Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 4 (28.9.1906)
- Date
- 1906-09-28
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Neue Zeitung Nr. 4 er als für die neuere Generation verwirrend und bedenklich hält. Dieser erste Teil des Buches gibt eiu glänzendes, durchgeistigtes Bild der Frühromantikihrer Epoche, und mau fühlt, ein Ganzes vor sich zu haben .... Der zweite Teil des Buches erfordert' eine gründliche Ausemaudersetzuug, die ich mir des verfügbaren Raumes wegen, an dieser Stelle leider versagen muß. Doch will ich in Kürze die wichtigsten Umstände erwähnen. ■ Schon die Untersuchung der Charaktere des Christus in einer fast spekulativen Form, dann' die -Folgerungen müffen ernstes Bedenken erregen. Hier wird das offensichtliche Bemühen klar, die Persönlichkeit Christi von jedem Semitismus zu reinigen, und immer wieder wird von seinem „germanisch-arischen" Charakter gesprochen. Derartiges, ist nicht mehr neu; in dieser anachronistischen, unhistorischen Arbeit waren ja Houston Stewart Chamberlain und Adolf Bartels schon Nachtreter einer unsichtbaren Vorhut. Solches Bemühen erscheint mir bedenklich; scholl deshalb, weil ich glaube, daß trotz allem die Historie die ewig festgelegte, unerschütterliche Basis aller Erkenntnisse ist. Wen« nun Johannes Schlaf zum flammenden Verteidiger des Dogmas der „unbefleckten Empfängnis" wird, und den Symbolismus und die Mystik als das primärste Erfordernis des Glaubens konstruiert, so ficht mich das nicht weiter an. weil Symbolik und Mystik die prägnante Eigenart des Dichters Johannes Schlaf ist. Doch die Wissenschaft kennt keine „poetica licentia“, und will Dogmen nicht durch Dogmen widerlegt wiffen. Und was seine Auslassungen über Ernst Hackel, über die Naturwissenschaften.im allgemeinen, betrifftso will äch?d«n.,d»e schönen,-? einfachen - Worte aegemiberstellen, die Fritz Mauthner erst vor einigen Tagen niedergeschrieben hat: „Undefiniert sind alle obersten Begriffe. Das Bemühen der Naturwissenschaft ist. der Menschheit mehr Lebensfteude, einem armen Kinde ein dickeres Butlerbrot zu verschaffen...." Nun: Volksinstinkt, .... Butterbrot. ... mir ist um den endlichen Sieg der naturwissenschaftlichen Prinzipien nicht bange. „Christus und Sophie" ist kein Buch, das eine Aufgabe des Krftikers sein kann, denn wenn Objektivität ihn leiten soll, so wird er sich ihrer hier begeben müssen. Nur rein subjektiv wird man die vielen Schönheiten dieses Buches erfassen, denen die eigenartige Theorie der Religionsphilosophie nicht Abbruch tun kann. Denn mag man mit Johannes Schlaf Lbereinsttmmen oder nicht, wie dem auch immer sei: Das Buch ist auf seinem Gebiete die interessanteste, inhaltteichste und eigenartigste Schöpfung.- Wen. Max Schacherl. Am 29. d. Mts. findet im-Wiener Verein „Poale Zion" (IL, Stefauiestraße 2, Cafs Stefanie) ein Dortrag des Herrn Kaplan-Kaplansky über „Stellungnahme znm dritten Partestag" (Fortsetzung) statt. Selbstschutz. (Frei nach dem. Jüdischen des L. Spiral) Schwas ist die Nacht. Wüst Erd und Himmel. Kein Atem schläft — der Schrecken wacht — Kein Auge ruht in süßem Schlummer. , Voll Schmach und Grauen ist die Nacht, Schwarz ist die Nacht. Mst tausend Angen Süert finsterer Tod zu uns daher. Schon ist sein furchtbar Schwert g^ogeu. Und in