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Neue Zeitung · 1906-09-19 · Heft 3 (19.9.1906) · p. Seite 5

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1906
Issue
Heft 3 (19.9.1906)
Date
1906-09-19
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 3 Neue Zeitung Seite 5 Ans der jndrschrn Oeffent- Uchkeit. Mährisch-schlesischer Studententag. Die südisch-akademische Verbindung „Jvria" hat das Verdienst, eine Konferenz der jüdischen Studenten aus Böhmen und Schlesien angeregt zu. haben. Dieselbe fand am 8. September in Mährisch-Ostrau statt. Es waren 115 Studenten anwesend. Ins Präsidium wurden die Herren Löw (Jvria), Buchwal der (Veritas), Engel (Brünner Lesehalle), Flach (Wiener Lesehalle), G.leitsmann (Hessiana), Stern (Gamala) gewählt. Herr Kulttrs- Vizepräsident Friedländer sprach den Versammelten die Sympathien der Knltusgememde Mährisch-Osttau aus. Der Vorsitzende sprach als erste Forderung die Anerkennung der jüdischen Nationalität aus und forderte die Errichttmg einer Lehrkanzel für jüdische Geschichte und Literatur, lieber. die Stellung der jüdischen Studenten zu den politischen Bewegungen sprachen die Herren Winterste in (Jvria) und Altar (Giskäla), über die materielle Lage des jüdischen Studenten die Herren Horner (Messada) und Buchwalder. In letzterer Hinsicht wurde beschlossen, lokale Zentralvereine auf gewerkschaftlicher Grundlage zu gründen. In bezug auf die politische Stellung der jüdischen Studenten wurde folgende Resolution angenommen: 1. „Der am 8. September in Mährisch- Ostrau tagende Studententag hält es für nationale Pflicht aller jüd.-nat. Studenten die Forderungen der zionistischpolitischen Partei nach nationaler Autonomie und Gleichberechrigung der Juden in den österreichischen Ländern mit allem Nachdrucke und mit allen ihr verfügbaren agitatorischen Mitteln zu unterstützen und unablässig für die unumgängliche Notwendigkeit einer jüdischen Vertrettmg in Reich, Land und Gemeinden tätig zu sein. Ferner gibt der Studententag den studentischen Delegierten für den am 8. stattfindenden mähr.-schles. Disttiktstag die Direktive, folgenden Standpunkt zu vertreten: Mit aller Kraft muß dagegen agitiert werden, daß angeblich jüdische Kandidaten, die in Wirklichkeit nur im Dienste deutsch-politischer Tendenzen stehen, der jüdischen Wählerschaft okttoyiert und als Erfolg einer jüdischen Jnteressenpolitik hingestellt werden. Eine solche Rückkehr zur alten deutschliberalen, abgewirtschafteten Politik würde eine schwere Schädigung der wirtschaftlichen Interessen der mährischen Juden bedeuten und dem nattonalen Gedankendirekt zuwiderlaufen. Daher muß von jüdischen Kandidaten gefordert werden, daß sie in den deutschen Landtägsklub nicht emtreten und sich in ausgesprochen nationalen Fragen einer neutralen Haltung befleißen." — 2. „Im Hinblick auf die Fordemag nach nationaler Autonomie wttd die Inangriffnahme einer jüdischen Statistik beschlossen und zu diesem Zwecke ein Komitee (Nassau, Dr. Zweig, Gleitsmann, Löw, Winterstein) eingesetzt." — 3. „Der Studententag empfiehlt ' der jüdischen Studentenschaft, sich die genaueste Kenntnis der tschechischen bezw. polnischen Sprache anzueignen." — 4. Der Studententag spricht der zionistisch politischen Parteileitung sein Verttauen aus." Die jüdisch-akademische Verbindung „Jvria" beging am 8. und 9. in Mährisch-Ostrau ihr 30. sem. S t i f t u n g s f e st. Am 8. war Kommers. Fast säintliche jüdische Verbindungen waren vertteten. Ebenso die Kultnsgemeinde vonMährisch-Osttau. Die Festrede hielt der alte Herr der Verbindung, Herr Ingenieur Emil Fried, unter großem Beifalle. Außerdem sprachen die Herren Dozent Dr. Arthur Mahler aus Prag, Techn. Otto K r a s n y, Dr. Jakob Ehrlich aus Budweis, Jurist Beer und noch viele Andere. Am 9. fand die. Festakademie statt, die. ausgezeichnete künstlerische Darbicttmgen brachte. — Mährisch-Ostrau wird die beiden Festtage lange in angenehmer Erinnerung bewahren. Am Sonntag den 9. September fand der G r ü n - d nn gskommers