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Neue Zeitung · 1906-10-03 · Heft 5 (3.10.1906) · p. Seite 6

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1906
Issue
Heft 5 (3.10.1906)
Date
1906-10-03
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Neue Zeitung Nr. 5 daß sie lächerlicher sind als jene Karikatur dort Wer der arine, den ganzen Tag beschäftigte Mensch hat doch ein Recht auf ein wenig Zerstreuung. Hat er doch seine Pflicht als Jude voll und ganz erfüllt. In der Frühe, beim Frühstück, hat er mit üefem Bedauern vom Pogrom in so oder so Kenntnis genommen, seine Kultussteuer zahlt er pürcktlich zur Minute und an hohen Feiertagen geht er in den Tempel. Da ist so ungefähr die Charakteristik der Besucher dieser Etablissements. Der Christ, der Arier, der sich durch einen unglückseligen Zufall zu solchen „Budapestern" verirrt, mag die Augen weit und erstaunt öffnen über dieses Schauspiel auf der Bühne, noch mehr aber über das im Zuschauerraum. Hier holt er dann seine Erfahrungen über jüdische Selbstachtung. Hier ist die Stätte der Pflege des Judenhasses und des Antisemitismus. Wenn man der Meinung ist, daß diese Karikatur des Juden eben nur eine Karikatur ist, wie sie in Posten vorzukommen pflegt, so heißt das die schwere Bedeutung des Übels gründlich unterschätzen. So eine „Bühne" schöpft ihren Witz nur aus jüdischen Quellen. Durch die Unflätigkeiten und Langeweile eines solchen Wends zieht sich immer wie ein roter Faden dieses gewisse „Mauscheln", die Verspottung und Verzerrung jüdischer Gewohnheiten und Eigenschaften. So habe ich beobachtet, daß Eisenbach, der Träger dieser Witzkultur, der es mit seinem dramatischen Talent bis zum Gastspiel im Carl-Theater gebracht hat, sin einer Rolle als — bitte nicht zu lachen I — französischer Lebemann, den gewohnten, parodierenden Tonfall nicht lasten konnte. Der Herr Roue mauschelte. Die Verspottung des Juden bildet eben den einzigen Inhalt, es ist das „attische Salz", der eigentliche Humor des Wends. Über solche Dinge darf man sich nicht mit einem Achselzucken hinwegsetzen. Hier ist der Krebsschaden! Hier ist eine blutende Wunde, die nicht hellen will. Nicht, daß wir ein zerstörtes, armes Volk sind, ist unsere Schmach, sondern daß wir einen gekrümmten Rücken haben, der nicht gerade werden will und das gefällige Lächeln eines Zirkusklowns, wenn er zum Ergötzen des Publikums geprügelt wird. Solange Herr Kohn über Chaim Pulverbestandteil auf der Bühne lachen wird, solange werden wir blutige Tränen zu weinen haben. Es ist unsere Sache nicht, diese „Bühnen" in dieser Hinsicht zu reformieren. Es würde sich auch bei dem künstlerischen und sittlichen Niveau derselben schwerlich der Mühe lohnen. Des Übels Wurzel und Heilung liegt wo anders — im Publikum. Da öffnet sich uns ein weites Feld schwerer Arbeit. Da müssen in erster Linie zwei alte, gewaltige Feinde bekämpft werden, Ignoranz und Lethargie, bis es endlich dämmern wird auch in diesen Köpfen. Bis dahin wird allerdings im Osten noch viel unschuldig vergossenes Blut zum Himmel schreien, „denn sie haben Ohren und hören nicht und Augen und sehen nicht", viele Possen werden über die weltbewegenden Bretter der „Budapesterbühne" ihren kaffenkrästigen Weg nehmen- bis Herr Kohn einmal plötzlich zu lachen aufhört und etwas in seinem Gesichte auffteigt — Schamröte. Thekla Blech. Kadimah. Kalender für das Jahr 5667 (1906 bis 1907), herausgegeben von der zionistischen Vereinigung für Deutschland. Preis 50 