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Neue Zeitung · 1906-10-10 · Heft 6 (10.10.1906) · p. Seite 2

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1906
Issue
Heft 6 (10.10.1906)
Date
1906-10-10
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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-Sette 2 Neue Zeitung Hirne regen: Es werden die sozialen Möglichkeiten in breitem Umfange erkannt und berücksichtigt, die Solidarität mit der ganzen Jttdenheit wird voller und inniger geübt werden. Mt dieser Ueberzeugung treten wir in die Wahlkampagne der Wiener Kultusgemeinde ein. Diese Ueberzeugung wird uns in allen ihren Wechselfällen nicht verlassen, sie wird in allen Details, die wir zu sagen haben werden, zutage treten. N. B. Was haben wir von der neuen mährischen Landtagswahlordnung zu erwarten? Von Dr. Bertold Singer. Der mährische Ausgleich ist glücklich zustande gekominen, die Neuwahlen für den Landtag sind bereits ausgeschrieben und so wird sich bei uns binnen kurzem eine vollständige Aenderung der politischen Verhältnisse vollziehen. Mit besonderer Befriedigung ist Höherenorts das endliche Geüngen einer Verstänöigung zwischen den beiden Nationen ausgenommen worden und es soll von nun ab, zumindest nach den Intentionen der Arrangeure dieser Vermittlungsaktion, eitel Friede und Freundschaft im Lande herrschen. Daran hindert auch der Umstand nicht, daß weder die radikaleren Elemente unter den Tschechen, die nach der Kopfzahl ihrer Volksgenosien drei Viertel der Mandate für sich in Anspruch nehmen, noch auch nicht wenige bensche Parteiführer, die das Ausgleichswerk geradezu als Verrat und Ausüeferung der nrtionälen Interessen, als Fahnenflucht ohne Schwertstreich betrachten, mit der Neugestaltung der Dinge zufrieden sind. Selbstverständlich ist hiebei, daß die Vertreter der arbeitenden Klassen, denen es endlich gelungen ist, das Privilegienparlament zu beseitigen, von dem mährischen Zukunstslandtag, in dem 30 Großgrundbesitzern 20 Abgeordnete der allgemeinen Wählerklasse gegenüberstehen werden, keineswegs erbaut sind. Es ftagt sich nun von unserem Standpunkte aus: Welche Perspektiven eröffnet das neue Grundgesetz, durch das unser ganzes öffentliches und michin auch gesellschaftliches Leben auf eine andere Basis gestellt wird, den 44.255 jüdischen Bewohnern unseres engeren Vaterlandes? Wir setzen voraus, daß gegen die Tatsache, daß diese rund 50.000 jüdischen Seelen eine eigene Individualität bilden, keine ernslliche Opposition erhoben wird. Denn daß dieselben keine Deutschen oder Tschechen, sondern ihrer Nationalität nach Juden sind, dürfte hierzulande vielleicht lediglich von einer Mnorität jüdischer Nochdeutschen bestritten werden. Ist nun die neue Landtagswahlordnung geeignet, die prekäre Situation unserer Konnationalen zum Befferen zu gestalten, oder bedeutet sie gar von unserem Gesichtspunkte aus einen Rückschritt gegen ftüher? Betrachten wir einmal die wesentlichsten Merkinale der neuen Landesgesetze, d. i. der Landesordnung und der Landtagswahlordnung für die Markgraffchaft Mähren, und die Beant- , Wortung der vorgestellten Frage wird sich von elbst ergeben. In erster Linie, und darin liegt )as Hauptmöment der ganzen Ausgleichsaktion, ist die Zahl der deutschen und tschechischen Landtagsmandate ziffernmäßig fixiert, so daß von nun ab ein Wahlkampf zwischen den beiden Nationalitäten gänzlich ausgeschloffen ist. Fortan werden fich nicht mehr nationale Gegner gegenüberstehen, andern es wird sich zwischen zwei oder mehreren konnationalen Wahlbewerbern lediglich um wirtschaftliche oder parteipolitische Differenzierungen handeln. Was das Kräfteverhältnis zwischen den beiden Volksstämmen anbelangt, so werden die Tschechen durch 75, die beiden Bischöfe eingerechnet, die Deutschen durch 46 Abgeordnete, die Handelskammern inbegriffen, vertreten sein. Mit der deutschen Herrschaft in Mähren ist es nun endgiltig vorbei, und es dürfte sich sehr bald das Ueberwiegen des tschechischen Einflusses im ganzen Lande fühlbar machen. Das ist eine Tatsache von weittragendster Bedeutung für unsere mährischen Glaubensgenossen. Sie müssenanfangen, mit den geänderten politischen Verhältnissen zu rechnen, 'sie müssen