Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 3 (19.9.1906)
- Date
- 1906-09-19
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Neue Zeitung Nr. 3 Kein anderer Rat, als Miriam zu rufen. Ja, wüßte sie seinen Zustand und seine Stelle, dann triebe es sie zu ihm. -Wenn sie ihn auch nicht liebt, doch voll Erbarmen ist sie. Und er weiß es: würde Miriam vor ihm erscheinen, berührte sie sein Haar, käme von ihren Lippen nur ein leichtes Wort, gäbe sie ihm aus ihren Augen nur einen Strahl, dann wäre er bei vollen Sinnen, dann würde er auch ganz gesund. Ja, krank ist er — und nur bei ihr ist Heilung seiner Seele. Arme, Greise und Knaben — alle blicken auf ihn voll Mitleid — alle weinen. ' . ' . Was ist dies? Hat jemand mit mir Mitleid? Warum? Weshalb? Dort steht, nicht weit, eine eiserne Kanzel, darauf der Rabbi der Stadt — er sieht , ihn Angesicht zu Angesicht, die hervorspringende Gestalt — die Kappe nach rechts verschoben, wie es seine Gewohnheit ist. Sogar der Rabbi meint: Er ist es ja, welcher spricht. Plötzlich hört er ein feines Rascheln — ein Zittern von Hoffnung und Freude gießt sich über seine Glieder — er hofft, daß Miriam einen Seufzen von ihm gehört, daß er sie rief und sie erwachte. Er lauscht ohne Angst und glaubt zu hören, wie sie aus dem Bette steigt. Jetzt zieht sie chre Kleider an, jetzt hört er ihre Schritte, gleich wird sie in der offenen Tür erscheinen, gleich wird der bittere, jagende Zauber verschwinden, er steigt wieder aus dem Dunkeln ans Licht. — Einige Augenblicke sind vorüber, Miriam ist nicht da. Wer das feine Rascheln kommt näher und in der Tür erscheint eine andere Gestalt, ein Mann in der Mitte des Lebens, mit langem, schwarzem Barte; die kleinen Augen blitzen in ihren Höhlen, die Hand durchstreicht den Bart, — wer ist es? Ohne Furcht blickt er auf die Gestalt, er erkennt sie sofort. Das ist doch David, der Schadchen.*) Und David geht leise auf ihn zu, aus seinem Gesichte liegt ein leichtes Lächeln. Er steht neben ihm, setzt sich, ohne um Erlaubnis zu stagen, ans Fußende des Bettes und erzählt ihm, wie gut die Heirat sein wird, denn Miriam, seine Braut, ist ein Mädchen, brav und sein, und gut, wie ein Engel Gottes. Sie ist ganz häuslich und spricht doch französisch und schreibt deutsch. . Ihm aber ist weh bei dem Gedanken, daß ein'so gutes'Weib)'wie Miriam) "einem so erblich geizigen Menschen, wie ihm, angehören soll — er fürchtet, daß sie so sterben werde, wie seine Mutter. Und plötzlich denkt er: „Ewiger Narr, Miriam ist schon längst mein Weib, und der kommt jetzt, sie als Braut anzupreisen. „Hast du zu viel getrunken?" fragt er laut, und die Gestalt verschwindet vor seiner Sümme. Finkelmann fällt plötzlich ein, daß dies schon die zweite Erscheinung war, welche vor ihm im Zimmer verschwand, doch er muß die Verlorene suchen. Ohne Licht tappt er umher. Ws dem Wege stehen Stühle und mancherlei Möbel, er wirft sie um, schiebt und stößt sie nieder, hört aber keinen Fall. Auf dem Tische, zu dem er tritt, liegen Schwefechölzer, über denen es matt leuchtet, er sieht es nicht, beugt sich zu Boden, späht nach rechts und links, bis er vergeffen hat, was er sucht. Und während der ganzen Zeit das Rascheln in seinem Ohr und dies ergreift jetzt seine Aufmerksamkett. Es ist wunderbarals spräche jemand aus weiter Ferne, sein Ohr kann keine Worte veruchmen, es hört nur den Klang von Worten. Wer die Stimme kommt näher. Langsam, langsam. Ein wenig noch, er hört