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Neue Zeitung · 1906-09-28 · Heft 4 (28.9.1906) · p. Seite 7

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1906
Issue
Heft 4 (28.9.1906)
Date
1906-09-28
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 4 N eu.-e Zeitung Seite 7 Seit meiner frühesten Kindheit war ich gewohnt diesen Mann zu verehren. Ein Kind noch, wüßte ich schon, daß es ein heiliger, göttlicher Mynn sei, eine Weltgröße, die das Gesetz zu erleichtern sucht, auf .deren Wort^ alles wartet und deren Gutachten und' Meinung für alle Rabbiner der Welt entscheidend ist. ■ Noch jetzt sehe ich die ganze erhabene und fürchterliche Szene vor mir, genau so, wie sie sich mir an jenem Tage dargeboten, als sich unter der betenden Menge in der SchuL’ stand. Auf dein Laiemmer steht der Low und seine brennenden schwarzen Augen strahlen aus denk blassen, weißen Gesichte, das vom weißen Haar und vom weißen Bart umflossen wird. — Mussof11) ist schon längst vorüber und die Menge wartet schweigend, was der göttliche Mann sagen wird. Niemand wagt es auch nur laut zu atmen Und der Row spricht.... Seine leise, schwache Stimme wird immer lauter und stärker, bis sie so laut und stark wird, wie ich sie nie bei ihm gehört habe. Er spricht von der Heilighaltung des Feiertages und von der Absicht, die der göttliche Geber der Thora dabei verfolgte. Er spricht vom Leben und vom Sterben, von den Lebenden und von den Toten. Besonders lange spricht er von den Toten und Von der großen Seuche, die wie ein reißender Strom hereingebrochen, sei, Plötzlich, schrecklich und fürchterlich. Und sie raubt und sagt nicht „genug"; sie ißt und wird nicht satt, trinkt und stillt nicht den Durst — wie lange, wie lange noch? Seine bleichen Wangen röten sich allmählich, seine bläulichen Lippen gewinnen immer mehr Röte und ich höre ihn plötzlich: „U-be-schöo, scheodom roje jessurin boin olow. — Und sieht der Mensch, daß Leiden über ihn kommen, so ist er verpflichtet, seine 'Handlungen zu untersuchen" . . . Und nicht nur. in seinem Verhältnis zu Gott, sondern auch im Verhältnis zur eigenen Seele. Und nicht nur in diesem, sondern auch in dem Verhältnis zu seinem eigenen Leib, zu seinem täglichen Leben ... Ich war ja damals noch ein Kind, aber ich erinnere mich, als ich diese Worte hörte, daß mir plötzlich kalt und warm wurde. Ich wußte plötzlich, was er meinte... . . Und er spricht noch immer.? - Er spricht von der Reinlichkeit, die den Menschen am Leben erhält und von der Unreinlichkeit, die ihm ein rasches Ende bringt. Er spricht von Hunger und Durst, und daß Hunger und Durst die bösen Engel seien, welche, die Menschen aus der -Welt schaffen, wenn eine verheerende Pest einbricht ... - Und dann höre ich ihn sagen: „Im heiligen Talmud steht geschrieben: Wochej hohem w’loj sebejomuss bohem — leben soll man durch die Gebote, nicht sterben durch sie. Und dann sagen unsere Weisen wieder: rnischnrn ejss laassojs heferu tojrossejcho — zuweilen ist es geradezu geboten, eine Vorschrift außer Kraft zu setzen. Es kommen auch Fälle vor, daß ein Mensch die ganze Thora zerstören darf, um eine Welt mit Lebenden,zu erhalten!!! Ich stehe und bebe am ganzen Leib. .Was meint der Row damit, wohin zielen seine Worte? Und plötzlich höre ich ein Weinen. Und mir wird so warm und weich um's Herz. Warum weint er?"— Warum weint er?-Und wie ich dort im Winkel zitternd stehe, fange ich auch selber zu weinen an, und meine Tränen fließen sin Strömen. '• Noch heute, wenn ich für einen Augenblick die Augen schließe, sehe ich ihn hoch.aufgerichtet stehen oben am Lalernrncr. Ich sehe ihn auch seine Hand ausstrecken und den Dajonim zuwinken. . - ... Und sich sehe, wie sie zu ihm hinaufgehen .auf den Baiemmer j ' Und alle drei stehen am Laiemmer. Der Row, hochragend, und beide Dajonim, kleiner .als er, einer zü seiner Mechten, der andere zur Linken. Was mag ihnen der Row jetzt ins Ohr raunen? Warum ist! ihr - Gesicht plötzlich kreidebleich 'geworden? - Bald höre ich Worte, die ich nicht verstehe. 