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Neue Zeitung · 1906-10-03 · Heft 5 (3.10.1906) · p. Seite 2

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1906
Issue
Heft 5 (3.10.1906)
Date
1906-10-03
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Sette 2 Neue Zeitung Nr. 5 In konstitutionellen Staaten gipfelt alle Politik in dem Streben, eine ausreichende Vertretung in den parlamentarischen Körperschaften zu erlangen. Denn nur sie sichert den notwendigen Antell an der gesetzgebenden Arbeit. Das muß auch unser Streben sein. Und es ftagt sich nur, was für uns ausreichend ist. Die Frage hängt mit einer andern, nämlich mit der zusammen, was für Aufgaben jüdische Abgeordnete als solche im Parlamente haben. Shm sicherlich nicht die, allein für sich irgend eine Wellanschauung,irgend eine poliüsche Ueberzeugung zur Mehrheit zu bringen. Das müssen sie schon mit nichtjüdischen Kollegen zusammen tun, und sie werden dabei wohl auch nicht immer alle auf derselben Seite zu finden sein. Ihre spezifische Aufgabe kann vielmehr nur darinbestehen, die Wohlfahrts- und Kulturinteressen des jüdischen Stammes in Oesterreich szu vertreten. Die jüdischen Abgeordneten werden die jüdischen Existenzen gegen die Ränke und Gewalttaten der ganzen und halben Antisemiten zu schützen und werden zugleich dafür zu sorgen haben, daß sich das jüdische Volkstum, die jüdische Eigenart ftei, unabhängig und selbständig ausleben kann. Es fehlt nun nicht an Sümmen, welche verkünden, daß in keinem Falle an eine Ziffer jüdischer Vertteter gedacht werden könne, die einer so ungeheueren Aufgabe gewachsen wäre. Die höchst erreichbare Zahl sei noch immer zu klein. Diese Meinung übersieht zwei wichtige Momente: Das moralische Gewicht einer Volksdelegaüon namentlich wenn diese es versteht, sich dieses Gewicht zu verschaffen, und die Möglichkeit der Bündnisse. Immerhin aber enthält sie einen Wahrheitskern, der sich in die einfachen Worte kleiden läßt: „Je mehr, desto besser, — desto sicherer!" Von diesem Grundsätze müssen wir uns leiten lassen, nach ihm müssen wir uns ideal- und realpolitisch einruhten, nach ihm müssen wir uns unser Programm in dieser Frage stufenförmig aufbaucn: Nie und nimmer dürfen wir auf die Forderung der nationalen Kurien für alle österreichischen Völker und für uns unter ihnen verzichten. Keine andere Form, als das selbstständige Wählen jeder Natton, kann geeigneter sein, auch uns Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Sie ist die einzige Form, die auch, uns soviel Abgeordnete verbürgt, als uns nach unserer Anzahl im Staate zukommen. Die einzige, welche die Schwierigkeit, die sich aus der Art unserer Ansiedlung im Reiche ergibt, besiegt. Und sie ist obendrein die gerechteste auch für alle Völker, sie ist die berufene und unausweichliche Einleiterin und Begleiterin der naüonalen Autonomie, dieser ebenso unausweichlichen Zukunft Oesterreichs. Lassen wir uns nicht von Dogmaükern beirren, die in ihrer Mißachtung oder wenigstens Unterschätzung des naüonalen Moments in der Weltgeschichte dienaüonale Kurie als künfüge Hochburg des Chauvinismus verschreien, während sie alle Vorbedingungen in sich ttagen wird, um einen es. Anfangs zögernd und verlegen, dann sicherer, steier, ja wie selbstverständlich. Früher wattete er, bis ich ihm etwas anbot. Jetzt kommt er und fordett. Manchmal denke ich: Wie roh, wie brutal! Dieser Mensch sieht meine ärmliche Humanität als Pflicht an! Das hat mich lange gekräntt — —. Aber ich kann ihm nicht grollen und bin jetzt bis zum Verstehen gelangt. Und fühle mich schuldig: ich habe diesem Menschen nichts gegeben, ich habe ihm genommen. Habe sein Bestes, den festen Bau seines Stolzes mit meiner „Güte", meinem Mitleid unterwühlt. Vielleicht wäre er verdorben, gestorben, vielleicht; vielleicht auch nicht-. Was wir so „Wohltat" nennen, ist mehr ein Nehmen, denn ein Geben. Dem Stückchen Brot das du dem Armen gibst, bringt er — wie oft! — sein Ich, sich selbst, zum Opfer-Wie habe ich diesen Menschen geliebt, als er hungerte! Max Schacherl. zivilisietten moäus vivendi zwischen den verschiedenen Naüonen zü unterstützen.