die Scheide kchrts nicht mehr. Gebt acht, gebt acht, ihr treuen Wächters Von Zest zu Zeit, hört, durch die Nacht Gellt zu uns her ein wild Gelächter, Ein roher Spott, der Feind, der lacht- Die Debe lauscht, und sie erzittert: Flog da ein Seufzer durch die Lust? ' Spürt ihr's, wie euch der Tod umwittert? Spürt ihr ben Hauch wie Gräberdust? Gott, Gott! wir beten nicht um Siege! Nur, tilge aus die bsttte Schand', Nur send uns Mut zum heftigen Kriege, Zum Sterben, Schwert in starker Hand! Laßt festen Angs den Feind uns sehen. Gieß blinden Zorn in unser Blut,. Gieb uns, zu fallen, wie wir stehen. Doch sterbend Würger mäh'n in Wut- Da naht er schon! Hört: Flüche schallen! Seht: straff gespannt droht schon sein Bogen I Da ist ein Pfeil vorbeigeflogeu! Da ist ein Bruder uns gefallen! Ein Stöhnen — Seufzen leis — zu Ende — Still, still — hier ist nicht Zeit zum Weinen! Stoch, noch und noch gleich Hagelsteinen — Nun seid bereit zur Opferspende! Packt auch das Grauen an der Seele, Beißt in die Lippe! Schaut nicht um! Kniftcht in die Zähne! doch die Kehle, — Steht, steht und kämpft! — sie bleibe stumm! Und ziell ihr, stumm den Pfeil von hinnen! Und mordet ihr, euer Mord sei stumm! And fühlt ihr euer Lebe« rinnen — Und stickt ihr, stickt! nur stumm, nur stumm-! („Indische Turnerzeitung".) ' A. Uou dreien, die am Join-Kippur aßen. Stählung von David F r i s ch m a n n. Aus dem Jüdischen übersetzt von M. Schor. Eine Erzählung von drei Leuten, welche Es war kein gewöhnlicher Tag, an dem sie aßen, es war Jom Kippur. Nicht öerfiorgeu taten sie es, wo sie niemand sehen konnte. Nein, ganz öffentlich in der großen Schul*), üör ber ganzen versammelten, betenden Gemeinde. Auch waren es. nicht gewöhnliche Leute, die niemand kennt. ') Synagoge. sondern . just. die angesehensten und geachtetsten Bürger der .,Stadt: der Row2 unö die beiden Dajonim3). <Äe blieben auch nachher die Angesehen' sten und Geachtetsten der Stadt und die ganze jüdi- 'che Gemeinde blickte zu ihnen auf, wie man zu Heiligen ausschaut. : Eine gar seltsame Begebenheit! Ich war damals noch, ein ganz kleiner Knabe und verstand nicht recht, was eigentlich vorging, aber ich fühlte, daß es etwas Bedeutsames, sein mußte. Das. waren bittere, finstere Zeiten, wie niemals früher oder spater. Ein Unheil war vom Himmel gestiegen — zum erstenmale war es gekommen, man. nannte es Cholera. . Aus weiter Ferne, .aus Asien war sie zu uns geschlichen, ließ, sich verheerend in unserem kleinen Städtchen nieder. Sie wütete unbarmherzig , in den Straßen und würgte unaufhörlich in den Häusern. Tückisch schleppte sie sich die'Nacht hindurch und ungesehen am hellichten Tage. Wer vermag die Toten zu zählen, welche iu jenen Tagen gefallen sind.? Wer ist. im Stande, sie beim Namen zu,', nennen-/und wer..keimt die Zahl, der frischen Hügel und oer neuen Gräber? ' - . . -. Wie Fliegen fielen Jung und Alt, Klein und Groß, Arm und Reich. Es gab kein Haus, in welchem nicht mindestens einige Tote waren. Oben, im Dachstübchen über der Wohnung meiner Eltern, fielen neun Seelen an einem Tage. Unten, in der Kellerwohnung unter uns, verschied eine Mutter mit vier Kindern,' und im Hause gegenüber hörten wir die Nacht hindurch ein ämmerliches Stöhnen und Aechzen und am Morgen darauf erfuhren wir, daß