Pfg. Verlag: Jüdische Rundschau. E. G. m. b. H. Berlin. Dieser Kalender, den Sannny Gronemann mit „Vom Anwachsen des Zionismus" einleitet, könnte man als ein wahres, jüdisches Volksbuch bezeichnen. Leider entspricht die Ausstattung nicht den guten Beiträgen. Von den Aufsätzen das Wichtigste: Dr. Carl Kassel (Posen) feiert in seinem Jnbilarartikel die noch heute bestehende Konsistorialverfassung der Juden in Frankreich als das Werk Napoleons. In populär-wissenschaftlicher, klar verständlicher Weise sucht Dr. Jungmann (Berlin) in das Problem der jüdischen Rasse, die „zwar keine unvermischte, aber eine alte, in ihrer Organisation einheitlich gewordene" ist, einzuführen. Mathias Acher (Wien) zeigt uns die althebräischen Propheten „als die konsequenten Vertreter des geistlichen Lebensprinzips und geschworene Feinde des Königtums als der personifizierten Weltlichkeit." — Auch mit der jungjüdischen Dichtung wird nicht gegeizt. Neben Achtungen von Schalom Asch, Martin B u b e r, Max Jungmann, Arthur Silbergleit und einigen köstlichen Talmudsprüchen von Viktor Klemperer verdienen die religiösen Lieder Jehuda Ha-Levis genannt zu werden. Emil Cohn, der sie nachgedichtet, nennt sieSeelenlieder. Mit einem Dürftigen jüdischen Kalendarium schließt das gelungene, nur leider unäusgestattete Buch. I. W. Gm Heine-Denkmal bei Kerlin. Der Bildhauer von Uechtritz hat von der Gattin des Besitzers eines der bekanntesten Berliner Kaufhäuser den Auftrag erhalten, ein Heine-Denkmal in der Umgebung Berlins aufzustellen. Die kunstliebende Dame, die ftüher schriftstellerisch tätig war, stellte für die Ausführung des Denkmals dem Künstler die Summe von 150.000 Mk. zur Verfügung. Auf einem in der Nähe von Potsdam liegenden Gute, das der Dame gehört, wird das Kunstwerk seinen Platz finden. W, Kleines Keeilron. Konfessionelle Schulen. Das Wort wird gewöhnlich falsch verstanden. Nicht der Umstand ist entscheidend, daß eine konfessionelle Gemeinschaft als solche eine Schule errichtet. Dies ist in den fortgeschrittensten Staaten der Welt noch ziemlich allgemein der Fall, ohne daß die Freunde geistiger Freiheit sonderlich viel auszusetzen haben. Vielmehr kommt es darauf an, ob die Schule gewissen obersten weltlichen Grundsätzen ohne Rücksicht auf die Konfession folgen muß oder ganz der Willkür der zur Kirche erstarrten Konfession ansgeliefert ist. Nur im letzteren Fall kann man von „konfessioneller Schule" im gebräuchlichen Sinne des Wortes sprechen. Und in diesem Sinne ist auch oft die staatliche und allen Konfessionen zugängliche Schule eine „konfessionelle". Oder hat wenigstens das Bestreben, „konfessionell" zu werden. Es wäre also ganz gut möglich, daß die jüdische „Konfession" Schulen erhält, die keine „konfessionellen" im spezifischen Sinne dieses Wortes sind. Und dies umsomehr, als zwischen der unbewußten Tendenz der jüdischen „Konfession" und z. B. der katholischen Kirche denn doch ein großer Unterschied ist. Mucker, Heuchler oder auch „Pfaffen" — mit dem Worte geht man übrigens etwas zu verschwenderisch um — gibt es überall, also auch bei Juden. Allein, daß kirchliche Herrschaftsgelüste auf jüdischer Seite in dem Umfange und von der Nachhaltigkeit, wie anderwärts, bestehen, kann nur der behaupten, der ans Leichtfertigkeit oder taktischen Erwägungen generalisiert. Im übrigen deutet das Wort „konfessionell", in Verbindung mit jüdisch gebraucht, schon a priori auf eine schiefe Gedankenebene hin. Die jüdische „Konfession" überhaupt ist