*) Man behauptet auch, daß das pro Portionelle Wahlverfahren, das Recht der Mnderheit auf Berttetung, denselben Dienst tut. Dies ist nicht der Fall. Der „Proporz" ist sicherlich dort von den segensreichsten Folgen begleitet, wo nationale Einheit herrscht. Aber bei naüonäler Mannigfalügkeit braucht er die. nationale Kurie als Ergänzung, da er sonst gerade den naüonalen Zwist verschärft. Immerhin käme er an Ergiebigkeit für uns der naüonalen Kurie am nächsten. Und da eine gewisse Möglichkeit besteht, ihn noch für die gegenwärtige Wahlreform zu forzieren,so muß ihn die nationaljüdische Agitaüon mit allem Nachdruck fordern. Sind wir als Volk noch nicht anerkannt, so sind wir doch als Minderheit eine notorische Tatsache. Als solche wollen wir vertteten sein und als solche die Forderung aller anderen Minderheiten zu der unsrigen machen. Melleicht, wenn wir die Agitation im größten Maßstabe entfalten, und wenn sie vielleicht auch noch von anderer Seite einsetzt — vielleicht läßt sich dann noch etwas richten. Aber wir dürfen auf dieses schwierige vielleicht nicht bauen, wir dürfen chm zuliebe nicht das zugänglichere Vielleicht vernachläßigen. Wir müssen darauf gefaßt sein, daß weder mehr naüonale Kurien noch die Minderheitsverttetung durchzusetzen sind. Und darum müssen wir uns auf dem Boden, auf dem wir einmal stehen, ordentlich umsehen. Auf diesem ist die Zusammensetzung der Wahlkreise die Vorbedingung aller Verttetung. Es müssen Wahlkreise mit jüdischer Bevölkerungsmehrheit da sein, damit jüdische Abgeordnete Aussicht haben, als Juden ins Parlament einzuziehen. Solche Wahlkreise gibt es nur jämmerlich wenig in dem Entwurf, der noch immer zur Beratung steht. Noch immer! Das bedeutet, daß eine lebendige, kühne Agitaüon noch immer Wunder wirken kann. Vergessen wir nicht: Es kommt auf die Ziffer an. Ein jüdischer Wahlkreis mehr ist schon Gewinn. Richten wir uns darnach! Wie es ausfällt, der Stutzen muß immer groß sein. Jedenfalls--/ haben wir alle unsere Ansprüche angemeldet, alle unsere Truppen gesammelt. Und das ist schon viel.... Also rühren wir uns, rüsten wir! Sagen wir, fordern wir Alles, was wir sagen und fordern müssen! Es gitt die selständige poliüsche Existenz der Judenheit m Oesterreich zu erlangen, unser Recht darauf zu erweisen. Nur nicht mehr blinde Passagiere sein! . B. Offener Srief Ml die Leiter der jüdisch-politischen Bewegung. Von Dr. Berl Kinsbrunner. Die Parlamentsferien sind verstrichen, die Wahl in Zloczow-Brody ist vorbei. Nun ist es höchste Zeit, in dem Momente, in welchem die Wahlreform für das Abgeordnetenhaus in das Stadium der Entscheidung und Perfektionierung ttitt, die begonnene Aktion wegen Sicherung einer entsprechenden Verttetung der Juden im Parlamente fottzusetzen und zu beendigen. Als einer von den Hunderttausenden Juden, welche hierfür ihr ganzes Können einzusetzen bereit sind, wende ich mich an Sie, die Agitaüon und den Kampf für die uns gebührenden jüdischen Wahlbezirke mit erneuerter Kraft wieder aufzunehmen, das früher begonnene Werk endlich zu vollführen. Sie stehen an der Spitze dieser mit wahrer Begeisterung eingesetzten Volksbewegung zur Erlangung unserer Volksrechte bei der Wahlreform. Sie haben den Kampf eröffnet und haben daher die unabweisliche Pflicht, diesen Kampf zu been- Dieser Pflicht können und dürfen Sie sich unter keinen Umständen entziehen. Seit dem 7. Jänner, mit welchem Tage eine neue Epoche in der Geschichte der österreichischen Judenheit eingeleitet wurde, ist sehr zum Schaden unserer Ziele nichts geschehen, um uns die Früchte dieser machtvollen Agitation und den Erfolg unserer Arbeit zu sichern. Wiederholt wurde die Fortsetzung der Arbeit, welche keinen Augenblick ruhen durfte, in Aussicht gestellt; das *) Wir werden auf die nationale Kurie und die nationale Autonomie noch ausführlich zurückkommen. ungeduldig erwartete Signal dazu wurde jedocsi bis jetzt nicht gegeben. Der zionistische Reichsparteitag in Krakau befaßte sich unglückseligerweise