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Neue Zeitung · 1906-10-03 · Heft 5 (3.10.1906) · p. Seite 5

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1906
Issue
Heft 5 (3.10.1906)
Date
1906-10-03
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 5 Neue Zeitung verein tätig gewesenen politischen Vereinigung .Aktion franyaise" ausgegangen sei. Offenbar hat das Plakat nur den Zweck, Dreyffls heraus^nfordern und dadurch die düstere Affäre wieder aufzurollen. V. Das amerikanische Girrwanderrmgsgesetz. Der Entwurf des neuen Einwanderungsgesetzes ist dieser Tage im amerikanischen Repräsentantenhause zur Beratung gekommen. Das Haus hat dabei die wesentlichsten vorgeschlagenen Erschwerungen für die Zulassung von . Einwanderern aus dem Entwurf gestrichen. Namentlich soll es nach den Beschlüssen des Hauses bei einem Kopfgeld von zwei Dollars bleiben, während der Entwurf des Senats ein Kopfgeld von fünf Dollars vorsah. Ebenso hat das Haus den sogenannten Bildungstest abgelehnt, wonach Einwanderer über 16 Jahre ausgeschlossen werden sollten, wenn sie nicht englisch oder eine andere Sprache lesen können. Da die Beschlüsse des Repräsentantenhauses von denen des Senats abweichen, ist der Entwurf an ein gemeinsames Komitee beider Körperschaften gegangen und damit für diese Session abgetan. Das Informatronsburcau für Palästina teilt mit: Von Handwerkern können jetzt Arbeit bekommen: Schlaffer. Schmiede, Maurer (f. Steinhäuser), Steinmetze, Tischler, doch wird aufmerksani gemacht, daß die Zahl der Arbeiter,.die Arbeit finden können, sehr begrenzt ist. Man mnß sich also in jedem Falle mit einer Anfrage an uns wenden. Keiner reise, ehe er Antwort von uns hat. Landwirtschaftliche Arbeit können junge Leute finden, die physisch gut entwickelt und bereit sind, karg zu leben. Mit einem Kapital von 10 bis 150.0 Rubel könnte man eine Glasfabrik gründen, die in Palästina eine gute Zukunft hätte. Ein Fachmann mit genügendem Kapital könnte Wurstfabrik eröffnen. Es gibt noch keine solche in Palästina. Zuckerbäcker mit einigen hundert Rubeln können sich etablieren. Wer Holländer-, Schweizer- und ähnliche Käse erzeugen kann, und 1000 bis 2000 Rubel besitzt, könnte sich in Palästina eine Existenz gründen. Energische Menschen, die 3 oder 4000 Rubel oder mehr und Untcrnehnmngsgeist besitzen, können sich in Landwirtschaft, Handel und Industrie eine Existenz gründen. Wir haben die Nachricht erhalten, daß in Alexandrien (Aegypten) ein Provisor mit russischem Patent gesucht wird. Die Bedingungen sind: 200 Francs monatlich und - 50°>a von dem Ertrage der Analysen. Wir warnen die Emigranten nach Palästina, französische Schiffe zu benützen, da die Behandlung seitens der Schiffsmannschaft vom Schiffsjungen bis zum Kapitän alles zu wünschen läßt. Außerdem ist in Beyruth ein llebersteigen auf ein anderes Schiff notwendig, das durch Kähne geschieht, auf welchen die Eigentümer (Araber) Erpressungen zu begehen pflegen. auch die zionistische Organisation ihre Vertreter entsandt hat. Darüber hinaus bleibt es selbstverständlich jedem Zionisten völlig unbenommen, sich innerhalb des Rahmens derjenigen Partei am innerdeutschen politischen Leben zu betätigen, die seinen politischen und wirtschaftlichen Anschauungen entspricht; von der Absicht, eine jüdisch-nationale Fraktion in Deutschland zu bilden, kann absolut keine Rede sein. Das Zentralkomitee bat denn auch in llebereinstimmung mit den eben entwickelten Grundsätzen der in Hannover gegebenen Anregung keinerlei Folge gegeben." Ans der jüdischen Oeffentiichkert. Der Kultusvorstand bringt zur Kenntnis, daß die Wählerliste für die diesjährigen Wahlen in den Kultusvorstand zur Einsicht der Gemeindeangehörigen in der Kanzlei der Kultusgemeinde, 