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Neue Zeitung · 1906-10-03 · Heft 5 (3.10.1906) · page 1

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1906
Issue
Heft 5 (3.10.1906)
Date
1906-10-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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NEUE ZEITUNG Mdslrtisn und Ädminiftration: Wien, XiU/1, Steckhevengasse 17. Sprechstunden des Chefredakteurs und in Administrationssachen: Montag und Freitag, 11—12 Uhr vormittags, II/.., Czerningasse 14. Telephon Nr. 21803. Postsparkassen-Konto Nr. 87.377. Unabhängige Milche Oloebenlcbritt. Eigentum einer Sozietät. Erscheint jeden Sreitag. Druckerei-Telephon Nr. 4897. Herausgeber und Chefredakteur: Dr. DstbSN WirnbüUM. Lbonurmentspreike: In Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 6.—, Halbjahr. K 3.—, vierteljähr. K 1.60, monatlich 60 b. Im Ausland: Ganzjähr. K 9.—, Halbjahr. K 4.50. Das Abonnement kann mit jeder Nummer beginnen. Einzelnummer in Wien 16 b, außerhalb Wiens im Jnlande 20 b. Xnaertlonsprelse: Für die dreimal gespaltene Nonpareillezeilc oder der Raum 12!>, bei Wiederholungen Rabatt. Nr. 5. Wien, Nliltwoch den 3. Oktober J906. Jahrgang. Der Feiertage wegen erscheint Nr. 6 schon Mittwoch, den IO. Oktober. Inhalt: Blinde Passagiere. - Offener Brief an dieLeiter der j ü di sch -politischen Be >ve - gung. — Der Appell an die Welt. — Alltägliches (Feuilleton) — Beivegnng in der chassidischen Jugend. — Statistisches über die Juden in Ungarn. — Wochenschau. — Geber fiir die Opfer des Progroms — Gegen die jüdischen Jkaliauisiimi. — Ein jüdisches Bolkshans in Czcruowitz. — Zur Nachahmung empfohlen. — Die Schnelderaussperrnug in Lemberg. — Hüben und drüben die gleiche». — Die französischen Fälscher geben keine Ruhe. — Das amerikanische Einivanderungsgesetz. — Das Jnformationsbnreau für Palästina. — Aus der jüdischen Oeffentlichkeil: Neklamatlon fiir die Kultuswahlen. Aus der zionistischen Bewegung. Parteitag der Poalej Zion, u. A. Kunst und Literatur. Aus den Tiefen der Kunst, u. Ä. — Kleines Lexikon II. (Konfessionelle Schule). — — In der Kellerstube (Ein Bild), von I. L. P e r e z. — Humor u n d S a t y r e. — Jüdischer Sport. — Korrespondenz der Redaktion. Kttnde Uaffagiere. ■ - DaswardasUnglück der Juden, und speziell auch der österreichischen, daß sie die politische Fahrt als blinde Passagiere miimachten. Sie taten es nicht in betrügerischer Absicht. Die paar Theoretiker, die den Fortschritt der Welt davon abhängig machten, das; sich die Juden unter den Völkern verlieren, sicherlich nicht! Gewiß auch nicht jene, die gedankenlos den Modeweg gingen. Aber, selbst jenen kann kein böser Wille zugenmtet werden, welchen das jüdische Interesse maßgebend blieb, und die es in der Politik des blinden Passagiers ain besten gewahrt glaubten. Sie handelten aus der Gewohnheit der Abhängigkeit heraus, und auf den Schaden der anderen sannen sie gewiß nicht. Es war das Unglück der Juden. Denn das ist nicht das Tragischeste an unserem Schicksale, daß uns die meisten der Untugenden, deren man uns zeiht, gar nicht anhaften. Tragischer ist noch, Alltägliches. Im Vorzinnner der Präsidentin eines Frauen- Wohltätigkeitsvercines. Fünf russisch-jüdische Flüchtlinge warten; fünf traurige, kummervolle Menschen. Die Dame erscheint. Mit müder Stimme bringt einer von ihnen ihre gemeinsame Bitte vor, die anderen rufen, schreien dazwischen. Das alte Lied der neuesten Zeit. Sie mnßten flüchten, ivollen