der jüdisch-akademischen Ferialvereinigung „Chermonia" in Rädautz statt. In dem festlich beleuchteten und geschmackvoll dekorierten Schützensaale fanden sich Bürgermeister Zu- .ko w s ki,. Landtagsabgeordneter v. Landwehr, die Knltuspräsidenten Berl Terner und Nathan Harth, . der Obmann des Vereines „D o r s ch e Z i o n", Dr. Josef Bi er er, die Vertteter der akademischen Verbindungen „Kadimah", „Herzlonia", „Jüdische Kultur", ...Emunah", „Hasmonaea", „Hebronia", „Zephira" u. v. a. ein. Eröffnet wurde der Kommers vom Präses der „Chermonia", stuck, med. David Terner, der die zahlreich erschienenen Festgäste aufs Herzlichste begrüßte und die Bedeutung der jüdischen Verbindungen darlegte. ■ Dann hielt stuck, exp. Jakob Horbacz die Festrede, die . unter Hinweis auf die Schäden der Assimilationsperiode die Notwendigkett eines Zusammenschlusses aller Juden auf zionistischer Grundlage zum Gegenstände hatte. Hierauf entwickelte sruck. phil. Isaak Mens ch er in der Tendenzrede die Ziele der „Chermonia", die in der Förderung der Einigkeit unter den Juden und in der Hebung des jüdischen Stammesbewußtseins bestehen. 2luf den von. stuck, jur. I. Lapajowker auf die Stadtgemeinde Radautz ausgebrachten Toast erwiderte Bürgermeister Znkowski, er achte als Kulturmensch die Bestrebungen aller derjenigen, die auf die Stärkung des eigenen Volkes abzielen und es freue ihn, daß die „Chermonia" diesen Tendenzen huldige. Abgeordneter v. Landwehr fand in seinem Toaste auf die „Chermonia" kräftige Worte für nationale Arbeit. Auf den konfessionellen Frieden trank Kultuspräfident BerlTerner, auf das Wohl des Kaisers Kultusvizcpräsident Nathan Harth. Rabbiner Boruch B asseches. begrüßte die neue Vereinigung in deutscher und hebräischer Rede. Es sprachen noch Dr. Harth, Dr. Vierer namens des Vereines „Dorsche Zion" und die Vertteter der oben erwähnten akademischen Verbindungen. In später Nachtstunde schloß dieses schöne Fest, das allen Teilnehmern wegen seines würdigen und ernsten Verlaufes lange in angenehmer Erinnerung bleiben Am 22. d. Mts. findet im Wiener Verein „P o a l e Zion" (II., Stefaniestraße 2, Cafe Stefanie) ein Vortrag des Herrn Kaplan-Kaplansky über „Stellungnahme zum dritten Parteitag" statt. Mejne lijder. Ch’ hot geshriben mejne lijder Nor mit tint, mit schwarzen, Wen ijch lein1) sej, dacht mijr, seh ijch, fiojtess blut fun harzen.2) Wossijch lejn di lijder mehrer, Wert*) alz4) rojter, rojter, Woss ijch shrejb di lijder mehrer, Wer5) ijch blejcher, tojter. Abraham Reisen. Freilag Abend! Ein Blinken geht vom Tische aus,. Worauf die Sabbathkerzen leuchten Und zieht voll Segen durch das Haus In deine Äugen, deine feuchten. Nun hüllst du dir dein Antlitz ein Nach unsrer Vorschrift heilger Weise, Als würdest du Prophetin sein So beten deine Lippen leise. Eh' dein Gebet zu Ende geht Und eh' der letzte Schein verglommen. Da siehst du, sonderbar bewegt Den Sabbath durch die Türe kommen. Nimm jetzt die Hände vom Gesicht, Daß wir ihn feierlich empfangen. Du fühlst es auch und sahst es nicht — Er ist durch diesen Raum gegangen. Wie er von deinen Wangen strich. Die ernsten, tiefen Sorgenfalten! Nun kränz mit Blumen dich und mich. Wir wollen würdig Sabbath halten. Vom Schranke nimm das große Buch Und lies mir vor der Väter Ehren, Und es zerrinnt der alte Fluch, Als ob wir freie Menschen wären. Thekla Blech. Eine Schreckensnacht. Ans dem Hebräischen des I. L. P e r e z. „Bin ich denn krank und jetzt mitten in der Krankheit aufgewacht s Ein schrecklicher Gedanke steigt in ihm auf: vielleicht ist er plötzlich gestorben — oder er schien nur zu sterben und ist jetzt im Grabe erwacht? Noch einmal tappt er nach der Wand und dem Gerüste seines Bettes. Noch einmal strengt er seine Augen an und erwartet, etwas im Zimmer zu sehen, außer dem mattweißen Fleck gegenüber in der Lust. Umsonst. „Vielleicht ist dies doch nur Traum?" Aber aus der Tiefe des Herzens dringt in sein Bewußtsein eine mächtige Stimme. „Nein, du lebst, du lebst, unrein großes, ein furchtbares Unglück hat dich getrogen!" Da erinnert er sich, schon einmal in so furchtbarem Zustande gewesen zu sein — beim Tode seiner Mutter. Auch damals riß sich ein Tag oder zwei Tage aus dem Buche seines Gedächtnisses. — Ja, ') lese. -) Herzen. 