Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 5 (3.10.1906)
- Date
- 1906-10-03
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2430890-2430891-2430896--045-2431011- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 5 Neue Zeitung Glück du bei ihm haben wirst ... Zeig' ihm nur einen Finger!'") Freidel läßt ihr nicht einen Augenblick Ruhe. „Einen Mann", sagt sie, „muß man an der Nase herumführen, sonst ist er ärger als ein Wolf, saugt einem das Mark aus den. Knochen und das Blut aus den Adern. „Zehn Jahre", erzählt Freidel, „bin ich schon ohne Mann und kann mich noch immer nicht erholen!" Und Freidel ist eine kluge, gelehrte Frau! „Was ihm gebührt" — sagt sie — „wirf ihm hin, wie einem Hund einen .Knochen. Und dann — marsch!" Treine hat Zeit, daß ihr alles durch den Kopf geht, denn es dauert eine Weile, bis Jossel auf den Fußspitzen zwischen den Nachbarn durchschleicht. Jeder seiner Tritte widerhällt in ihrem Herzen, doch entgegengehen — nein, um keinen Preis! . . . . Nun fällt er schier, nun ist er schon an der spanischen Wand, — sie atmet „Guten Abend", lispelt er gesenkten Blickes. „Gut Jahr!" antwortet sie noch leiser. „Willst Du schon essen?" fragt sie. „Und Du?" Ein Achselzucken ist die Antwort. Er geht hinaus und kommt bald mit nassen Händen, b) Sie reicht ihm das Handtuch. Auf dem Tisch liegt schon ein Stück Brot, Salz dazu und die hervorgeholte Suppe. Er sitzt auf s ein e m Bette, auf dem Wulst von Bettzeug. Sie auf ihrem, auf dem die Zwiebeln liegen. Sie essen recht langsam und reden dabei, — mit den Augen wie Leute, die sich erst vor kurzem geheiratet haben, mit den Lippen von ihrer: Sorgen. „Nun, wie weit bist du?" „Drei Schüler Hab' ich schon!" erwiedert er seufzend. „Es bleibt also beim Melamdes?" °) fragt sie traurig. Eine Gebärde der Ergebung ist die Antwort. „Gelobt sei Gott dafür", — tröstet sie sich und ihn. „Gelobt sei Gott," sagt er ihr nach, — „doch das macht erst 120 Rubel," und seufzt wieder. „Nun warum seufzest du?" „So rechne doch nach," antwortet er „ein Rubel Mete in der Woche, macht 26 Rubel im halben Jahr.... Schuldig bin ich noch.... Hochzeitsspesen. . .." „Wieso?" fragt sie verwundert. Er lächelt. „Glaubst du wirklich, Närrchen, daß der Vater mehr imstande war als zuzusagen?" „Nun, weiter?" fällt sie ihm in die Rede. „Das wären" — setzt er seine Rechnung fort — 12 Rubel, zusammen schon 38. Was bleibt da fürs Essen?" Sie rechnet. „82 doch!" „Für 26 Wochen." „Nun was weiter" — wendet sie ein, — „mehr als drei Rubel die Woche." „Und wo bleibt Holz, Licht, Sabbate und Feiertage?" fragt er traurig. „Gott verläßt nicht" — tröstet sie, „ich kann ja auch etwas tun. Siehst du, da Hab' ich Zwiebel eingekaust. Eier werd' ich auch kaufen, sie sind billig. In einigen Wochen wird das Schock schon etwas teurer sein . . . Und dann rechne doch nach! Was kostet denn Holz und Licht? Rein nichts! Vielleicht einen Rubel die Woche . . . Bleiben noch immer . . ." „Und Sabbate! Und Feiertage? Was sprichst du, Kind?" Das . „Kind" klang so weich, so herzlich, so einschmeichelnd. „Nu, bensch doch, bensch'). Laß das Rechnen fi'rr morgen ... Es ist Zeit, schlafen zu geh'n." Sie schämt sich, senkt die Blicke und glaubt etwas gut machen zu müssen. „Du kommst so spät . . ." sagt sie mit zur Hälfte erkünsteltem Gähnen. „Närrchen," flüstert er, „ich komme doch geflissentlich spät. Damit wir zusammen essen 4) Als Fortsetzung ist zu denken: ... so will er die ganze Hand. Jüdisches Sprüchwort. s) Die frommen Juden waschen sich vor jeder Mahlzeit die Hände. Melandus. Beruf des Meland, Lehrers. 