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Neue Zeitung · 1906-10-10 · Heft 6 (10.10.1906) · p. Seite 3

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1906
Issue
Heft 6 (10.10.1906)
Date
1906-10-10
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 6 Neue Zeitung Seite 3 in einigen Städten der Fall war, der Jude mit den konservativen Elementen, mit der friedliebenden Bürgerschaft, dann kennt die Wut und das Rachegefühl der „freiheitlichen" Gegner keine Grenzen. (Fortsetzung folgt.) Der Appell mi die Melt. Er rührt sich doch! Der Gedanke der Einberufung einer gesamtjüdischen Versammlung in Sachen der Pogrome,'': den ich in Nr. 2 der „Neuen Zeitung" anregte, und der dann in anderer Form auch von der Budapester Kultusgemeinde ausgesprochen wurde, taucht nun auch an anderen Stellen auf. Namentlich ist es der Vorstand der Wien er Kultus gemeind e, der sich für ihn empfänglich zeigt. In der Sitzung vom 7. d. M. brachten die Kultusräte Dr. Maxmilian Steiner und Genossen folgenden Dringlichkeitsantrag ein: „Seit wir zuletzt hier versammelt waren, sind Hunderte unserer Glaubensgenossen hingemetzelt, tausende von Familien ins Elend gestürzt worden und es hat nicht den Anschein, als ob die alle Schrecken des Mittelalters übertreffenden Katastrophen ihr Ende gefunden hätten. Demgegenüber ruhig an die Beratung unserer Gemeindenangelegenheiten zu gehen, halten wir für unzulässig. Selbst der Wurm, der getreten wird, krümmt sich und wir sollen schweigend und regungslos verharren? Es müsse doch mindestens noch einmal versucht werden, einen Zusammenschluß der jüdischen Großgemeinden — sei es Oesterreichs, sei es Europas — z u st a n d e .z u b r i n g c n, u m die Regierungen zu irgend einerJnteroentiou z u g u n st e n d e r r u s s i s ch e n I u d e n zu b ew e g e u. Die Schmach dürfen wir nicht über uns ergehen lassen, daß wir passiv bleiben, wenn der Vernichtungskrieg im Osten fortdauert. Sohin beantragen wir: Es werde ein fünfgliedriger Ausschuß eingesetzt, welcher über eine Stellungnahme in Sachen der russischen Juden beraten und diesbezügliche Anträge stellen, soll." Diesem Anträge wurde stattgegeben und in das Komitee die Herren Dr. Maxim. Steiner, Baurat Marmore k, kais. Rat Leopold Sachs, Dr. Markris Spitzer und Baurat Micheln: S t i a ß n y gewählt. Wiewohl ich diesen Beschluß mit Freude und Genugtuung begrüße, möchte ich doch darauf aufmerksam machen, daß er das große Werk des. Appells an die Welt noch nicht sichert. Erstens zieht er noch die Alternative einer bloß österreichischen Versammlung in Betracht und dann hat er noch die Form des Budapester Antrags: Es wird nur an einen Kongreß der Gemeinde gedacht. Wie unvollkommen diese Form angesichts des angestrebten Zweckes wäre, habe ich mehrfach auseinandergesetzt, und Juden mit stärkerem Volksgefühl werden mir gewiß Recht geben. Ich appelliere also noch einmal an diese, und namentlich auch an die starke und tatenlustige Gruppe der Zionisten, sich mit ganzer Kraft der Bewegung für den jüdischen Weltkongreß anzuschließen,. und dahin mitzuwirken, daß seine Einberufung in möglichst demokratischer so viel Menschen sind, geschieht viel Böses. Sie sind wenig fromm und manche hören nicht auf das Gesetz und nicht auf Gott und nicht auf den Rebben". „Es gibt wohl überall böse Menschen." „Ja, gewiß. Sogar