noch weiter, sind hungrig und haben keinen Kreuzer Geld. Die Dame kennt diese traurigen Bitten, sie hört sie täglich, stündlich. Man sieht, es wird ihr schwer, „Nein" zu sagen. So arm und hungrig sehen diese fünf Menschen aus. „Gehen Sie znrKultusgcmeinde, man-". „Von dort kommen wir gerade," unterbricht einer. „Mein Gott, ich kann Ihnen nicht Helsen; wir sind ein Frauenverein, wir helfen nur Frauen und können nicht anders. Ja, wenn wir rnehr Geld hätten! Aber ich bitt' Sie, in unseren Kreisen, bis man da etwas zusainmenbringt!" Dann erzählt ihnen die gute, redselige Dame von dem Ball, der im Dezember stattfinden wird; die Bälle des Vereines haben immer ein gutes Neinerträgnis, vielleicht kann der Verein dann etwas tun. „Aber die mitwirkenden Künstler kosten auch Geld," meint sie. Vielleicht nach dem Ball; jetzt kann sie ihnen daß, was wir wirklich davon besitzen, nur uns selbst schadet. So ist cs ja g. B. mit unserer angeblichen Geldmacht: Zum allgemeinen kapitalistischen Drucke, unter welchem die Menschheit seufzt, tut sie nichts hinzu. Aber in unserem eigenen Fleisch ist sie ein Pfahl, an welchem wir uns wirtschaftlich, sittlich und geistig verbluten. Und ganz ebenso ist es mit dem heimlichen Mitsahren, das bisher unsere politische Regel war und leider zum Teile noch ist: Den anderen eine, — mag sein — unbequeme Reisegesellschaft, die sie sich aber, praktisch, wie sie schon sind, wegen des gelegentlichen Nutzens gefallen lassen, bedeutet es für uns einen selbstmörderischen Verbrauch unserer Kräfte, eine Zerrüttung unseres Volksgeistes. An ihren Zielen kamen wir ja mit an, natürlich mit hungernden Leibern und Seelen, gelungene Karikaturen unser selbst. Wenn das anders werden soll, dürfen wir nicht mehr blinde Passagiere sein. Wir müssen uns von dem mannigfachen Unfug befreien, der sich in Lieser Hmsichk im öffentlicher,. Leven unseres Staates eingenistct hat. Da gibt es ausgesprochen nationale Parteien, in welchen Juden nichts zu suchen haben, in welchen sie aber nichtsdestoweniger mitlaufen, — sie werden auch als Mitläufer behandelt. Da gibt es wirtschaftliche und politische Anschauungskreise mit nationalen Abteilungen oder Unterteilungen — nur nicht für Juden, die über derlei erhaben sind. Ja, es gibt sogar ganze Gruppen, die einen allgeineinen Titel führen, in Wirklichkeit jedoch nur aus Juden bestehen. Alle diese krankhaften Erscheinungen rnüssen ein Ende nehmen. Wir brauchen eine selbständige politische Existenz. Wir müssen sie rnit allen Mitteln anstreben! Diese Erkenntnis verbreitet sich immer mehr unter den Juden. Rechts sowohl als links dringt sie vor, und es ist der Zeitpunkt viel näher, als man glaubt, wo sie ein jüdisches Gemeingut gelöster nicht helfen. Diese armen fünf Flüchtlinge hören ihr schon lange nicht mehr zu. Stehen nur da und denken alle: Wieder nichts!- Und gehen nach einer Weile seufzend hinaus. Der Bankier und Millionär Kornstein war in fürchterlicher Aufregung. Sein Abgott und einziger Sohn wurde steckbrieflich verfolgt. Einer der flottesten Lebemänner, so daß ihm allmählig selbst das viele Geld seines Vaters zu wenig ward. Er gab Wechsel auf des Vaters Namen. Als auch das nicht reichte, fälschte er auf fremde Namen und ward entdeckt, mußte flüchten. Nach Amerika. Der Vater schwebte in Furcht und Bangen, ob die Landung glückte. Tage vergingen. Tage voll Angst und Qual für den mit allen Glücksgütern gesegneten Mann. Alles Schlechte, das er im Leben