Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 6 (10.10.1906)
- Date
- 1906-10-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NEUE ZEITUNG «Mülls« und admlniltration: Wien, Xiil/1, Stcckhevensasse 17. Sprechstunden des Chefredakteurs und in Administrationssachen: Montag und Freitag, 11—12 Uhr vormittags, H/», ß^crmngctffe 14. Telephon Nr. 21808. Postsparkassen-Konto Nr. 87.377. Unabhängige jiidifcbe lüocbenlchrift. Eigentum einer Sozietät. Erscheint jeden Freitag. Druckerei-Telephon Nr. 4897. Herausgeber und Chefredakteur: Dr. OntbÄN RirndNUM. Ldsnnementsprrile: In Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. tk 6.—. Halbjahr. K 3.—, Vierteljahr. K 1.60, monatlich 60 h. Im Ausland: Ganzjähr. X 9.—, halbjähr. K 4.50. Das Abonnement tan» mir jeder Nnmmer beginnen. Einzelnummer in Wien 18 h, außerhalb Wiens im Inlands 20 h. Für Me dreimal gespaltene Nonpareille,teile oder der Raum 12 h, bei Wiederholungen Rabatt. Nr. 6. Men, Mittwoch den JO. Oktober T906. Jahrgang. %n()ati: Bor bcu Knltuöwahlcn. — Was haben mir von der neuen mährischen Landtagswahlordnung zu erwarten. — Der Appell an die Welt. — Wunderrabbi (Feuilleton). — Wachens ch a u. — 3lus dem Parlamente. —Die A n e r k e n n u n g der jüdisch e n N a t i o n a l i t ä t. — Zensor I. Landau. — Auswanderungsbureau. — A u s der jüdischen Öffentlichkeit: Zur Kultuswahl. Aufruf des jüdischen Kolonisationsvereines in Wien u. A. — W i s s e n s w e r t e s. — Kunst und L i t er a tnr: Die jüdische Sprache u. 3l. — Der Seufzer. Gedicht von I. L. P e r e z, übersetzt von Esther Rapaport- MieseS.: — Sominernacht. Gedicht von Otto Abeles. — Der missnagdische Rom und der chassidl'sche Rebbe Nach dem Indischen des Schalom As ch, von Hugo Ztickermann. — H u m o r u n d S a t y r e. — K o rrespondenzder Redaktion. Uor den Kultus mahlen. ' ' Entweder will uiau' dieKulttiLgemeindeM's das, was ihr Name besagt, als die Gemeinschaft der jüdisch gläubigen Juden. Oder man will sie als die Fortsetzung der alten jüdischen Gemeinde, als die gegebene jüdische Organisationsform schlechthin. Weder in dem einen noch in dem andern Falle hat man Grund mit ihrem heutigen Aussehen, ihrer Leitung, ihren Prinzipien und ihren Werken zufinden zu sein. Es wäre vielleicht das größte Glück für die Jndenheit, wenn die Entwicklung zu rein religiösen Kultusgemeinden führte. Denn die alten Zeiten, in welchen das religiöse Moment so mächtig und das volkliche so selbstverständlich war, daß die jüdischen Gemeinden sowohl religiös als volklich vollblütig, ungebrochen waren — sind vorüber. Wrmdrrrabki. Ein Wunderrabi ist den Weg aller Sterblichen gegangen. Kein Wunder konnte ihn retten. Er, der Geschicke und Bestimmungen zu leiten und verändern glaubte, oder glauben machte, ging an einer arniseligen Niere zugrunde. Um V23 früh wurde unter gewaltiger Teilnahme von nah und fern der Rabbi von Sadagora zu Grabe getragen, und das Wehklagen der „Chassidim" und Gläubigen erfüllte, wie der Zeitungsbericht meldet, die ganze Stadt. So geheimnisvoll und mystisch, wie er sein ganzes Leben wirkte, so wurde er auch zu Grabe getragen, in der Nacht. Und für die erregte Menge bedeutete vielleicht der Tod dieses Mannes die schwerste Erschütterung und den gewaltigsten Schmerz ihres Lebens. Wer nicht die orientalische Phantasie, das Uebersinnliche, Geheimnisvolle