in einer so kleinen Ortschaft wie bei uns. Es gibt ja so böse Menschen. Da ist ein Mann, der geht ohne „Pajes" herum, ist deutsch gekleidet und schimpft auf den Rebben. Läßt sich einen andern Rebben Herkommen, der ein guter, ganz fähiger Mensch ist — aber was kann er gegen unfern Rebben machen? Einige geben ihm Unterstützung, damit er nicht geradezu hungere. Aber wie lange noch! Haben sie ja doch selbst nicht zu leben. „Wenn aber der Alte stirbt?" — Ich unterbrach mich sofort. Zwei große, erschreckte Augen starrten mich fassungslos an. Und plötzlich holte er tief Atem und sagte mit vibrierender Stimme: „Der Rebbe ist sehr rüstig. Gott möge ihn 120 Jahre so erhalten." „Ist er ein guter Mensch, ist er sehr wohltätig?" Und da ergoß sich plötzlich ein ganzer Redestrom aus diesem Menschen. Von den unzähligen Taten und Wundern erzählte er mir mit der ganzen Beratsamkeit eines Menschen, dessen tiefste Seite man berührt hat. Ich saß aufmerksam zuhörend, den Kopf auf die Hand gestützt im Wagen. Hie und da nickte ich ihm aufmundernd zu — unter dem seltsamen Form geschehe. Der Vergleich mit der Brüsseler Konferenz ist vollkommen unrichtig. Diese und der geplante Weltkongreß sind Wesens- und zweckoerschieden. Und es handelt sich ja auch gar nicht mehr um die Initiative, die die Zionisten in selbstloser Besorgtheit um die Sache vielleicht scheuen. Nun haben ja die Budapester und Wiener Kultusgemeinde begonnen. Da dürfen die nationalgesinnten Juden, einschließlich der Zionisten, keinen Augenblick länger müssig zuschauen. Es gilt vorwärts zu stoßen, zu beleben und zu wachen! Hat doch auch einer der geistig hervorragendsten Zionisten, N. S o k o l o w, in einem glänzenden Artikel in der „Welt" (Nr. 40 vom 5. Oktober d. I.) Gedanken ausgesprochen, aus welchen diese Tätigkeit als unabweisliche Pflicht folgt. Ich möchte einige Stellen aus diesem ^Aufsätze zitieren: „Ein Voll, ein Adlervolk — so ruft Sokolow aus — schwingt anders seine Flügel. Es schleudert Donner, daß die Himmel erbeben. Es faßt die Kraft zu folgenschweren Entschlüssen. und wenn es demonstriert, so demonstriert es wie ein Mann, instinktiv, gleichzeitig, unmittelbar und unaufhörlich. Wie eine Lava stürzt es aus dem normalen Leben heraus. Das bewirken die natürlichen Schauer einer Volksseele. Eine solche Größe würde an die Größe der Leiden heranreichen. Und eine solche Größe würde das Mördergcsindel mit unsäglicher Angst erfüllen. Denn das Mördergesindel ist hündisch-feige, sobald es eine wirkliche Kraft sieht." Und dann: „Daß wir glauben den Bogen nicht allzu straff spannen zu dürfen, daß w i r über Erfolgs- oder Niederlagsmöglichkeiten grübeln, daß wir in nationaler Unklarheit und Zweideutigkeit verharren, daß wir nicht spontan dem Impuls folgen, daß wir unsere Pflicht der Volkswehr durch humanitär-philanthropische Vorwände verwässern — das ist die krankhafte Gesichlsröte der Willensschwindsucht." Und Sokolow wird deutlicher: „Eine Gesamtorganisation. Man scheut dieses Wort, man zittert an allen Gliedern, wenn man etwas Aehnliches hört. Hier liegt der Hund begraben." Und weiter in wunderbarer Kraft: „Die praktischen Wirklichkeitsmenschen werden fragen: Ja, was soll man denn eigentlich tun? Die Antwort ist kurz: ein Volk soll man sein! Man denke sich nur die Kraft der Juden, wenn sie tatsächlich