Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 4 (28.9.1906)
- Date
- 1906-09-28
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Neue Zeitung Nr. 4 Wochenschau. Zu Warschau „schleichender" Pogrom, d. h. große Revisionen, bei welchem sehr viele Juden um Leben und Gesundheit kommen. Außerdem Furcht vor akutem Pogrom. Der Zar ist von seiner Seereise noch nicht zurückgekehrt. Das Wasier brennt ihm natürlich nicht unter den Füßen, wie der russische Boden. - Es wird bekannt, daß dem Zaren nie genug Inden umgebracht werden. Auf den Kollegen können die europäischen Monarchen stolz sein. In Siedlce werden unschuldige Inden von den Feldkriegsgcrichten rscte kaiserlich-russischen Mordbanden verurteilt und hingerichtet. Der Gedanke einer großen gesamtjüdischen Versammlung, die wegen des Pogrom an die Welt appellieren und auch sonst wegen Abhilfssmittel beraten soll, taucht mehrfach auf. Großer Negerpogrom in Atlanta (Vereinigte Staaten von Nordamerika.) Warum nicht? Wenn man sich'« leisten Aus dem Parlamente. Die Polen haben sich wieder ein Stückchen geleistet. In Abwesenheit des ruthenischen Vertreters im Wahlreformausschusse, Herrn von Wassilko haben sie ausschließlich für Galizien die Zusammenlegung von Orten bis zu 1500 Einwohnern zu Gruppenwahlorten durchgesetzt. Wassilko, der während der" Reise des Eise'nbahnministers in der Bukowina hatte sein müssen, versuchte eine Rcassuinierung des erschlichenen Beschlusses, der gegen das über die Wahlkreiseinteilung seinerzeit zwischen Polen und Ruthenen zustandegekommen Kompromiß verstößt, zu erlangen. Das ging allerdings nicht mehr. Ja, die Herren Polen! Abgeordneter Breiter interpellierte wegen der Siedlceer Greuel. Er frug an, ob sich die Regierung nicht mit den Regierungen anderer Kulturstaaten in Verbindung setzen könne, unr zusammen einen energischen Protest gegen das jetzige Regime in Rußland zu erheben. Eventuell solle man den diplomatischen Verkehr mit einer so barbarischen Regierung unterbrechen. Kernet deutsch und tschechisch. Göding, 24. September 1906. Der Nationalitätenstreit in Oesterreich hat wohl verschiedene Ursachen, seine Hauptquelle ist allerdings der unnatürliche Dualismus, der weder die Reichseinheit noch die naüonale Autonomie der 9 Völker der Monarchie gewährleistet. Aber die sich immer wiederholenden nationalen Kämpfe um Amt und Schule sind besonders in Böhmen und Mähren aus dm Sprachen streit zurückzuführen. Wenn die Dmtschen tschechisch und die Tschechm deutsch verstehen, dann würde der Sprachenstreit sehr viel an Aktualität und Schärfe verlieren und zu einem ökonomischen Konkurrenzkampf, wie es jeder andere, derartige Kämpf ist, herabsinken. Da nun aber der Nationalitätenkampf fast in allen Teilen der Monarchie parallel mit dem Antisemitismus fortschreitet, so haben speziell die österreichischen Juden alle Ursache, sowohl vom nationalen als vom ökonomischen Standpunkte aus die Herstellung einer endgültigen nationalen Ordnung zu wünschen und alles zu fördern, was die nationalen Gegensätze mildert. Unter diesem Gesichtspunkte müssen wir unbedingt dem Flugblatte des „Dmtschen Volksrat für Böhmen" zustimmen, das die Deutschen auffordert, tschechisch zu lernen, und möchten daran die ernste Mahnung auch an die Juden knüpfen, den Unterricht in beiden Landessprachen zu pflegen. Welche Verleumdungen und böswillige Glossen unsere Gegner daran knüpfen werden kann uns gleichgültig sein. Die Tatsache aber, daß die Erlernung der zweiten Landessprache nicht nur im Interesse des nationalen Friedens, sondern auch des wirtschaftlichen Existenzkampfes für alle Oesterreicher und für die Juden besonders ist, können nur verbohrtenationaleFanatikerleugnen.DieGründung des „Allgemeinen österreichischen Sprachenvereines" in Wien fft eines der vielen Symptome, daß die Notwendigkeit, die verschiedenen Landessprachen zu erlernen, in der ganzen Monarchie empfunden wird. Besonders die Juden in den gemischtsprachigen Gegenden müffen dieser Notwendigkeit Rechnung tragen. Speziell die ungarischen Juden sollten dies beherzigen. Da wir nur wenige Stunden von der ungarischen Grenze wohnen und geschäftlich auf ungarischem Boden Verkehren, ergab sich oft die traurige Gelegenhest, die Konsequenzen der magyarisch-chauvinistischen Politik der ungarischen Juden