der östlichen Juden, all das Märchenhafte, Tragische und Gewaltige ihres'Glaubens und was damit eng verknüpft ist, kennen gelernt hat, kann sich von diesem Verhältnis zwischen Rabbi und Volk, Propheten und Gläubigen keine Vorstellung machen. In ihrer traurigen Lage tiefen materiellen und geistigen Elends ist dieser Rabbi die Sonne ihres Daseins. Ich konnte, da mir jede Gelegenheit fehlte, nicht feststellen, wo bei dieser Art von Propheten die religiöse Schwärmerei aufhört und die Mystifikation beginnt. Wie dem aber auch immer sei. Die heutige Kultusgemeinde ist halb und gebrochen. Das Volkliche in ihr führt ein verschämtes Schatten-, das Religiöse ein Prunkdasein, das noch den Zweck hat, gegen ein offenes weltliches Volksjudentum Stimmung und Propaganda zu machen. Allein — die Zeit ist noch nicht da. Vielleicht bescheert uns die nationale Autonomie das Glück, daß sich unsere religiösen und nationalen Triebkräfte in getrennten Organisationen wieder gründlich erholen können. Vorläufig sind wir noch nicht so weit, vorläufig sind wir für den größten Teil unserer kulturellen Interessen und Bedürfnisse auf die Kultusgemeinde angewiesen. Und das wird noch lange so sein. Wir haben also die Pflicht, uns in, den. Kultusgemeinden umzusehen, damit die Verwitterung unserer Volksseele nicht weiterftesse, damit etwas heil bleibe, als ein Kern künftiger Vollgenesung. Wir müssen es dazu bringen, daß die Kultusgemeinde soviel leiste, als sie leisten must. So wie ois ' jetzt' ßfrnt' es nicht sörtgehen. Man mag den heutigen Verttetern der Kultusgemeinde die besten Absichten zubilligen: daß sie verstehen, was die Zeit von ihnen will, kann man ihnen nicht nachsagen. Wenigstens der Mehrheit nicht. Sie hängen noch an alten Formen und Formeln, sehen noch durch alte, halbblinde Brillen, leben noch im alten Halbschlummer des selbstmordlüsternen Judentums des vorigen Jahrhunderts. Darum müssen sie lernen, — entweder begreifen oder gehen lernen! Das ist ohne jede persönliche Spitze gemeint, wie wir denn überhaupt den Kamps mehr als eine kluge und tapfere Überzeugungscampagne geführt sehen möchten. Wir wollen das Volk nicht gegen seine bisherigen Führer hetzen, wir wollen der „Rebbe" ist der geistige Mittelpunkt vieler Tausende, die sonst nie einen suchen würden, er ist der Stellvertreter des Messias, der noch immer nicht kommen will. Biele, hysterische, oft schwere Erkrankungen, wo ärztliche Kunst versagte, wurden durch einige geheimnisvolle Geberden des Rebbe behoben. Kein Wunder für denjenigen, der weiß, wieviel bei manchen Kranken mit Suggestion erreicht werden kann, tlnd oft sind ja die Krankheiten, die der Rebbe konstatiert und heilt, gar nicht vorhanden. Das Volk aber glaubt an die unfehlbare Kraft des Wundertäters. Die Macht dieser Wunderrabbiner ist gewaltig und ihre Stellung unerschütterlich. Tief in der Masse der östlichen Juden wurzelt die Ehrfurcht vor ihnen, der feste Glaube an ihre Gottsendung und Unfehlbarkeit, als etwas von den Vätern Ererbtes. Und nicht nur am Lande und in den kleinen Judenstädten, sondern in allen Städten Galiziens und Rußlands, in fast allen orthodoxen Familien, ist diese Hingebung zu finden. Da wird kein wichtiger Entschluß gefaßt, ohne Rat beim Rebbe einzuholen, jedes Unglück, sei es Krankheit oder schlechter Geschäftsgang oder welches