1. Bezirk, Seitenstettengasje 4, 2. Stock, aufliegt.. Reklamationen wegen Auslassung wahlberechtigter oder Aufnahne von nicht wahlberechtigten Personen sind innerhalb 14 Tagen vom heutigen Tage ab schriftlich in der Kanzlei der Kultusgemeinde einzubringen. Wien, 3. Oktober 1906. Der Vor st and der israelischenKultus g emeind e Wien. Das Deutsche Zionistische Zentralkomitee veröffentlichte in der Abend-Ausgabe der Boffischen Zeitung vom 26. v. M. folgende Erklärung: „In der Abendausgabe Ihrer geschätzten Zeitung v... 25. d. M. befindet sich ein Entrefilet über den Zionismus, in dem es unter anderem heißt, es sei auf dem Delegiertentag in Hannover ein Antrag gestellt worden: „Das Zentralkomitee wolle die Gründung einer national-jüdischen Landesorganisation als politische und wirtschaftliche Interessenvertretung der Juden in Deutschland einleiten." Mit Bezugnahme auf diesen Antrag wird dem Zionismus vorgeworfen, daß er die Juden in einen Gegensatz zur übrigen Bevölkerung bringen tvolle und geradezu Wasser ans die Mühlen der Antisemiten treibe. Die zionistische Bewegung würde in der ■ Tat dieses scharfe Verdikt unwidersprochen hinnehmen müssen, wenn sie daran dächte, wie in dem Entrefilet angedeutet ist, im innerpolitischen Leben Deutschlands jüdisch-nationale Politik zu treiben. Das Ziel des Zionismus ist einzig und allein wie es in dem grundlegenden Basler Programm heißt: eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina. Dieses Ziel kann den deutschen Juden nun und nimmer in Gegensatz zu seinen staatsbürgerlichen Pflichten bringen; das wohlwollende Interesse, das deutsche Bundesfürsten und Staatsmänner, die über den Zionismus auf das Genaueste informiert sind, ihm entgegenbringen, sollte jeden Zweifel hierüber ausschließen, Auch die Zionisten kämpfen um die den deutschen Juden durch die Verfassung gewährleistete Gleichberechtigung nicht anders als z. B. der Gesamtverband der Deutschen Juden, in dessen 'Ausschuß denn Am 11.. 12. und 13. Oktober findet der 3. Part eitag der österreichischen „Poalej-Zion" statt. Die Tagesordnung ist folgende: Erster Tag: 1) Eröffnung. 2) Bureauwahlen. 3) Rechenschaftsbericht. 4) Fachorganisation (Referat: B e n I a k o b). 5) Organisation der Jugendlichen (Referat : Jakob Renner). Wahlen in den Fachausschuß. Zweiter Tag: Programm (Referat: I. Kaplansky-Kaplan, Wien) 7) Taktik (Referat: Nathan Groß, Wien, und A. L. Schußheim, Krakau.) Dritter Tag: 8) Parteiorganisation (Referat: I. Meller, Krakau.) 9) Agitation (Referat: Korngrün, Tarnopol.) 10) Presse (Referat: Glücker, Lemberg). 11) Wahl des Partcikomitees. 12) Eventualia. Der Parteitag wird in L e m b e r g, im großen Saale des „Jad charuzim"-Vereines auf Grund des § 3 des Ver. Ges. abgehalten werden. Adresse des Empfangskomitees: Samuel Kretz, Lemberg, Kaminskiego 4. Die jüdischakademischenVerbind un gen , Vereine von Czemowitz versenden folgenden Auftuf: Kommilitionen, Volksgenossen I Die jüdische Studentenschaft kämpft seit Jahren an dieser Universität um die Anerkennung ihrer nationalen Individualität. Juden gibt es nicht! sagt man uns, wenn es sich um die Fabrikation der Statistik handelt. Wir werden Völkern zugezählt, die von uns nichts wissen und denen wir uns nicht zuzöhlen wollen. Juden gibt es nicht! sagt man uns, wenn wir verlangen, daß unser nationales Recht geachtet werde; mit verbindlicher Glätte wird uns erklärt, man kenne nur eine mosaische Konfession. Gehen wir nun hin und verlangen, daß die mosaischen Feiertage gehalten werden, da wir vier Zehntel der Hörerschaft ausniachen, dann teilt man uns mit, daß dariiber erst die Instanzen entscheiden müssen. Wir sollen und wollen mir uns nicht dieses Spiel treiben lassen, wirwerden die geschichtliche