Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 4 (28.9.1906)
- Date
- 1906-09-28
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 4 Neue Zeitung Seite 5 'in der Schweiz. Man will den Russen nirgends Dbdach gewähren.Statt Russen kann man aber mit einem sehr kleinen Fehler „Russische Juden" sagen, die ja den größten Teil des russischen Elements in der Schweiz bilden. Dir Einwanderung in Palästina. Man schreibt uns aus Jaffa : Der Strom der jüdischen Einwanderer aus Rußland fließt recht stark, vielleicht-stärker, als es gut ist. In der letzten Zeit kamen wieder mehrere hundert, darunter eine große Anzahl Unproduktiver. Aber es kamen auch viele Handwerker der verschiedensten Berufe und sonst arbeitskräftige Leute. Viele von ihnen sind nach den Kolonien gegangen, die meisten haben Arbeit gefunden. Man willhier ein Volkshaus (dejss om) gründen, das den Einwanderern beratend zur Seite stehen soll. Zwei Versammlungen haben sich schon mit dem Projekte befaßt. Auch von der - Einrichtung arabischer Kurse wurde gesprochen. Mehrere Personen meldeten sich freiwillig zur provisorischen Abhaltung solcher für die Dauer eines Monats. alef. Hebräisches ■ Gymnasium in Jaffa. Derselbe Korrespondent schreibt uns: Den Bemühungen hervorragender Zionisten ist es gelungen das erste hebräische Gymnasium in Jaffa zu begründen. Dasselbe ist nach russischem Muster eingerichtet und zwar dienen die ersten 5 Klassen als Handelsschule, die übrigen 8l/2 Klassen bereiten zum Universitäts¬ und polytechnischen Studium vor. Vortragssprache ist hehräisch, nebst den Realfächern wird Englisch, Französisch, Arabisch und Türkisch gelehrt. Vorläufig wird die Vorbereitungs-, l. und ll. Klasse errichtet. Direktoren sind: Dr. Metman und Dr. Bogratschoff. Das Gymnasium wird von einem Kuratorium verwaltet an dessen Spitze Direktorsev o nti n, Dr.med. H. Ioffe, M. S ch e i n k i n u. ä. stehen. Ans der jüdischen Orffrnllichkeit. Aus der zionistischen Bewegung. Das russisch zionistische Zentralbureau veröffentlicht einen sehr interessanten Rechenschaftsbericht über die Lage der zionistischen Bewegung i n R u ß l a n d, der namentlich auch der Meinung von einem Rückgänge des Zionismus in Rußland mit folgenden Worten entgegentritt:; ' „Vor allen Dingen können wir nicht umhin, auf die allgemein verbreitete Ansicht hinzuweisen, daß der Zionismus in Rußland eine - schwere Krisis durchlebe. 'Dabei müssen aber unbedingt zwei Punkte unterschieden werden: die Lage der zionistischen Organisation und die Lage der zionistischen Bewegung. Eine sehr - schwere und ernste Krisis durchlebt in Rußland im gegenwärtigen Moment die zionistische Organisation, aber durchaus nicht die zionistische -Bewegung." Charakteristisch und die Entwicklungslinie des Zionismus bezeichnend ist auch folgende Stelle des Berichtes: „Die Pogromschrecknisse haben nur das bewiesen, was vielen schon längst klar genug - war, nämlich, daß die kurzsichtige quasizionistische Doktrin: „je schlimmer die Lage der Juden, ' um so besser für den Zionismus" von Grunde aus falsch und haltlos ist." ' Die' erfreuliche Erscheinung, daß sich die .Zionisten für eine starke politische Betätigung in den verschiedenen Ländern der jüdischen Diaspora entschieden haben, Hält an. Sie haben die Kampagne bereits, in Tat und, Wort, begonnen. Unter denjenigen, welcher in letzter Zeit das Wort ergriffen, ist R. So ko low hervorzuheben. In einem glänzenden Artikel in der „Welt" weist er die Notwendigkeit der nätionalpolitischen Tätigkeit an der Diaspora-'bon seinem, zionistischen Standpunkte speziell für Rußland nach.' „Es wäre ein Verbrechen — sagt er — teilnahmlos oder grollend abseits