immer, führt die Leute zum Wunderrabbi, wo sie Trost suchen und auch finden! Die verttauensvolle Naivität, mit der all diese Leute zu ihm wie zu einem gemeinsamen Vater flüchten, hat etwas unendlich Mhrendes. Nichts kann ihnen ihre Ueberzeugung rauben, nicht einihm nur sagen, was es künftighin von seinen Führern verlangen soll, und den Führern, was sie dem Volke geben müssen, slj Vor allem ist es das gleiche Recht aller Gemeindeangehörigen, das wir fordern: das gleiche Recht zur Mitarbeit und das gleiche Recht zur Befriedigung religiöser Bedürfnisse. Wir hassen die allzu starken, die mehr kecken als kühnen Worte, aber es muß doch gesagt werden, daß unsere plutokratifche Gememdeordnung, die Herrschaft der Besitzenden in einer Organisation/ die sich als Organisation der Seelen ausgibt, geradezu ein europäischer Skandal, geradezu eine Zuchtstätte antisemitischer Bazillen ist. Wollen wir nicht endlich einmal damit aufräumen? Muß es deshalb zum Kampfe kommen? Und brauchen wir nicht den Frieden, wie ein Hungriger einen Bissen Brot, und die gegenseitige Duldung umsomehr, als sie uns von den anderen so wenig gewährt wird? Hat es da noch einen Sinn, wenn wir die Traditionen der gewaltsameu Reform oder gewaltsamer Orthodoxie noch fortsetzen? Dringt der Gedanke der Autonomie deshalb in alle Gebiete der Oeffentlichkeit ein, damit wir ihn an dem Gebiete des Kultus vorübergehen lassen? Bietet er nicht das beste Mittel, daß jeder seinen jüdischen Glauben so lebe, wie er will und doch mit allen anderen, die ihn anders leben wollen, in derselben Brudergemeinschast stehe? Erst das gleiche Betätigungsrecht, das sich im Wahlrecht ausdrückt, und das gleiche geistige und geistliche Recht wird die Kultusgemeinde befähigen, ihre Funktionen in verhältnismäßig weitem Ausmaße auszuüben. Dann erst wird das religiöse Leben berufenere Hüter erhalten und dann erst werden sich für die Volksausgaben tausend neue mal, daß der heilige Mann sich seine Konferenzen und Ratschläge besser bezahlen läßt als ein sehr hochtarifiger Advokat, daß er einen glänzenden Haushalt führt, einen wahren Hofstaat um sich hat. Den größten Teil des diesjährigen Sommers verbrachte ich in der Nähe eines Städtchens, das einen Wunderrabbi besitzt. So ein Städtchen unterscheidet sich wesentlich von anderen. Es hat seinen Gott in Gestalt dieses Mannes, eines sicherlich sehr klugen und gelehrten Menschen, der im Ort wie ein Herrscher hauü, im schönsten Gebäude, welches im Vergleich zu den elenden Hütten ein Schloß genannt werden darf, im Kreise einer sehr zahlreichen Familie gewöhnlich, Prinzen und Prinzessinnen, auf weichender Abglanz der Heiligkeit des Vaters ruht. Schon in der Luft liegt etwas wie Anbetung und Kultus. Gewöhnlich halten vor der Pforte seiner Heiligkeit einige Wägen mit „Zugereisten", fiir deren Leiden. Lebensgeschichte und Schicksale sich der ganze Ort lebhaft interessiert, und die er auch binnen 24 Stunden vollständig heraus hat. Das Verfahren, das dabei angewendet wird, steht an Schnelligkeit und Sicherheit der Findigkeit unserer routtnierten Reporter nicht nach. Im Vorhof zum Allerheiligsten ist eine doppelte Reihe Ehrengarde aufgestellt: die Auserwählten der Gläubigen, Asketen, die einer ftemden Frau nicht ins Antlitz schauen, was allerdings verstohlenes Blinzeln nicht ausschließt. Durch diese Kette führt