Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 5 (3.10.1906)
- Date
- 1906-10-03
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Neue Zeitung Nr. 5 Diese starke Bevölkerungszahl der Juden in Scordungarn rührt von der Einwanderung aus den benachbarten Ländern, hauptsächlich Mähren und Galizien, her. In Mähren war die Anzahl der tolerierten Judenfamilien vor der Emanzipation gesetzlich fixiert und durste nicht erhöht werden. Ehebewilligungen wurden nur an erstgeborne Söhne erteilt, und die jüngeren Söhne waren bemüssigt auszuwandern, wenn sie eine rcchtsgiltige Ehe eingehen wollten. Sie wendeten sich am liebsten in das benachbarte Ungarn, wo die Juden nur wenigen Beschränkungen bezüglich ihren Freizügigkeit ausgesetzt waren. Diese mährischen Emigranten legten in Oberungarn den Grundstock zu jetzt blühenden Judengemeinden und verpflanzten in dieselben die religiösen Zeremonien ihren Heimat. Ihre Tempel wurden vielfach nach dem typischen Muster der alten mährischen Tempel gebaut. So wies der im Vorjahre umgebaute Tempel in O-Tura (Komitat Neutra) eine stappante Aenlichkeit mit der alten, derzeit wegen Baufälligkeit nicht mehr benützten Synagoge in Holleschau aus. Die Tochterstadt' der mährischen Judendgemeinde Ung.-Brod, die oberungarische Stadt Waag-Neustadtl (Vag-Ujhely) wurde eine der größten Judengemeinden im Waagtale, die Juden daselbst bllden mehr als die Hälfte der gesamten städtischen Bevölkerung und erhalten bereits seit vier Jahrzehnten die einzige jüdische Realschule in Ungarn. Nach dem nordöstlichen Ungarn (in die Hegyalja) sind die Juden aus dem benachbarten Polen eingewandert und haben gleichfalls ihre von dort mitgebrachten religiösen Zeremonien zum großen Teile bis auf den heutigen Tag beibehalten. Derzeit ist die größte ungarische Judengemeinde die Metropole des Landes, Budapest, mit 168.000 Einwohnern. An Budapest reihen sich als die nächstgrößten Judengemeinden Großwardein, Miskolcz, Nen-Pest und Preßburg. Die Juden in Ungarn sind auf 2548 Kultusgemeinden verteilt, nämlich 560 „Muttergemeinden" und 1988 „Filialgemeinden", welch letztere volle Autonomie genießen, jedoch keine eigenen Rabbiner besitzen. In Kroatien und Slavonien befinden sich 26 Kultusgemeinden. Die ungarischen Kultusgemeinden sind in 26 Gemeindeverbände eingeteilt, welche je nach der Anzahl der in Betracht kommenden Gemeinden ein oder mehrere (bis 6) Komitate umfassen. Die Juden in Ungarn gehören fast allen Berufen an. In den armen ruthenischen Gegenden im ILordosten bilden sie einen großen Teil der Fabrikarbeiter und anderer untergeordneter Berufsklassen. In den Städten find sie die Träger des Handels und der Industrie, welche sie fast ausschließlich in Ungarn begründet haben, auf dem Lande befassen sie sich mit Agrikultur. Einen besonders großen Prozentsaß bilden die Juden in den geistigen Berufen. Unter den Journalisten sind 89.6% unter den Aerzten 48.3% unter den Advokaten 34.1% Juden. In Budapest allein find von 1075 Aerzten 635 Juden, von 1069 Advokaten 616 Juden. Geringer ist die Zahl der Juden im Staatsdienste, welcher seit jeher eine Domäne der Gentry bildete. Im Allgemeinen sehen wir, daß die Juden auf allen Gebieten zur Hebung des allgemeinen Wohlstandes in erheblicher Weise beigetragen haben. Wochenschau. In Czernowitz beschließt der Knltusvorstand den Bau eines