eine freie Erfindung jener Zeit, in welcher sich das jüdische Bürgertum, namentlich des Westens, vom geschichtlichen Judentum loszureißen suchte. Es gibt keine jüdische „Konfession", vielmehr nur ein jüdisches Volt. Dieses lebt seinen Geist, wie dies bei allen Völkern der Fall ist, in religiöser Form aus. dlur tun eS die anderen Völker in Religionsformen, die sie von anderen übernommen haben und dann umgestalten, während die Juden bei ihrer eigenen, selbstgeschaffenen Form geblieben sind. Als Volk kann die jüdische Gemeinschaft gar nicht „konfessionelle Schulen" gründen. Wenn es einmal eine jüdische Volks schule geben wird, so werden vielleicht einzelne oder Gruppen trachten, den „konfessionellen", kirchlichen, der fteien Forschung feindlichen Geist einzubürgern, soweit dies überhaupt die staatliche Gesetzgebung zulaffen wird. Nun, dann wird es einfach einen Kulturkampf zwischen diesen „Konfessionellen" und den Modernen geben. In der Kellerstnde?) Ein Bild. Aus dem Jüdischen des I. L. Perez. Eine große Kellerstube voll von Schlafstätten! Freidel schläft schon lange auf ihrer Kiste, in ihrem Winkel, zwischen Ofen und Wand. Sie hat sich zeiüg niedergelegt. Morgen ist Markt in einem nähen Städtchen, da muß sie ftüh aufstehen, um mit ihrer Wagenschmiere hinzufahren. Vor dem Einschlafen wälzt sie sich unruhig hin und her. . . . Sie wird morgen mit dem Fuhrmann Verdruß haben! Nur ein Füßchen mitzunehmen — hat sie sich ausbedungen. Nun fiel ihr aber ein, daß es eigentlich gescheiter wäre, das große Faß mitzuführen. „Was so'n Weib doch für schlimme Zunge hat" eifert sie gegen sich selbst. Herausgeplatzt mit dem „Füßchen!" Warum? Weshalb? Und wenn schon der Fuhrmann den Pferden etwas mehr Hafer wird geben müssen! So ihre böse Weiberzunge lästernd, schlief sie ein. Unter der Bettdecke ragt ihr rotes Kopftuch hervor, wie ein Rahmen um die spitze, bläuliche Nase. Sie atmet schwer, hält wohl die knochigen Hände auf dem alten Herzen. Weiß Gott, was sieträumt! Vielleicht, daß der Fuhrmann siembweist und daß sie ein halbes Jahr lang nicht zu leben haben Die Ecke gegenber gehört Chaim, dem Wasserträger. Sein Weib und zwei - Kinder schlafen in einem Bett, er mit dem ältern Schuljungen im zweiten. Aus den Betten lösen sich Seufzer los. Auch hier ist man in Kümmernissen eingeschlafen. Der Junge hat wegen des Lehrgeldes geweint und wegen der ältern Tochter, die jetzt stellenlos ist, hat es Zank gegeben. Sie war auf einem *) Siehe L in Nr. 2 vom 14. September d. I. — Leider können wir aus Raummangel heute nur e i n „Wort" vornehmen. J) Aus I. L. Perez. Ausgewählte Erzählungen und Sen. Aus dem Jüdischen von Mathias Acher, Jüdischer;g. Berlin 1905. guten Posten gewesen, bei einem Ehepaar ohne Kinder. Da traf es sich just, daß die Frau starb. So hatte sie wieder heimkommen müssen. Sie konnte ja nicht allein bei dem Witwer bleiben. Ein paar Rubel Lohn hatte sie noch von ihm zu kriegen, — gerade soviel, damit man wenigstens das Lehrgeld für den Jungen bezahlen konnte. Aber der Witwer machte Einwendungen. Die Frau habe ihm nichts gesagt, er selbst wisse von nichts, habe sich nie in Weiberangelegenheiten gemengt. Deshalb der Streit vor dem Einschlafen. Die-Mutter riet, man solle den Witwer vor das Rabbinatsgericht zitteren. Die Tochter war mehr dafür, ein Gesuch an den Friedensrichter zu schreiben. Chaim wollte von beiden Plänen nichts hören. Der Witwer werde sich rächen und ihm alle Kunden abspenstig machen. „Er braucht nur zu pfeifen