zu stehen. Man würde den., alten Vorwurf der Weltfremdheit hierdurch nur. bestätigend Nur kein Stehenbleiben, kein toter Punkt. .Und auch keine absolute Jsoliertheit' bei Gegenwartsfragen. Wp ds sich um unser Ideal .handelt, welches in unwandelbarer. und unverdünkelter Helle uns voränleuchten muß. soll man wie ein Fels in der Mitte der Brandung stehen,-und wenn einige Ungeduldige oder Leichtsinnige etwas anderesunterschieben wollen, soll ihnen gegenenüber die Idee auch brutal sein. Aber in Rußland wird kein Zion gebaut, man hat nur jüdische Jntereffen zu verteidigen und jüdisches Volkstum, soweit es möglich ist, zu schützen, und wenn noch andere gutjüdischc Elemente vorhanden sind, die ihr Bestes dazu beitragen wollen, so braucht man sie nicht abzustoßen, sondern zu einer höheren Einheit und Harmonie streben. Sollte cs den bevorstehenden Konferenzen gelingen, eine allgemein-jüdische Organisation zu schaffen, so wird sie die ganze Arbeit auf die richtige Basis gestellt haben." Speziell die letzten Sätze sind durch die Stellungnahme zu der in Oesterreich noch kontroversen Frage, ob sich 'die Zionisten mit einer zionistischen Organisation - für Landespolitik begnügen oder die Gründung einer großen allgeineinen jüdisch-nationalen Organisation anzubahnen haben, interessant. Die Vereinigung des „Dundes" mit der rnßlandischen Sozialdemokratie. Aus dem jüngst stattgehabten 7. Kongresse des „Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbundes" wurde dessen Vereinigung-mit der rußländischen Gesamtpartei mit 48 Stimmen der „Weichen" gegen 20 Stimmen der „Harten" angenommen, — und zwar auf Grund der vom Stockholmer russisch-sozialdemokratischenKongreß angenommenen Bedingungen. Dem Kongresse wohnten Vertreter der lettischen und armenischen, und als Vertreter der rußländischen Sozialdemokratie Leontiew bei. Es kam zu starken rednerischen Zusammenstößen der Bundisten mit dem letztgenannten, der den zentralistischen Standpunkt der russischen Partei ziemlich unhöflich vertrat, aber auch sehr scharfe Antworten zu hören bekam. Es kam auch zu einer interessanten Diskussion wegen der Verhandlungssprache. Zuletzt wurde beschlossen, russische Reden ins Jüdische und jüdische Reden ins Russische zu über- Das offizielle Tagblatt der Bundisten, die „Volkszeitung" in Wilna, ist von dem Resultate des Kongresses befriedigt: Der „Bund" tritt als selbständige Organisation des jüdischen Proletariats, die durch territvrielle Grenzen nicht eingeschränkt ist, in die rußländische Sozialdemokratie ein und wird sich Proportionelle Wahlen und besondere Kurien in den allgemeinen örtlichen Parteikomitees zu erkämpfen wiffen. Der Artikel schließt mit den Worten: „Seine Organisationsprinzipien und sein nationales Programm in der Partei selbst energisch durchführend, wird der „Bund", von jetzt an in einer festen Organisationsvereinigung mit der ganzen Partei und mit allen ihren Teilen die hohen Aufgaben, die ihm die Geschichte gestellt hat. verwirklichen." Die „Jüdische Bereinigung" (Sekretariat XIII., Linzcrstraße 344) erläßt folgenden Aufruf an die jüdische Bevölkerung Wiens: In einer äußerst traurigen politischen und wirtschaftlichen Lage befinden sich unsere jüdischen Volksgenossen in Gesamt-Oesterreich und insbesonders in Wien. In sich gespalten, von heuchlerischen Freunden ansgenützt, stehen sie Gegnern gegenüber, die sie als eine inferiore Raffe, als Ausbeuter politisch und wirtschaftlich bekämpfen, boykotieren und zu Parias degradieren wollen. Die „Indische Vereinigung" erstrebt die Einigung sowie die wirtschaftliche und politische Organisation der Jilden auf national-sozialer Basis, die physische, geistige