monumetälen jüdischen Volkshauses — des ersten seiner Art. Zn Bialystock, Odessa und anderen russischen Städten herrscht Pogromschrecken. Maflenauswanderung russischer Juden. Die „Männer des russischen Volkes" sind die Herren Rußlands. Hof und Minister gehorchen ihnen willig. Die letzte Karte des Zaren, der übrigens noch — schwimmt. Gebet für die Opfer der Pogroms. Bei dem Llaskir am vergangenen lorn-Rippnr wurde in allen Bethäusern der Wiener israelitischen Kultusgemeinde ein hebräisches Gebet für unsere m Rußland unschuldig gemordeten Stammesbrüder und -Schwestern verrichtet. Das Gebet lautet in deutscher Übersetzung: „Allmächtiger, voll Erbarmen, der Du den Trauernden Trost gewährest, Schirm und Hilfe Deines Volkes, des kleinsten unter den Völkern, der Du rettest den Verfolgten aus der Gewalt seiner Feinde, gedenke an diesem heiligen Tage auf Deinem erhabenen Throne der Seelen jener Tausende der Gemeinde Israels, die in Geradheit und Herzenseinfalt hinieden wandelten und die in den jüngsten Tagen in Rußland, dem Schauplatz der blutigsten Verfolgungen, für die Heiligung Deines Namens ihr Leben hingegeben haben: Männer, Frauen und Kinder fielen in ungezählter ■ Menge der Grausamkeit zum Opfer, durch Mord und Raub sind die Häuser verwüstet und zerstört, das vergossene Blut unserer unschuldigen Brüder schreit zum Himmel, der Jammer der verfolgten Juden dringt an Dein Ohr und Du vernimmst ihr Klagen in den Höhen, Dein Auge schaut vom Himmel auf die Tränen, die gleich Bächen herabrieseln von den eingefallenen Wangen der Bedrücktenl Unsere Gemeinde sendet ihr Gebet für jene Märtyrer zu Dir empor und opfert Liebesgaben aus dem Altar der Barmherzigkeit und Menschenliebe, um das Los der Hinterbliebenen Witwen und Waisen zu lindern, die zerstörten Existenzen auszurichten, die Hungrigen zu sättigen und die Nackten zu bekleiden. Nimm Du, o Herr, diese Opfer gnädig auf und schenke darob allen Angehörigen unserer Gemeinde ein langes und glückliches Leben, nimm sie in Deiner Versöhnung in Gnaden auf, wie den reuigen Sündern die ewige Erlösung-verheißen ist." W. Gegeu die jüdischen Italiamjsirni. Triest, 22. Sept. 1906. Wie überall in Oesterreich die assimilatorischen Juden mit vollständiger Verleugnung ihrer eigenen nationalen Individualität fremdnationalen Chauvinisten Heeresfolge leisten und so den Antisemitismus züchten, so geschieht dies auch hier in Triest. Unter den fanatischesten Jtalianissimis in den Reihen der irridcntistischen Schreier finden wir auch Juden; die Folge davon ist der A n t i s e m i t i s m u s bei Deutschen, Slovenen und den konservativen Italienern. Die letzten Demonstrationen iir Triest sind nur ein Symptom der korrupten und total unhaltbaren Zustände in Triest. Triest ist keine italienische, sondern eine italienisch-deutsch-slovenische Stadt (speziell die ganze Umgebung ist südslaoisch). Trotzdem haben die 20.006 Slovenen bis heute keine einzige Volksschule, während von italienischer Seite gerade in Triest die Errichtung einer ausschließlich italienischen Universität, von den Jrredentisten sogar die Einverleibung in Italien gefordert wird. Wahrlich, dies ist alles nur darum möglich, weil in Triest auf Grund eines ultrareaktionären Wahlgesetzes die Herren Stadtoäter in den Besitz ihrer Mandate gelangen können. Diese pseudoliberale Coterie würde aber weggefegt