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Neue Zeitung · 1906-10-03 · Heft 5 (3.10.1906) · p. Seite 3

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1906
Issue
Heft 5 (3.10.1906)
Date
1906-10-03
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 5 Neue Zeitung Seite 3 Wahlbezirke und die Sicherung der Wahl durch die entsprechende Anlegung der Wählerliste, Zusammensetzung der Wahlkommissionen, insbesondere Oeffentlichkeit der Wahl und des Skrutiniums bei geheiiner Abstimmung. Führen Sie sodann eine Deputation aus allen Teilen des Reiches vor die Regierung, eventuell auch vor Se. Majestät, um die vom Kaiser dem jüdischen Volke gewährte Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit bei der Wahlreform aufrecht zu erhalten, um die Forderungen des Volkes zu vertreten. Die Arbeit, die wir jetzt vollbringen werden, wird auch in anderer Beziehung fruchtbringend sein. Sie wird ein groß angelegter Protest gegen den Wahlschwindel bei der letzten Reichsratswahl sein, dessen moralischer Erfolg entschieden auf unserer Seite ist und dem künftigen Wahlschwindel Vorbeugen. Sie wird aber auch das Präludium für die kominenden Reichsratswahlen abgeben und schon jetzt unsere Kräfte sammeln und im Kampfe stählen. Lassen Sie das Volk nicht länger aus dieses Zeichen warten, lassen Sie die Armee nicht im Stiche. Benützen Sie die kurze Spanne Zeit, die uns noch gegeben ist; denn dieser Moment, welcher unser Schicksal für lange Zeit hinaus bildet, kehrt nicht wieder. Jetzt, da die Wahlkreiseinteilung fiir Galizien noch nicht einmal im Wahlreformausschusse definitiv erledigt ist und deshalb die jüdischen Wahlbezirke in Galizien ohne größeren Kraftaufwand vermehrt und verbessert werden könnten, ist Eile dringend geboten. Laden Sie nicht die schwerste Schuld auf sich, durch Ihr Schweigen das Wehe der Juden nicht abgewendet zu haben. Erfüllen Sie Ihre Pflicht und das Volk wird auch seine Pflicht erfilllen. Czernowltz, im September 1906. Der Appel! an die Mett.*) Ern sehr merkwürdiges Telegramm hat der Vorstand der jüdischen Gemeinde in Berlin an den Reichskanzler Fürsten B ü l o w gesandt. Er -ersucht nämlich den Minister, soweit es die Interessen des deutschen Vaterlandes gestatten, den bedrängten Juden in Rußland seinen Beistand zu gewähren. Der Berliner jüdische Gemeindevorstand anerkennt also ausdrücklich die Möglichkeit, daß irgend ein deutches Reichs- oder Volksinteresse gefährdet werden könnte, wenn Deutschland den regierenden Mördern in Rußland das Handwerk legte. Eigentlich sollten die Berliner Herren nicht nur wegen ihrer mangelnden Wärme angesichts jüdischen Leides, sondern auch wegen Beleidigung der deutschen Nation zur Verantwortung gezogen werden. In jedem Falle ist das Berliner Bittelegramm bezeichnend für die Aussichten, die das Projekt einer gesamtjüdischen Versammlung hat, wenn sie als Kongreß der Gemeinden gedacht ist. Die jüdischen Gemeindeverwaltungen drücken leider nicht immer das jüdische Volksempfinden und den jüdischen Volkswillen aus. Die „Times" widmete in einer ihrer letzten Nummern der Depeschen die das zionistische Aktionskomitee an den englischen König bezüglich der Siedlceer Greuel gerichtet hat, einen sympathischen Leitartikel, in dem dieses Gesuch, zusammen mit den Vorstellungen, welche die Vertreter der englischen Judenheit gemacht haben, besprochen wird. Es ist bezeichnend, daß das einflußreiche Cityblatt den Gedanken einer Intervention nicht mehr so stemdartig findet, wie früher. Die Stellung, die es jetzt zu dieser Frage einnimmt, sticht vollständig von den lauen Erklärungen ab, die der Minister der auswärtigen Angelegenheiten seinerzeit, anläßlich des Bialstoker Massakers, im Unterhaus gemacht hat. Siedlce scheint einen gewissen Umschwung hervorgerufen zu haben und der Gedanke, daß eine gesamtjüdische Versammlung heute von Erfolg gekrönt sein müßte, liegt daher umso näher. Der „Jüdische Arbeiter", Zentralorgan der „P o a l e j Z i o n" in Oesterreich hält