und wirtschaftliche Renaiffance aller jüdischen Volksgenoffen bis zu dem Letzten und Aermsten hinab. Sie will stets eingedenk der Solidarität mit den Brüdern im Osten alles fördern, was zur Erlangung e i n e r H e i m st ä t t e geeignet ist. Andrerseits will sie die Wahrung und Erweiterung der politischen und sozialen Rechte der Juden Oesterreichs sowie die Gleichberechtigung des jüdischen Volkes mit allen übrigen Völkern der Monarchie auf Basis der n a t i o na le n A u to n o mi e. Sie wird daher alle jene Bestrebungen anderer Nationalitäten unterstützen, die den früher ausgestellten Postulaten Rechnung tragen und mit ihnen gemeinsam an dem Aufbau eines national-föderativen, wirtschaftlich regenerierten Groß- Oesterreich arbeiten. Juden Oesterreichs, erwacht aus Eurer Lethargie, erinnert Euch an Eure Pflichten gegen Euch selbst und gegen Euer Volki Helft mitbegründen eine Organisation zur Wahrung Eurer politischen und nationalsozialen Jntereffen! Unsere Parole wird allezeit sein: Alles durch und alles für das jüdische Volk! , AdolfBojko, I., Spiegelgaffe. Beitrittserklärungen (sowie der Mitgliedsbeittag von 2 Kronen) sind zu richten an den Obmaun oder an das Sekretariat der „Jüdischen Vereinigung" in Wien, XIII.. Linzerstraße 344. Die jüdische Jugend in Kimpolung hat einen Verein mit dem Namen „Jüdisch-nationaler Verein junger Juden ,TheodorHerzll in Kimpolung" gegründet. Dieser Verein basiert auf dem „Baseler Programm" und bezweckt durch Veranstaltung von Sammlungen für den jüdischen Nationalfond, durch Auflegung zweckdienlicher Zeitschriften, Zeitungen und Broschüren, durch Anschaffung einer einschlägigen Bibliothek, durch Abhaltung jüdisch-wiffenschastlicher Vorträge, Vorlesungen und Tiskuffionen, durch die Feier jüdisch-historischer Ereignisse, durch Erlernung der hebräischen Sprache, durch Bildung eines Chores mit durchwegs nationalen Gesängen, durch Einrichtung einer Turnabteilung :c., die Hebung des jüdischnationalen Bewußtseins, die Pflege der jüdischen Geschichte. Literatur und Sprache und die Förderung der zionistischen Lösung der Judenftage. M. R. Der politische Verein „Einheit" in Wien eröffnete vorletzten Sonntag die öffentliche und rituelle Volksspeiseanstalt, 11., Floßgasse Nr. 9. Aus diesem Anlässe erschienen Vertreter fast aller konservativer Bethausvereine, ebenso die Vorsteher von israelitischen Krankenunterstützungsvereinen, vom „Tomech Ewjonim", „Machsike Haddath", welche eine ähnliche Tendenz verfolgen, dem armen Teile der Bevölkerung durch Verabreichung einer frugalen und billigen Kost, wenigstens indirekt die Existenz zn erleichtern, ohne diese zum Gebrauche der Volksküchen zu zwingen, um so ihr Ehrgefühl nicht zn beeinträchtigen. Vereinsobmann H. S. Meisels begrüßte im großen Sitzungssaale die zahlreich Erschienenen mit dem- Bemerken, daß diese humanitäre Anstalt eine Art nationalsoziale Hilfe darstelle, um namentlich die durch die Ausweisung oder durch ungünstige Berhältuiffe erzwungene Auswanderung aus Rußland so hart betroffenen Glaubensbrüder: moralisch zuheben, um sie ihre Armuv nicht oder weniger fühlen zn lassen, bis sie sich nach und nach allmälig wird erholen und erheben. — Hierauf hält Sr. Ehrw. Herr Rabbiner Fürst einen höchst erhebenden Weihespruch — an den Wochenabschnitt anknüpfend — zugleich die neue Anstalt und deren humanes Wirken segnend. — Es sprechen noch Redakteur Kraus, Vorstandsmitglied Komet und in besonders packender Weise Herr Wolf Hofbauer, der die Verantwortlichkeit der gutsituierten Kreise für das bessere Fortkommen der ärmeren Klaffe in der Großstadt scharf pointierte. Den Schluß der solennen Feier — der in Vertretung