werden, wenn mau die Triester Bevölkerung auf Grund des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes zur Wahlurne berufen würde. Die Wohnungsnot und der Lebensmitrelwucher, die Mißwirtschaft beim Lloyd, die sanitären Verhältnisse liegen der gesamten Triester Bevölkerung ohne llnterfchied der Nation mehr am Herzen, als die chauvinistischen Schreiereien der irridentistischcn Utopisten. Darum ist hier der Nährboden, für die . stets anwachsende wirtschaftliche Oppositionspartei vorhanden, welche zur ausgesprochen antisemitischen Herrs-baft wie in Wien führen muß, wenn die derzeit dominierenden Kreise unter den Triester Juden nicht einen Frontwechsel vollziehen oder andere Männer die Führung unter den Triester Juden ^übernehmen, die es besser verstehen, die jüdischen Jntereyen mit denen der Italiener, Deutschen und Slovenen sowie mit der Tatsache in Einklang zu bringen, daß Triest eine national gemischte österreichische Stadt ist und bleiben muß. Ein Triester Jude. Gm jüdisches Uollrshaus in Crernowih. So heißt es zwar noch nicht, — vielmehr mit unnötiger Bescheidenheit ^Gemeindehaus" — ist es aber, bezw. soll es werden. In der Sitzung des Kultusrates vom 24. September wurde der Bau eines monumentalen jüdischen Gemeindehauses nach dem Plane des Baumeisters B o chn e r beschlossen. Der Vorsitzende, Reichsratsabgeordneter Dr. S t r a u ch e r, dankte dem Baumeister. Dann aber erfolgte über Anregung des Kultusvorstehers Wilhelm T i 11 i n g e r eine Kundgebung für den Vorsitzenden Dr. Strauch er, der einer der rastlosesten Förderer der Idee des Jüdischen Volkshauses war und ist. Hoffentlich erachten es die Inden als ihre noüonale Pflicht, zum Baufond beizutragen. So wird sich in Czernowitz das erste steinerne Symbol der nationalen Gleichstellung der Juden mit den anderen österreichischen Völkern erheben. Hoffentlich folgen bald andere Gemeinden nach. Zur Nachahmung empfohlen. Rzeszow, den 25. September 1906J Die Juden, welche die polnischen Theatervorstellungenbesuchen — jüdische gibts leider selten — müssen sich von den Schauspielern vieles bieten lassen. Sie werden für ihr Geld noch verhöhnt und in ihren heiligsten Gefühlen verletzt. Und sie lassen sich dies ruhig gefallen — ohne Mut, den innerlichen Protest auszusprechen. Manche, die nicht als Juden erkannt sein wollen, klatschen sogar Bravo. Aber unsere Rzeszower Juden sind nicht mehr so zahm, der nationale Gedanke hat sie, namentlich die Jugend, widerstandslustig gemacht. Schon im vorigen Jahre ließ man den bekannten polnischen Komiker und Antisemiten Selewicz, als er einen jüdischen Studenten karikieren wollte, nicht ausspielen. Und diese Woche wurde einem anderen Komiker, Arthur Zawadzki aus Warschau dasselbe Schicksal zuteil. Er führte einen jüdischen Wucherer vor, erfrechte sich dabei aber, die jüdische Geschichte zu verhöhnen. Es entstand ein großer Lärm im Saale. Pfuirufe wurden laut, so daß die Vorstellung unterbrochen werden mußte. Bemerkenswerterweise schrieen die anwesenden polnischen Sozialisten: „Schlagt die Juden, was haben sie da dreinzureden?" Zur zweiten Vorstellung erschien kein einziger Jude mehr. Der Sokol-Saal war fast leer. Zawadzki trat auf und erklärte, das Beanstandete nicht mehr zu geben. Möchten doch die Juden überall in Polen diesem Beispiele folgen. Dann würden diese ewigen Verspottungen