den Gedanken für gut und leicht ausführbar. „Dos jiddische Folk", offizielles Organ . der russischen Zionisten macht von dem Vorschläge Mitteilung und stimmt der Forderung zu, daß das Gewissen der Welt geweckt werden müsse. Der in New-Aork in jüdischer Sprache erscheinende sozialdemokratische „(bundistische") „V o r w ä r t s" schreibt unter anderm: „Das jüdische Volk wird dezimiert — und ganze Städte werden umgebracht — die zivilisierte Welt kommt nicht zur Hilfe. Und unsere hiesige, amerikanische Republik tut wie alle Anderen. In Alles mischt sich Präsident Roosevelt ein. Aber wenn man die Juden zu tausenden ermordet, schweigt er. Der Kubaner nimmt sich der Regierung in Washington an, aber wegen der zahllosen hingeschlachteten Juden wird keine Stimme laut. Man führt unsere Brüder in Rußland zur Schlachtbank — und keine Hilfe, kein Mitleid! Kein Ruf und kein Echo!" Die ebenfalls in New-Dork in jüdischer Sprache erscheinende „I i d dis ch eG a z e t ten", ein zionistisches Blatt, kommt meinem Vorschläge ganz nahe. Sie schreibt unter anderm: „ ... Wir zweifeln aber, ob die Völker etwas werden tun wollen, wenn die Juden schweigen. Die Inden verstehen gar nicht die Bedeutung von Siedlce. Sie vergleichen es mit Kischinew, Odessa und Bialystok, während es eine ganz andere Gefahr darstellt. Die Juden fühlen gar nicht, daß wir, wenn Siedlce für die russische Regierung ungeahndet vorüber geht, unserem Volke in Rußland einen Grabstein setzen können. Was schweigt Ihr, Juden? Wie könnt Ihr essen, trinken, schlafen. Euch unterhalten, wo das Henkerbeil der russischen Regierung über unserem Volke schwebt! Eine offene Frage muß an die R e g i er u n g e n gerichtet werden: Wollt Ihr unglückliche Menschen von einer regulären Armee umbringen lassen, oder nicht? Ein Ruf, ein starkes menschliches Wort von Euch kann tausende oder Millionen unschuldige Opfer retten. Wollt Ihr helfen? Ihr könnt es! Das müssen die Juden in die Welt hinausschreien!" Und wo und wie kann dieser Schrei besser, wirkungsvoller Hallen — füge ich diesen wackeren Worten hinzu — als in einer großen geschichtlichen Versammlung der Vertreter des g anzen jüdisch en Volkes? Und noch einmal rufe ich Allen, die es angeht, zu: Berufet diese Versammlung ein! Bald! Ehe es zu spät wird! Werdet Eurer Verantwortung Semrgnug in der chafirdischr« Jugend. Seit kurzem gährt es in der chassidischen Jugend Galiziens. Sie ist in Bewegung gelangt, und diese verdient besondere Aufmerksamkeit, weil es sich um eine Schichte handelt, die man im jüdischen Volke sehr wenig kennt und die bisher vom Leben ganz abgeschnitten war. Die chassidischen jungen Leute kannten nur die vier Wände der „Klaus", das Lass hamidroseh und ähnliche Anstalten, in welchen sie den ganzen Tag mit Talmudstudien verbrachten. Sie lernten keinen Beruf, der sie hätte ernähren können, verkrüppelten zu Karikaturen und bildeten die Riesenarmee von Krämern und Schnorrern verschiedenen Ranges. Wer allmählich drang die Zivilisation auch in diese abgeschlossene Schichte ein. Den größten Einfluß übte seinerzeit die „Hasskala“ (Aufklärung) aus. Man begann hebräische Bücher zu verfassen, die die Jugend aufklärten und zum Kampf mit dem Fanatismus aneiferten. Hier wäre besonders Jsak Erters „Hazojfe l’bejss Jissroel“ zu nennen. Viel wirkte auch die Mendelssohnsche Bibelübersetzung, die den Lernbegierigen die deutsche Sprache zugänglich machte. So hat ja z. B. der bekannte Schriftsteller und Dichter jener Zeit, Nastali Herz Wiesel, die deutsche Sprache aus Mendelssohns Uebersetzung erlernt. Da das Talmudstudium der chassidischen Jugend einen Scharfsinn anerzogen hatte, wie er in anderen Schichten des Volkes nicht zu finden war, eignete sie sich die neuen Lehren sehr leicht an. Und nur die äußeren Verhältnisse, unter welchen diese Kulturkämpfer zu ringen gezwungen waren, boten Schwierigkeiten. Sie mußte den neuen Weg buchstäblich mit Lebensgefahr, mit schweren Verfolgungen erkaufen. Die schlimmste war die