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Neue Zeitung · 1906-10-10 · Heft 6 (10.10.1906) · p. Seite 5

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1906
Issue
Heft 6 (10.10.1906)
Date
1906-10-10
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 6 Neue Zeitung Seite 5 hört jüdische, nicht polnische Kultur. Haben wir denn nicht unser eigenes Kulturleben? Müffen unsere Abende einen polnischen Charakter tragen — nicht nur der Sprache nach? Und was diese betrifft, gibt es denn keine hebräischen oder jüdischen Gedichte und Lieder, müssen es Vielleicht eriverben sich die geehrten Mitglieder der „Sulamith" das Verdienst, vom nächstenmal an hier reformatorisch zu wirken. Mwtl- Am BO. September fand die erste ordentliche Generalversammlung des jüdisch,-nationalen Vereines junger Juden „Theodor Herz/" m Kimpolung statt. Es wurden Dr. med. Mojes Nieder hoffer zum Präsidenten, «-and. zur. F. Pichler zu seinem Stellvertreter. Burech Brender znm l. Schristmhrer (ftir d:e deutsche Sprache). Nathan Luwisch zum II.Schriftführer (für die hebräische Sprache). Hersch Jawetz zum Ka„ier, Israel Siegel zum Bibliothekar. Abraham «chreber zum Zeitungsverweser und Oekonom gewählt. Ohne Funktion sindAbraham Somit:, Feibisch Glück st e r n. Julius K r e i n d l e r, Jakob K r e i n d l e r und Samuel Terner. Zu Revisoren wurden gewählt: Berl Siegel und Chain: S o b e. Jüdischer Lehrerkongreß in Rußland. Demnächst wird in Wilna ein Kongreß jüdischer Lehrer nnd für die jüdische Schule sonst arbeitender Männer stattfinden. Das Programm ist sehr reichhaltig. Die interessantesten Punkte sind: Wechselseitige Hilft, Herausgabe eines periodischen Organs, Sp rach en in der Schule, Herausgabe einer Chrestomatie in jüdischer Sprache, Religion in der Schule, Normaltypen jüdischer Knaben- und jüdischer Mädchenschulen, Organisation der Schulverwaltung, Beziehungen zur jüdischen Gemeinde. „Bund". Es ist eilt interessantes Novum, daß auf dem letzten (7.) Kongreß des „Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbundes für Polen, Lithauen und Rußland" Delegierte der amerikanischen „Bundisten" anwesend und mit den Delegierten aus Rußland gleichberechtigt waren. Mistensmertes. Umfang der Pogromschäden. Das Petersburger jüdische Hilfskomitee entwirft ein trauriges Bild des letzten Jahres. P o g r o m e gab es in 6 38 Orten (bis 1 September, also noch vor Siedlce). Betroffen wurden 37.075 Familien mit 'l 68.161 Personen. Tote zählte man 937, schwer Verwundete 1190: es blieben 351 Witwen. 18> Vollwaisen und 1278 Halbwaisen zurück. Der materielle Schade beträgt Rbl. 51,094.703.— A Hilfsgeldern flössen den Geschädigten Rbl. 5,431.770 zi. außerdem an die Witwen und Verwundeten Rbl. 414.265, zusammen Rbl. 5,846.035. Davon brachte das jüdische Ausland 4,093.964, das jüdische Rußland 1,752.671 Rbl. auf. Aus vielen Orten fehlten noch Angaben. Doch wahrscheinlich haben die russischen Juden selbst über 2,o00.000 Rubel zu dem Hilfszwecke beigctragen. Das Wort „Pogrom". Das anläßlich der russischen Greuel so oft genannte Wort „Pogroin" ist, wie ein Sprachkenner mirteilt, eine Ableitung des Wortes grom, das den Donnerschlag, aber auch den Blitz bedeutet, der getroffen hat. Die Vorsilbe xo deutet in dieser Zusammensetzung eine vollzogene, vollständige, umsaffende Handlung an. Die Zusammensetzung „pogrom“ bedeutet also inhaltlich einen blitzschnellen Schlag, der ein gründliches und umfassendes Zerstörungswerk getan hat. Von diesen: logischen Wortsinne sind die Spezialanwendungen direkt abgeleitet und das Wort bedeutet: eine zerschmetternde Niederlage, ein blindes Zerstörungswerk, eine mörderische und erfolgreiche Ueberrniiipelung, ein blutiges, nnprovoziertes Massaker. Der Wortstamn: g -r—m mit verschiedenen Vokalkonibinationen und Transformation der Konsonanten findet sich in dergleichen logischen Bedeutung und einer ganzen Menge spezialer Fortbildungen für einzelne Wortbedeutungen in allen slavischen Sprachen, in denen die Wurzel eine onomatopoetische Wiedergabe des rollenden Donners ist. Zahl der jüdische» Arbeiter in Rußland. Laut dem „Sammelbuch von Materialien über die ökonomische Lage der Juden in Rußland" (Petersburg, 1904) gibt es — die Zahlen beruhen allerdings ans statistischen Arbeiten der Jahre 1897-1899 — im Ansiedlnngsgebiet 241.590 Arbeiter im Handwerk. 45.506 Fabriksarbeiter, 105.000 Taglöhner, von diesen 12.901 Feldarbeiter, zusammen 392.096 Arbeiter überhai:pt. Es sind dies 8°z> der gesamten jüdischen Bevölkerung des Ansiedlungsrayons, und 13 4°^, sobald man nur die Arbeitsfähigen zählt. Die entsprechenden Ziffern für die gesamte Arbeiterschaft Rußlands, die beiläufig 10 Millionen zählt, sind 7°’0 und 13°fc. Die Zahl der preußischen Juden. Die „Statistische Korrespondenz" veröffentlicht in einer Sondernummer daS cndgilrige Ergebnis der Volkszählung vom 1. Dezember 1905 für den preußischen Staat. Danach hatte Preußen am 1. Dezember 1905 eine onsanwesende Bevölkerung von rund 37,300.0u0 Bewohnen:. Unter diesen Bewohnen: waren 409.000 Inden. Seit der Volkszähl::::g von 1895 hat sich die Zahl der Juden um nind 30.000 vennehrt. Diese Vennehrung hat mit der Vermehrung der Gesamtbevölkerung nicht Schritt gehalten. Während im Jahre 1895 die Juden 1,19 Prozent der Bevölkerung ausmachten, ist diese Verhältniszahl im Jahre 1905 aus 1,10 gesunken. Dieses Sinken war bereits seit 1880 zu beobachten. Die „Statistische Korrespondenz" führt es auf Auswandenmg, sowie ans den liebertritt zu anderen Bekenntnissen zurück. In der Provinz Brandenburg ist die Zahl der Juden absolut und relativ gestiegen. Sie betrug dort im Jahre 1895 6,52 vom Tausend und ist am 1. Deze:::ber 1905 ans 11,45 vom Tausend gestiegen. In Berlin selbst beträgt die jüdische Bevölkerung fast 5 Perzent der Gesamtbevölkerung. Die Inden in Amsterdam. Im Jahre 1899 wurden in Amsterdam 59.065 Juden, zwar 54.166 niederländische und 4899 portugiesische gezähjt. Sie machen 1l'56 Prozent der Gesamtbevölkerung Amsterdam ist wohl die einzige Stadt in der Welt, . c die jüdische Bevölkerung überwiegend oder mindestens zu einem erheblichen Teile dem Fabriksarbeiterstande angehöri, da die Arbeiter in der Tiamantschlerfindustrie, die in Amsterdan: ihr Zcntnm: für die ganze Welt hat, vornehmlich Juden sind. Obwohl die genaue Zahl der in den Diamantschieisereien beschäftigten Juden nicht feststeht, läßt sich schätzungsweise soviel sagen, daß die Zahl sicher hinter 10.000 nicht viel zurückbleibt, wenn nicht noch darüber hinansgeht. so daß einschließlich der Frauen und Kinder 30.000 bis 40.000 Juden, das heißt die Hälfte bis zwei Drittel aller Inden in Amsterdam, von dieser Industrie «Aus „Zlschrft. f. Denwgr. ::. Etat. d. Juden".) Die ältesten jüdische» Zeitungen sind wohl zwei Blätter, die so zienclich zur gleichen Zeit in Amsterdam erschienen: Ein jüdisch-deutsches in hebräischen Lettern, wovon Nummern aus den Jahren 1686 und 1687 erhalten sind, nnd ein spagnolisches, wovon der Jahrgnng 1678 erhalten ist. Letztere hieß ,,Gazeta de Amsterdam“, elfteres, zweimal wöchentlich erscheinend: „Dicnftagische Courant" und „Freitagische Courant". Ter Inhalt der jüdisch-deutschen Zeitung sind allgemein Tagesberichte und nur vereinzelte Berichte über jüdische Angelegenheiten. Jede Nummer ist ein Oktav-Doppelblatt, in zwei Kolumnen gedruckt. Ter Redakteur war ein Prosclyt. Ans Damaskus. : Reisebcrichrcrstatter aus Ans den: schönen Damaskns, das der Moslem die Perle des Orients nennt, :velches mit seinen sieben Flüssen, seinen rauschenden Kaskaden und herrlichen Granalbänmen. die in dieser Jahreszeit mit blntrolcn Früchten überbürdet sich bis zur Erde neigen, dieses Lob auch wirklich verdient, wurde ,mir beim Besuch einer Fabrik ein Anblick, der mich niederdrückte. 