des Kultus-Vorstandes, bezw. des Brigittenauer Tempelvereines Herr H. Ellbogen anwohnte — bildete die Absingung der Volkshymne durch Oberkantor Wittmann. Gegen Mittag erfolgte die Eröffnung der rimellen Vereins-Garküche, die sich eines recht lebhaften Zuspruches in Anbetracht der billigst berechneten und schmackhaften Speisen sofort zn erfteuen hatte. Vir. Kirnst und Literatur. Gingelaufene Druckschriften. (Besprechung vorbehatten.) Dornen. Bon Max Jung mann, Berlin. Verlag von Leonhard Simion Nf. U>6. Der Zionismus, eine Gefahr für die gedeihliche Entwicklung des Judentums. Sonderabdruck aus den Mitteilungen des Liberalen Vereines sür die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin Nr. 22.23. Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde. Herausgegeben von Dr. M. 8 ru n w a l d. Neue Folge. Jahrgang ll, Hefte l. II und HI. Berlin. Verlag von S. Calvary & Co. 1906. Alt- und Neu-Oefterreich. Ein Beittag zur Lösung der ungarischen Krise. Von Berus. Freisozialistische Bibliothek. Heft 2. 1905. Falkenau a. E. — Juugjudcn und Jnng-Desterrcich non D r. H e r m a n n K a d i s ch. Herausgegeben von der Jüdischen Vereinigung. — Dce beiden kleinen Schriften des Dr. Kadisch sind ein Ganzes. Und sie bezeichnen auch in der Reihenfolge, wie sie oben angegeben sind, den Entwicklungsgang des Verfassers. Vom österreichischen Problem ist er ausgegaugen und, indem er sich damit befaßte, kam er unwillkürlich znm jüdischen Problem. Das ist für mich umso interessanter, als ich gerade den entgegengesetzten Weg ging, durch die Beschäftigung mit dem jüdischen Problem schließlich auch zum österreichischen kam. Als ich noch nicht so weit war wie er (und er noch nicht so-weit, wie ich), pflegte er mir sehr komisch vorzukommen. Wie sich nur ein ernsthafter moderner Mensch so intensiv für Oesterreich, diese zweite Türkei, interessieren könne! Damals zerriß ich Oesterreich gratis in mehrere Teile. Heute seh ich' meinen damaligen Irrtum bezüglich der österreichischen Frage ein und kann die Arbeit ermessen, die Dr. Kadisch in den letzten zwei Jahrzehnten geleistet hat. Ich weiß, was das heißt. Rufer in der Wüste zu sein. Das war er, erlebt aber heute die Genugtuung, daß seine Gedanken, die er in den oben genannten zwei Schriften dicht znsammengedrängt und überzeugend formuliert: Groß-Oesterreich, nationale Autonomie, die Juden eine der österreichischen Nationen — an der Schwelle des Sieges stehen. Pantarhei. „Christus und Sophie." Von Johannes Schlaf. Akademischer Verlag in Wien und Leipzig, 1906. Die Zahl der religionsphilosophischen Werke der jüngsten Zeit ist Legion. Wohl mag im Großteile Gründlichkeit und wiffenschaftlicher Ernst die Triebfeder des Schaffens sein; immer aber bleibt die Frage offen: wie wirken diese Theorien, die vielartigen spekulativen Erkenntnisse auf die breiten Massen?.... Um die Beantwortung dieser Frage scheint nirgendswo Verlegenheit zu bestehe», denn die neuen Propheten von alten Utopien werden nicht Jetzt bringt uns Johannes Schlaf in seinem jüngsten Werke, deffen Aushängebogen der Verlag mir in freundlicher Weise zur Verfügung stellt, ein Buch, das seinem eigentlichsten Inhalte nach zu originell und seltsam ist, um es kurz eines der vielen nennen zu können. Christus und Sophie .... Der Titel dieses BucheS ist eine Tagebuchnottz des Novalis. Johannes Schlaf will damit einen männlichen und weiblichen Typus bezeichnen, gleichsam die Verkörperung des reinen, urchristlichen Prinzipes, das er in antiker Gestaltung bis in unsere jüngste Moderne herein als bestehend erkennt.- Hier stellt er sich in schroffem Gegensatz zu Nietzsche, deffeu Idee vom „Uebermenschen",