7) „Benschen", vom lateinischen benedicere stammend, heißt: segnen und im engeren Sinne: Das Tischgebet (Gebet nach Tische) sprechen. können. Verstehst doch? Sonst paßt es ja nicht. Du weißt doch ... ein Melamed!" „Nu, bensch doch, bensch!" rät sie wieder und schließt die Augen noch fester. Auch er macht die seinigen zu. Er will ani dächtig beten. Doch sie öffnen sich immer wieder. Er preßt die Lider fester zu. Aber immer bleibt eine schmale Spalte, durch die er sie sieht, in wunderfarbiger Beleuchtung. Er kann den Blick nicht von ihr lassen. Sie ist müde — denkt er und hat Mitleid Er sieht, wie sie sich höher auf das Bett htnauftückt und den Kopf an die Wand lehnt.! Sie wird so einschlafen, denkt er. Warum nimmt sie denn kein Kissen? Das ärgert ihn, aber er darf sich ja nicht unterbrechen. So brummt er bloß: „M . . . m . .!" Sie hört nicht. Er betet mit Hast. Endlich ist er fertig, erhebt sich und steht da, weiß nicht . recht, was er tun soll. Er ruft sie beim Namen: „Treine!" Doch so leise, daß sie davon nicht wach werden kann. Er tritt ans Bett und beugt sich über sie. Ein süßes Lächeln ist auf ihrem Gesichte ... Sie träumt wohl . . . Und wie schön sie lächelt. . . Eine Sünde, sie zu wecken! Mer das Köpfchen ' wird ihr wehtun . . . Was hat sie für Haare ' gehabt p) Bei der Verlobung hatte er sie gesehen — schwarze lange Haare . . . Jetzt kahl. Eine gestickte, dünne, durchbrochene Haube darüber . . . eine schöne Haube . . . Auch er lächelt. Nein, er muß sie doch wecken. Er beugt sich noch tiefer über sie, fühlt ihren Atem und saugt ihn gierig ein . . . Wie ein Magnet zieht sie ihn Unwillkürlich berührt er ihre Lippen mit den seinigen. „Ich schlaft ja gar nicht," sagt sie plötzlich, die schelmisch lächelnden Augen öffnend, schlingt ihren Arm um seinen Nacken und zieht ihn „Sorg' nicht!" flüstert sie ihm so süß und gut ins Ohr — „sorg' nicht, der gute Gott wird schon helfen ... Er hat uns doch zusammengebracht ... Er wird uns nicht verlassen. Es wird Holz da sein... und Licht... wir werden unser Auskommen haben . . . Alles wird gut werden . . . ganz gut . . . Nicht wahr, Jossele? Er antwortet nicht, er zittert am ganzen Sie rückt ihn ein wenig fort von sich. „Sieh' mich doch an, Jossel," verlangt sie plötzlich. Jossel will gehorchen, kann aber nicht. „Batlen," 0) sagt sie mit weicher Stimme, „noch immer nicht gewöhnt, wie?" Er will seinen Kopf an ihrer Brust liegen lassen. Sie wehrt ihn ab. „Warum schämst du dich, Batlen? Küssen darfft du, und schauen nicht?" Er will sie heftiger küssen, sie'läßt ihn nicht. „Schau' mich an, ich Litt' dich!" Jossel zwingt sich, die Augen zu öffnen, sie fallen bald wieder zu. „Ich bitt' dich," wiederholt sie noch weicher, noch sanfter. Erschaut. Jetzt schlägt sie .den Blick zu Boden. „Sag' doch, sag' mir, bitte die Wahrheit... bin ich ein schönes Frauchen?" „Ja" — raunt er ihr zu und sie fühlt seinen Atem noch heißer. „Wer hat dir's gesagt?!" Ich seh's doch selbst! Eine Königin bist du, eine Königin!" „Und sag' doch, Jossel," fragt sie weiter, „wirft du immer so sein?" „Wie meinst du, Treine?" „Ich meine" — ihre Stimme zittert — „so gut gegen mich?" „Wie denn?" „So lieb?" „Wie denn?" „Immer?" „Immer!" versichert er. „Wirst du immer mit mir zusammen essen?" Gewiß!" antwortet er. ') Bei den frommgläubigen Inden wird der Brant am Hochzeitstage ihr „eigenes Haar" abgeschnitten. 