als ein Volk sich betrachten würden. An welchem Teil der Volkskörper angegritzen worden sei, im Lin durchzuckt der Schmerz den ganzen Körper, von Kopf biZ> zu Fuß. Die Abgrenzungen verschwinden, die Schranken werden gebrochen, und wenn die Juden in Odessa vor Todesgefahr zittern, so zittern auch ihretwegen ihre Brüder in Budapest, und wenn ein vertriebener Jude herüberkommt, so ist er nicht der Wanderer, sondern der Ebenbürtige in einem Volke, welches einmal hier und einmal dort in verschiedenen Epochen und unter verschiedenen Lebensbcdingungen einem und demselben Geschicke unterivorfen ist. Hier, in diesem Bewußtsein, liegt der Schwerpunkt des Systemunterschiedes, welches uns von all den Halbheiten — sie mögen an sich als augenblickliche wohltuende Episoden noch so sympathisch sein — trennt." Schließlich spricht Sokolow seine Gedanken über das Zustandekommen einer Gesamtorganisation des Judentums aus. Er denkt sich die tausende und abertausende von jüdischen Vereinen in allen Städten als Wahleinheiten. Zauber dieser Legenden, dieser schwermütigen, einsamen Fahrt, mit dem eigentümlichen Wunsche, daß er nicht aufhören möge zu erzählen. Es lag etwas wunderbar Schönes, etwas von tiefer Volkspoesie im Klange seiner Stimme. Da schimmerten schon die ersten Lichter durch den Wald. Er brach jäh ab und ging schweigend neben mir, wie wenn er aus einem Traum, den er laut geträumt, erwacht wäre. Als wir in den Torweg einbogen, ließ er das Pferd halten, heftete eine Weile die dunkeln, eingefallenen Augen auf mich und sagte fast flüsternd. „Mich kränkt etwas sehr. Ich Hab' neulich den Rebben in die Stadt geführt, und von ihm sehr viel Fahrgeld genommen — soviel wie von Euch" setzte er hinzu, um mir die gewaltige Summe von zwei Kronen begreiflich zu machen. „Sie werden ein andermal weniger nehmen" suchte ich zu beruhigen. „Gar nichts darf man von einem solchen Rebben nehmen. Ist man nicht schon gesegnet genug mit ihm zusammen zu sein?" Er schüttelte traurig und bedauernd den Kopf. Ich sah ihm lange nach, wie er mit seinem elenden Fuhrwerk und dem halbverhungerten Roß langsam und knarrend in der Nacht verschwand. Seltsame Gedanken zogen durch meinen Kopf, auch das Märchen vom König, der das Hemd des Glücklichen suchen ließ und dessen glücklichster Untertan gar keines besaß. Thekla Blech. „Es ginge wohl, diese Vereine zu bewegen, je ein Mitglied aus ihrer Mitte zu wählen, damit diese ihrerseits einen Delegierten entsenden zu einer großen, allgemeinen I u d e n v e r sammln n g a u s a l l c n Eck e u und Enden unseres Ghetto, eine Macht, die gut geleitet, von unabsehbarer Wirkung sein kü n n te." Sokolow ist nun wohl für die Gegenwart pesimistisch. Tatsächlich ist der Gedanke einer jüdischen Weltorganisation, der schon vielfach u. A. auch von mir, ausgesprochen wurde, nicht in diesem Augenblicke auszuführen. Aber der Weltkongreß ist zu machen — und er wäre der selbstverständliche Ausgangspunkt einer Entwicklungslinie zur Weltorganisation. Wochenschau. Die russischen Feldkriegs geeichte morden weiter. Einer der dabei beschäftigten Bluthunde erfrecht sich in einem Erlasse, von Zusammenrottungen zu sprechen, die ans ReligionS-, Rassen- oder Staatsfeindschaft geschehen. Wieviele echt russische Männer und sonstige Huligane sind denn schon gehenkt worden? Der Zar schenkt