in der slowakischen Bevölkerung zu beobachten. Wer halbwegs objektiv ist mußzugestehen, daß das Wahlrecht, die Preß-, Versammlung^ und Vereinsfreiheit für die Slowaken einfach nicht bestehen, daß sie in nationaler und konfessioneller Hinsicht mißhandelt werden, in Amt und Schule gerade unter dem Regime der magyarischen Koalition wie alle anderen nichtmagyarischen Volksstämme die Behandlung von Parias erfahren. Und die Juden, die selbst immer mehr ihre Positionen, verlieren, haben sie Ursache dieser Magyarisierungspolistk, der Hetze gegen Oesterreich Vorschub zu leisten, um dadurch die ganze slowakische Bevölkerung gegen sich zu erbittern? Es gährt gewaltig in der Slowakei gegen das magyarische Gewaltregime; mögen die Juden in 12. Stunde einlenken, bevor die Erbitterung gegen ihre bisherige Politik zu, einer Katastrophe führt. —tz. Irr Niedergang der Alldeutschen. Schönerer erließ einen seiner Armeebefehle, in welchem angesichts des sicheren Zustandekommens der „antideutschen" Wahlreform das sogenannte Linzer Programm aufgegeben wird. Jetzt soll einfach die Idee des Anschlusses an Deutschland propagiere und deutsche Kulturtätigkeit geleistet werdcn.'Wie wcnig'man' in letzterer Beziehung ans den chauvinistischen Raffennarren Schönerer wartet, beweisen die moralischen Ohrfeigen, welche nach dem Berichte der Korrespondenz „Die Information" die Vertreter des österreichischen Alldeutschtums in der Generalversammlung des alldeutschen Verbandes in Dresden erlitten. Die Herren Stein und Schreitcr mußteil sich in der Versammlung und in der Dresdener Parteiprcffe sagen lassen, daß die reichsdeutschen Alldeutschen vom österreichischen landesverräterischcn Alldcutschtu« nichts wissen wollen und sie mußten sich noch dazu sagen laffen, daß auch Bismarck, ihr Abgott, den österreichischen Alldeutschen zur Zeit den Rat gab, deutsche Oesterreich er zu bleiben. Iie ungarische Gefahr. Budapest, 24. September 1906. Das herrschende Regime in Ungarn entpuppt sich immer mehr, nicht bloß als ein chauvenistisch-magyarisches, sondern vor allem als ein feudalklerikal-reaktionäres. Nicht Wekerle, Andrassy, ja nicht einmal Kossuth, sondern P olony, Appony und Zichy sind die eigentlichen Lenker der derzeitigen lnagyarischen Koalitionsregierung. Mit Hllfe des' extremen Nationalismus wurde auch in Ungarn der Pseudoliberalismus zuin Fall gebracht und immer offener. tritt nun wohlgemerkt bei den Magyaren die klerikalchrfftllchsozial-antisemistsche Strömung hervor. Der eben abgehaltene Katholikentag, dem die Anwesenheit des Kultus u n d U n t e rr i ch t s m i n i st e r s G r a f e n A p p o n y i und des Ministers Zichy das Gepräge aufdrückt, beleuchtet deutlich die Entwicklung im „demokratischen" Ungarn. Die Juden Ungarns aber sind blind und taub für das, was vorgeht, für die Evolution im magyarischen Lager und für die anwachsende Erbitterung in allen nichtmagyarischen Gegenden, die sich gegen die Juden als Helfershelfer der rnagyarischen Chauvinisten, (gegen die Judaeo- Magyarcn) immer mehr kehrt. Wann werden die Juden Ungarns, durch die Entwicklung auf der anderen Seite der Leitha klug gemacht, endlich begreifen, daß sie auch im Ungarlande ihre Rechte nur als Juden und zwar dann mit Erfolg wahren können, wenn sie für die Gleichberechtigung aller Nationen und Klassen auf dem Gebiete der St. Stefanskrone eintreten. Gm Magy arcn-Tric. Budapest, den 24. September 1906. Die Koalitionsmagyaren kommen auf immer neue Ideen, um das Ausland über die niederträchtige soziale und naüonale Unterdrückerwirt-» schast, die im Lande herrscht, zu täuschen. Jetzt haben sie sich ein Schock, liberaler englicher Poliüker samt Frauen verschrieben die sie festeren und vor welchen sie ä la Potemkin politische und soziale Herrlichkeiten ausbreiten. Franz Kossuth selbst hielt sogar einen Vortrag über die Arbeiterschutzgesetzgebung und die sozialen Reformen in Ungarn, wobei er das Maul gehörig voll nahm. Die Engländer gingen auf den Schwindel ein, indem sie sich in eine Diskussion einließen. Und dies, obwohl sie gewarnt waren. Das Opposiüonsblatt „Magyar Szo" hatte nämlich den. guten Einfall, einen kurzen Leitartikel in eng lis ch er-S pr ach e zu veröffentlichen und. den englischen Gästen Exemplare zuzuzusenden. Der Artikel lautet in deutscher