3) wird. *) immer. 5) werde. es waren zwei Tage: der Tag des Todes und der des Begräbnisses. Trotz der Trauerzeichen im ganzen Hause, ohne darauf zu achten, daß man abends und morgens um die Erlösung ihrer Seele betete, konnte er nicht glauben, daß ihm seine Mutter gestorben, und umfangen von Antrieben, die er nicht bannen konnte, irrte er in allen Ecken umher, seine Mutter zu suchen, ohne selbst zu wissen, was er suchte. Mer am Ende des vierten Tages, als die Tröstenden kamen und darunter der Diener, welcher mit der Büchse hinter dem Sarg gegeschritten war und das Gebet gemurmelt hatte, da kehrte ihm plötzlich die Kraft seines Gedächtnisses zurück, auf stieg der Sarg aus dem Abgrund der Vergessenheit, da sah er zum zweitenmale die Versammlung der Männer, hörte ihre Worte und . das Lob, das sie der Toten spen- Da wußte er, daß seine Mutter gestorben, und wollte sich nicht trösten. Vielleicht brachte ein Unglück, furchtbar wie dieses, die Zerstörung in sein Hirn. Kalter Schweiß überfällt seinen ganzen Körper — und was ist mir heute geschehen?- Da fällt ihm ein, es sei kein anderer Rat, als Miriam zu wecken, sie wird ihm sicherlich die Wahrheit sagen. Wer der mattweiße Fleck vor ihm schwebt hin und her und hindert ihn den Schlaf der Armen zu stören. Und er fühlt, daß seine Stimme sich verbirgt, daß, wenn er sich zusammenrafste, einen Laut zu erzeugen, ihm ein Angstschrei entführe. Miriam könnte vor Schreck ohnmächtig werden. „Soll das, Vöglein in Frieden schlafen, gebe ihr der Barmherzige liebe und süße Träume, soll sie blühen und fnsch werden — in der letzten Zeit war sie so schwach, jedes plötzliche Geräusch erschreckte sie — wie meine Mutter- Wieder riß die Kette seiner Gedanken, denn in der Tür steht eine Gestalt. Er will seine Augen wegwenden, doch umsonst: die Gestalt zieht' sie auf sich mit übermenschlicher Gewalt — er erkennt die Gestalt. Sie trägt das Antlitz seines Vaters, nur ist sie kleiner. Sein Vater stößt aus tiefem Herzen einen Schrei aus, da klebt seine Zunge an dem Gaumen, kein Laut entströmt ihm. Nein, nicht mein Vater ist er, ich bin es, ich — er fährt . plötzlich noch heftiger zusammen — die Gestalt,'' die regungslos vor ihm steht, wird jeden Augenblick furchtbarer. „Es wird nur ein Spiegel vor mir stehen. Wer er liegt und die Gestalt ist aufrecht. Sie macht sein Blut in den Adern erstarren. Sie blickt auf ihn mit Seelenverachtung, mit Hohn, und ihre Blicke bohren sich in sein Inneres, wie kalte Schwerter. " „Weichherziger, Hase, Weib" ruft sie plötzlich und weicht von der Schwelle. Finkelmann stürzt sich jählings auf den Boden und läuft der Gestalt nach. Ohne darauf zu achten, kommt er nackt und barftlß ins zweite Zimmer — die Gestalt ist fort, er steht im Finstern, zitternd vor Kälte und Angst. Nach einigen Angenblicken ist wieder die Gedankenkette zerrissen, die Gestalt vergessen. Er steht da, besinnungslos, erschüttert, mitten in der Nacht, er weiß nicht wo. Warum steht er barfuß auf der kalten Erde? Was ist mit ihm! Um zu wissen, wo er ist, tappt er im Dunkeln, die Stelle zu erkennen. So kommt er wankend und tastend zum Bette, wo er Sonntag sein bestürztes Weib besänftigt hat. Hier erzählte er ihr von dem Leben seiner Mutter und vom Fanatismus seines Vaters. Ohne Kraft, westerzugehen, fällt er aufs Bett und schließt die Augen, aber er schläft nicht, sein Herz ist voll Angst, sein Gehirn leer von Gedanken, wie ein Nest von Vögeln. Nur sein Kopf ist schwer, in seinem Hirn ist irgend ein ftemdes Getöse, ein Zittern und Brennen. Dann scheint es ihm, er höre ein Krachen sm Kopfe, als spalte man Holz oder als springe Glas dort. Er fühlt, wie seine Kraft schwindet, und seine Angst wächst, wächst.

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