Tatsache unseres nationalen Lebens nicht den akademischen Behörden zur Ueberprüfung vorlegen und wissen auch nur zu gut, daß die Ignorierung unserer Nationalität nur aus Gründen der Zweckmäßigkeit geschieht. Wir wären aber ein niedriges Sklavenvolk, nicht Söhne einer tausendjährigen Kultuniation, wenn wir mit Gleichmut derartige Praktiken erduldeten. Jiidische Kommilitionen! Zu Beginn des neuen Semester» treten wir an euch heran. Wir fordern euch auf, den Kampf.um Anerkennung unserer Nationalität von neuem aufzuuehinen, die erprobte Taktik, mit der wir unsere Widersacher an der empfindlichsten Stelle treffen, fortzusetzen, und euch den einhelligen Beschluß vor Augen zu halten, den die jüdische Studentenversammlung am 17. Juni 1906 unter stürmischen Jubel gefaßt hat: „&ie am 17. Juni 1906 in der Czernowitzer Universität tagende Versammlung der jüdischen Studentenschaft erklärt die bisherige Einrichtung des Nationales ebenso wie den Usus in den Semestralberichten der Universität, die Juden als Deutsche auszuweisen, als mit dem Ehr- und Nationalgcfühle der jüdischen Studentenschaft unvereinbar und drückt ihren Entschluß aus, im Kampfe gegen die Verletzung ihrer nationalen Ehre von allen ihr zustehenden und mit ihrem Gewissen vereinbarlichen Mitteln den rücksichtslosesten Gebrauch machen zu wollen." In diesem Sinne rufen wir euch zu: Jüdische Kommilitionen, tuet eure Pflicht! Schreibet in euer Nationale „Ruthenisch" oder „Rumänisch"! Czernowitz, am 29. September 1906. Jüdische Gesellschaftsreise nach Paläst i n a. 2)iit gespanntem Interesse sieht man im Judentume der jüdischen Gesellschaftsreise nach Palästina entgegen, welche vom Zionistischen Zentralverein in Wien veranstaltet wird und am 22. Oktober von Wien abgeht. Die Reiseroute' geht via Budapest, Bukarest, Konstanza per Eisenbahn, Von dort per Schiff nach Konstantinopel, wo die Ausflügler Von einem direkt für diese Reise adaptierten eleganten Dampfer erwartet werden. In Jaffa, Jerusalem, in den Kolonien und in Beyrouth treffen die dortigen Juden große Vorbereitungen zum feierlichen Empfange ihrer Glaubensbrüder aus dem Westen. Die Anmeldungen zu dieser Reise werden vom Zionistischen Zentralverein in Wien, IX.. Türkenstraße 9 entgegengenommen. (Der Teilnehmcrpreis beträgt ab Wien K 547.—, ab Budapest K 530.—. Reise, Logis, Sehenswürdigkeiten, Wagen, Führer, Trinkgelder eingeschlossen.) Der unter dem Protektorate Sr. Ehrwürden Herrn Lektor M. Friedmann stehende „Verein zur Unterstützung jüdischer Kurbedürftiger" mit dem Sitze in Wien, II. Jqsefinengasse 7, apelliert in Anbetracht der immer steigenden Anforderungen der armen Kranken an die Humanität und bittet durch zahlreichen Beitritt sein Wirken zu fördern. Der genannte Verein, dessen Aufgabe es ist, arme Kurb edürf tig en Fre ip lätz e in Kurorten zu vei schaffen oder Kurbeiträge zu gewähren, hat im Jahre 1906, dem zweiten Jahre seines Bestandes, verhältnismäßig viel geleistet. So wurde einer Anzahl von armen Kranken Kurfreiplätze in Karlsbad verschafft und Vielen Kurbeiträge bewilligt. Leider reichen die Mittel des Vereines nicht aus, um allen an denselben gestellten Anforderungen zu entsprechen. Es konnten die Gesuche einer größeren Anzahl von würdigen und armen Kurbedürftigen nicht erledigt werden. Der Vereinsvorscand sieht sich daher genötigt, au alle Menschenfreunde die innigste Bitte zu richten, durch Spenden, Legate und Beitritt, die Humanitären Tendenzen des Vereines zu fördern. Beitrittserklärungen und Spenden wolle man an den Verein, Wien, II, Josefinengaffe 7 oder an Postsparkassen- Konto Nr. 84.270 richten. Hochachtungsvoll Die Vereinsleitung. Die Lese- und Redehalle jüdischerHoch- . ch üler eröffnet am 15. d. in Wien ihren