'Sie erreichen bloß die Obren, aber ins Herz gegangen sie nicht. .Und doch sind diese Worte so klar.und .deutlich aus dem Munde der drei Leute .gekommen.,.. - ^.. .; \ ") Zweites Morgengebet. Ein herzzerreißendes Senken geht durch die Menge — vom Baiemmer zu den vier Eckendes Saales und dann hört man die Worte: „Al daass hamokojm w’al daass hakohol. — Mt Gottes Erlaubnis und der der Gemeinde g e st a t t e n w i r, he utezuessenund zu trinken." Furchtbare Sülle, Totensülle im ganzen Raume — kein Mensch atmet. . Ich stehe in meinem Winkel und höre deutlich mein Herz pochen — eins, zwei, eins, zwei —. und eine entsetzliche Angst befällt mich. Auf den Wänden schweben die Schatten hin und her und ich sehe unter ihnen die Toten, die gestern und ehegestern gestorben sind — eine große, grauenvolle Menge, eine grauenvolle Gemeinde ... Und plötzlich verstehe ich klar und deutlich, was der Row von uns verlangt. Der Row verlangt von uns, daß wir heute essen sollen, er verlangt, daß Juden am Jom Kippur essen, nicht fasten sollen — wegen . der Seuche . . . wegen der Seuche . . . wegen der Seuche.•' Und ich fange stark zu weinen an. Und seltsam, nicht nur ich allein stehe da und weine, viele, viele andere weinen ebenfalls laut und stark. Auch die drei am Ralemmer weinen. Der höchste unter ihnen weint wie ein kleines Kind. Und wie ein kleines Kind fleht er, und seine Worte sind so weich, so weich. Manchmal ersückt sie eine Tränenflut: „Geht essen, geht essen! Die Zeit ist schon so. Zuweilen ist es geradezu geboten, eine Vorschrift außer Kraft zu setzen. Leben soll man durch die Gebote, nicht st e r b e n durch sie!" Wer niemand rührt sich vom Platze. Und er steht noch immer und fleht. Er sagt, daß er die große Sünde, am Jom Kippur zu essen, auf sich nehme. Sie dagegen würden alle rein und unschuldig vor Gott sein, ohne Schuld und ohne Fehl. Aber auch jetzt rührt sich kein Mensch vom Platze. Nun beginnt er in anderem Tone: Er bittet nicht mehr, sondern befiehlt: „I ch erlaube, ich, ich!" Die Worte fliegen wie die Pfeile, tosen wie die Donner. Die Menge hört's, aber niemand rührt sich! Da beginnt er wieder mit seiner ersten weichen Sümme, er fleht und weint wie ein kleines Kind: ' Warum widersetzet Ihr Euch, warum wollt Ihr mich bis zumAeußersten treiben? Habet Ihr nicht genug daran, was ich schon von heute früh bis jetzt gelitten habe?" — Die Dajonim stehen ihm tapfer zur Seite und reden ebenfalls der Menge zu. Plötzlich ist das Gesicht des göttlichen Mannes noch bleicher. Sein Haupt sinkt, üef auf seine Brust — einen Augenblick lang — und ein tiefer herzzerreißender Seufzer geht durch das Gotteshaus, dann hört man ein Murmeln. „Es ist Gottes Wille so", sagt er mit trockener Stimme und als spräche er mit sich selber. Zweiundachzig Jahre bin ich heute alt und war noch nie genötigt, ein Gebot bewußt zu übertreten. Wer auch dieses ist ein Gebot, ein Gesetz, eine Thora, wie es scheint. Es ist offenbar Gottes Wille, daß ich nicht früher sterbe, ehe ich auch ein solches Gebot erfüllt habe. Und füll ward es plötzlich, so füll, wie auf dem Friedhof. Und man hört die Sümme des Row:! „SchammessI"1*) Der Schammess steigt auf den Ralemmer. Der Row flüstert ihm etwas zu. Auch die Dajonim werden zugezogen und schütteln zusammen die Köpfe ... Indes ist der Schammess aus der Wohnung des Row zurück. Er hat eine Flasche Wein, Gläser' und einige ' Stücke Honigkuchen mitgebracht. ..; . Unt) sollte ich steinalt werden, so lange wie Methusalem leben, auf jene Szene werde ich nie vergessen, niemals! Noch, heute, wenn ich