vielleicht doch aufhören. Mwu. Me Schneiderrmssprrrimg in Lemberg. Der Lohnkampf zwischen den Lemberger jüdischen Schneidern und den Konfektionären, denen sich bedauerlicherweise die Meister angeschlossen haben, dauert noch immer an und ist zu besonderer Heftigkeit gediehen. Zuerst waren nur 300 Damenschneider ausgesperrt, jetzt sind auch ebensoviel Herrenschneider ausgesperrt worden, so daß schon 600 Arbeiter im Kampfe stehen. Bei einer von der jüdischen sozialdemokratischen Partei einbernfenen Versammlung erklärten sich die jüdischen Bäcker, Tischler und Schuster, sowie die organisierten jüdischen Arbeiterinnen bereit, nötigenfalls in einen Sympathiestreik zu treten. Es wurde folgende Resolution angenommen: „Die Versainmlung drückt den streikenden Arbeitern ihre Sympathie aus. Sie verdannnt das schändliche Vorgehen der polnischen sozialdemokratischen Partei, die sich auf Seite der Ausbeuter gestellt hat, indem sie die kämpfenden Arbeiter vor der Oeffenrlichkeit zu diskreditieren bestrebt ist." Hüberr und Ärmsten die Gleichen. Man schreibt uns aus Warschau: Unter Witte wurde eine Kommission von polnischen Notabeln unter Vorsitz des damaligen Vizepräsidenten von Warschau, Hessen, eingesetzt, die einen Gesetzentwurf' über die städtische Selbstverwaltung in Polenausarbeitcn „sollte. Nach manchen Fährlichkeiten ist die Kommission mit ihrer Arbeit nunmehr fertig geworden. Die Grundsätze sind in letzter Redaktion angenommen worden. Die Gesetzwertung hängt von der Duma ab. Aber wann ... und ob? Jedenfalls ist es interessant, den ,§ 21 kennen zu lernen. Er lautet r Das Wahlrecht hat jedes Mitglied der Stadtgemeinde, das heimatsberechtigt, 25 Jahre alt ist und polnisch lesen und schreiben kann. Schon das „heimatsberechtigt" ist auffällig. Vielleicht sinnen gar die edlen Polen darauf, die Juden ä la Roumaine zu behandeln. Das Kostbarste aber ist die Sprachbedingung. Man bedenke nur, daß sich nach der Volkszählung von 1897 unter der ganzen jüdischen Bevölkerung von Polen nur 1-98% fanden, die polnisch als ihre Muttersprache angaben und nur 14% polnisch lesen und schreiben konnten. Die übrigen beherrschen nur ihre jüdische Muttersprache und sollen deshalb vom Wahlrecht ausgeschlossen bleiben. Bezeichnend ist auch, daß dieser odiose Paragraph infolge jüdischer Gegenagitation in der Zeit der Dumawahlen aus dem Entwürfe gestrichen, dann wieder in ihn ausgenommen wurde . . . Alles, alles echt polnisch! Ganz richtig bemerkt „Dos jiddische Folk" zu dieser Sache, wie überhaupt zur jüdisch-polnischen Frage: „Wir müssen uns ordentlich unser Recht sichern, bevor noch die Autonomie in Polen eingesührt wird. Darauf müssen wir unsere Bemühungen bei den zukünftigen russischen Gesetzgebern richten. Zur Zeit da Territorien bestell werden, dürfen Nationen nicht geknechtet werden." Die französischen Falscher gelten keine Ruhe. Vor einigen Tagen konnte man an allen Straßenecken von Paris ein riesiges Plakat mit der Aufschrift: „An das französische Volk!" lesen. Es begann mit den Worten: der Kassationshof hat das Gesetz gefälscht, um den Juden Dreyfus zu rehabilitieren! Hiefür wird dann ein plumper „Nachweis" erbracht. Den Schluß bilden selbstverständlich heftige Schmähungen gegen den Major Dreyfns. Es wird allgemein angenommen, daß das Plakat von der bisher nur als liberalen (lies: klerikalen) Wahl-