und unteH scheidet. ' . ..a: " Ja, er hört schon die Worte herausgeschnitten, jetzt kann er sie schon unterscheiden. Ein Mann kommt immer näher, er spricht vom bösen Trieb, von Engeln die den Menschen leiten. Was ist das — er staunt und erschrickt — hört er das nicht schon zum zweiten Male? Hat er das nicht erst gehört? Wo? Wann? Doch der Tag entfliegt seinem Inneren, wie ein Blltz, und, wie um das Ganze zu erhellen, erscheint eine andere Gestalt, auch sie sah er schon irgend- Er sieht. Ringsum eine Menge von Menschen, fast die ganze Stadt — Kaufleute, große und kleine, Gläubiger und Schuldner, Reiche und *) Heiratsvermittler. . Dies alles sieht er doch zum zweitenmale. Hat er ja den Rabbi schon sprechen gehört über den guten und bösen Trieb, über "die Engel, welche die Menschen leiten. Das ist aber' eine Trauerrede. Für wen hielt er heute die Trauer? Wer starb denn? Vielleicht ein angesehener Mann, er kann sich nur nicht auf den NameN besinnen. Die Gestatt zerrinnt, sein Grübeln zerstört die Wirklichkeit. - Nein, das ist nicht der Rabbi. Unmöglich, das war eine Täuschung. Zwar hat auch der greise Rabbi eine. Stimme zart wie ein silbernes Glöcklein — aber diese Stimme ist noch feiner, noch süßer als die Sümme des Rabbis. Kein Zweifel, es ist die Sümme seiner Mutter. Und wie er an seine Mutter denkt, tritt ein neues Md vor ihn. Er sieht das Bett seiner Dtutter, das sie nicht mehr verlassen hat, im Zimmer ist es Halbdunkel, Dämmerung — ihre Augen leuchten und brennen durch das Dunkel — ihre Wangen sind erhitzt und schmächtig, die Lippen weiß. Er: sitzt ihr zu Häupten, sie streicht ihm durch das Haar mit ihrer dünnen, feuchten Hand. Mit einer. Sümme, wie Harfen süß uttö: tränenfeucht, erzählt sie ihm vom bösen und vom guten Trieb, von den Engeln Gottes und den guten Seelen. — Das Geld — sagt sie ihm, ist nur Zauberei, BleNdwerk, Spuk und Gespenster, Das Geld ist die Schlange, der böse Trieb. DM Md, dasW*bM"Mük "der Armen! . Er hört's, "und Tränen rinnen aus seinen Wgen. Nein, seltsam! Er fühlt wie. seine Augen weinen, und. doch fällt keine Träne nach außen, sie triefen gleichsam in ihn hinein bis in sein Herz, dort fallen sie nieder und brennen wie Und plötzlich — plötzlich kommen Fremde ins Haus — das Bett seiner Mutter beginnt zu wanken, von der Stelle zu rücken, und einen Augenblick ist es ihm,^ als liege nicht seine Mutter im Bette, sondern Miriam, sein Weib. Alles erstarrt in ihm vor Schreck, — 1 noch einmal zerreißen seine Gedanken, und neue Vorstellungen drängen sich in sein Hirn. Ja das, ist ein mißratenes Jahr. Wäre nicht Miriam, so hätte ich viel Geld: verdient. Ich hätte Massen von Weizen gekauft an Gutsbesitzer, Großhändler und Makler, alles wäre zu meinen Füßen gesunken. Sie aber bittet für alles. Wenn der Marktpreis fallt, bezahle ich, und wenn er steigt, bittet sie. „Bin ich nicht ein Weichherziger, ein Hase, ein Weib?" .'Trotzdem erfüllt, er all ihre Wünsche, nicht ein Bündel fällt zu Boden. < Dennoch reizt es ihn zu wissen, wieviel er ihretwegen verliert. „Ich will Rechnung machen." Die Rechnung ist groß, er addiert Tausende um Tausende, schon fünftausend, noch hundert — fünfundvierzig beim alten Kaufmann Jokel, dessen Weib krank ist, noch, noch — viele Hunderte. — Sein Wille wird schwach, und ttotzdem wächst die Rechnung, sie erzeugt sich selbst, ohne seine Hilfe. Er sucht nicht mehr die Ziffern, er hebt sie nicht mehr in sein Bewußtsein. Sie kommen von selbst, sprechen, ehe