Uebersetzung: G e.u 11 e m e u! Sie haben die ungarische Regiernngspartei mir Ihrem Bestich beehrt. Wissen Sie, zu wem Sie gekommen sind? Wiffen Sie, daß diese Partei zur Regierung gelangte, indem sie sich bei allem beteiligte, was sie zu der Zeit, als sie in der Opposition war, als Vatcrlandsverrat brandmarkte? Daß sie all dies unternahm, um die im Zuge befindliche Voltsbesreiung, das allgemeine, geheime Wahlrecht, die zur Zurttckbaltung der Auswanderung von Bauern (deren jährlich 300.000 das Land verlassen) ' geplante Parzellierung zu verhindern? Und sie hat dies unternommen,/um die Feudalherrschaft wieder aufzurichten, um den pro- - testantischen Teil Ungarns wieder zu latholisicrcn. Wissen Sie, daß diese Partei die Preßfreiheit, die Freiheit der Meinungsäußerung, die Versammlnngsfteiheit mit Füßen tritt? Wissen Sie, daß diese Partei in Ungarn die Unabhängigkeit der Gerichte sistierte? Wiffen Sie, daß diese Regierung das Schwarze Kabiuer- , cinführte? Wissen Sie. daß diese Leute Ludwig Kossuth verleugnen? Wenn Sie, die Mitglieder der liberalen Partei Englands, all dies wiffen: warum sind Sie hcrgekommcn unter diese Leute? Wenn Sie cs aber nicht wußten, dann kehren Sie um und reisen Sie heim, beschämt, daß man Sie so irrefnhrcn konnte/ Daheim, aber erzählen Sie, daß Sie in dem schönsten, gesegnetsten Lande der Welt waren, aus dem jedoch . dank der Ruchlosigkeit und dem Egoismus seiner Führer jährlich 300.000 Menschen flüchten müssen. Da aber „Magyar Szo".auch ein magyarisches Blatt ist, -fehlte jeder direkte Hinweis auf die. abscheuliche Behandlung der nichtmagyarischen Bevölkerungsmajorität. Noch weniger ist natürlich von der Ausbeutung der sittlichen Kräfte und des guten Rufes der Judenheit durch die rücksichtslose egoistische magyarische Adelsclique und ihre finanzjüdischen Helfershelfer die Rede. . . Dr. Tobias B. Zur Wahl Z!or;ow-Krody. Lemberg, 24. September 1906. Von mancher jüdisch-nationalen Seite, u. A. auch von Dr. Mayer Ebner in Czernowitz in: „Czernowitzer Tagblatt" werden den Ruthenen Vorwürfe gemacht, weil sie bei der Wahl in Zloczow - Brody einen eigenen Kandaten aufstellten. Sie begründen dies nun damit, daß sonst Stand noch mehr gefährdet gewesen wäre. Die weniger einsichtsvollen ruthenischen Wähler hätten nämlich vor die Wahl gestellt, einen von zwei Juden zu wählen, Gold, als dem Einflußreicheren die Sstmmen gegeben. Ob die Entschuldigung zuttifft oder nicht, sei gar nicht untersucht. Jedenfalls wäre es Sache der Jüdisch-Nationalen gewesen, mit den Ruthenen vor der Wahl einig zu werden. Die ruthenischen Blätter' sprechen sich übrigens angesichts der Wahl in Zloczow-Brody sehr hoffnungsvoll für die Sache der National-Juden aus. v. Schlachnren-Methodc. Man schreibt uns aus Galizien: Die adelspolnischen Unterdrücker..des galizischen Landes laffen nun alle ihre Künste gegen die Führer der jüdisch-nationalen Bewegung spielen. Eine besondere Wut haben sie seit jeher gegen den Rabbiner von Stanislau, Dr. Brau de, der eben gelegentlich der Wahl in Zloczow-Brody wieder Proben seiner Tapferkeit abgelegt hat. Einmal wollten sie ihn schon um das Religiousinspektorat bringen, aber ihr Vorhaben scheiterte an der Fesstgkeit des Stanislauer Kultusvorstandes. Ktun haben sie der Bezirkshauptmannschast von Stanislau aufgettagen, den Dr. Braude von der Matrikenführung zu suspendieren, was für diesen natürlich auch eine materielle Einbuße bedeutet. Hoffentlich wird der Kultusvorstand auch, diesmal seine Pflicht tun und sich nicht, so mir nichts dir nichts in seine jüdischen Agenden dreinreden lassen. Die jüdische Bevölkerung von Stanislau hat übrigens die Verfügung der Bezirkshauptmannschast damit beantwortet, daß sie ihrem letzten Freitag nach Stanislau heimkehrenden Rabbiner große Ovastonen bereitete. Es wird den edlen Herren, alles nichts nützen. Gegen die Entwicklung kämpfen sie vergebens. Wie Dr. I. Wortsmann un Lemberger „Tagblatt" konstatiert:. „Die Sstmmung ist durchaus eine, zionisstsche, oder richtiger gesagt, eine jüdisch-nationale." Die Zionisten und die Jüdischnationälenmüssen den Enderfolg davonttagen. Soykottierimst der Russen in -er Schwei;. \;v.: Seit dem Attentate' des Fräulein Tätiäna Leontiewa auf den Rentier Müller aus Paris, den sie für Durnowo hielt, herrscht Russenangst