mit allem anderen, nur nicht mit der Frage der Einteilung und Sicherung der entsprechenden Anzahl jüdischer Wahlbezirke. Anstatt sich um die Wahlbezirke, zu kümmern, sann er auf ein politisches Programm, übersehend, daß ein solches zur vornehmsten Grundlage die Wahlbezirke habe. Jedes Volk hat nach dem Erscheinen der Wahlbezirkseinteilung zu dieser Stellung genommen und seine Wünsche geäußert, nur das jüdische Volk schwieg, ttotzdem es am meisten Grund zü reden hatte.' Brechen Sie dieses verhängnisvolle Schweigen, bringen Sie das Volk zum Sprechen, noch ehe es zu spät ist, noch ehe es dieses Schweigen mit seiner Existenz bezahlt. Die geplante Einteilung der Wahlbezirke projektiert unsere Rechtlosigkeit, ihre Durchführung ist mit unserer Enttechtung gleichbedeutend. Es steht nicht bloß die Stellung der Juden im Parlamente aus dem Spiele, sondern ihre Existenz überhaupt. Sein oder Nichtsein ist die Frage. Hier findet die Hauptschlacht, der Entscheidungskampf statt. Sind wir einmal hier geschlagen, so werden wir Position um Position aufgeben müssen, das wenige, das wir erreicht haben, verlieren. Ohne Kopf können die Gliedmaßen nicht leben. In Galizien soll eine lächerlich geringe Anzahl jüdischer Wahlbezirke, die überdies nicht gesichert sind, gebildet werden; die jüdischen Städte werden durch die Landgemeinden erttänkt. In der Bukowina ist kaum e i n jüdisches Mandat geplant. Auch hier wird ttotz der darüber herrschenden großen Entrüstung und Empörung die jüdische Stadt Wiznitz, welche zü dem Wahlbezirke Suczawa-Sereth-Radautz oder dem westlichen Wahlbezirke von Czernowitz zugeschlagen, ein jüdisches Mandat sichern würde, bei den ruthenischen Landgemeinden des Wahlbezirkes Nikolai Wassilkos belassen. Und was schließlich geblieben ist, kann uns leicht in Galizien, wie es erst letzthin die Reichsratswahl in Zloczow-Brody zeigte, durch Wahlschwindel entzogen werden, wenn nicht bei Zeiten darauf gesehen wird, daß die Reinheit der Wahl dürch ausreichende gesetzliche Bestimmungen gesichert werde. Mag auch die geplante Konferenz der „als Polen sich betrachtenden Juden" den Polenklub für dieses Unglück verantwortlich machen und bei ihm um eine Vermehrung der jüdischen Mandate betteln, wir müssen die Regierung anklagen, das wie die Regierung in Rußland den physischen Tod der Juden beschlossen hat, die geplante Wahlkreiseinteilung unseren politischen und qualvolleren Tod verfolgt, daß sie unsere Verttetung von einem ungewissen, verzweifelten, schier blutigen Wahlkampfe abhängig macht, daß sie mit unserer Existenz ein frevlerisches Va banque-Spiel treibt und uns verurteilt, den Ambos für die Völker abzugeben. Wir müssen von der Regierung unser volles Recht fordern. Noch einmal müssen wir sie laut und vernehmlich warnen, daß sie nicht fünfviettel Millionen Juden, ein ganzes Volk in die schärffte Opposition treibe, damit sie sich nicht wundere, wenn die Juden dann zu finden sein würden, wo der Kampf gegen sie die schärfsten Formen annehmen wird. Anstatt uns einander selbst mit stumpfer Resignation wegen dieser oder jener unterlaufenen wirklichen oder angeblichen Fehlgriffe anzuklageu, müssen wir vereint unsere Spitze gegen die Regierung richten, welche ihre Pflicht, das alle anderen Völker an Kultur und Steuerleisttmg überragende jüdische Volk von amtswegen gegen die Uebergriffe der anderen Naüonen in Schutz zu nehmen, außeracht gelassen hat. Wir müssen unsererseits den Kampf bis ans Ende mit einer Regierung aufnehmen, welche unsere politische Vernichtung zuläßt, anstatt die uns innewohnenden staatserhaltenden Elemente für sich zu verwerten. Noch ist es Zeit, die begangenen Fehler wieder gut zu machen und das müssen wir jetzt nachdrücklich von der Regierung fordern. Geben Sie endlich einmal das Zeichen, das; das Volk sich erhebe und durch Versammlungen, Aufzüge und sonsüge machtvolle Manifestationen die Sicherung der uns gebührenden Mandate fordere. Geben Sie den Versammlungen die kontteten Vorschläge über die Zusammenlegung der

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