Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 3 (19.9.1906)
- Date
- 1906-09-19
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Neue Zei tu u g Nr. 3 Irrenanstalt) wurde ein Fakultätsgutachten der Prager Universität eingeholt. Dieses, vom 18. Mai 1906 datiert, enthält folgende Stelle: „auch nichts -von Degeneration, was über das seiner Rasse am Wesen anhaftende hinaus ginge". Unterschrieben ist als Dekan der jüdische Professor Pribram! Rechtfertigen sie sich, Herr Professor! Sehr merkwürdig! - Von demselben ,Berichterstatter erfahren wirr Es ist eigentlich eine Geschichte, die vor zwei Monaten passierte. Sie wird aber gerade jetzt von besonderem Interesse sein: D^r Verein „Ahawat Zion" in Eg er hatte mit der israelitischen Union in Wien eine große Tranerknndgebung für Bialgstok am 20. Jnli 1906 in Franzensbad geplant. Das Bürgermeisteramt hatte de» großen Konversationssaal zur Verfügung gestellt. Plötzlich ließ der Bezirkshauptmann .den Obmann des Vereines rufen und erklL-te ihm. er könne die Versammlung nicht bewilligen. La einflußreiche Kurgäste in Franzensbad fich dagegen Leäußert hätten; auch könne die Kur der meist nervösen Gäste durch die Aufregung gestört werden. Die Plakate wurden, trotzdem deren Affichierung vom Franzensbader Polizeikommissär gestattet war. überklebt. Man mußte das Thema ändern und dem Ganzen den Rahmen eines Vortrages geben. .Den -Herrn Bezirkshauptmann hätte man doch ein Bißchen hopp nehmen sollen' Die Mahl in Zlorzonr-Drody. Unser Berichterstatter schreibt uus aus Brody: Die Kandidatur Kolischers war eine Eintagsfliege. Eine Wählerversammlung hier, in der er erschien, übereugte ihn, daß er am allerwenigsten Aussichten habe. Zürch sahen die einflußreichen Polenklübler bald ein, daß sie mit Gold, dem Erwecker der Toten usw., usw., eher reüssieren würde. Und sie haben sich nicht getäuscht. Eine wenn auch kleine Anzahl Juden ging doch mit ihnen und verschaffte ihnen so den Sieg. Da half nicht, daß die Majorität der jüdischen Bürger ihre Pflicht ausübte und erkannte, daß die Freunde und Kampfgenossen des wahrhaft jüdischen Kandidaten herbeieilten, — vor allen anderen und mit ungeheurem Enthusiasmus begrüßt, Dr. Strauch er — der Verrat der Wenigen und ihr Terrorismus, der vor Schlägen nicht zurückschreckte, gab den Ausschlag, So siel Adolf Stand. Aber die Schlachzizen und, ihre, jüdischen Kumpane sind gar nicht zufrieden. und sehen gar bekümmert in die Zukunft. Von anderer Seite, ebenfalls aus Brody, wird uns geschrieben: Eine stürmisch bewegte Wahlperiode liegt hinter uns und was am meisten bedauerlich ist, dieselbe brachte keinesfalls ein den Brodyer Wählern genehmes Resultat. Der von allem Anfänge an mit Hochdruck in den Wahlkanrpf eingetretene Kandidat Herr Dr. Josef Gold ist zum Abgeordneten gewählt worden. Es ist dies das erste Mal. daß die Stadt Brody,^ die von jeher bei der Wahl eines Abgeordneten aus dem Städtebezirk Brody-Zloczow tonangebend war, einen von den Wählern der Stadt Zloczow nominierten Kandidaten akzeptieren Und doch wäre die Wahl eines Abgeordneten durchführbar gewesen, der schon vermöge seines Standes und seiner jüdisch-wissenschaftlichen Bildung der Berufenste wäre, Brody, die galizische Stadt der jüdischen Intelligenz kat exochen und gleichzeitig auch die Interessen des Judentums im Allgemeinen im Reichsrate zu vertreten. Dr. Rosenmann, Rabbiner in Wien, hat sich, obschon er erst im letzten Stadium der Wahlbewegung als Bewerber um das Mandat austrat, durch seine in Form, Inhalt und Takt gleich ausgezeichnete Programmrede, seine treffenden Jnterpellationsbeantwortungen, wie auch durch seine Persönlichkeit die Sympathien aller Wahlkreise erworben. Seine Kandidatur wäre die einzig richtige, den bestehenden und noch mehr den geschaffenen Verhältnissen entsprechendste gewesen, wenn nicht durch Übereifer und Verkennung der Situation seitens mancher jüdischer Kreise die Machffaktoren des Landes veranlaßt worden wären, die Wahl des Dr. Gold gegen den Wunsch der Brodyer durchzusetzen. UabeLut sibi! In bezug auf diese zweite Korrespondenz möchten wir die Qualitäten des Herrn Dr. R os e n m a n n nicht änzweifeln. Er hat auch eine jüdisch-nationale Vergangenheit, die ihn uns ganz sympathisch machte. Wir billigten nur die Konkurrenzkandidatur in dem