und ich bin ferttg. . . . Habt ihr denn eine Vorstellung, wieviel Wasserträger spazieren gehen, seitdem die Wasserleitung gebaut ist?" Etwas weiter schnarcht Berl Träger. Erliegt ganz allein in einem Bett — wie ein „Graf". Seine beiden Kinder liegen in einem zweiten. Sein Weib ist Köchin und hat heute eine Hochzeit. . . . Auch hier schläftman nicht ruhig. Berl schmerzen schon seit einiger Zeit die Beine. Und der ältere Sohn stöhnt im Schlafe. Er arbeitet beim Kalklöschen und hat sich einen Fuß verbrüht. Wieder etwas weiter schläft auch wie eine „Gräfin" allein in einem Bett, Zirl, die Höckerin, ihre drei Kinder in einem Bett daneben. Ihr Mann ist Nachtwächter. Frühmorgens, wenn er heimkommt, wird sie mit Broten und frischen Beugeln fortgehen. Nun sind wir schon beim dritten Winkel angelangt. . Auch hier ist eine Schlafftätte, ein schmales eisernes Bettchen. Ein krankhaft zerrüttetes Frauengesicht hebt sich von einem Lumpenbündel ab, das dem Kopf als Kissen dient. Die früh trocken gebrannten Lippen öffnen sich oft, um schwere Seufzer durchzulassen. Ihr Mann hat „ein hartes Gewerbe" und „kein Glück." Da hat er in der verflossenen Woche mit Lebensgefahr einen Kupferkesfel erwischt und außerhalb der Stadt vergraben, wo man ihn aber fand. Wer weiß, was er heute bringen wird? Vielleicht sitzt er gar schon. hinter Schloß und Riegel. .. . Was dann? Seit drei Wochen nichts Warmes gegessen. . . . Und aus der Wohnung werden sie verttieben. ... „Ein hartes Gewerbe... . Ohne Glück!" seufzen die ttockenen Lippen. „Dabei noch vor den Nachbarn auf der Hut sein. Alle fragen sie: Was treibt dein Mann? Warum kommt er so. spät nachhause? .. ." Aus der Mitte der Stube flimmert ein düsterer Schein über eine spanische Wand herüber, hinter der ein junges Ehepaar sein Nest hat. Treine, die junge Frau, schläft noch nicht. Erst zwei Monate nach der Hochzeit — wartet sie auf ihren Mann, der bald aus dem Bethäus kommen muß. Die Lampe zeichnet einen großen weißen Fleck auf die schwarze Zimmerdecke und sendet durch die Löcher der spanischen Wand die paar armseligen Sttahlen, die über die ärmlichen Betten und die abgearbeiteten, müden Gesichter dahin tanzen. In Treines Reich ist es Heller und reinlicher als bei den anderen in der Kellerstube. Zwischen den beiden Betten ein weißes Tischchen, darauf zwei kleine Messingleuchter, zwischen ihnen ein Frauengebetbuch — ihr Hochzeitsgeschenk! An der Wand die Hochzeitskleider und ein Tallisbeutel") mit eingenähtem Mögen Dovid?) Stühle gibt es keine. Sie sitzt auf einem Bett und bessert das Netz für die Zwiebeln' aus, die neben ihr, über das Leintuch gestteut, liegen. Das ganze Bettzeug ist auf der anderen Schlafstätte aufgeschichtet, unter ihm verborgen die Abendsuppe. Die Tür geht leise. Treine errötet, läßt das Netz fallen und springt vom Bette auf. Doch bleibt sie stehen, — es schickt sich vor den Nachbarn nicht. Vielleicht wacht einer von ihnen auf. Dann wird sie zum Gespött. Sie steht sich was aus von den Leuten! Besonders von Freidel, die hauptsächlich nicht begreift, wie man dem Manne nicht gleich am Morgen nach der Trauung flucht „Wart' nur" — pflegt ihr die alte Hexe zu sagen — „du wirst schon sehen, was für ein -) Ein Beutel, in dem der sogenannte Tallis, der Gebetmantel, aufbewahrt wird. 3) Davidsschild, Davidswappen. So heißt das jüdische Neligionsemblem — ein Stern, der aus zwei ineinander verschlungenen Dreiecken gebildet wird.

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