aufhören, die Breschen eines sich selbst aufgebenden Deutschtums auf slavifchem Boden zu halten mrd müssen dem tschechischen Volke, das geben, was des tschechischen Volkes ist, das heißt ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen >und dessen berechtigten Aspirationen keinen Widerstand entgegensetzen. Denn daß dies bisher oft und oft der Fall war, muß leider zugegeben werden und es ist eine feststehende Tatsache, daß sich in den tschechisierten oder besser gesagt wiedergewonnenen Städten Mährens fast alle christlichen deutschen Familien allmählig tschechisiert haben, die Juden allein aber daselbst Träger eines politischen Deutschtums geblieben sind, wobei wir aber beileibe nicht einer Bewegung nach Art der mißglückten tschechisch-jüdischen in Böhmen das Wort reden wollen. - Daß cs den seit, fast l*/a Jahrhunderten im deutschen Sinne erzogenen Juden anfangs schwer fallen wird, sich anzupäffen, ist leicht begreiflich. Es wird noch vieler Jahre bedürfen, ehe unsere mährischen Volksgenossen diesen Grad politischer Reife und Einsicht erreicht haben werden, und, ehe sie imstande sein werden, diesen Stein des Anstoßes, nämlich ihren Jndifferentismns oder bester gesagt ihre Aversion gegenüber den polititischen und selbst kulturellen Bestrebungen des die Majorität der Bevölkerung bildenden Volksstammes zu beseitigen. Merdings sind gerade die Erscheinungen, die sich uns jetzt bei den Präludien des Wahlkampfes darbieten, nicht besonders darnach angetan, Uns für die tschechische Politik resp. ihre Macher zu begeistern, denn gerade auf dieser Seite zeitigt der Kampf die häßlichsten Formen. Nicht mehr nationale Gegner stehen sich als Wahlbewerber gegenüber, sondern es gilt jetzt ein verzweifeltes und heißes Ringen zwischen den Bewerbern verschiedener Parteien, und Anhängern verschiedener Prinzipien innerhalb, eines Volksstammes. Und dieser Streit wird merkwürdigerweise nicht minder rücksichtslos und gewalttätig ausgefochten als ftüher, wo sich Deutsche und Tschechen, also traditionelle Erbfeinde gegenüberstanden. Namentlich sind es die sogenannten freiheitlichen Tschechen, insbesondere die Jungtschechen auf der einen und die Klerikalen auf der anderen Seite, die sich hiebei bis aufs Messer bekämpfen. Und in diesem Bürgerkriege spielen wir wieder, getreulich unserer kulturgeschichtlichen Mssion, die Rolle des Prügelknaben und unser Rücken zeigt die blutigen Striemen der Peitschenhiebe, die sich die beiden blindwütigen Gegner versetzen. In dieser Verlegung des Wahlkampfes innerhalb eines Volksstammes und seiner Austragung zwischen zwei Parteien derselben Nationalität liegt meines Erachtens nach für uns Juden ein großer Nachteil. Denn ftüher, als es sich um einen Kampf nationaler Gegner handelte, da lag es an uns Juden, diesem Kampfe dadurch auszuweichen, daß wir uns neutral verhielten. Zumindest konnte uns da von keiner Seite ein Vorwurf treffen und wer von uns aktiv eingriff, mußte auch mit den Konsequenzen rechnen. Jetzt aber sind wir das Objekt von Angriffen, die Zielscheibe der Parteienleidenschaft geworden, ohne daß wir uns überhaupt zu rühren brauchen. Die Tatsache unserer Existenz allein, der Umstand, daß wir je nach der Lage des Falles entweder nicht den Herren Klerikalen oder nicht den Herren Freisinnigen oder oftmals beiden nicht zu Gesichte stehen, hat zur Folge, daß wir bald von der einen, bald von der anderen oder gewöhnlich von beiden mit Füßen getreten und der Gegenpartei zum Zwecke der Diskreditierung derselben zugeschoben werden. Unsere Situation gleicht — Zit venia comparationi — der eines Fußballes, der von einer Partei zu der anderen hinübergeworfen, von dieser wieder ins gegnerische Lager zurückgestampft, ' in der Extase des Kampfes aber von beiden Teilen ziel- und planlos. mit Füßen ' getreten wird, als ob es sich um nichts anderes handeln wüvde, als den unschuldigen Ball in'Fetzen W reißen. Die national und fteiheitlich gesinnten Männer suchen den nationalen Gedanken unter ihren Volksgenossen zu wecken und die kulturellen Bestrebungen der Nation zu fördern, und da' heißt es auf deutscher Seite in erster Linie los von Rom und Judentum; die Tschechen wiederum bekämpfen uns als Deutsche, als Fremdlinge, die . sich nicht assimilieren können und werden, als Deutsche, die ihnen „von der Wiege bis zum Grabe, in der Familie, im Geschästsverkehre, in der Synagoge als Feinde gegenübertreten." Das Nationalgefühl lodert mächtiger denn je empor, : und dieser Umstand allein schürt den Haß ins Gewaltige.' Verbindet sich gar, wie dies jüngst der Weg zum Vertrauten, zum Leibkammerdiener, zum Famulus Sr. Heiligkeit. In dessen Händen ruht nun die Entscheidung: Vorlaffen oder nicht vorlassen. Und was schließlich das Wichtigste ist —■ er ist der lebende Tarif für die Honorarbemessung. In diesem Ort, so habe ich beobachtet, war Gott eine Größe zweiten Ranges. Die Leute zogen den bequemeren, wenn auch teuereren Verkchr mit seinem Stellvertreter vor. Eine Gotteslästerung hätten sie mir mit der Geringschätzung des altgläubigen Juden dem „Aufgeklärten" gegenüber sicherlich verziehen. Wer ich wurde schon früher gewarnt, mich ja nicht lauten Zweifeln über den Rebben hinzugeben. So gedrückt und unterwürfig fast jeder einem Fremden gegenüber, in dem er einen materiell und geistig Höhergestellten achtet, sich benimmt — in dieser Frage kennt er keinen Spaß. Die angeborene Furcht verschwindet, das gewohnheitsmäßige „Sich Ducken" hört auf. Er gerät in Wut und verteidigt sein Heiligstes mit Mut und Heldenhaftigkeit. Ich konnte mit den wenigsten Bewohnern des Ortes in diesem Punkt Fühlung erlangen. Sie wurden wortkarg und mißtrauisch, sobald ich das Gespräch darauf zu lenken versuchte. Es war, als ob sie instinktiv den Skekptiker, den Kritiker in mir fürchteten, dem ihr Heiligstes gar nicht heilig erschien, und der für ihre Freuden kein Verständnis hat, der ihr Schönstes durch Spott entweihen könnte. Aber einmal gelang es mir doch, leinen aus seiner Reserve zu bringen, ein langes Gespräch über den Wunderrabbi zu führen. Ich hatte mir für eine Fahrt vom Städtchen zum Meierhos, wo ich damals wohnte, einen Wagen genommen. Unter dem Wort Wagen bitte ich einen Leiterwagen mit inrprovisierten Sitzen, unter Kutscher einen ausgehungerten magern Mann, halb Jude, halb Bauer und unter dem Pferd eines der elendsten, jämmerlichsten Zugpferde, das je beim Schinder seine Tage beschloß, zu verstehen. Es war eine sternklare Sommernacht. Bonder Hitze des Tages war nichts mehr zu verspüren. Die Luft war mild und rein. Auf der Landstraße, in tiefen sandigen Furchen knirschte der Wagen. Der Kutscher, der zu Fuß daneben ging, trieb hie und da durch einen Zuruf, durch Peitschenknallen, das sich nach einem leise rollenden Echo im ruhig und finster liegenden Walde verlor, das keuchende Pferd an. Auf allem lag die rätselhafte Melancholie einer galizischen Flachlandschast. In solchen Momenten kommen Menschen einander nah, auch wenn der eine im zerrissenen, groben Rock und Schaftstiefeln dahergeht und der andere im modischen Gewand im Wagen sitzt. Und vielleicht haben wir beide in diesem Momente dasselbe gedacht, etwas unendlich Trauriges und Wehmütiges, das mir durch den Sinn zog, sich auf ihn übertrug und ihn zum Reden zwang. „Das Pferd hat heute schon sechs Meilen zurückgelegt" begann er wie zur Entschuldigung. „Es scheint sehr ausdauernd zu sein". Ich ~ hatte ein starkes Bedürfnis, ihm etwas Freundliches zu sagen, ohne damit aujzufallen. Eine Weile verging. Man hörte nichts als das Geknarr des Wagens, das sich wie ein trockenes Schluchzen in diesem melancholischen Stimmungsbild ausnahm. „Eine schöne Nacht. Man sieht sie nicht oft so." „Steigen Sie doch ein" sagte ich ihm. „Sie müssen ja müd werden." „Ich bin das schon so gewohnt". Er seufzte tief auf und das Pferd blieb plötzlich einen Moment stehen. Die Peitsche sauste durch die Luft. Die Räder knarrten und ächzten weiter. In diese wunderbare, reine Landschaft kam plötzlich der Mißton der Arbeit, der schweren, körperlichen Anstrengung. „Ihr seid wohl von weit her?" wandte er sich wieder an mich. „Ach, nicht so weit. Ich komme aus Wien". „Große Stadt. Viel Menschen, viel Lärm." „Wie man's gewohnt ist." „Ich könnte dort nicht leben" sagte er nachdenklich. „Ich war mal in Lemberg. Auch eine große Stadt. Nichts als Häuser und Gassen und Menschen. Keine Ruhe und kein Frieden. Wo

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