einen Falle nicht. Nachdem aber Herr Dr. Rosenmann erklärt hat, er wolle dem Polenklub beitreten, können wir ihn überhaupt nicht für einen geeigneten jüdischen Abgeordneten halten. Uns sind die Zionisten sozusagen noch zu zahm gegenüber dem Polenklub. Da sollten wir einen Mann auf dem Schild haben, der in den Klub eintreten will? Iw Schlepptau der Deutschen. Czernowitz, im September 1906. Vor einigen Tagen erfolgte die Ernennung der drei Landesschulinspektoren für die Bukowina. Damit wurden die langjährigen- Forderungen der Rumänen und Ruthenen zu einembeftiedigenden Abschluß gebracht. Durch diese Ernennungen hat aber auch die Regierung deutlich deklariert, daß die Schule heute als ein Politikum zu betrachten sei. und daß jede Nation über ihre vitalsten Interessen — und dazu gehört die Schule in erster Reihe — zu wachen habe. Nur die Juden gingen dabei, wie - gewöhnlich, leer aus. Wir werden ja noch immer zu den „Deutschen"-gezählt, wenn man uns, d. h. unsere Statistik, braucht. Und natürlich werden wir, wiewohl wir in diesem breiteren „Deutschtum"- die überwiegende Majorität besitzen (3/s gegen -/s), von einem der Mnorität Entnommenen mitvertreten. Daß wir aber speziell zu dem neuernannten deutschen Inspektor, einem prononzierten Deutschnationalen, kein Vertrauen haben können, zeigten die letzten Ereignisse, die sich unter seiner provisorischen Leitung zutrugen. lieber die Nichtaufnahme jüdischer Kinder in die Mittelschulen wurde in diesen Blättern schon gesprochen. Zweierlei Maß wird auch bei der- Anstellung jüdischer Lehrkräfte angewendet. - Jüdische Supplenten wurden — trotzdem sie gut qualifiziert waren und zum Teile auch Prüfung hatten — nach zw eijährigem Dienste — an die Luft gesetzt. Das Gesetz mußte gewahrt werden. Für die Zusammenzählung der Dienstjahre ungeprüfter christlicher Supplenten, von denen die meisten mehr als drei Jahre ohne Prüfung unterrichten, hatte der sonst sehr fleißige/Jnspektor —keine Zeit. Mcht besser ergeht es den jetzt absolvierten jüdischen Lehramtskandidaten. Die nationalen Inspektoren sind natürlich bemüht, ihre' Schulen mit ihren Konnationalen zu füllen, aber auchdie deutschen Schulen werden, in Ermanglung „deutscher" Bewerber mit Rumänen besetzt. Was soll dann mft den zahlreichen jüdischen Bewerbern geschehen? Seinerzeit wurde im Landtage die Frage ventiliert, ob es nicht billig wäre, auch den Juden eine Vertretung in der Schulverwaltung einzuräumen: Dem deutschen Inspektor soll ein jüdischer Adlatus jbeigegeben werden. Es ist nun Sache der maßgebenden jüdischen Faktoren unseres Landes — wir denken zunächst an unseren bewährten Vertreter im Landesschulrate, Dr. Straucher — diese doch billige und gerechte Forderung höheren Ortes mit gehörigem Nachdruck zu vertreten. Nicht betteln, sondern fordern müssen wir, aber möglichst bald, damit es nicht zu spät Äilder aus Sredlce. Samstag Abend begann der Pogrom. — Einige Stunden früher zogen Dragoner - Patronillen durch die Straßen und ermunterten die Juden, die Geschäfte bis 10 Uhr offen zu halten. Es sei heute erlaubt. — Die Juden gingen meist in die Falle . Sonntag Abends brachtet man Sara Theeblnm ins Spstal. Sie bekam gerade die Geburtswehen, als draußen der Schrecken tobte. Mau konnte kein Licht anzünden, weil auf jedes beleuchtete Haus unbarmherzig geschossen wurde. Die Hebamme mußte ihre Pflicht im Finstern erfüllen. — Ein noch schlimmeres Schicksal traf Feige Szmnklarz. Sie wurde im Keller, wo sie sich mit andern Weibern . versteckt hatte, von Geburtswehen überrascht. Eine Laiin mußte die Stelle der Hebamme übernehmen. Die Wöchnerin ist am Kindbettfieber erkrankt. — Eine dieser Frauen - wurde von jungen jüdischen Männern unter einem Kugelhagel ins-Spital gebracht. Einer der Retter wurde auch getroffen und starb ... In die Wohnung des Fleischhacker Jsak Weinberg, Vater von fünf Kindern, drangen trunkene Soldaten. Sie zerstörten das Mobiliar, raubten 300 Rubel und führten Weinberg in den Hof, wo sie ihn erschossen. So erzählt seine Witwe.. . Sonntag, bei Tag, schleppte man Abraham Kristall Ms seinem Verstecke in einem Gartenhause hervor und spaltete ihm den Schädel. Nachher stellten die Mörder einen Tisch auf den Körper und taten sich an dem Obst des Gartens gütlich ... Der 36jährige Tischler Mordcchai Ber Wolson kann