'Reihe an Reihe saßen hier jüdische Mädchen, fast 300 an Zahl, über die 'Arbeit gebeugt. Ich sah unter ihnen ein Kind von vier Jähre», »nö keines der Mädchen war älter als fünfzehn. Vom Judentum nnd seiner Sprache wissen sie wenig; das sei für die Männer, sagten sie. Die Bezahlung ist eine erbärmliche; einige Piaster :n der Woche. Die Geschicklichkeit, mit der die Kleinen die silbernen' Fäden in das Messing einhämmerten und Perlmutterstückchen in das berühmte Tamasknsholz einlegten, war wunderbar. Aber welch' trauriger Gedanke! Dreihundert Kinder, wovon soviclc noch bei»: Spiele sein folllen, ohne jüdische Erziehililg, .ohne Bildung, ohne irgend welche Freude. Das „tap tap tap" des an das Messing schlagenden Hammers und das Zusammensctzen der Mosaikstückchen die Summe ihres Lebens. Einen drastischen Gegensatz zu diesem traurigen Anblick bilden die schönen Häuser einiger reicher Glaubensgenossen in Damaskus. Bor und nach Jom Kippur. In einen: 'Anssatze „Das Feld- und das Kejwermessen" schreibt S. W e i sse n d er g in den „Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde" über Gebräuche in Südnißland vor nnd nach Jom Kippur: Der Tag vor dem Versöhnnngstag ist ein Freudenfest. An diesem ist der Zudrang zu den Friedhöfen am größten. Die Komn:enden werden von der chevia kadischa oder von den Friedhossangestellten mit Branntwein und verschiedenem Gebäck bewirtet, es gehl ziemlich luftig zn, und beim Verlassen des Ortes hinterläßt jedermann ein kleines Geldstück für die Angestellten. Man fragte einst den bekannten Witzbold Herichel Marschalek (Hochzeitsnarren), weshalb denn eigentlich an diesem Tage eine so ausgelasseneFreude herrsche, worauf er die 'Antwort gab: „Trunkene werden nicht gerichtet." (Russische Redensart.) In: Lause des Tages sucht man sich gegenseitig ans nnd tauscht dabei znm Zeichen des Friedens etwas Süßes, welcher Brauch „Lejkech (Honigkuchen) bejten (wuschen) heißt: auch sucht man an diesem Tage sogar mir dem grimmigsten Feinde Frieden zu schließen. Der ans das Verjöhnnngsfest folgende Tag heißt: »zi Gotu Numenc. An ihm ftefjt man früher als gewöhnlich ans und geht znm Siebet in die Synagoge, damit der Satan keinen Grund habe, Gott zn sagen: „Siehst Du,, kaun: ist der Versöhnnngstag vorbei, und sie habe» Dich und Deine Synagoge vergessen." Kunst nnd Literatur. Die jüdische Sprache. In einer Schrift*), die durch das freimütige Bekenntnis des Verfassers znm Prinzip der nationalen Autonomie umso angenehmer auffällt, als der Verfasser ein Pole ist, — schreibt dieser, der bekannte Univerfftätsprofessvr Baudouin de Courtenayüber die jüdische Sprache Folgendes: „Wenn inan von der Gleichberechtigung der Juden als eines besonderen Volkes und der jüdischen Sprache oder des sogenannten „Jargon" als Unterrichtssprache spricht, ruft dies bei manchen ein ironisches und verächtliches Lachen hervor. Welches Volk hat so viele Opfer auf den Altar der Freiheit, auf den Altar der Menschheitserlösung und Befreiung gelegt? Das erste Opfer nahin inan bei diesem Volke vor 1873 und bis heute fallen tausende Opfer des jüdischen Volkes in den Pogromen und auf anderen Schlachtbänken, die von den Predigern der „Nächstenliebe" gezimmert werden. Ein solches Volk verdient, daß man es anerkenne und achte. Und jener verachtete „Jargon" oder die Sprache einiger Millionen des jüdischen Volkes! Das ist doch die Sprache der Familie, die Sprache, mittelst welcher sich Kinder und Eltern verständigen. In