9) Batlon (batlan). Das Wort bezeichnet einen merkwürdig frommen Müssiggängertypns des östlichen Jndentums. Der Batlen ist unpraktisch nnd beruflos. aber auch ohne jede innere Bedeutung und harmlos. Hier allerdings als Zärtlichkeitswort soll Batlen nur das schüchterne ungefdjidte Wesen des Mannes bezeichnen. „Und wirst mich niemals anschreien?" „Niemals!" „Mich nie kränken? „Ich dich kränken? Ich dich?... Wieso? Warum?" „Weiß ich? Freidel sagt so —" „Was — die Hexe!" Er rückt näher. Sie rückt ihn noch immer zurück. „Jossele?" „Was?" „Sag' — wie heiß' ich?" „Pfui!" sagt sie mit schmollend verzogenen Lippen. „Treinischi" — verbessert er sich. Auch so gefällt» ihr noch nicht. „Treininju!" „Nein!" „Nun, Treine-Leben, Treine-Kron', Treine- Herz ... Jst's so schon recht?" „Ja! „sagt sie glückselig. „Mer. . ." „Was aber, mein Leben, mein Glück?" „Mer wenn . . . Jossel, hör. . wenn . Sie stammelt. „Wenn?" „Aber wenn vielleicht, Gott behüte, einmal nicht genug da sein wird ... wenn ich wenig verdienen werde... wirst du vielleicht dann schreien? ..." Ihre Augen haben sich mit Tränen gefüllt. „Gott behüte! Gott behüte! Niemals!" Er zieht ihr die Hände vom Gesichte fort und schließt ihr die noch offenen Lippen mit Küssen. „Hol euch der Teufel, verdammtes Volk!" tönt es von jenseits der spanischen Wand herüber — „Wie sich das küßt! Kein Auge kann man schließen ..." Es ist Freidel» heisere, spitze, giftige Stimme. Humor nnd Satyre. Die verrückte Stunde. Ein Jeschiwo-Bochur verlangte vom Schadchen eine schöne, reiche und vornehme Braut. „Denn alle diese Eigenschaften gehen ja mir ab," meinte er aufrichtig. „Ich Hab' ein Mädchen fiir dich," sagte der Vermittler, „ganz wie du es willst. Doch einen Fehler „E i n Fehler macht nichts aus. Sagt, was ist's?" „Sie ist eine Stunde im Jahre verrückt." „E i n e Stunde im Jahr, das ist ja gar nichts. Ich bin dabei^ Verliert keine Zeit und nehmt die Sache sofort in Angriff." „Sofort gehts nicht," sagt der Schadchen mit ernster Geberde, du mußt ein bischen Geduld haben. Einen Bräutigam wie dich werde ich ihr erst Vorschlägen können, bis die verrückte Stunde über sie kommt." Didelfest. Frommer: Warum entweihst du den Sabbath? Du sollst doch wissen, daß er ein Geschenk Gottes ist. Freigeist: Jawohl, aber König Salomo hat gesagt: „Wer Geschenke haßt, lebt lange". Indischer Sport. Tnrncn. Anfangs Oktober beginnt beim I. Wiener Jüdischen Turnverein, I., Mölkerbastei 5, das regelmiißige Turnen im gründlich restaurierten Turnlokale. Turnzeiten: Für das Herrenturnen Montag und Donnerstag von */»8 Uhr bis 0 Uhr, für das Damenturnen Mittwoch und Samstag von 7 Uhr bis >/,9 Uhr abends und^fiir das Kinderturnen Dienstag und Freitag von ö bis Die Ausnahme erfolgt, am Turnplätze in den Tnrn- Nach dem vom kaiserlich deutschen statistischen Amt herausgegebenen statistischen Jahrbuch fiir 1806 zählt Mitglieder die „Deutsche Turnerschaft" am 1. Januar 1906 757.110 der „Arbeiter-Turnerbund" 1905 67.71 > der „Verband poln. Sokolvereine" in Deutschland 3.139 die „Jüdische Turnerschaft" am 1. Januar 1906 629 Diese Mitglieder verteilen sich in der „Deutschen Turnerschaft" auf 7.213 im „Arbeiter-Turnbund" „ 783 im „Sokolverband" „ 113 in der „Jüd. Turnerschaft" (im deutschen Reich) „ - Die Zahl der turnenden Juden in Deutschland ist natürlich um ein vielfaches größer als die Mitgliederzahl der Jüdischen Turnerschaft, da die Juden heute noch sehr stark in der deutschen Turnerschaft vertreten sind. Korrespondenz der Redaktion. Herr E. V. in Wien. Leider kam Ihre Einsendung, als schon etwas über die konfessionelle Schule für das Blatt vorlag. Zu einer eigentlichen Polemik gegen die „A. Z." haben wir keinen Anlaß. Man weiß allgemein, daß sie in Hinsicht auf die Judenfrage von vorgefaßter und lange schon nicht überprüften Anschauungen ausgetzr. Endlich werden sich die Herren ja auch hierin zum Revidieren entschließen müssen. Wir wollen es in Geduld abwarten. — Wie ivir über das Hebräischlernen denken, haben wir schon gesagt und werden noch mehrfach darauf zurückkommen.