das Leid seiner Kinder, die schon 36 Stunden nichts gegessen und getrunken haben, nicht länger zusehen. Er geht unter einem Kugelhagel nach dem anderen Ende der Sttaße um Wasser.' Glücklich kommt er zurück. Da bemerkt man ihn, gießt das Wasser MS und befiehlt ihm zur Strafe llmal-um Wasser zu gehen. Natürlich wird das Wasser jedesmal ausgeschüttet und der Eimer zuletzt zerbrochen . . . Ein alter Jude erkauft sich das Leben um — 35 Kopeken Feme Menschen das — diese Lieblinge unserer hiesigen antisemitischen Hetzer! Sie fanden-auch den Lohn für ihre Verdienste. Man brachte einen halben Waggon Schweine, errichtete Fleischbänke auf der Sttaße, stach die Schweine ab und kochte sie gleich in den militärischen Küchen. Ebenso sorgte man fiir frisches Brot. Und die Scheusale fraßen — die armen Inden aber, deren letzter und verworfenster sicherlich noch immer ein Adelsmensch ist im Vergleich mit diesem menschlichen Eckelzeug, hungerten schon Tage, lang ... Der Iukerrstamrnliug als Kolonialdirektor. - Man schreibt uns aus Berlin: Die Aufdeckung der Tipp elskir ch - Affaire, an der „leider" kein einziger Jude beteiligt war, zeigte, daß im Kolonialamte eine heillose Wirtschaft herrschte. Stellt man in diesem Momente, da kein noch so hoher Beamter, keiner vom höchsten Adel oder der Generalität, solch traurige Verhältnisse zu bessern als fähig befunden wird, ja ein unermüdlicher und pflichteifriger Erbprinz zu Hohenlohe seine Ohnmacht gestehen muß, stellt man in einem solchen Momente jemanden an die Spitze des Kolonialamtes, auf den schwierigsten Posten, und ernennt ihn zum wirklichen Geheimrat und Exzellenz, so beweist man damit klar: Das ist die geeignete Persönlichkeit, die imstande ist, diesen schier unglaublichen Verhältnissen die Wage zu halten. Diese Persönlichkeit war Bernhard Dernburg, oder, mit den Anüsemiten zu reden — der Jude nstämmling. Ein neues Zeugnis dafür, das; sich diese verachteten „Judenstämmlinge" auch zu so hochwichtigen und schwierigen Arbeiten eignen. Eignen! Denn seine Befähigung allein, nicht etwa Vorbildung oder Protektion, waren für seine auffehenerregende Berufung ausschlaggebend. Und so hat die Wahl Dernburgs eine prinzipielle Bedeutung in zweifacher Hinsicht, erstens: Mn Mann wurde auf diesen Posten berufen, der als Antibureaukrat verschrieen war,- womit gewisse Kreise als unfähig erklärt wurden, die an sie zu stellenden.staatlichen Forderungen zu erfüllen, und zweitens: Man hat nicht Abstand genommen, einem, der öffentlich als Jude galt, diese hohe Stelle zu übertragen. Und, würde man überall die Juden, auch die ungetausten, ebenso behandeln, den Befähigten Gelegenheit bieten, ihre Fähigkeiten zur Geltung kommen zu lassen, nicht sie unterdrücken, fürwahr, es wäre nur zum Wohle der betreffenden Vaterländer. W. Die jüdische» Uogeow-Fakrikanten in Philadelphia, von welchen wir in der vorigen Nummer berichteten, mußten, wie uns unser Korrespondent mitteilt, nachgeben. Sie nahmen fast alle Bedingungen der Streikenden an. Um die Beilegung des Streites hat sich ein jüdisches Bürgerkomitee, Namentlich Herr Rabbiner Löwenthal, sehr verdient gemacht. Daß aber das antisemitische Gift auch in andere Fabriken drang, konnten sie nicht mehr verhindern. Die Verleumdungen der Herren Tutelmann und Feigin haben bewirkt, daß sich in manchen Fabriken die Christen weigern, mit Juden zusammenzuarbeiten. Zur Friedenskonferenz. In einiger Zeit wird die Friedenskonferenz stattfinden. Frau Bertha von Suttner, die erste und eiftigste Vorkämpferin der Friedenssache, hat in einem Artikel, den sie jüngst in der „Neuen Freien Presse" veröffentlichte, mit keinem Worte die russischen Judengreuel gestreift. Vielleicht reserviert sie sich das fürdie Konferenz selbst, bei der auch eine Ausstellung von Pogromwerkzeugen — wunderbares .zwanzigstes Jahrhundert! — stattfinden sollte... Eines fällt jedenfalls in dein Artikel angenehm auf: daß sie nicht mehr mit. dem Friedensfreund Nikolaus paradiert. Wäre es aber nicht auch gut, bei der Konferenz die russischen Herren, foferne sie nicht von vornherein ihren Abscheu gegen das heutige Mörderregime aussprechen, zu boykottieren? Und — herausstäupen wäre noch gesünder. Das ist allerdings undiplomatisch. Aber mit russischen Diplomaten verkehrt man am allerbesten undiplomatisch.