dort kein Mensch mehr am Leben geblieben sei. Die Totenbeschauer und die Totengräber waren ermüdet und konnten die Riesenarbeit nicht mehr bewältigen. So wie der Sand, so lagen die Totenneben einander, ein Leichnam an den anderen-gepreßt, und es störte fast niemanden mehr. Was galt schon damals der Mensch, oder wer sah überhaupt noch darauf? Und so verstrich der Sommer, dann kamen die „heftigen Tage", und nach ihnen der heiligste von allen — Jom Kippur. Und dies ist der Tag, den ich niemals vergessen-werde, solange ich leben werde, und sollte ich so alt werden wie Methusalem. Kol Nidrej .... Am Vorbetertisch steht diesmal-nicht der Chasen4) mit zwei angesehenen Baale batim5), wie es seit jeher Brauch ist, sondern der Row mit seinen, beiden Dajonim. Ringsum brennen Kerzen und brennend knistern - und knattern - sie gemächlich. - Die Gemeinde ist-in - Ialsjs8irn°)sünd' Kittel?) gehüllt, mit dem Gesichte zur Bundeslade gekehrt. Die Schatten bewegen sich ununterbrochen auf den Wänden und viele schauen nach dieses Gestalten hin. Sind es vielleicht die Schatten' jener Toten, die.heute, gestern und ehegestern entschliefen? Bewegen ' i e sich auf den Wänden? Fanden sie vielleicht keine Ruhe in den Gräbern und sind deshalb hierhergekommen? Ruhe! Man hört die Stimme des Row und dann die der Dajonim, und dann zittert es wie ein Seufzen durch die Menge. Und nach dem Seufzen hört man die Worte: Ai daass hamökojm w’al daass haköhol — Mit Gottes Erlaubnis und mit der der Gemeinde gestatten wir, mit den Sündigen zu beten". Und ich horche und horche. Weshalb spricht der Row solche Rede? Gibt es denn, heute Sündige? Weshalb nimmt er heute ein solches Wort überhaupt nur in den Mund? Fürchtet er denn nicht vor dem Bösen, heute derartiges zu sagen, heute,-in einer Zeit, die so bitter, unhellvoll und finster ist? ... Und plötzlich befällt mich eine dunkle/ wüste Angst. Und mir scheint, daß im selben Augenblicke die gleiche Angst' alle befällt, die im Bethause versammelt sind, die Alten, sowie auch die Jungen Und ich sehe, wie der Row den Baiemmer8) besteigt. Will er heute eine Predigt halten, will er die Gemeinde trösten und stärken? 2) Rabbiner. s) Unterrabbiner, Schiedsrichter in der jüdischen Gemeinde. ' *) Chason. Vorbeter. 5) Bürger, Familienväter. 6) Gebetmäntel. 0 Weiße Totenhemden, die am Jom.Lippnr getragen werden. - . 8) Almemor. Estrade in der Mitte des Bethauses, auf welcher aus der Thora vorgelesen wird. "Aber ich .höre, daß er keine Predigt hält. Ein Neues ist's, ein neuer . Brauch, der siüher gar nicht bekannt' gewesen. Er gedenkt der Seelen aller Toten, die in der letzten Zeit und in den letzten Tagen gestorben sind.' Oh, großer Gott, wie lang ist die Liste, wie endlos die Namenreihe! Minuten vergehen. Der Row ist . noch nicht fertig. Wird diese Aufzählung niemals - aushören? Wird das ewig, ewig währen? - Mir fällt plötzlich ein, daß der Rowbesser täte, die Namen , derjenigen, die noch , am Leben sind zu nennen, denn es gibt ihrer jetzt schon so . wenige, daß man nur einige wenige-Augenblicke brauchte, während die Liste der Dahingeschiedenen so groß ist, daß sie kein Ende nimmt. Jenen Abend inr Bethause werde ich niemals vergessen. . - . ' Ach, es war ja kein Beten damals, nur ein Seufzen, ein langes, tiefes