jährlichen Hebräischkurs für Damen und Herren. Leiter: Koll. Rosenblatt. Aufnahme finden Anfänger und Fortgeschrittene. Nichtmitglieder können nur auf Empfehlung ausgenommen werden. Auskunft täglich zwischen Io und 12 Uhr vormittags bei Herrn Theol. E. Sacher im Lokal des Vereines, 9. Bez., Grünetorgaffe 34. DieJüdisch-AkademischeFerialverbing „Gamala" in Göding hatte Chargenwahlen. Das Ergebnis ist: oancl-pbil. Hugo Stern: X, ennäphil. Gustav Drechsler: X X, cand. jur. Fritz Baderle: XXX- _ Kunst und Literatur. Aus den Tiefen der Kunst. In jeder Großstadt gibt es Stätten, wo die Sumpfblumen der Kunst ungestört gedeihen können. Irgendwo findet sich schon ein solcher, mit schäbiger Eleganz ausgestatteter Saal, Vorhang, Künstler und deren Toiletten, alles von zweifelhafter Reinheit. In diesem rauchigen Raum immer eine bezeichnende, eigentümliche Luft — schlechtes Parfüm gemischt mit Zigarrenrauch und ein ganz klein wenig ftanzösisches Odeur, die Lust der Cochonnerie. Allerdings unendlich verdickt und schwüler, denn wo findet sich hier der feine, pikante, lächelnde Witz des Franzosen. Das ist nur ein grober Abklatsch. Das Programm enthält immer einige Possen in des Wortes hohlster Bedeutung. Da wird, um einen abgelebten Witz zu plazieren, die verzwickteste Situation geschaffen, der „Dichter" — er liebt Pseudonyme wie Satyr, Sphinx und andere Namen im Genre der Nachtkaffee-Bohöme — scheut sich nicht, den Zuhörer dem qualvollsten Stumpfsinn auszuliefern, iyn durch halbe Stunden mit den unglaublichsten Banalitäten zu langweilen, wenn er mit einem „saftigen Tableau" schließen Die Rolle der komischen, verächtlichen Lustspielfigur (ich bitte alle Lustspieldichter mir diese Bezeichnung zu verzeihen) hat aber für uns ein tieferes Interesse. Es ist dies der in diesen Possen unvermeidliche mauschelnde Jude. Und darüber will ich eigentlich sprechen. Wenn ich Zeit und Geduld in einem solchen Lokale vergeudete, so galt dies einzig und allein der Figur des komischen Juden. Wenn es Mißgeburten und Auswüchse der Kunst gibt und Leute, die daran Gefallen finden, so ist das der natürliche Gang der Dinge, der niemand in Erstaunen versetzen wird, die Kehrseite des Schönen, diese Art von Fäulnis, die überall zu finden ist. Man darf diese Varietes — im Stile der „Budapester" in Wien, ruhig übersehen; sie werden sicherlich die Kunst in ihrem Entwicklungsgang ebensowenig hemmen, wie ein bekanntes Tier den Mond durch Bellen aus seiner Sicherheit bringen kann. Aber da ist etwas, über das man nicht mit einem gleichgiltigen Achselzucken hinweggehen darf, etwas, das eine furchtbare Anklage des ganzen jüdischen Volkes enthält — die Persiflage, die Karikatur des Juden, dargestellt von Juden, von Juden beklatscht und belächelt. Da sitzen die Leute, durchwegs jüdische Gesichter, größtenteils Kaufleute, die ihren künstlerischen Genuß dort suchen, und ihn augenscheinlich auch finden, denn nie habe ich ein so homerisches Gelächter gehört, als wenn Chajim Pulverbestandteil gemacht hat a Geschäft, oder Jankel so und so entsetzlich flucht — und lachen über sich selbst. Selbst die einstmals beliebte Abwechslung durch den deutschsprechenden Böhmen entfällt jetzt, denn wer könnte noch Interesse an den Albernheiten eines Wenzel Pawlicek oder Nemecek finden, wenn Herr Eisenbach, der göttliche Mauschler, „Lozelach" erzählt. Nie wurde aus der Bühne eine ganze Nation in so unflätiger Weise beschimpft, entstellt und lächerlich gemacht, und nie hat man gesehen, daß diese Nation im Zuschauerraum vor Vergnügen darüber wiehert. Da ist keine der moralischen Ohrfeigen kräftig genug, ihnen die Schamröte ins Gesicht zu treiben, ihnen zum Bewußtsein zu bringen.

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