sie gerufen sind, sie kommen und stehen in einer Reihe, /geordnet und eng umschlungen. . Er empfindet in seinem Gehirn etwas wie ein weißes Buch, worauf von außen schwarze Ziffern flieg«:, von nah und fern, gedrängt und gepreßt, mit Getöse sich ansbreitend. - , Sie -kommen und schreiben sich, selbst ins Buch hinein, oder eine verborgene Hand beherrscht sie und schreibt: Einer, um Einer, .Zehner um Zehner, in die Hundert und Tausend. Sie kommen und wachsen, wird sie das Buch fassen können? Wer auch ' das Buch wächst, wächst mit ihnen, es hebt sich und niemals eine Endsumme. Und Plötzlich verwandeln sich die Ziffern in verschiedenfarbige Scheine — das Buch wird zum offenen Kasten, die Scheine.fliegen von allen Seiten und Ecken gleich Vögeln in fein Gehirn, eine stumme Hand legt sie in' den Kasten.. Aus dem Nichts drängt sie die Scheine und preßt sie hinein — sein Gehirn droht zu bersten.— Das Drängen wird immer heftiger, ttotzdem kann er sich nicht ermannen, die Scheine mit Gewalt aus dem Kasten zu nehmen. Die Scheine fliegen und fliegen. Und. langsam, langsam röten sich alle — viele triefen von Blut — auf vielen zeigt sich die Fratzengestalt des Äsasel. Und der Bock hat lange und spitze Hörner. ' ... Noch einmal — in weiter Ferne — das Bild seines Vaters. - ' „Nimm, nimm! ruft die Gestatt, nimm, sammle!" _ Aber wie schrecklich ist sein Vater! Sein Leichengewand voll von Pfeilen, zerrissen und zerlumpt. Durch die Löcher schimmert faulendes Fleisch, _ zwischen dem Fleisch Knochen weiß wie Katt. Rings um den Leichnam kriechen Würmer und Schlangen, die ihn mit vollem Maule stessen. . „Nicht fürchten, nicht fürchten!. Sammeln, . sammeln!" „Nein, nein, ich nehme nichts", schreit Finkelmann voll Grausen und stürzt langhin, auf den Boden, bewußtlos. Der laute Sturz weckt seine Dienerschaft: Als Finkelmann allmählich das Bewußtsein wiederkehrt, liegt, er auf seinem Bette. Vor ihm eine ■ Lampe, , 'voittder Strahlendurch" das ganze Zimmer gehen. ' - - -- Und das Zimmer ist voll von Trauer, alle Spiegel an den Wänden verhängt mit schwarzen Decken, auf dem Boden ein Schemel fiir Trau- Vor ihm Miriams Bett — leer. .— . Humor und Satyre. Me Frau ohne Fehler. Junger Mann: Aber, was reden Sie, Schadchen, ich weiß ja, daß das Mädchen hinkt. Schadchen: Desto besser fiir sie; denn Sie wird zu. Hause sitzen. , „Sie ist aber auch blind." „Das ist ja sehr gut; denn Sie werden sich mit anderen Frauen unterhalten können." 1 „Sie soll aber, wie ich höre, auch taub sein." „Das. ist ja gerade ein Glück fiir Sie; denn Sie werden über Alles reden dürfen." „Sie ist aber auch stumm." - „Dann werden Sie immer Ruhe haben." „Ja, sie hat aber einen Buckel.". „Sie wollen eine Frau ohne einen Fehler?" Schlagfertig. Zwei Antisemiten begegnen einem polnischen Inden: „Jankel, sag' die Wahrheit, - spricht ihn der eine an, — ich behaupte. Du seist ein Schurke, mein Freund da aber meint. Du wärst ein Dieb, — wer von. uns beiden hat Recht?" Der Jude stellte sich schnell in die Mitte zwischen beiden und sagte: „Ihr wollet wissen, was ich bin, ein Dieb oder ein Schurke? Nun, Ihr sehet ja, ich stehe zwischen beiden." Jüdisches Klut in den Adern. Ein Neger, bettelte einen Juden der New-Iorkep Ostseite an und führte zur Unterstützung seines Gesuches an, daß jüdisches Blut in seinen Aden: fließe. „Wieso?" fiagte der Jude. . „Nun, mein Urgroßvater, der natürlich noch in Afrika lebte, hat einnml einen Juden ausgefressen."