Seufzen,, das sich aus dem Innersten des Herzens losgerissen hatte, um bis zu den Wolken zu steigen und die Himmel zu durchbohren. Noch niemals haben Juden mit so wundem und wehem Herzen gebetet, noch niemals brannten., heißere Tränen in Menschenaugen.. -"In jenMNacht-verließmkemänd das Gotteshaus. Nach dem Gottesdienste, sagte man Sehijrej hajichud0) und dann las man Psalmen. Nach diesen lernte man Mischnajoss10) und schließlich vertiefte man sich in andere heilige'Werke. - Ich stehe in -der Nacht. im Bethause und fühle, daß sichs wie eine schwarze Wolke auf mich herabsenkt, wie ein Nebel auf meine Augen. Es rauscht etwas, in mir, ich weiß aber nicht was. Umalochim jechofejsun, chil u-rodo jojchejsun — und die Engel flattern, Schrecken und Zittern erfaßt alle." Plötzlich scheint es mir, alssähe ich sie durch Wolken und Nebel, sähe sie aus- und absteigen, auf und ab. — Und unter ihnen den finsteren, schwarzen Engel mit den zahllosen Augen! — Oh, diese Augen! Diese Augen! . Vom Scheitel bis zur Sohle ist er voll Angen! — Oh, diese . Augen! Diese Augen! -. In jener Nacht verließ'niemand die Sbhul’ — und dennoch fehlten einige in der Früh. Zwei fielen plötzlich nieder, — noch in Kittel und Talejssim gehüllt, so daß ihnen nichts zur Fahrt ins Todesreich fehlte. . Und aus der jüdischen Gasse dringen Nachrichten in. das Bethaus — Nachrichten, wie-noch niemalszuvor und niemals nachher. Aber niemand hört, niemand fragt. Niemand ist neusierig,. jeder fürchtet auch nur zu hören, jeder' nrchtet zu erfahren, was bei ihm zuhause vorgeht. ' Jene Nacht wird mir. ewig im Gedächtnisse bleiben und .sollte ich so alt werden, wie Methusalem! Und doch, noch schrecklicher war der darauffolgende Tag, der Jom - Kippur. Schauerlich war der Tag und schauerlich alles, was ich an ihm sah und hörte. Noch, heute, wennich für einen.Augenblick die Augen schließe, sehe ich jenes Schauspiel vor mir, das -ich damals miterlebte, und oftmals glaube ich, daß ich noch jetzt unter der andächtigen Menge im -Bethause stehe. . . - :V-V Es ist bereits Jom Kippur nachmittags. Auf dem Baiemmer steht die hohe Gestalt des Rowsein Kopf ist sonderbar in die Höhe geworfen. - - . .; Liegt-irgend ein verborgener Zauber im Gesichte , dieses Mannes oder besitzt diese.Gestalt eine eigenartige Macht, daß sie die Augen aller auf sich zieht? Im Winkel steht ein Knabe —--ich selber bin es ..— und. meine Blicke hangen an dem; Manne, ich kann sie von 4hm nicht wegwenden:; Wahrhaftig, ein so herrliches Gesicht/-eine solche Schönheit, eine so leuchtende, göttliche Gestalt habe ich noch niemals gesehen. ' ' '' ' Der Row ist doch alt, ein - alter Mann, vielleicht 80 Jahre oder noch darüber - 7— und dennnoch ist seine Gestalt so prachtvoll, so gerade , und hoch, er ist der höchste in der Gemeinde. Sein Bart ist weiß, silberweiß. Nur die dichten Köpfhaare sind noch weißer, weiß/ wie' der' 'frischgefallene Schnee. Auch das Gesicht-ist weiß)'so weiß, 'daß man es kaum vom weißen Kittel unterscheiden kann. , Aber auch seine Lippen sind weiß.' Und nur die 'Augen, die großen, brennenden Augen-sind schwarz wie Samt'und leuchten und funkeln) nicht wie die eines alten Mannes. -) Andachtsstücke. , . 10) Talmudisches Grundwerk, zu dem die „Gemoio“ die Ausführung, Ergänzung ist.