die Augen für kurze Zeit schließe, sehe ich die drei Leute, die drei heiligen Männer, die drei Edlen, welche am Jom Kippur in der Synagoge vor der ganzen versammelten Gemeinde gegessen haben. Es waren H e l d e n. Wer kann ermessen, wie schwer der Kampf in ihrem tiefsten Innern “) Bethausdiener. war, wer vermag zu erraten, welche Qualen sie ausgestanden haben? „Ihr habet es just von mir verlangt — und ich habe es getan, — sagt jetzt der Row uni» seine Sümme ist fest und klar und zittert nicht mehr — der Name des Ewigen sei gepriesen!" Und nun essen viele von der Gemeinde, essen und weinen..... Und Fluten Lichtes entströmen diesen Erinnerungen und ergießen sich Hierher auf den Tisch und auf das Papier, worauf ich diese Erzählung niederschreibe__ Humor nndSatyre. Wer ist der größere Wundertäter? Zwei Chassidim suchen sich an Wundertaten ihrer Rebbes zu überbieten. Mojsche sagt: Was mein Rebbe vermag I Neulich fuhr ich mit ihm von B. nach I. Plötzlich entlädt sich ein Gewitter, wie ich es noch nie erlebt habe. Glaube aber nicht, daß wir naß geworden sind. Mein Rebbe blickte nur gegen Himmel, und da regnete es bloß rechts und links vom Wagen, vor und hinter ihm, aber der Wagen selbst blieb trocken. Und nun Zossel: Was ist. das gegen die Taten meines Rebben? Vor einigen Wochen halte der Zug» mit welchem der Rebbe fuhr, einige Stunden Verspätung. Es war aber Freitag und die Nacht bereits angebrochen . . . Mojscher Nun, wie hals sich der Rebbe? Jossel: (triumphierend). Ganz einfach! Er blickte zum Himmel. Und was geschah? Rechts, links, vorne, hinten war Schabbes. In den Wagen aber konnte der Schabbes nicht eindringen. Kogik. ■ Bert: Es ist nicht recht von Dir, daß Du säufst. Schmerl: Warum? König Salomo war doch gewiß ein weiser Mensch und hat Schnaps getrunken. Da. darf ich's doch sicher. . Bert: Wieso weißt du, daß König Salomo Schnaps getrunken hat? Schmerl: Wie denn? Glaubst du wirklich, er war so dumm, keinen zu trinken.^ Sehr seltsam. In der „Czernowitzer Allgemeinen Zeitung" (Nr. 809 vom 20. d. M.) veröffentlicht ein christlicher Selchwarenhändler folgendes Inserat: „Meinen geehrten Kunden mosaischen Glaubens zum Jahreswechsel meine besten Glückwünsche. Hochachtungsvoll Andruschka." Zlorrower Mahtgesprache. i. Ein jüdischer Nichtwähler drängt sich zur Wahlurne vor. Der Vorsitzende der Wahlkommission fragt chn: — Haben Sie denn das Wahlrecht? r — Keine Spur! — Was wollen Sie also hier? Ich Hab' gehört, daß man hier Tote ruft, da kam ich, um meinen Vater zu sehen .... „N. Lbg. Tgbl." II. A. : Dr. Gold war doch noch besser daran, als Dr. Lueger? B. : Wieso? A. : Dr. Lueger hat auch die Toten wählen lassen. Aber da er kein 'Arzt ist . . . B. : Was heißt das? A.: Konnte er sich sie nicht in eigener Regie vorbereiten. Korrespondenz der Administration. Wir bitten die Monatsabonnenten, das Abonnement mittelst beiliegenden Erlagscheines rechtzeittg zu erneuern. Bei dieser Gelegenheit machen wir anfmcrksam, daß das Moualsabonnement 6« Heller (nicht 50 Heller), das Quartalsabonnement K 1.60 (nicht K. 1.50) beträgt. Wir bitten jene Empfänger von Probenummern» welche unser Blatt abonnieren wollen, dies ungesäumt zu tun, da ihnen sonst die wetteren Nummern nicht mehr zugeheu. ►ATENTE P ■ Ingenieur- und Patentanwalt J. Knopfeimacher Telephon 22132. Wien, II., Praterstrasse 37. Wer an Fallsucht, Krämpfen und anderen nervösen Zuständen leidet, . verlange Broschüre darüber. Erhältlich gratis und franko dnreh die privileg. Schwanen^ApotteRe Frankftirt am Mala. Epilepsie^ || » |* in deutscher und ungarischer lHITfirriCnT Sprache, in Volks- und Bürger- 't .*1 B schulgegenständerr erteilt sowie Uebersetzungen besorgt billigst und korrekt N. Landesmann, IX., Bote Löwengasse 9.

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