittel wollt ihr,, nehmt es euch, da nlit Friede werde. Euer Rebbe will es." Keiner sprach ein Wort.. „Unser Rebbe," keuchte der blinde Schneider, aus einem Meer von Tränen emportauchend, „die Cholera sollt ihr kriegen." Keiner wagte zu lachen., Inzwischen kroch ein kleines Männchen aus der Menge auf den Row zu, andächtig die Augen aufschlagend, als wollte er seinen Segen über die Thora sprechen und sagte: „Der Rebbe wartet hinter der Stadt, wir sind gekommen, das Quittel zu holen." Der Row ging in die Stube zurück, das kleine Männchen Rebb Jichzok, der Sohn Jidels, schlich dem Row nach, und die Chassidim drängten hinter ihm her, die Balbattim mit den Ellbogen hinter sich zurückstoßend. Der Row ging in der Stube einigemal auf und ab. Zum Schluß schritt er auf die heilige Lade zu, die im Winkel stand, schüttelte sich bedächtig und sprach: „Es ist bekannt und offenkundig dem, der die Welt nach seinem Willen erschaffen hat, daß ich nicht steiwillig von meiner Pflicht ablasse, die ich zu erfüllen übernommen habe, und sei es mit Lebensgefahr. Ich tue es um des lieben Friedens willen," ging zum Tische nahm seine Feder in die Hand und schrieb. Die Chassidim standen schweigend um ihn. Von der anderen Stube hörte man die Rebbezin weinen. Bald stand der Row auf, Reb Jzchak trat näher und streckte die Hand aus. °) Die fromme Tat und das Verdienst der frommen Tat. 7) Urkunde. „Nein," sagte der Row, „wie stehts mit der Gastfreundschaft? Hindele, wo ist mein Sabbatrock?" rief er in die zweite Stube hinein. Hindele kam mit verweinten Augen ins Zimmer und ging zum Kleiderschrank. „Weib, ich steue mich und lobe Gott, daß er mir eine Mizwo nahm, um mir eine andere zu geben, und du bist traurig?" Die Rebbezin wischte sich mit dem Kopstuch die Tränen aus dem Gesicht. ' „Komm, lass' uns die Mizwo der Gastfreundschaft erfüllen," rief der Row vor allen Leuten, trat auf die Gaffe hinaus und schleppte Jidel den Melamed am Aermel mit. „Dem Rebben entgegen, dem Rebben!" tönte hinter ihm Reb Jzchaks Stimme. Und die Menge wälzte sich zur Stadt hinaus . . . (Schluß folgt.) Humor und Salyre. Der gute Kopf. Ein Chossid erzählt: Ich hörte einmal sagen, daß gute Köpfe viel trinken. Darum nahm ich einmal den „Rambam"*) in die Schenke mit. Der hatte doch sicher einen guten Kopf gehabt. Und wir tranken auch wirklich tüchtig. Ich konnte mich noch halbwegs nach Hause schleppen, er aber inußte beim Schankwirt als Pfand dafür bleiben, daß ich noch einmal kommen werde. Kettenbeweis. — Die deutsche und die französische Sprache haben doch viele Berührungspunkte. — Wieso? — Nun, deutsch hat sie doch mit jüdisch, jüdisch wieder mit englisch, englisch wieder mit französisch. Also auch deutsch mit französisch ... Stimmts? — Es stimmt. _ Salinen: .Warum findet sich das >Jekumpurkonc zweimal im Gebetbuch, »mij scheberach« aber nur einmal?" Kalmen: „Man fürchtete, daß ein :>Jekumpurkon« verloren gehen könnte. Darum der zweite." — S a l m e n: „Warum hat man dann aber nicht auch einen zweiten -rnij scheberach« hincingestellt? Kalmen: „O Du ... . Man hat es ja getan, man hat zwei hineingegeben. Einer ging eben verloren und der, den Du siehst, ist geblieben." („V o r w Sr t s", Rew-Iork.) Der Bote.-) Rischejn2) is a zwej Meiln fun KelroJ). Hot men geshikt a shelijach3) kejn*) Keim mit a brijf um sumerdike5 * 7) nacht, is er ongekumen in Keim ganz fri, wen men hot noch geschlofn. Hoternit gewusst, wuB) areinzugeja, is er zurikgekumen kejn Rischejn mit’n brijf un hot gesokt, as in Keim scbloft men. Korrespondenz der Redaktion. „Ein Freund Ihres Blattes." Besten Dank für Ihren freundlichen Wink. Sie werden einseben, daß man nicht überall selbst sein kann. Eine „Reklame", speziell derder Ideen, ist es ja übrigens nicht. Vielleicht haben Sie die Güte, Ihre Meinung im Blatte zu sagen. Dann müßten Sie aber denn doch Ihre Anonymität aufgeben. Herrn I. W. in Krakau. Lassen Sie doch den Herren das Vergnügen. Wir werden nicht reagieren, da wir unser Blatt nicht für unfruchtbaren Zank begründet *) Abkürnnig von Rabbi Moses be» Maimoii, Maimonides. Hier naliirUch sein Werk. >) Aus dem Aufsatze „Märchen und Schwänke", in Amerika aus dem Munde russischer Juden ausgezeichnet von Leo Wiener, Cambridge (Boston) in „Mitteilungen zur Jüdischen Volkskunde". Neue Folge: Jahrgang II. Heft ll. Doch ist unsere Transkription teilweise eine andere. -) Nossieuh und Kielmy, Orte im Gouvernement Kowno, 3) Bote, *) nach, 5) sommerlich, 8) wo. PATENTE erwirkt un< verwertet P > Ingenieur- und Patentanwalt M J. Knöpfelmacher Telephon 22i32. Wien, II.. Praterstrasse 37. Hotel “i£l- Restauration Teleuhoa 13702. M. GUTH Telephon 13702. Wien, II, Stephaniestrasse 14 prachtvolle, neu adaptierte, geräumige Säle für Diners, Hochzeiten und festliche Veranstaltungen. Sehr elegante Speise-Lokalitäten. Bestrenommierte Köche und vorzügliche Getränke. Reservierte Lokale für Vereine und geschlossene Gesellschaften. Trotz höchster, der Neuzeit entsprechender Eleganz dezente Preise. Elektrische Beleuchtung in sämtlichen Lokalitäten. 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