begangen hatte, hielt er sich jetzt vor, empfand die Schlechtigkeit seines Kindes als Folge der schlechten Taten seines Lebens. Und gelobte ein gutes Werk zu tun, wenn die Ankunft gelänge-. Endlich kam das ersehnte Telegramm, das die glückliche Einkunft in der Neuen Welt meldete. Und der glückliche Vater spendete 50 Kronen für die vom Pogrom Betroffenen -. worden sein wird. Mit der Erkenntnis selbst ist aber die Frage noch nicht beantworte, wie sie zu verwerten, was zu machen ist, um sie ins Leben überzusühren. Eine selbständige politische Existenz — gut! Aber wie kommt man dazu? Nun, da inuß es immer und immer wiederholt werden, daß es im Grunde nichts Unselbständigeres gibt, als die Politik, als alle Politik, die man überhaupt machen kann. Das heißt, wenn man Politik im engsten Sinne, im Sinne von Verhandlungen, Vereinbarungen, Reden, Wahlen usw. nimmt. Alle solche Politik ist nur ein notwendiger Ausdruck der wirtschaftlichen und kulturellen Kräfte,und die wahre, weitblickendePolitik,die Politik im weitesten Sinne des Wortes, muß hauptsächlich auf die Mehrung und Pflege dieser Kräfte gerichtet sein. Maßregeln, die den Wohlstand fördern, oder wenigstens dem Elend mit einigem Erfolg entgegenarbeiten, und solche, welche die geistigen Kräfte eines Volkes sammeln oder befruchten, -- sind mehr wert als alle-politischen Erfolge zusammengenominen. Sie sind es deshalb, weil sie die Voraussetzungen dieser sind. Allein, andererseits kann nicht geleugnet werden, daß die Politik der Politiker gewisse Machtmittel in die Hand gibt, durch die man die ökonomischen und kulturellen Grundlagen ausbauen kann. Man wird also die eigentliche politische Tätigkeit nie von sich weisen dürfen. Nur wird man dann auch dafür zu sorgen haben, daß Forderungen aufgestellt und Ziele verfolgt werden, durch deren Erreichung und Erfiillung möglichst viel von der gewünschten inneren Entwicklung verbürgt wird. Wenn schon ein Teil der Volksenergie statt auf direkte wirtschaftliche und kulturelle Arbeit auf Politik verwendet wird, so muß diese so gemacht werden, daß der indirekte Nutzen, den sie der Volkssache leistet, der größte sei, der sich erzielen läßt. Er war einer von den vielen russischen Juden, die dem Tode durch Flucht entgingen Ich traf ihn täglich im Augarten, in einer der stillen Alleen auf einer Bank sitzend, immer mit bleichem Gesichte. Ich sah, daß dieser Mensch Hunger litt. Eines Tages sprach ich ihn an und erfuhr seine ganze Lebensgeschichte, und wußte auch, daß er oft das trockene Brot entbehren müsse. Er lehnte aber jede Hilfe standhaft ab. Da waren alle Künste vergebens. Nie habe ich den Hunger deutlicher und quälender gesehen, nie aber auch einen Menschen, der sein Elend so stumm und floh, wie eine Zierde trug-. Und dann eines Tages, ich weiß nicht mehr, wieso ich den Mut fand, bot ich ihm wieder meine Hilfe an. Ich glaube, er war damals noch matter und trauriger als sonst. Ich merkte, wie er schwankte-„Ich leihe es Ihnen nur. Sie werden mir es bald wiedergeben, ich schenke Ihnen nichts!" Damals nahm er zum erstenmale mechanisch, was ich ihm gab und blickte dabei weg, so daß ich sein Gesicht nicht sehen konnte. -Seitdem sind Monate vergangen. Die Lage des armen Menschen hat sich noch immer nicht geändert, er hungert noch immer. Llber ein anderer Mensch ist er gewordenseitdem. Ich habe ihm noch oft und oft angeboten, denn er ist immer hungrig und er nahm

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