Entfernung aus der „Klaus". Der hinausgestoßene junge Mann hatte seine ganze Existenz verloren, denn unter seinesgleichen konnte er nicht mehr kommen, und irgend eine Arbeit zu beginnen war es zu spät. Nur einzelnen war es vergönnt, nach dem Westen zu entfliehen, sich auf den Universitäten und in den Rabbinerschulen eine Höhere Bildung anzueignen und sich so auch eine Existenz zu sichern. Diese einzelnen waren aber auch die wichtigsten dieser wichtigen jüdischen Schichte, durch die sie einen großen, nicht gering zu schätzenden Einfluß auf das Judentum ausübte. Diese wahrhaft jüdische Intelligenz, die dem Uejss bamidroseb und dem lesebiwojss entstammt, arbeitete nicht wie die andere, die pseudojüdische Intelligenz fiir den Untergang des Judentums, sondern für seine Aufklärung und Erleuchtung. Sie, — in einer reinjüdischen Atmosphäre erzogen, mit jüdischer Wissenschaft bekannt, von Liebe zum jüdischen Volk erfüllt, — war es, welche dem Judentum neue Ideale schuf. Sie hat den größten Anteil an der jüdischen Renaissance. Denn sie hat eine neuhebräische Literatur ins Leben gerufen. In Rußland war es Perez Smolensky, der den jüdischnationalen Gedanken aussprach. Und so liegen die Verhältnisse bis auf den heutigen Tag — nicht besser und nicht schlimmer: Ein Teil der Jugend steckt im Sumpfe des Fanatismus, der andere studiert insgeheim und leidet Verfolgungen und einzelne entfliehen nach dem Westen. Ein einheitliches Streben hat es bis heute nicht gegeben. Niemand kam auf den Gedanken, diese wertvolle jüdische Kulturgruppe, die u. a. auch dem Zionismus, namentlich auch in Rußland, hervorragende Vorkämpfer schenkte, — ich erinnere nur an Sokolow, Lewin, Lilienblum, Achad haam — zu organisieren. Und doch lag der Gedanke einer solchen Organisation, die für die geistigen Bedürfnisse der genannten Schichte Sorge tragen, die in ihr ruhenden Fähigkeiten wecken, pflegen und vervollkommnen soll, so nahe! Erst im Winter dieses Jahres schritt man in Rzeszow (Galizien) an dieses Werk, indem ein Verein ^HaLebaebar^ („Morgenröte") gegründet wurde, der einen Aufruf veröffentlichte, in welchem die chassidische Jugend zur Organisierung aufgefordert wird. Der Aufruf hatte den Erfolg, daß sich auch bald in anderen galizischen Städten, so in Tarnow, Przemysl, Tarnopol, Gorlice, Lancut, „8asebaebar"-Vereine bildeten. Demnächst soll eine Monatsschrift herausgegeben werden, die die chassidische Jugend über ihre Aufgabe und Stellung im Judentum belehren soll. Die neue Organisation ist keine politische. Sie steht auf dem Boden des Baseler Programms, jedoch nicht im Widerspruche zu irgend einer jüdischen Partei. Sie hat lediglich den Zweck: Die chassidische Jugend, als die durch Erziehung und Wissen berufene Trägerin der jüdischen Kultur, fiir diese ihre Aufgabe durch Einführung in die moderne europäische Bildung vorzubereiten. Rzeszow, den 19. September 1906. Moses Wiesenfeld. Der Verfasser obigen Artikels, der Präsident des in diesem genannten Vereines „Haschachar" ist, richtet auch an das jüdische Publikum die Bitte, der neuen Organisation moralisch und materiell beizustehen. Die hebräischen Schriftsteller werden um passende Beiträge für die zu gründende Monatsschrift ersucht. Wir können diese Bitte nur aufs Wärmste befürworten. Die Redaktion. Statistisches «der die Inden in Ungarn. Von Dr. Theodor Haas (Brünn. Die Länder der ungarischen Krone zählten zu Ende des Jahres 1904 unter 20 Millionen Einwohnern ungefähr 900.000 Juden, sohin zirka 4.50/a der gesamten Bevölkerung. Die ungarischen Juden sind territorial in einer solchen Weise verteilt, daß sie in den an Galizien angrenzenden ruthenischen Landesteilen, im Nordosten, den stärksten, in den ehemaligen siebenbüraischen Komitaten den schwächsten Prozentsatz bilden. In großer Anzahl wohnen die Juden in den nordwestlichen slovakischen Komitaten Trencsen, Neutra und Preßburg. *) Siehe die Nummern 2, 3, 4 unseres Blattes.

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