den „echt russischen" Mördern 25.000 Rubel aus seiner Privatschatulle. Haben die Monarchen kein Ehrengericht? Ein Geheimschreiben des Finanzministers K o k o wz e w an S t o l y p i n zeigt Rußland am Rande des Die Wiener K u l t u s g e m e i n d e zieht den Gedanken eines jüdischen Weltkongresses in Erwägung. Ans dem Parlament. Das wichtigste Ereignis der Woche ist die Ablehnung des Tollinger'schen Antrages auf Einführung des Pluralwahlrechtes. Erfreulich war die abweisliche Haltung der Regierung zu diesem Anträge, der darauf hinauslief, die große demokratische Wahlreform in ihr Gegenteil umzukehren, an Stelle des alten ein neues, nicht einmal geschichtlich begründetes zu setzen. Daß die Polen pro stimmten, ist weiter nicht verwunderlich. Wie denn auch anders? Mit der Ablehnung des Tollinger'schen Antrages hat der Wahlreformausschuß die gefährlichste Klippe glücklich umschifft. Jetzt kommt nur noch ein bedenklicher Punkt, der Antrag der Deutschen auf Sicherung der neuen Wahlkreiseinteilung durch eine qualifizierte Majorität. Man hofft aber allgemein auch darüber hinwegzukommen. — Die Anregung der Christlichsozialen, die Wahlpflicht (Wahlzwang) zu statuieren, die große Chancen hat, dürfte kaum zu gefährlichen Situationen führen. Abgeordneter Tollinger hatte neulich gegenüber der Feststellung, daß die Pluralität in Belgien nur ertragen werden könne, weil sie durch das Proportionalwahlrecht (Minderheitsvertretung) erheblich gemildert werde, erklärt, „er habe nichts dagegen, daß auch in Österreich das Proportionalsystem zur Anwendung kommt." Gegenüber dieser billigen Äußerung meint nun die „Arbeiter-Zeitung", daß das proportionale Wahlverfahren „wegen der nationalen Mischung der österreichischen Bevölkerung in Österreich vielleicht gar nicht eingeführt werden kann." Dieser Bemerkung liegt eine sehr richtige Erkenntnis der Eigenart Österreichs, in welchem die Nationalitäten das Parteiwesen verwirren, zugrunde. Aber muß diese Erkenntnis wirklich dahin führen, für Österreich auf ein ideales Wahlverfahren, wie es der Proporz ist, zu verzichten? Würde es nicht durch Einführung der nationalen Kurien möglich, innerhalb dieser das Prinzip des Proportionellen Wahlverfahrens auch für Österreich anzuwenden? Wie der Polnischen Korrespondenz mitgeteilt wird, haben die jüdischen Abgeordneten aus Galizien eine Konferenz mit dem Präsidium des Polenklubs abgehalten betreffend die Zahl der jüdischen Mandate in Galizien. Im Laufe der Konferenz wurde man über das Prinzip einig, daß die Zahl der Wahlbezirke mit überwiegender Mehrheit der Staatsbürger israelitischer Konfession sechs betragen wird, womit allerdings die Wahl einer größeren Zahl jüdischer Abgeordneter aus Galizien nicht ausgeschlossen ist, denn bei der Unterstützung der Kandidaturen wird nicht die Konfession, sondern der moralische Wert der Kandidaten ausschlaggebend sein. — Der „moralische Wert" ist gut gesagt. Maßgebend ist wohl die Moral des Polenklubs und der Juden, die sich ihm ergeben haben. Wir brauchen keine geschenkten Wahlkreise, wir wollen unsere jüdischen nur sichern und in größerer Zahl. Die Anerkennung der jüdischen Nationalität. Czernowitz im Oktober 1906. Seit einigen Jahren führen die jüdischen Studenten Oesterreichs einen Kampf um die Än-

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