dieser Sprache haben tödtlich verwundete Kinder in dem letzthin so berühmt gewordenen Bialystok ihre, von den sogenannten Christen, grausam gemordeten Eltern angerufen. Durch eine ganze Reihe von Jahren haben sich kummervolle Seufzer in k dieser Sprache losgerungen, haben sich viele Gefühle geäußert, bald niedrige, bald edle und erhabene; und auch verschiedene Gedanken-Kombinationen. Das ist eine init allen anderen vollkommen gleichberechtigte Sprache." Aus diesen Ueberzeugungen und dem Prinzipe der nationalen Autonomie heraus, kommt Baudouin de Courtenay zu folgender Forderung bezüglich der Schulen: „Die Rechte der Minderheit müssen geschützt sein. Im Gebiet des heutigen Kronpolen haben also das Recht auf besondere eigene Schulen mit eigener Unterrichtssprache — Juden, Lithauer, Wir erhalten folgende Zuschrift (Uebersetzung aus den: hebräischen Original): Geehrter Herr Redakteur! In der letzten Nummer Ihrer geschätzten Zeitschrift schreibt Herr Wiesen seid über die Vereine „Haschacbar", die sür die chassidische Jugend gegründet wurden oder gegründet werden sollen, und führt dort in klarer Weise aus, daß der Verein nur den Zweck habe. Wissen und Aufklärung zu verbreiten nnd die allgemeine Zivilisation auch unter den Juden zu verbreiten. In diesen: Aufsay führt er auch an, daß der Dichter N a f t a l i Hirz Weisel die deutsche Sprache aus der Mendelssohuschen Bibelübersetzung gelernt habe. Das ist aber vollkommen unrichtig. R a f t a li Hirz Weisel, der in Kopenhagen geboren wurde, war der Sohn reicher und angesehener Eltern, die ihn: eine ausgezeichnete Erziehung zuteil werden ließen. Noch ein Knabe, konnte er schon fünf Sprachen: hebräisch, deutsch, französisch, dänisch und holländisch — abgesehen von allem anderen Wissen. So melden alle, die über ihn schreiben und speziell sein Landsmann und Zeitgenosse David Friedrichsfeld in seinem Buche „a'echer Zaddik". Im Jahre 5535 berief ihn ein Berliner Kaufherr zur Leitung seines großen Geschäftshauses. Bis dahin kannte er M e n d e l s s o h n noch gar nicht, lind wie hätte er auch einen leitenden Posten irr einem Handelshause der preußischen Hauptstadt annehme» können, wenn er nicht vollkommen deutsch gesprochen hätte. — Ferner: Im Jahre 5536, also zwei Jahre vor dem Erscheinen der M e n d e l s s o h n s ch e:: Bibelübersetzung, gab er sein Buch „Cbochmass Schlojmoj" heraus, das, wie er in der Vorrede erzählt, eine Uebersetzung aus dem Französischen und Deutschen ist. Und als er auf die Bitten M e n d e l s s o h n s, ihm bei der Arbeit zu helfen, „Wajikro“ (Leviticus) kommentierte, verfaßte er seinen Kommentar wie eine Erklärung zur deutsche:: Ucberseyung. DaS sieht jeder, der ihn gründlich kennt und versteht. — Im übrigen haben S. D. L:: z a r l o und viele andere Geschichtsschreiber dargeran, daß Weisel Mendelssohn an Fähigkeiten. Tugenden und Wissen weil überragt und sie haben ihn gar nicht als denen Schüler betrachtet. Herr Wiese >: feld dürste den Irr!::»: dadurch begangen haben, daß er den Namen „W eise l" mit dein Nomen „®£ai::uru" verwechselte, jenes bekannten Philosophen aus Litthauen, der wirklich von Mendelssohns Bibelübersetzung stark beeiflußt war und bis an sei:: Lebensende nicht ordentlich deutsch konnte. In seinem großen Buch, in welchem er leine Lebensgeschichte veröffentlichte, wimmelt es von Fehlen:. — Immerhin sollte Herr W i e s e n s e l d. der die schwere Aufgabe, unter seinen jungen Kollegen Wißen zn verbreiten ans sich genommen har, doppelt vorsichtig sein. '■■■) Baudouin de Courtenay. „Autonomia Polski.- Krakau 1907. Verlag der Bolksuniversität. R z e s z o w, 8. Oktober 1906. Mit vorzüglicher Hochachtung Abe Apfelbaum.

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